Rothkäppchen (Löhr)

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Textdaten
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Autor: Johann Andreas Christian Löhr
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Titel: Rothkäppchen
Untertitel:
aus: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, Band 2, S. 25–28
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Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1820]
Verlag: Gerhard Fleischer d. Jüng.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Kinder- und Jugendbibliothek München und Commons
Kurzbeschreibung:
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[25]
3. Rothkäppchen.

Es war einmal ein klein lieb hübsches Mädchen gewesen, welches alle Leute lieb hatten, weil es so freundlich und zuthulich war, das ward Rothkäppchen geheißen, weil ihm seine Mutter immer ein rothes Käppchen anzog, welches dem Kinde am liebsten gefiel.

Wenn nun bei den Aeltern etwas Guts war, Kuchen, Braten und Wein, so mußte Rothkäppchen der Großmutter davon Etwas bringen, und die Großmutter hatte das Kind gar allzusehr lieb, wohnte aber wo anders, wohl eine Viertelstunde von dem Orte, wo Rothkäppchen wohnte.

Da sagte einmal seine Mutter zu ihm: „Rothkäppchen, du mußt zur Großmutter gehen und sollst ihr den Kuchen hier und diese Flasche mit Wein bringen, denn sie ist krank und liegt im Bette; und der Wein soll sie erquicken.“ Grüß sie fein von uns und sei hübsch; nimm dich in acht, daß du die Flasche nicht zerbrichst, und die arme Großmutter hätte dann nichts. Und, hörst du, gehe mir ja nicht vom Wege ab, etwa in den Wald, denn da wohnt der garstige Wolf, der könnte dir Leides zufügen und dich beißen.“ Damit [26] putzte sie das Kind noch ein wenig und strich ihm das Käppchen recht glatt.

Das Kind versprach der Mutter, es wolle recht folgen und bei Leibe vom Wege nicht abgehen. Es freute sich aber, daß es zur Großmutter gehen durfte und konnte ihr Etwas bringen.

Als es nun unterwegs so am Walde vorbeikam, schien die Sonne recht lieblich hinein, und es sahe gar schöne Blumen drin stehen. „Ih! dachte es, ein bißchen so vorn im Walde da darfst du wohl gehen, die schönen Blumen zu pflücken, da wird der Wolf wohl nicht sein.“

So ging es ein wenig vorn in den Wald und pflückte die Blumen, und sah immer schönere und noch schönere stehen, und kam immer tiefer und tiefer in den Wald.

Da kommt der Wolf eben daher, aber das Kind kannte ihn nicht und fürchtete sich auch nicht vor ihm, denn der Wolf hatte ein freundliches Gesicht angenommen, weil er Böses zu thun gedachte, da konnte man es so leicht nicht merken, welch ein heilloses Thier er war, als wenn er grimmig hätte ausgesehen.

Der Wolf sagte: „Guten Morgen, Rothkäppchen; wo willst du so früh denn schon hin?“

„Schön Dank, sagte Rothkäppchen; ich will zur Großmutter, die ist krank und kann nicht aus dem Bette; da bring ich ihr Kuchen und Wein, daß sie wieder gesund wird, das habe ich hier unter der Schürze.“ Damit deckt es das Schürzchen von der Seite auf und zeigte es ihm.

„Wo wohnt denn deine Großmutter, lieb Rothkäppchen?“ „Weißst du das nicht? sagte das Kind. Ih die wohnt ja nicht weit von dem Walde, dort in dem grünen Hause, unter den drei [27] Eichen und stehen schöne Haselhecken um den Garten, da wachsen schöne Nüße drauf, die schenkt mir die Großmutter alle.“

„Nun da grüß die Großmutter von mir, sagte der Wolf, und such dir auch noch Blümchen, die kannst du ihr mitnehmen, damit sie sich freuen kann.“

Damit eilte der Wolf fort, das Kind aber pflückte sich noch Blümchen. Er hätte das Kind wohl gleich jetzt gern gefreßen, aber er wußte, der Jäger war nicht weit, und er wollte auch Großmutter zugleich mit freßen.

„Da will ich einmal ein Morgenbrod haben, als in sehr langer Zeit nicht!“ sagte der Wolf und war in einigen Augenblicken am Hause der Großmutter und pochte an die Thür; und als diese fragte, wer da poche? sagte er: er sei Rothkäppchen und bringe Kuchen und Wein. Da sprach die Großmutter: „Mach nur die Klinke auf, denn ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Da machte der Wolf die Thür auf, ging ans Bett der Großmutter, und weil Niemand da war, verschluckte er die alte Frau ganz und gar.

Aber er wollte das liebe Rothkäppchen auch noch freßen, und zog der Großmutter Kleid an und setzte ihre Haube tief ins Gesicht, legte sich ins Bett und zog die Vorhänge zu, damit man ihn nicht so leicht kenne.

Jetzt kam Rothkäppchen mit dem Kuchen und Wein und mit den Blumen. Es trat ans Bette und zog die Vorhänge zurück und wunderte sich. „Großmutter, sagte es, was hast du für große Ohren?“ – „Daß ich dich beßer hören kann!“ sagte der Wolf. – – „Großmutter, was hast du für große Augen?“ – „Daß ich dich beßer sehen kann.“ – – „Großmutter, was hast du für große Hände?“ – „Daß ich dich beßer faßen kann!“ – – Großmutter, [28] was hast du für ein großes Maul?“ – daß ich dich beßer verschlingen kann!

Somit sprang der Wolf auf und verschluckte das arme Rothkäppchen. Darauf, weil er zu voll war, legte er sich ins Bette und schlief und schnarchte ganz greulich.

Da ging der Jäger vorbei, und als er die Thüren offen stehen sahe und so laut darinnen schnarchen hörte, dacht er: Was ist das? Du willst doch ein bißchen hineinsehen. Als er nun den Wolf im Bette sahe, aber nicht die Großmutter, da wußte er, daß der Wolf die Großmutter gewiß gefreßen hatte. Aber er wollte nicht schießen, damit er die Großmutter nicht mit träfe, denn die möchte vielleicht wohl noch leben, sondern er nimmt sein Jagdmeßer und schneidet dem Wolf den Bauch auf. Da springt erst Rothkäppchen hervor und sagt: „Wie war ich erschrocken! Es war so dunkel im Wolfsbauche!“ Hierauf holt der Jäger die Großmutter auch hervor.

Da waren alle drei vergnügt. Die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein und der Jäger bekam auch ab; der Jäger nahm den Pelz von dem Wolfe, der war groß und schön und viel Thaler werth; und Rothkäppchen sagte: „Ich will mein Lebtag nicht wieder thun, was die Mutter verboten hat!“