Sage vom alten See

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Textdaten
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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Sage vom alten See
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 420
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons, Google
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Sage vom alten See.

Im Elsenzgau, bei den Ruinen von Burg Steinberg, zieht sich eine Niederung hin, die man den „alten See“ nennt. Schlanke Silberpappeln erheben sich auf dem erhöhten Ufer des ehemaligen Wasserbettes, dessen Gründe jetzt durch frisches Grün und bunte Blumen das Auge weiden.

Auf dem Steinberg soll einst ein greulicher Recke gehaust haben, welcher das Schrecken der ganzen Gegend war. Er beraubte die harmlosen Wanderer, trieb den Hirten ihre Herden weg, und, fiel zuweilen ein hübsches Mägdlein in seine Hände, so ward es auf seine fast unzugängliche Burg geschleppt. Eine Tages zog er an einer Kapelle vorüber, die, von Linden umgeben, am Ufer des See’s stand, und gewahrte in derselben eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit. Vor dem Altare knieend verrichtete sie brünstig ihr Dankgebet zum Himmel, der ihre Mutter von einer schweren Krankheit genesen hatte lassen. Der Ritter entbrannte augenblicklich in schnöder Lust, riß die Betende vom Altare weg und wollte sie schon, ihres Flehens und ihrer Thränen ungeachtet, auf sein Pferd heben, um mit ihr davon zu jagen auf sein Felsennest, als sie die Bitte wagte, ihr nur noch ein kurzes Gebet in der Kapelle zu gestatten. Wiewohl ungern, willigte der Räuber doch endlich ein. Nun warf sich die Jungfrau vor dem Muttergottesbilde nieder und rief mit der Stimme der Verzweiflung: „O du Reine und Unbefleckte, nimm mich rein und fleckenlos zu dir!“ – Nach diesen Worten raffte sie sich auf, eilte aus dem Kirchlein, husch an dem Recken vorüber, und stürzte sich in den See. Aber die Fluthen wurden ihr nicht zum Grabe; wie von unsichtbaren Händen getragen, schwebte sie darüber hin zum jenseitigen Gestade. Der Räuber, in blinder Wuth, will ihr nachstürmen, aber die Wasser schlagen über seinem Haupte zusammen und des Abgrunds Geister reißen ihn hinab in ihr finsteres Reich.

Noch jetzt hört der einsame Wanderer manchmal im Dunkel der Nacht dumpfe wehstöhnende Laute aus dem See; geheimnißvoll rauschen und flüstern die Zitterpappeln und erfüllen das Herz mit Grauen.

(Siehe Al. Schreiber’s Sagen aus den Rheingegenden etc.)