Schafara

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Autor: Wilhelm Hertz
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Titel: Schafara
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aus: Gedichte, S. 247–257.
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Hoffmann und Campe
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Erscheinungsort: Hamburg
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[247]
Schafara

Im erstürmten Feindeslager
Sitzt der greise Held Schafara,
Yemen’s hochgepries’ner Sänger,
Sinnend mit gesenkter Stirne.

5
Doch nicht auf Gesänge sinnt er,

Auf die wilden Siegesweisen,
Die er sang in stolzer Jugend;
Allzusehnig ward die Rechte
Für der Saiten zarte Regung,

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Aber an dem eh’rnen Schwerte

Pochet sie mit eh’rnem Finger.
Denn der greise Held Schafara
Sinnt auf Rache, sinnt auf Strafe,
Da den einz’gen Sohn des Todfeinds

15
Heut’ er selbst im Kampf gefangen.
[248]

Finster winkt er seinen Kriegern,
Und sie bringen einen Jüngling,
Nackt, mit rückgeschnürten Armen,
Aber hold wie junger Frühling.

20
„Trittst du vor mich, Bild des Feindes?“

Ruft der Held und springt vom Sitze,
„Ha, dein Anblick brennt mein Auge
Schmerzlicher als Sand der Wüste,
Glühender als Stich der Sonne!

25
Schön bist du, schön wie dein Vater,

Da er unsern Stamm bestohlen
Um die Ehre meiner Schwester.
Flehe nicht mit feuchtem Blicke,
Denn für solchen Blick empfieng er

30
Gastfreundschaft in uns’rem Zelte,

Da er kam, ein nackter Flüchtling.
Willst du Gnade bei mir finden,
Reiße selbst aus deinem Antlitz
Diese reizend falschen Züge

35
Und verseng’ zu Staub und Asche

Die wollüstig glatten Glieder!
Ferne liegt die Zeit des Frevels,
Lange Jahre blut’ger Fehde;
Herbstlich färbt sich meine Locke,

40
Doch mein Haß hat ew’gen Frühling.

Greis ist dein verhaßter Vater,
Greis und müde wie ich selber,

[249]

Und sein tauber Rest von Leben
Karge Speisung meiner Rache, –

45
Doch da schickt er seine Jugend,

Schickt sie ganz so schön wie damals,
Als die meine er vergiftet,
Daß der That die Strafe gleiche! –
Bebst du, lächelnder Verführer,

50
Gastrechtschänder, Gottverfluchter?

Brechen aus den Rippen will ich
Dir das Herz, das feige, blasse,
Rothe Sühneopfer schütten
Auf das Grab der armen Schwester,

55
Die ich einst im Zorn erschlagen.

Aber deinem Vater send’ ich
Deines Hauptes blut’ge Locke!“
Also rief der Held Schafara,
Und aus dem gestickten Gürtel

60
Zerret er ein blitzend Messer. –

Da fliegt auf des Zeltes Vorhang,
Und gefolgt von wilden Kriegern
Stürzt herein ein junges Mädchen
Mit zerrissenen Gewanden.

65
Um des Jüngling’s weißen Nacken

Schließt sie zärtlich ihre Arme,
Küßt sein todesscheues Antlitz,
Deckt sein Herz mit ihrem Herzen.
Doch es reißen sie die Krieger

[250]
70
Höhnisch lachend vor den Emir,

Der betroffen stockt und staunet.
„Allah mit dir! Held Schafara!“
Spricht ein Mann mit blut’gem Turban,
„Sieh’, wir kommen, dieses Tages

75
Schönste Beute dir zu bringen,

Ein gazellenflüchtig Mädchen.
Wir ergriffen sie im Walfeld,
Wo sie im Gewühl der Leichen
Suchte des Geliebten Antlitz,

80
Und man nennt sie Stern von Chaibar.

Dir allein, o Held Schafara,
Ziemt es, nach des Kampfes Dunkel
Dich an diesem Glanz zu sonnen,
Dieses Leibes Wonnebecher

85
Auszuschlürfen bis zum Grunde.“ –

Und der Emir steckt das Messer
Langsam in den breiten Gürtel,
Glüht sie an mit dunklem Auge,
Und dann spricht er dumpf und ruhig:

90
„Ist der Knabe dort dein Buhle?“

Doch das Mädchen schweigt und zittert,
Und ihr feuchtes Auge flüchtet
Schüchtern zu dem nackten Jüngling,
Der von holder Scham verwirret

95
Lächelnd ihrem Blick begegnet, –

Und erröthend schweigen Beide.

[251]

Lange schaut der Held Schafara
In ihr rosenzartes Antlitz,
Und sein Herz erfüllt Begierde.

100
„Habet Dank für eure Gabe,“

Also spricht er zu den Kriegern,
„Habet Dank, ich will sie nützen,
Denn sie frommet meiner Rache.
Führt ihn weg in sein Gefängniß,

105
Bis zum Morgen soll er leben,

Daß ihm noch sein keusches Liebchen
Kann erzählen ihre Schande.“ –
So geschah’s; doch als der Jüngling
An des Zeltes Thür verschwunden,

110
Sank die Jungfrau leblos nieder. –

In des Zeltes inn’rem Raume
Ließ der Held sein Bett bereiten,
Sklaven sprengten duft’ge Wasser,
Ließen qualmen süßen Weihrauch,

115
Streuten Blumen der Oase,

Rosen, Myrthen, Hyacinthen,
Gold und Perlen auf den Teppich,
Aber auf des Lagers Polster
Legten sie den weichen Scharlach

120
Und darauf das blasse Mädchen,

Hängten dann hoch an die Decke
Eine blaucrystallne Lampe,
Neigten sich dem Herrn und giengen.

[252]

Stille war’s im Zelt und draußen.

125
Fern nur sang ein junger Wächter

Lieder, glühend weich und sehnend,
Seinem Liebchen in der Heimath,
Und es blies der Wind der Wüste. –
Langsam trat der Held Schafara

130
Zu der stillen Bettgenossin,

Zog hinweg die letzte Hülle,
Die des Leibes Wunder deckte,
Und erschrak in sel’gem Staunen.
Tastend glitten seine Blicke

135
Ueber die gelösten Glieder,

Und sie wußten nicht, wo ruhen.
„Groß ist Allah, sprach er endlich,
Daß er hat das Weib geschaffen,
Sich zur Ehre, uns zur Wonne!“

140
Lange stand er unbeweglich,

Und auf seinem braunen Antlitz
Schmolz des Grimmes eh’rne Falte,
Und der nächt’ge Blitz der Augen
Ward ein träum’risch Morgenleuchten.

145
Denn er dachte seiner Liebe,

Glückberauschter Jugendnächte,
Dachte, wie er ebenbürtig
Solcher Schönheit lag zur Seite;
Und in tiefer Brust erwachen

150
Ihm die alten Lustgesänge,
[253]

Und ihm summt das Lied im Ohre,
Das er sang in trunk’nem Schauen,
Als er so zum ersten Male
Mit wollüstig bangem Beben

155
Seines Mädchens Leib enthüllte,

Und er sprach in sich versunken:
„Laß mich schau’n, vergeh’n im Schauen!
Ich war blind, nun werd’ ich sehend,
Und ich taumle wie ein Blinder,

160
Dem die Augen plötzlich tagen.

Meines Himmels Pforte öffn’ ich,
Und mir ist, als schauten alle
Seligen aus Allah’s Himmel
Neidisch über meine Schulter.

165
Siehe, schön bist du, und lockend

Ist das Schmachten deiner Augen
Und der Wangen Schamerglühen!
Schön sind deines Busens Hügel,
Schön wie klare Marmorkuppeln

170
Ueber der Moschee der Liebe,

Deren Knauf der Morgen röthet;
Schön die Wölbungen der Hüften,
Schwere, reife Wunderfrüchte;
In der Dämm’rung deines Schooßes

175
Schlummert eine Welt von Wonnen,

Und auf deiner Glieder Wellen
Schwankt das Schifflein meines Lebens

[254]

Hier und dort, und schon versinkt es
In ein seliges Verderben!“ –

180
Also sprach der Held Schafara,

Und in seinem Herzen rauscht es
Wie das Sprudeln frischer Bronnen,
Da des alten Lied’s er dachte;
Und entzückt von der Erinn’rung

185
Und der Gegenwart der Schönheit

Beugt er sich verlangend nieder
Zu dem regungslosen Bilde.
Doch da fällt von seinem Barte
Eine eisig graue Welle

190
Auf des Mädchens schwarze Locken, –

Und der Held erhebt sich langsam,
Blicket starr hinweg und nicket
Mit dem Haupt in tiefem Ernste:
„Jene Zeit ist lang’ vorüber,

195
Jenes Lied ist längst verklungen,

Und ich bin ein Thor im Alter! –
Friede mit dir, Stern von Chaibar!
Deines Leibes Frühlingsblume
Mag ein Frühlingssturm entblättern,

200
Nicht des Herbstes rauher Athem.

Hab’ ich nicht mein rüstig Leben
Durchgekämpft für Ehr’ und Schönheit?
Und ich sollte nun im Alter
Meiner Jugend Werk beschimpfen,

[255]
205
Meiner Jugend, deren Nachglanz

Eben noch mein Herz erwärmte? –
Jugend blühet nur für Jugend,
Und das Grab blüht für das Alter.
Ausgetrunken hab’ ich längst schon

210
Dieser Erdenlüste Becher,

Soll ich schlürfen an der Hefe?
Ich war glücklich, mögen Andre
Glücklich sein, in kurzen Tagen
Sagen sie gleich mir: Ich war es.

215
Sei denn glücklich, Stern von Chaibar!“

Plötzlich wird sein Auge finster,
Und mit dumpfer Stimme spricht er:
„Spott’ ich dieses Wunschs nicht selber?
Fallen wird ihr Glück mit meines

220
Jungen Feindes schönem Haupte,

Und erzählen wird man einstens,
Daß der greise Held Schafara
Einen Knaben hingemordet,
Um des Knaben Braut zu freien; –

225
Und die Männer werden klagen

Um den Knaben und das Mädchen
Und ein Spottlied sich ersinnen
Auf den greisen Narr’n Schafara!“ –
Und auf’s Neue blitzt sein Auge,

230
Blitzt hinüber nach der Jungfrau,

Und von seinem Finger zieht er

[256]

Einen Ring von Gold und Demant,
Legt ihn auf die Brust des Mädchens,
Und nach einem langen Blicke

235
Spricht er mit bewegter Stimme:

„Lebe wohl, du junges Leben,
Süße Last des prächt’gen Lagers!
Schlummerst du in deiner Brautnacht?
Wahrlich dir, o Lust der Augen,

240
Giebt der Herr das Glück im Schlummer:

Friede mit dir, Stern von Chaibar!“ –
Vor die Zeltthür trat der Emir,
Und er rief den flinken Sklaven:
„Bringt die köstlichsten Gefässe,

245
Bringet Myrrhen her und Narden,

Bringt die herrlichsten Gewande,
Perlenschnüre, Ohrgehänge,
Bringet Gold, soviel ihr traget,
Bringet Wein im schweren Schlauche

250
Und zwei bilderschmucke Becher, –

Stellt mir Alles vor das Lager!
Holt dann leise den Gefangnen,
Legt des Jünglings stramme Glieder
Zu des Mädchens weichem Leibe,

255
Weckt sie auf mit Brautgesängen! –

Und dann wacht bei eurem Leben,
Daß kein Menschentritt sie störe!“ –
Also sprach der Held Schafara,

[257]

Nahm den Bogen, nahm die Lanze,

260
Sprang auf seinen Lieblingsrenner

Ungesattelt, ungezäumet,
Und wie Sturmgewölk verschwand er
In der stummen Nacht der Wüste.