Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Wittgensdorf

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Titel: Wittgensdorf
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aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 68–69
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 111.jpg
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Wittgensdorf,


eigentlich Wittchensdorf, ursprünglich Wittichos-Dorf, ist ein grosses und volkreiches Pfarrkirch- und Fabrikdorf und neuschriftsässiges Rittergut. Es bildet nebst dem dazu gehörigen Dörfchen Mössnitz eine Exclave des erzgebirgischen Amtes Zwickau zwischen den Aemtern Chemnitz und Penig und dem Rochlitzer Rittergute Auerswalde. Der Ort, der seiner ganzen Ausdehnung nach über eine Stunde lang ist, liegt bei der Kirche, das heisst ungefähr in der Mitte seiner Länge, 9 Stunden nördlich von Zwickau. 1⅝ Stunden nordwestlich von Chemnitz, 1½ Stunde südöstlich von Burgstädt, 3 Stunden von Penig und Frankenberg und 1¾ Stunden von Limbach. Er zieht sich meistens in westsüdwestlicher Richtung vom Thale der Chemnitz an einem kleinen Bache bis auf eine sehr hochliegende flache Niederung, und wird nur am niedern Ende von bedeutenden und steilen Höhen eingeschlossen. In neueren Zeiten sind mehrere Häuser auf den Feldern ausserhalb des eigentlichen Dorfes angebaut, das sich sehr stark vergrössert hat.

In den starken Fluren grenzt Wittchensdorf nordwestlich mit Hartmannsdorf, nördlich mit Mössnitz, südlich mit Heinersdorf und Röhrsdorf; östlich macht die Chemnitz die Grenze in dem sehr angenehmen Blankenauer Grunde. Diesen schliesst unter der hier befindlichen Mühle ein plötzlich hervorspringender Berg so, dass man sich versucht fühlt, an einem Ausgange des Thales zu zweifeln, für welches dieser Berg einen sehr reizenden Hintergrund bildet.

Jenseit des Berges befindet sich der sehenswürdige und sehr wichtige Draysdorfer Kalksteinbruch nebst dem Kalkofen und einer holländischen Windmühle, der einzigen weit und breit in der Umgegend. Sie wird zum Theil dazu verwendet, das Grubenwasser aus der majestätischen Säulenhalle des Bruches zu entfernen.

In Wittchensdorf selbst wird auf dem Grund und Boden eines Bauerngutes Glimmerschiefer mit eingesprengten Granaten gebrochen.

Durch die Waldung, welche westlich nahe bei dem Dorfe beginnt und zum Theil zu demselben gehört, geht die Chaussee von Chemnitz nach Leipzig. Vor derselben liegt eine moorige, mit mehreren Teichen besetzte Niederung, auf der man geringen Torf sticht, aber besseren zu finden hofft. Der Stich gehört einem Bauer des Oberdorfes, von dem aus man, 1300 Pariser Fuss über der Meeresfläche, einer herrlichen Aussicht in die Gegend von Augustusburg geniesst.

Wittchensdorf hat gegen 200 Häuser mit über 2000 Einwohnern. Die Bauergüter sind meistens schön gebaut und mitunter ziemlich bedeutend. Dies gilt namentlich von der Mühle, die ausser drei Mahlgängen noch eine Schneidemühle hat. Sie liegt an der Chemnitz, in welche sich bei ihr der Dorfbach ergiesst, der von seiner Quelle bis hier 280 Ellen Gefälle hat. Im Dorfe selbst liegen an dem Bache noch zwei kleinere Mühlen. Bei der grossen führt ein blosser Steg über den Fluss.

Unter den Gebäuden, welche Wittchensdorf zum Schmucke gereichen, erwähnen wir der grossen, schönen, neugebauten und mit Blitzableitern versehenen Bleiche im Oberdorfe. Unter den Häuslerwohnungen zeichnen sich mehrere neuerbaute aus, welche Kaufleuten oder Factors der Fabrikanlagen gehören. Auch das Geleitshaus und einige Schenken sind erwähnenswerth; namentlich aber gilt dies von der Kirche. Diese steht an der Südseite des Dorfes, ziemlich in dessen Mitte, auf einem steilen Hügel. Sie ist ursprünglich schon in sehr früher Zeit erbaut worden, steht aber nicht mehr in ihrer ersten Form da. Schon von 1657 bis 1660 wurde sie reparirt, 1728 bedeutend erweitert, und endlich in der gegenwärtigen Gestalt im Jahre 1754 vollendet. Sie bildet ein regelmässiges längliches Viereck und ist zwar geräumig, aber dennoch für die beträchtliche Gemeinde nicht völlig gross genug. Die Kanzel, die über dem Altare, dem Chore grade gegenüber, steht, ist mit viel Holzschnitzwerk, jedoch ohne künstlerischen Werth, verziert. Das Orgelwerk ist alt und mangelhaft und die Gemeinde sammelt daher an der nöthigen Summe zu einem neuen. Der geschmackvolle 66 Ellen hohe Thurm wurde erst 1729 neu gebaut. Der damalige Besitzer von Wittchensdorf, Kaspar Abraham von Schönberg, beschenkte dabei die Kirche mit einem neuen, schönen Thurmknopf. In dem alten, der bei dieser Gelegenheit abgenommen wurde, [69] fand man alte Schriften, aus denen hervorging, dass im Jahre 1415 Wittchensdorf mit der ganzen Umgegend verwüstet wurde. Im Jahre 1835 musste der Thurmknopf schon wieder durch einen neuen ersetzt werden, den abermals der damalige Besitzer, Kaufmann Albanus in Chemnitz, der Kirche zum Geschenk machte. Leider sind Thurm und Kirche ohne Blitzableiter, jedoch haben sie ein schönes Geläute von drei Glocken. Die beiden grössern sind älter, die kleinste aber wurde 1837 neu gekauft, nachdem die frühere bei dem Trauergeläute um König Anton gesprungen war.

Der Gottesacker, der die Kirche umgiebt, ist gross und freundlich, und die daranstossenden Pfarrgebäude sind gut.

Das Schulgebäude ist alt, aber leidlich erhalten, der Raum des einzigen Lehrzimmers aber so beschränkt, dass seit 1831 für eine zweite Classe ein Lokal gemiethet werden musste. Ausser der gewöhnlichen Schule hat Wittchensdorf noch eine Fabrikschule, die von 30 bis 40 Kindern besucht wird. Die Collatur über Kirche und Schule hat der Besitzer des Rittergutes. Eingepfarrt ist das 25 Minuten entfernte Morschnitz oder Murschnitz (das oben erwähnte Mössnitz).

Ueber das Entstehen des Ortes fehlen bestimmte Nachrichten, indess ist so viel bekannt, dass er schon im 13. Jahrhundert vorhanden und früher Afterlehn der Burggrafen von Leissnig war. Im Hussitenkriege, sowie im dreissigjährigen wurde Wittchensdorf gleich der ganzen Umgegend von schweren Drangsalen heimgesucht, namentlich von der Pest. Diese raffte 1630 nicht weniger als 52 Menschen hinweg, im Jahre 1632 wieder 62 und im Jahre 1633 sogar 274 Menschen, während die gewöhnliche Sterblichkeit 1627 nur 13 und 1628 nicht mehr als 17 Personen betragen hatte. Im Jahre 1643 forderte ein nochmaliger Besuch dieses unheimlichen Gastes abermals gegen 30 Opfer. Auch 1813 und 1814 hat Wittchensdorf viel durch die Kriegsunruhen gelitten. Fortwährend fanden Truppendurchmärsche statt; die nöthige Verpflegung derselben, dann Lieferungen an Geld und Naturalien, konnten nur dadurch ermöglicht werden, dass die Gemeinde ein Kapital von 3900 Thalern aufnahm. Auch das Nervenfieber suchte den schwergeprüften Ort heim und raffte viele Menschen fort. Von allen diesen Drangsalen aber hat sich Wittchensdorf völlig wieder erholt. Sie leben nur noch in der Erinnerung als böser Traum, und nichts an dem freundlichen und gewerbthätigen Dorfe verräth, dass sie einst waren.

Den Besitz von Wittchensdorf hatte im 17. Jahrhundert die Herrschaft Rochsburg, dann ging er an die Familie von Schönberg über, von welcher ihn im Jahre 1830 der Kaufmann Albanus in Chemnitz erkaufte. Gegenwärtig ist der Besitzer (seit dem letzten Frühjahr) Herr Günther, der gewöhnlich auf dem Rittergute wohnt. Das Gehöft desselben ist ansehnlich, das Herrenhaus geräumig und modernisirt und hat eine freundliche Lage. Zu demselben gehört eine Brauerei, gute Felder, etwas Holz, eine Ziegelei und eine Schäferei, die in einiger Entfernung von dem Gute liegt und mit demselben durch eine schöne Allee verbunden ist.

Ausser dem Rittergute hat Wittchensdorf 42 Bauergüter, 30 Gärtner- und 152 Häuslerwohnungeit, die bereits erwähnten 3 Mühlen, 2 Baumwollenspinnereien und 2 grosse Kunstbleichen.

Der Hauptnahrungszweig der Einwohner ist ausser dem Ackerbau die Baumwollenfabrikation, namentlich die Strumpfwirkerei, die sich seit Anfang dieses Jahrhunderts sehr ausgedehnt hat, so dass sie im Jahre 1841 bereits 236 Meister zählte, die sich zu einer eigenen Innung vereinigten, während sie früher der zu Burgstädt einverleibt gewesen waren.

Bemerkenswerth ist für Wittchensdorf noch, dass es eine eigene concessionirte und uniformirte Schützengilde hat, die alljährlich bei ihren Schiessbelustigungen zwei grosse Aufzüge hält.

Eine historische Merkwürdigkeit besitzt Wittchensdorf in einer Ruine, die in dem Walde seiner Flur liegt. Es ist die einer Kapelle, welche als Kirche eines besonderen Dorfes gedient haben soll, das als ein ehemaliges Filial von Wittchensdorf bezeichnet wird. Den Namen des jetzt spurlos bis auf die genannte Ruine verschwundenen Dorfes kennt man indess nicht mehr, und eben so wenig weiss man, wann es verwüstet wurde. Wahrscheinlich geschah dies im Hussitenkriege, 1429, oder in dem mörderischen Bruderkriege zwischen Friedrich dem Sanftmüthigen und Wilhelm, der von 1445 bis 1451 wüthete, und während dessen in der hiesigen Gegend an einem Tage 30 bis 40 Dörfer in Flammen aufgingen.

Eine Glocke, welche zu der Kapelle gehört haben soll, wurde vor geraumer Zeit durch[WS 1] ein Schwein aufgewühlt und nach Burgstädt gebracht, wo sie am 3. September 1650 bei einem grossen Brande schmolz. Eine andere Glocke soll, wie die Sage geht, auf einer kleinen Wiese unfern der Ruine in einem runden Loche, der Glockenborn genannt, versenkt liegen. Vor mehreren Jahren wurden deshalb Nachgrabungen angestellt, indess auf Befehl der Behörde mussten sie aufgegeben werden.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: durck