Schöpfungs-Glaube und Wissenschaft (2)

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Schöpfungs-Glaube und Wissenschaft.
II. Darwinismus.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 58–60
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Antworten auf die Fragen aus dem ersten Teil
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[58]
Schöpfungs-Glaube und Wissenschaft.
II. Darwinismus.


Der Wissenschaft nach mußte der Mensch, gleich allen übrigen Organismen (Thieren und Pflanzen), einen Entwickelungsgang vom Einfachen zum Vollkommneren durchmachen, ehe er Das geworden, was er jetzt ist; jedes seiner Organe gelangte erst durch unmerklich kleine, allmähliche Abänderungen des gleichen Organs in seinen thierischen Ahnen zu seiner jetzigen Vollkommenheit, und seine Ahnen erstrecken sich, nach Häckel’s und Darwin’s genealogischer Hypothese, durch die Reihe der Säugethiere, der Reptilien, Fische und Würmer bis zu den einfachsten Urthieren herab. Daß dem so ist, läßt sich aber dadurch beweisen, daß der Mensch in einer großen Menge von Punkten mit den Thieren die größte Gemeinschaft zeigt. So ist zuvörderst sein ganzer Körper nach demselben Grundplane, wie bei den Säugethieren, aufgebaut; er gleicht ferner in seiner Gestaltung während der ersten Zeit seiner Entwicklung, also während [59] seines Ungeborenseins (als Embryo) der thierischen Form in einer solchen Weise, daß der menschliche Embryo von dem eines Hundes, Huhnes, einer Schildkröte etc. nicht zu unterscheiden ist. Ja es läßt sich nachweisen, daß der Embryo des Menschen, wie der der höheren Wirbelthiere, während seiner Entwicklung allmählich alle Hauptstufen der unter ihm stehenden Thierwelt von der niedrigsten bis zur höchsten durchläuft. – Es sind sodann dem Menschen (wie dies auch bei den Thieren der Fall ist) Theile angeboren, welche man nur als ererbte Ueberbleibsel von verkümmerten Organen seiner thierischen Vorfahren anzusehen gezwungen ist, da er sie gar nicht brauchen kann, ja die ihm sogar Nachtheile bringen können. Man nennt solche Erbstücke ohne Nutzen „rudimentäre Organe“. Beim Menschen sind zum Beispiel die Ohrmuskeln, welche sein affenähnlicher Vorfahre zum Bewegen seiner zugespitzten Ohren gebrauchte, ganz nutzlos; die Schilddrüse hat ebenfalls keine Bestimmung und giebt nur Veranlassung zum Kropfe; es ist auch der Wurmfortsatz ein ganz unnützes Anhängsel am Blinddarm und kann sehr leicht, durch Aufnahme fremder Körper in seine Höhle, zu tödtlicher Bauchfellentzündung die Ursache abgeben u. s. w. – Es kommt ferner auch nicht selten vor, daß Thiere und Menschen geboren werden, welche weit mehr Aehnlichkeit, und zwar im Ganzen wie in einzelnen Theilen, mit ihren Vorfahren aus einer niedrigern Entwickelungsstufe haben, als mit ihren Zeitgenossen, z. B. Menschen mit Affengestalt. Ferner treten beim Menschen abnorme Theile (z. B. Muskeln) auf, die nur Thieren eigen sind; auch kommen Spaltungen von Organen vor, wodurch diese den entsprechenden thierischen Organen ganz ähnlich werden, u. s. w. Man bezeichnet diese Bildungshemmungen als „Rückschläge“ auf die früheren thierischen Ahnen des Menschen. Während bei diesen Rückschlägen die thierähnlichen Bildungen nur zeitweilig als Abnormitäten gefunden werden, sind die rudimentären Organe stets und als normale vorhanden.

Die Beweise, daß alle Organismen, welche überhaupt bis jetzt auf unserer Erde existirt haben, von der Zeit an, wo die ersten Organismen als die einfachsten Eiweißklümpchen (als Moneren) auf der Erdoberfläche auftraten, sich fort und fort, aber ganz allmählich, und bis zur Jetztzeit stetig, aber nicht durch gewaltsame Erdrevolutionen unterbrochen, vervollkommnet haben, liefern die versteinerten Ueberreste von Thieren und Pflanzen, die Petrefacten, Versteinerungen, welche in der Erdrinde begraben liegen. – Die Versteinerungskunde, Vorwesenkunde oder Paläontologie ist es, welche uns die in versteinertem Zustande erhaltenen Reste und Abdrücke von ausgestorbenen Thieren und Pflanzen als die wahren „Denkmünzen der Schöpfung“ und die untrüglichsten Urkunden, welche die Geschichte der Organismen auf unerschütterlicher Grundlage feststellen, kennen lehrt. Alle versteinerten (fossilen) Reste und Abdrücke berichten uns von der Gestalt und dem Baue solcher Thiere und Pflanzen, welche entweder die Urahnen und die Voreltern der jetzt lebenden Organismen sind, oder aber ausgestorbene Seitenlinien, die sich von einem gemeinsamen Stamm mit den jetzt lebenden Organismen abgezweigt haben. Die paläontologischen Erfahrungen constatiren ferner, daß zu allen Zeiten des organischen Lebens auf der Erde eine beständige Zunahme in der Vollkommenheit der organischen Bildungen stattgefunden hat. Seit jener unvordenklichen Zeit, in welcher das Leben mit der Urzeugung von Moneren begann, haben sich alle Organismen im Ganzen wie im Einzelnen vervollkommnet und höher ausgebildet. Die stetig zunehmende Mannigfaltigkeit der Lebensformen war stets auch zugleich vom Fortschritt in der Organisation begleitet. Je tiefer man in die Schichten der Erde hinabsteigt, in welchen die Reste der ausgestorbenen Thiere und Pflanzen begraben liegen, je älter diese also sind, desto einförmiger, einfacher und unvollkommner sind ihre Gestalten. So gehören zum Beispiel die ältesten fossilen Wirbelthierreste der tiefstehenden Fischclasse, die höher liegenden Reste den vollkommneren Amphibien und Reptilien, die Reste in den obersten Schichten den höchstorganisirten Wirbelthierclassen, den Vögeln und Säugethieren an. Ebenso verhält es sich im Pflanzenreiche, wo anfangs blos die niedrigste und unvollkommenste Classe, diejenige der Algen oder Tange, existirte; später erst die Gruppe der farnkrautartigen Pflanzen oder Filicenen (Farne, Schafthalme, Schuppenpflanzen) auftrat und nach dieser erst die Blüthenpflanzen (Nadelhölzer und Cycadeen, kronenlose und kronenblüthige Blüthenpflanzen) zum Vorschein kamen.

Auch bei der allmählichen, nach Hunderttausenden von Jahren zählenden Entwickelung des Menschen (in körperlicher wie geistiger Hinsicht) verhält es sich auf dieselbe Weise und es unterscheidet sich der Mensch, soweit es seinen Bau betrifft, nicht mehr von den unmittelbar unter ihm stehenden Thieren, als diese von anderen Thieren derselben Ordnung. Die aufgefundenen fossilen Menschenreste, welche schon ziemlich tief unten in der Erdrinde (in der Tertiärschicht) begraben liegen und hauptsächlich in Schädeln, Unterkiefern und anderen Knochen bestehen, sowie die mit diesen Resten gleichzeitig gefundenen Waffen und Werkzeuge, zeigen ganz deutlich, wie so langsam sich der Mensch in seinem Baue und seiner Civilisation vervollkommnet hat und endlich bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit (besonders des Gehirns) gelangt ist. Diese Entwickelung ist so allmählich vor sich gegangen, daß man gar nicht mit Bestimmtheit anzugeben vermag, wann eigentlich der Mensch nicht mehr Thier (Affe) war und als Mensch bezeichnet werden konnte. – Er begann sein menschliches Leben, nachdem er sich durch seinen aufrechten Gang und die aus der thierischen Lautsprache zur gegliederten, aber noch sehr beschränkten Wortsprache übergegangene Menschensprache von den großen schwanzlosen Schmalnasen-Affen abgetrennt hatte, als ein roher, kaum über die Stufe der Thierheit sich erhebender, fast stummer Wilder mit affenähnlichem Schädel und kleiner Statur, nackt oder nur nothdürftig mit Thierhäuten und Baumrinden bekleidet, in Höhlen und Felsklüften lebend, fortwährend im Kampfe mit der ihn umgebenden übermächtigen Natur und mit großen (vorweltlichen) Thieren, nur mit rohen Steinkeulen (Steinhämmern, Steinäxten und Kieselknollen) die Thiere (meistens Pflanzenfresser) tödtend, deren Knochenmark und Gehirn er sich durch Zerschlagen der Knochen und des Schädels zur Nahrung wählte. Erst später, nach der ältesten Steinzeit oder dem Stadium der Barbarei schabte er das Fleisch der Thiere mit Kiesel-(Feuerstein-)Messern von den Knochen ab, lernte Feuer machen und baute Herde, verfertigte Werkzeuge von feinerer Arbeit und mit Politur. Ganz allmählich trat er mit Vergrößerung seines Schädels und Gehirns in das Stadium der Jäger, dann der Hirten und Ackerbauer und bediente sich anstatt der Steininstrumente der Werkzeuge von Bronze (aus Kupfer und Zinn) und sehr spät erst solcher von Eisen; auch kupferne und Töpferwaaren hatte er schon früher in Gebrauch. Man nimmt darnach eine Stein-, Bronze- und Eisenzeit in der menschlichen Culturentwickelung an. Hinsichtlich seiner Wohnungen cultivirte sich der Mensch ebenfalls insofern, als er aus Höhlen in selbstgebaute Wohnungen zog, unter denen die Pfahlbauten oder Seewohnungen (in der Schweiz besonders aufgefunden), die halb im Wasser standen, berühmt geworden sind. (Weiteres siehe später bei der Entwickelungsgeschichte der Erdrinde.)

Wie nun die Umänderung der verschiedenen Thiere und Pflanzen, welche bis jetzt auf unserer Erde lebten, nach und nach zu Stande kam, ist hauptsächlich durch Darwin aufgeklärt worden. Vorzugsweise ist es der durch Uebung, Gewohnheit, Bedürfniß, Lebensweise etc. bedingte Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe, sowie überhaupt die Verschiedenheit in den Lebensbedingungen und die Einwirkung äußerer Lebensumstände, welche verändernd auf die Organisation, die allgemeine Form und die verschiedenen Theile der Organismen einwirken. Auch ist es nicht unmöglich, daß schon mit dem Keime eine Umänderung vor sich gehen kann, indem die Keime niederer Organismen unter besonderen und günstigeren Umständen in andere und höhere Formen überzugehen vermögen. So ist zum Beispiel bei den Bienen die verschiedene Größe der Zelle, in welche das Ei eingelegt wird, ein Grund mit zur Bildung der Königin, der Drohnen und Arbeitsbienen. – Jeder Organismus nimmt in Folge von Einwirkungen der umgebenden Außenwelt (von Nahrung, Wasser, Licht, Atmosphäre, Temperatur, Klima, Wohnort, umgebende pflanzliche und thierische Organismen) gewisse neue Eigenthümlichkeiten in seiner Lebensthätigkeit, Mischung und Form an, welche er nicht von seinen Eltern geerbt hat, die er aber auf seine Nachkommen vererben kann. Durch diese Anpassung an die eben vorhandenen Verhältnisse und verschiedenen Lebensbedingungen, sowie durch die Vererbung der dadurch veranlaßten Veränderungen werden alle organischen Individuen im Laufe ihres Lebens einander mehr oder weniger ungleich, obwohl die Individuen ein und derselben Art sich meistens ähnlich bleiben. Die allmähliche Anpassung des Individuums an seine Umgebung kann auf doppelte Weise vor sich gehen: theils durch Selbstthätigkeit [60] desselben (Gewohnheiten), so daß es sich selbst darnach verändert, theils willenlos durch die Einwirkung der äußeren Umstände, also gezwungen. Durch das Wandern der Thiere und Pflanzen, welches in Folge verschiedenartiger Naturereignisse veranlaßt wird, ändern sich für die Ausgewanderten die äußern Umstände in der Regel sehr bedeutend und die dadurch bedingte Anpassung wirkt verändernd auf die Formen derselben ein.

Ganz besonders großen Einfluß auf die Umänderung der Organismen hat aber der Kampf um’s Dasein oder die Mitbewerbung um die nothwendigen Existenzbedürfnisse. Jeder Organismus kämpft nämlich von Anbeginn seiner Existenz mit einer Anzahl von feindlichen Einflüssen, kämpft mit Thieren, welche von diesem Organismus leben, mit anorganischen Einflüssen der verschiedensten Art (Temperatur, Witterung) und ganz besonders mit den ihm ähnlichsten und gleichartigen Organismen wegen der Mittel zum Lebensunterhalt. Die Erfahrung lehrt nun, daß alle pflanzlichen und thierischen Individuen (Einzelwesen) weit mehr Nachkommen erzeugen, als Nahrung für dieselben vorhanden ist. Nur die durch ihre Organisation und die umgebenden Verhältnisse bevorzugten Individuen werden aber beim Kampfe um ihre Existenz über die andern den Sieg erlangen, und während die letzteren früher zu Grunde gehen, ohne Nachkommen zu hinterlassen, werden die ersteren jene überleben und zur Fortpflanzung gelangen. Die von dieser erzeugte Generation wird durch Vererbung nun derjenigen individuellen Vortheile theilhaftig, durch welche ihre Eltern den Sieg über ihre Nebenbuhler davontrugen. – Ebenso wie der Kampf um’s Dasein wirkt aber auch der Kampf um die Ehe bei den Thieren vervollkommnend auf die Formen derselben ein und zwar insofern, als diejenigen Männchen, welche die kräftigeren sind und muthiger um das Weibchen kämpfen können oder die ihrer Farben, ihres Schmuckes und Gesanges etc. wegen vom Weibchen bevorzugt werden, durch Fortpflanzung ihre Vorzüge (Farben, Schmuckanhänge) auf ihre Nachkommen vererben. – Bei der Vererbung wird nun aber die günstigere Organisation nicht von Generation zu Generation einfach in der ursprünglichen Weise übertragen, sondern sie wird fortwährend gehäuft und gestärkt, und gelangt schließlich in einer letzten Generation zu einer Stärke, welche diese Generation sehr wesentlich von der ursprünglichen Stammform unterscheidet. Vererbt können werden: ebensowohl schon von den Vorfahren abstammende, also ererbte Eigenthümlichkeiten, wie auch erworbene; erstere Vererbung kann man die erhaltende, letztere die fortschreitende nennen; beide Vererbungen dienen der Vervollkommnung der Organismen. – So hat zum Beispiel der Mensch mit fortschreitender Cultur auch ein durch seine vermehrte und verbesserte geistige Arbeit immer größer gewordenes Gehirn auf seine Nachkommen vererbt und dadurch ist sein anfangs kleiner affenähnlicher Schädel immer mehr dem des heute lebenden Menschen ähnlich geworden. Da schon in der Vorzeit der Mann der Hausfrau und Mutter den größten Theil der geistigen, sowie der anstrengenden körperlichen Arbeit abnahm, so ist auch das Gehirn der Frau kleiner und leichter und die Musculatur schwächer als beim Manne geblieben. Daß sich aber, wie man meint, mit dem größeren Gehirn (bei Mensch und Thier) und der damit zusammenhängenden Steigerung der geistigen Kraft desselben, auch gewisse geistige Eigenthümlichkeiten, wie Neigungen, Triebe, Gewohnheiten, Charakter, Talente etc., vererben sollten, ist ebenso zu bezweifeln, wie das Angeborensein von Anlagen. Diese geistigen Eigenthümlichkeiten sind nur die Arbeit des Gehirns und werden schon in den allerersten Lebensjahren, auf welche bei Biographien viel zu wenig Werth gelegt wird, dem Kinde (in Folge von Gewöhnung, Nachahmung) erst anerzogen. Deshalb gerade ist aber auch die Erziehung in den ersten Lebensjahren am meisten zu beachten; und in diesen Jahren wird der Grund zu den sogen. Anlagen gelegt.

Welchen großen Einfluß veränderte Lebensbedingungen und veränderte Zustände der Außenwelt auf die Gestaltung der Organismen haben können, zeigt sich recht deutlich bei unsrer heutigen Züchtung der Thiere (durch Auswahl geeigneter Individuen für die Nachzucht) und bei der Pflanzencultur. Wie aber bei dieser berechneten künstlichen Züchtung, so fand auch in ganz gleicher Weise bei den vor uns existirenden Thieren und Pflanzen eine unberechnete natürliche Züchtung statt, und durch diese die so auffallende Veränderung in den pflanzlichen und thierischen Organismen. – Bei der künstlichen Züchtung ist es, vermöge der absichtlichen, bewußten, planmäßigen und berechneten Auswahl und Anwendung von bekannten, auf die Formveränderung Einfluß äußernden Bedingungen sehr leicht möglich, innerhalb kurzer Zeit eine ganz neue und von der ursprünglichen Stammform bedeutend abweichende Thier- und Pflanzenform willkürlich zu schaffen. Schon nach Verlauf von wenigen Generationen lassen sich auf diese Weise neue Formen erhalten, welche von der Stammform in viel höherem Grade abweichen, als die wilden Thier- und Pflanzenarten unter sich. Dagegen bedarf es bei der natürlichen Züchtung, die plan- und absichtslos, unbewußt und unberechnet vor sich geht und von nur zufälligen Einflüssen abhängig ist, großer Zeiträume, um bedeutendere Veränderungen im Thier- und Pflanzenreiche hervorzubringen. Hierbei ist der Kampf ums Dasein, sowie der Kampf um die Ehe oder die sogen. „geschlechtliche Züchtung“, von der allergrößten Bedeutung. Auch ist die Bildung von Bastarden (Abkömmlingen zweier verschiedener Arten), sowie die Fortpflanzung von Spielarten (durch irgend eine Eigenthümlichkeit sich von ihren Erzeugern auszeichnende Individuen) als Ursache für die Entstehung neuer Formen anzusehen. – Alle unsere jetzigen Hausthiere und alle Gartenpflanzen stammen ursprünglich von wilden Arten ab, welche erst durch eigenthümliche Lebensbedingungen, unter denen sie leben mußten, umgebildet und cultivirt wurden. Von Culturpflanzen ist die wilde Mutterpflanze oft gar nicht mehr bekannt. Auch bei der Bildung der Menschenracen bediente sich die Natur derselben Mittel, wie der Landwirth bei der Züchtung von Hausthierracen, und es wird der Mensch sicherlich im Kampfe um’s Dasein, welcher sich bei der rapiden Vermehrung der Menschen immer mehr steigert, in Folge der natürlichen Züchtung nach und nach in eine größere Anzahl verschiedener und zwar edlerer Racen zerfallen, während die wilden Menschenstämme unter dem Drucke der weißen Einwanderung aus Europa immer mehr untergehen. – Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication (der Hausthiere und Culturpflanzen) ist sonach von der größten Bedeutung für die Erklärung der Veränderungen, welchen Pflanzen und Thiere auf unserm Erdball nach und nach unterworfen waren. – Die neue von Darwin aufgestellte Theorie, welche uns mit den natürlichen Ursachen der organischen Entwickelung, den wirkenden Ursachen der organischen Formbildung, den Veränderungen und Umformungen der Thier- und Pflanzenarten bekannt macht, wird die „Selectionstheorie, Züchtungslehre, Theorie von der natürlichen Züchtung“ genannt. Für diese Theorie haben sich neuerlich auch Huxley, Hooker, Wallace, Lyell und fast alle deutschen Naturforscher erklärt. Dagegen hat man der Theorie, welche vor Darwin schon von Lamarck, Geoffroy St. Hilaire, Goethe, Oken, Treviranus als Hypothese aufgestellt wurde, nach welcher alle Organismen, welche jemals auf der Erde gelebt haben und noch jetzt leben, von einer einzigen oder von wenigen höchst einfachen Stammformen abstammen und sich aus diesen auf dem natürlichen Wege allmählicher Umbildung innerhalb ungeheurer geologischer Zeiträume entwickelten, die Namen der „Descendenztheorie oder Abstammungslehre, Transmutationstheorie oder Umbildungslehre“ gegeben. Die Abstammungslehre verdanken wir vorzugsweise dem französischen Naturforscher Lamarck (1744–1829), während der Begründer der Züchtungslehre der englische Naturforscher Darwin (1808 geboren) ist. Durch Ersteren wissen wir, daß auf der Erde eine fortschreitende Umbildung der organischen Gestalten stattfand, durch Letzteren, warum und wie eine solche zu Stande kam, welche mechanisch-wirkenden Ursachen die ununterbrochene Neubildung und immer größere Mannigfaltigkeit der Thiere, Pflanzen und Menschen bedingen.

NB. Wer sich für diese Lehren interessirt – und welcher Gebildete thäte dies nicht? – dem können folgende ausgezeichnete und leicht verständliche Schriften empfohlen werden: Darwin, die Entstehung der Arten und die Abstammung des Menschen; – Haeckel, natürliche Schöpfungsgeschichte; – Büchner, sechs Vorlesungen über Darwin’s Theorie und die Stellung des Menschen in der Natur; – Lyell, das Alter des Menschengeschlechts.

Bock.