Rixdorf, Preußens jüngste Stadt

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Autor: Gundakkar Klaussen
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Titel: Rixdorf, Preußens jüngste Stadt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 246–247
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Überblick über die Entwicklung Rixdorfs (heute Berlin-Neukölln)
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Rixdorf, Preußens jüngste Stadt.

Von Gundakkar Klaussen.
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Die gewaltige Entwicklung ins Große, welche Berlin durchgemacht hat, seitdem es aus der Residenz der preußischen Könige zur Reichshauptstadt geworden ist, hat naturgemäß auch auf die umliegenden Dörfer einen tiefgehenden Einfluß ausgeübt. Wo früher Ackerbauer und Gärtner vor den Thoren wohnten, da stehen jetzt Wohnpaläste und Fabriken in unmittelbarer Verbindung mit der eigentlichen Stadt. Der Riesenpolyp, der seine Arme von Jahr zu Jahr weiter ausstreckte, hat alles, was in seiner Nähe lag, sich angegliedert. Lange hat man geschwankt, ob man die Vororte, welche immer noch Dörfer hießen, obwohl sie es längst schon nicht mehr waren, in Berlin eingemeinden sollte.

Die heiß umstrittene Frage scheint jetzt endgültig verneint zu sein. Die naturgemäße Folge war, daß man jenen merkwürdigen Zwitterwesen die Stellung gab, die ihnen ihrem Werdegang nach gebührte. Konnten sie nicht Stadtteile sein, so mußten sie selbständige Städte werden. So erhielt Charlottenburg Stadtrecht, ihm folgte später Schöneberg. Diese beiden haben durch die Gunst ihrer Lage das beste Teil erhalten. Sie bilden, wenn auch nicht rechtlich, so doch thatsächlich, mit dem Westen Berlins eine zusammenhängende Einheit, und der Westen ist beinahe ausschließlich der Sitz der kapitalkräftigen Bevölkerung geworden. Die Arbeit Berlins, und es wird viel und hart gearbeitet an der Spree, obwohl der flüchtig durchreisende Besucher der Friedrichsstadt nicht viel davon sieht, wird hauptsächlich im Norden, Osten und Süden geleistet. So ist auch Rixdorf, „malerisch an den südlichen Ausläufern des Kreuzberges gelegen“, wie die Rixdorfer selbst mit echt märkischer, gemütlicher Selbstverspottung sagen, aus einem Bauerndorf zu einer Industrie- und Arbeiterstadt geworden. Der 1. April 1899 war der Geburtstag von Preußens jüngster Stadt.

Fährt man zum Halleschen Thore hinaus die lange Blücherstraße hinunter, so kommt man schließlich auf den Kaiser Friedrich-Platz, den die schöne neue evangelische Garnisonskirche schmückt. Hier war bis vor kurzem Berlin zu Ende und „die Heide“ begann, jene „Hasenheide“, die zu unserer Väter Zeiten das Ziel vergnügungslustiger Landpartien war. Heute ist von dem nicht eben großen Stück Wald eigentlich nur noch ein Stück Naturgarten übrig geblieben, über dem die Berliner Turnerschaft ihre schützende Hand hält. Steht doch hier das Denkmal des Turnvaters Jahn, der unter diesen Bäumen seine Schüler in der edlen Kunst der Leibesübungen zu unterweisen pflegte. Sonst hat „die Heide“ großen Mietskasernen Platz gemacht. Besser aber als sie haben sich aus vergangenen Tagen die Vergnügungslokale hier gehalten. Sie sind geblieben mit ihren Karussells, Würfelbuden, russischen Schaukeln und andern Volksbelustigungen, die Sonntags ihr zahlreiches Publikum von Soldaten und „Mädchen dienenden Standes“ finden. Dies sind die Freuden, von denen es in dem herrlichen neueren Volksliede, dem unverwüstlichen „Rixdorfer“, so ungemein sinnig auf gut Berlinisch heißt:

„Uff den Festdag frei ick mir,
Mutter, det is mein Pläsir;
Mutter, kiek dir fleißig um,
Seh mal bloß det Publikum!“

So singt der Sänger von dieser Gegend – nicht gerade sehr salonfähig, aber der Geist des Ortes ist ihm wohl vertraut.

Wo sich die Berliner Straße mit dem Cottbuserdamm trifft, liegt, von der großstädtischen Umgebung fast erdrückt, in kleiner Bescheidenheit noch ganz so wie ehemals der alte Rollkrug. Hier gabelte sich in früheren Zeiten die Dresdner Heerstraße. Links ging es über Rixdorf nach Köpenick, rechts über Britz nach Mittenwalde und weiter nach Sachsen. Hier läuft auch die Grenze zwischen Rixdorfer und Berliner Gebiet. Aber wer es nicht weiß, würde nicht auf den Gedanken kommen: hüben und drüben ist alles gleich. Die Berliner Straße setzt sich jenseits fort und bewahrt durchaus ihr Aussehen. Häuser und Menschen sind von derselben Art, dieselben durch Elektrizität oder Pferdekraft betriebenen Straßenbahnen begleiten uns. Nur hin und wieder, wenn zwischen den Gebäuden eine Lücke klafft, sieht man, daß die Straße eine Strecke weit über freies Feld führt. Links blickt man auf die weiten Flächen der Cöllnischen Wiesen, auf denen hier und da eine „Laubenstadt“ steht. Diese Laubenstädte sind eine Eigentümlichkeit der Berliner Umgegend. Kleine Leute pachten sich ein Stückchen Ackerland, auf dem sie Kartoffeln, Gartenfrüchte und bescheidene Blumen ziehen. Jeder hat auf seiner Scholle eine Bretterbude, mit schmeichelnder Phantasie als Laube bezeichnet, einer haust dicht neben dem andern, es ist eine ganze Kolonie. Sommers nach Feierabend oder an arbeitsfreien Sonntagen zieht die ganze Familie hinaus mit Kind und Kegel, da wird im Garten geschafft, auch wohl ein Tänzchen im Freien arrangiert zu den melodischen Klängen der Ziehharmonika. Jeder hat auf seiner Burg eine Fahne, die besonders wichtig ist, wenn die Kolonie ihr Erntefest feiert. Dann giebt’s ein Jubeln und Singen, die Freude, dem großen Häusermeer auf ein paar Stunden entronnen zu sein, läßt das bescheidene Vergnügen im märkischen Sande doppelt schön erscheinen. Rechts von der Straße ziehen sich die Rollberge hin, „mindestens“ 15 bis 20 Meter hoch. Allmählich fangen dichtbebaute Querstraßen an, sich diese Berge hinaufzuziehen. Das ist Neu-Rixdorf. Wir kommen an dem stattlichen Backsteinbau des neuen Amtshauses vorüber, dann an dem Kriegerdenkmal, einer adlergeschmückten Säule, die man den Helden von 1864, 1866 und 1870/71 in Dankbarkeit gesetzt hat. Bald grüßt uns auch die neue evangelische Kirche, die katholische Kirche wird sichtbar, auf der Höhe ragt der Wasserturm auf, Fabrikschornsteine hier und dort zeugen von emsiger Thätigkeit, der Bahnhof der Ringbahn taucht auf – wir sehen, wir sind in einer betriebsamen Stadt und in keiner kleinen dazu.

Von dem alten Rixdorf sind nur noch wenige Reste übrig geblieben. Wenn man sie aufmerksam sucht, findet man sie am heutigen Richardsplatz. Hierhin ist die Weltstadtkultur noch nicht so recht vorgedrungen. Hier braucht es nicht einmal eine allzu lebendige Einbildungskraft, und man kann sich ganz wohl ein Bild der Vergangenheit zurückrufen. Noch ist der ehemalige Dorfanger mit seinen stattlichen Linden gar wohl zu erkennen. Die Schmiede, die heute noch mitten darauf steht, hat gewiß schon den Dörflern gedient. Die kleine Kirche im Winkel dürfte, wenn auch nicht in dem barocken Schieferturm, so doch wenigstens in ihren massiven Grundmauern sehr alt sein. Hinter dem einstöckigen niedrigen Pfarrhaus ist noch eine große Oekonomie zu bemerken, wie sich denn überhaupt in diesem Teil noch viel Landwirtschaftliches erhalten hat. Wahrhaft alte Gebäude sind aber außer der Kirche nicht mehr zu finden, denn das Dorf wurde in unserm Jahrhundert durch drei verzehrende Feuersbrünste heimgesucht. Das ist um so mehr zu bedauern, als Rixdorfs Anfänge tief, tief in der Vergangenheit wurzeln.

Nach Urnenfunden, die man auf der Feldmark gemacht hat, nimmt man an, daß hier schon in vorgeschichtlicher Zeit eine germanische Ansiedlung gewesen ist. Als dann im Strome der Völkerwanderung die Semnonen westwärts zogen und von Osten her die Slaven nachdrängten, dürften Wenden sich in der verlassenen Stätte eingerichtet haben. Aus den fünf Jahrhunderten, welche die deutsche Kolonisation gebrauchte, um die Ostmarken den Slaven wieder zu entreißen, ist das Jahr 1232 bemerkenswert. Damals kam durch Vertrag zwischen Herzog Borwin I von Pommern und den Markgrafen Joachim I und Otto III Teltow und Barnim und damit auch wohl Rixdorf an Brandenburg. Geschichtlich durchaus sicher und aus Quellen zu belegen ist es zwar nicht, daß der Ort damals schon bestand, aber es ist anzunehmen. Urkundlich kommt er uns zum erstenmal vor am 26. Juni 1360. Dies Datum ist zugleich der Geburtstag des Dorfes, wie der 1. April 1899 der der Stadt ist; denn durch diese älteste Urkunde spricht der Johanniterorden die Umwandlung seines Hofes „Richarsdorp“ in ein Dorf mit 25 Hufen aus. Es bestand also um diese Zeit schon ein größerer Hof, vielleicht auch eine Verbindung von mehreren Höfen, denen damals Dorfgerechtsame verliehen wurden. Die nächste geschichtliche Erwähnung des Dorfes geschieht in dem Landbuche der Mark [247] Brandenburg vom Jahre 1377, das Karl IV anfertigen ließ. Die Zahl der Höfe ist damals zwölf gewesen. Das Dorf gehörte nach wie vor dem Johanniterorden. Andauernde Grenzstreitigkeiten aber veranlaßten diesen, Rixdorf ebenso wie Marienfelde, Mariendorf und Tempelhof an die benachbarten Städte Berlin und Cölln zu verkaufen. Diese erwarben die vier Orte zu gemeinsamem Eigentum laut Kaufkontrakt vom 23. September 1435 und zahlten als Kaufgeld 2439 Schock und 40 Groschen Böhmischen Geldes. Da das Schock ungefähr gleich 90 Mark heutiger Währung ist, so war das für damalige Verhältnisse eine anständige Summe. Der Orden war dafür auch in der Lage, Schloß und Stadt Schwiebus zu erwerben. Bemerkenswert ist der Kaufvertrag von 1435 besonders dadurch, daß hier zum erstenmal eine Rixdorfer Kirche erwähnt wird. 1366 heißt es noch ausdrücklich, daß die Bauern zur Tempelhofer Kirche gehörten. Es ist kein Grund vorhanden, in der noch heute benutzten Kirche im Winkel des Richardsplatzes diese älteste Kirche nicht zu erblicken. Ihrer ganzen Grundform nach entspricht sie durchaus der Bauart der andern alten märkischen Kirchen. 1639 in der Schwedenzeit sind Turm und Dachstuhl abgebrannt und später erneuert worden.

Da Cölln und Berlin sich auf die Dauer über das gemeinsame Gut nicht zu einigen vermochten, ging Rixdorf am 24. August 1543 durch Vergleich in den alleinigen Besitz Cöllns über. Die Geschichte der Mark ist nun weiterhin auch die des Dorfes. Es wurde evangelisch wie das übrige norddeutsche Land, es litt unter den entsetzlichen Beschwerden des Dreißigjährigen Krieges, Kaiserliche wie Schweden suchten es gleicherweise heim. Aber auch Zeiten der Lebenslust kamen wieder. Wenigstens scheint es den Bauern nicht schlecht gegangen zu sein, wenn man den Berichten des Pfarrers von Einem Glauben schenkt, der am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts berichtet: „Das Saufen, Schlagen, Spielen hat fast alle Tage im Schulzengericht gewohnet“ und weiter: „Dieses Jahr habe ich sechs Bauersleute, die sich in Richsdorf beim Spielen und Saufen geschlagen, versöhnt und haben Besserung zugesagt, aber nicht gehalten. Ein Bauer hat selbst in der Kirche Tobackspfeife und Toback hervorgeholt. Er ist aber nichts gestraft worden. – Weil die Bauern in Richsdorf so große Kohlgärten als halbe Hufen Landes haben, so müssen sie’s dem Prediger, ein jeder Bauer und Cossäthe jährlich eine Dracht Kohl geben. Von den ganzen Damstücken geben sie dem Prediger auch Nichts.“ Danach scheinen die damaligen Rixdorfer gerade keine Tugendspiegel gewesen zu sein.

Die Schreibung des Dorfnamens ist in den Urkunden sehr verschieden: Reichsdorf, Richsdorf, Rechsdorf und andere kommen vor. Die etymologische Erklärung ist strittig. Da 1360 Richarsdorp geschrieben wurde, so nehmen die meisten an, es handle sich um ein „Dorf des Richard“, wobei nun freilich zwischen dem deutschen König Richard, Grafen von Cornwallis und Poitou, Richard Löwenherz und Richard dem Heiligen hin und her geraten wird. Auch ein Ordensmeister oder Komtur Richard könnte Pate gewesen sein. Nicolai in seiner Beschreibung Berlins behauptet, der Name ginge auf das alte Berliner Geschlecht der Ryken (Reichen) zurück. Eine Erklärung des Wortes aus dem Slavischen lehnt die neuere Forschung ab.

Höchst bemerkenswert für die Entwicklung des Ortes war das Jahr 1737. Damals siedelte König Friedrich Wilhelm I 18 böhmische Familien, die ihrer Religion wegen aus ihrem Vaterlande vertrieben worden waren und in Berlin kein Unterkommen mehr gefunden hatten, in Rixdorf an. So entstand neben dem alten Richarsdorp, das von nun an Deutsch-Rixdorf hieß, ein Böhmisch-Rixdorf. Dies wurde eine Sammelstelle der Böhmisch-mährischen Brüdergemeinde. Schon 1748 hat es an 300 Einwohner gehabt.

Die Franzosenzeit kam und die Befreiungskriege. Bei Großbeeren fochten Rixdorfer Jungen mit. Die Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft hatte auch für Rixdorf ihre Bedeutung. Der Ort wuchs empor. Größer und größer wurde die Zahl der aus Berlin zugezogenen Büdner, denen man schließlich nach langen Kämpfen eine Vertretung in der Gemeinde geben mußte. Auch äußerlich veränderte sich der Ort gründlich. Große Schadenfeuer in den Jahren 1803, 1827 und 1849 waren ein zwingender Grund, fast alles neu zu bauen. Schöne massive Häuser entstanden und mehr und mehr zogen Berliner heraus, die hier billiger wohnten als in der großen Stadt. Schon längst war die Teilung des Ortes in einen deutschen und einen böhmischen Teil nicht mehr zeitgemäß. Die Böhmen widersetzten sich aber einer Vereinigung, weil sie sich von einer solchen keinen Vorteil versprachen. Selbst das 1860 großartig gefeierte fünfhundertjährige Jubiläum schaffte keinen Wandel. Erst als im Jahre 1871 Gemeindevertretungen eingerichtet worden waren, kam man zum gewünschten Ziel. Durch königlichen Erlaß vom 11. Juli 1873 wurde die Vereinigung der beiden Dörfer ausgesprochen.

Nun war der Weg zu neuer, gesegneter Entwicklung eröffnet. Im rechten Augenblick, denn die Zeit des großen Aufschwungs begann. Und glücklich traf es sich, daß die große Zeit den richtigen Mann fand. Der erste Gemeindevorsteher von Rixdorf ist auch sein Reformator und zuguterletzt sein erster Bürgermeister geworden: Hermann Boddin, ein geborener Märker, leitet heute die Stadt, wie er seit 1874 das Dorf geleitet hat. Man hört nur dankbare Anerkennung für das Große, das seine reiche Arbeitskraft für die Stadt geleistet hat. Es war nicht leicht, mit der Entwicklung, die plötzlich ein fieberisch hastiges Tempo annahm, gleichen Schritt zu halten. Schon die erstaunliche Zunahme der Bevölkerung zeigt, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren. 1875 zählte der Ort 15 328 Einwohner, 1885 schon 22 785, 1895 jedoch 59 937 und 1899 gar über 80 000. Man fing allmählich an, die Straßen ordnungsgemäß zu pflastern, eine bessere Beleuchtung wurde angelegt. Neue Schulen mußten gebaut werden, ferner eine Gasanstalt und ein Spritzenhaus. 1878 konnte man sich sogar schon eine eigene Gewerbe- und Industrieausstellung gestatten. Die Kanalisieruug des Ortes mittels Rieselwiesen wurde durch Erwerb des Gutes Waßmannsdorf ermöglicht. Eine Pumpstation wurde angelegt, ein Kranken- und ein Armenhaus gebaut.

Heute besitzt Rixdorf 80 ordentliche Straßen, darin 16 Schulhäuser, in denen 175 Lehrkräfte wirken. Im Dienste der Stadt sind bis auf weiteres 180 Verwaltungsbeamte angestellt. Die Stadt besitzt eine eigene Sparkasse und drei Kirchengebäude. Die Post unterhält drei Postämter. Fünf Aerzte sind im Armenpflegewesen angestellt. Es besteht eine Ortskrankenkasse und ein öffentlicher Arbeitsnachweis, ferner eine Fortbildungsschule, eine höhere Knabenschule und zwei höhere Töchterschulen. Auch giebt es eine Volksbibliothek, ein naturhistorisches Schulmuseum und eine freiwillige Sanitätskolonne. Die Presse ist vertreten durch das „Rixdorfer Tageblatt“ und die „Rixdorfer Zeitung“. Das Innungs- und Vereinsleben ist äußerst rege. Es giebt eine Bäcker-, Barbier-, Friseur- und Perückenmacher-, eine Müller-, Schlächter-, Schmiede- und Schlosser-, Tischler- und Weber- und Wirkerinnung. Man zählt 130 Vereine, nämlich 10 religiöse, 5 gemeinnützige, 4 kommunale, 3 politische, 6 gewerbliche Ortsvereine, 3 Turnvereine, 2 Handwerker-, 9 Krieger-, 19 Musik- und Gesang-, sowie 4 Theatervereine. Ferner 17 Sport-, 4 Züchter-, 4 Lotterie-, 8 Vergnügungsvereine, 5 Skat-, 5 Rauch- und Kegel- und 22 verschiedene andere Vereine. Man sieht, die Lebenslust der Rixdorfer Bauern ist im Lande noch nicht ausgestorben. Aber dafür wird auch gearbeitet: 4000 Gewerbebetriebe sind in der Stadt, darunter 1700 zur Gewerbesteuer veranlagte. Jüngst zählte man 72 größere industrielle Etablissements. An Verkehrsverbindungen mit Berlin sind vorhanden die verschiedenen Linien der Straßenbahn, eine Omnibuslinie und der Südring der Stadtbahn, der in Rixdorf zwei Bahnhöfe hat.

Wer mehr von Preußens jüngster Stadt wissen will, findet noch manche interessante Einzelheit in dem empfehlenswerten Buche von Eugen Brode, „Geschichte Rixdorfs“, 1899. Wir sind am Ende unserer Wanderung. Am Rollkrug haben wir das Gebiet des alten Richarsdorp betreten, am Bahnhof verlassen wir es wieder. Wir haben gesehen, wie aus Kindern Leute werden. Aus dem kleinen Johanniterhof ist die stolze Stadt erwachsen. Vielleicht geht der fromme Wunsch der Rixdorfer doch noch in Erfüllung, daß es einmal heißt: „Berlin bei Rixdorf“. Wie singt doch der Sänger des Orts? –

„Uff den Festdag frei ick mir!“