Schöpfungslieder

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Textdaten
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Autor: Heinrich Heine
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Titel: Schöpfungslieder
Untertitel:
aus: Neue Gedichte, Verschiedene
S. 129136
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1844
Verlag: Hoffmann und Campe
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Scans auf Commons
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[129]
Schöpfungslieder.

I.

Im Beginn schuf Gott die Sonne,
Dann die nächtlichen Gestirne;
Hierauf schuf er auch die Ochsen,
Aus dem Schweiße seiner Stirne.

5
Später schuf er wilde Bestien,

Löwen mit den grimmen Tatzen;
Nach des Löwen Ebenbilde
Schuf er hübsche kleine Katzen.

Zur Bevölkerung der Wildniß

10
Ward hernach der Mensch erschaffen;

Nach des Menschen holdem Bildniß
Schuf er intressante Affen.

[130]
Satan sah dem zu und lachte:

Ey, der Herr kopirt sich selber!

15
Nach dem Bilde seiner Ochsen

Macht er noch am Ende Kälber!

II.

[131]
Und der Gott sprach zu dem Teufel:

Ich der Herr kopier’ mich selber,
Nach der Sonne mach’ ich Sterne,
Nach den Ochsen mach’ ich Kälber,

5
Nach den Löwen mit den Tatzen

Mach’ ich kleine liebe Katzen,
Nach den Menschen mach’ ich Affen;
Aber du kannst gar nichts schaffen.

III.

[132]
Ich hab’ mir zu Ruhm und Preiß erschaffen

Die Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;
Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen,
Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.

IV.

[133]
Kaum hab’ ich die Welt zu schaffen begonnen,

In einer Woche war’s abgethan.
Doch hatt’ ich vorher tief ausgesonnen
Jahrtausendlang den Schöpfungsplan.
 

5
Das Schaffen selbst ist eitel Bewegung,

Das stümpert sich leicht in kurzer Frist;
Jedoch der Plan, die Ueberlegung,
Das zeigt erst wer ein Künstler ist.
 
Ich hab’ allein dreyhundert Jahre

10
Tagtäglich drüber nachgedacht,

Wie man am besten Doctores Juris
Und gar die kleinen Flöhe macht.

V.

[134]
Sprach der Herr am sechsten Tage:

Hab’ am Ende nun vollbracht
Diese große, schöne Schöpfung,
Und hab’ alles gut gemacht.

5
Wie die Sonne rosengoldig

In dem Meere wiederstralt!
Wie die Bäume grün und glänzend!
Ist nicht Alles wie gemalt?

Sind nicht weiß wie Alabaster

10
Dort die Lämmchen auf der Flur?

Ist sie nicht so schön vollendet
Und natürlich die Natur?
 

[135]
Erd’ und Himmel sind erfüllet

Ganz von meiner Herrlichkeit,

15
Und der Mensch er wird mich loben

Bis in alle Ewigkeit!

VI.

[136]
Der Stoff, das Material des Gedichts,

Das saugt sich nicht aus dem Finger;
Kein Gott erschafft die Welt aus Nichts,
So wenig, wie irdische Singer.

5
Aus vorgefundenem Urweltsdreck

Erschuf ich die Männerleiber,
Und aus dem Männerrippenspeck
Erschuf ich die schönen Weiber.

Den Himmel erschuf ich aus der Erd’

10
Und Engel aus Weiberentfaltung;

Der Stoff gewinnt erst seinen Werth
Durch künstlerische Gestaltung.