Scheinwerfer durch die Nacht

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Scheinwerfer durch die Nacht
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 315-323
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[315]
SCHEINWERFER DURCH DIE NACHT

[317] Der Deutsche fragt: Was ist der Mann? Der Amerikaner fragt: Wie viel ist der Mann wert? Der Franzose fragt: Aus welcher Familie ist er? Der Wiener fragt: Wo schreibt er?

Der Budapester fragt gar nicht: er kennt den Mann und ist ihm Geld schuldig.

*

Die Serbin ist ihrem Manne treu. Die Rumänin ist ihren Männern nicht treu. Die Französin macht ihren Mann anstandshalber zum cocu. Die Berlinerin will es ganz genau wissen. Die Sächsin wirtschaftet, daß das Bett kracht. Und die Bernerin versteht gar nicht, worum man sie gebeten hat.

*

Vier Männer hatten ein Gelübde abgelegt, am ersten Januar je hundert Mark in eine Wohltätigkeitskasse einzuzahlen: ein Hamburger, ein Berliner, ein Rheinländer und ein Sachse. Der Hamburger hielt das Gelübde. Der Rheinländer vergaß es. Der Berliner zahlte am 15. Juni eine Mark achtzig a conto, mit der Begründung, sein Sozius sei verreist. Der Sachse wußte ärschd gahrnischd von dr Sache, wurde verklagt, stellte vor der Urteilsverkündung einen Wechsel über die Summe aus, ließ ihn zu Protest gehen … Ich komme gelegentlich vorbei, um zu sehen, was aus der Geschichte geworden ist.

*

[318] Mrs. Atkerson wurde an einem schönen Sommermorgen in den Rocky Mountains von einem wilden Räuber angefallen und etwas vergewaltigt. Sie beschwor ihn, von seinem Vorhaben abzustehen, da man am Sonntag keine Arbeit tun solle. „Wären Sie in die Kirche gegangen, Missis!“ entgegnete der Räuber und fuhr fort.

*

Über die Familie der Zukünftigen muß man sich erkundigen. Der Berliner fragt auf der Börse, der Engländer im Klub, der Franzose befragt ihre Concierge, der Wiener erkundigt sich im Caféhaus, und der Ungar haut auf alle Fälle seinem besten Freund ein paar hinter die Ohren.

*

Berlin S arbeitet, Berlin N jeht uff Arbeet, Berlin O schuftet, Berlin W hat zu tun.

*

Ein Reverend ging einmal in ein schlechtes Londoner Haus. Nach einer halben Stunde kam er wieder heraus. „Nein,“ sagte er. „Da langweile ich mich lieber in einer Kirche.“

*

In Wien sollte eine Kindesmörderin hingerichtet werden. Die Exekution verzögerte sich eine halbe Stunde, weil die Beamten den Strick vergessen hatten. Dann war alles aus. „Wie war es?“ fragte man sie im Fegefeuer. „Nicht schön“, antwortete die arme Seele. „Aber der Henker hat am End so lieb g’schaut!“

*

[319] Ein Fremder saß am Lido und blickte träumerisch in die glutenden Abendgluten der Lagunen. Gut. Da tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Und als er sich jäh umwandte, da stand vor ihm ein herrlich schöner Jüngling, der deutete mit der Rechten auf das Wasser und sagte erklärend: „Il mare!“ Und hielt die Linke bittend hingestreckt.

*

Einmal wurde ein besonders unanständiger, besonders kniffliger Witz erzählt. Der Tscheche verstand ihn sofort, der Italiener gleich, der Holländer nach einer halben Stunde und die Dame aus Hamburg nie. Der Grieche kannte ihn.

*

(Nur für Kenner.) Ein baltischer Baron schrieb an seinen Freund einen acht Seiten langen Brief, der handelte nur von der Jagd: von Schnepfen, Hühnern, Hasen und einem Fuchs. Nach der Unterschrift stand ein P.S.: „Habe ganz verjessen, Dir mitzutäilen, daß meine liebe Minna mit äinem Ausländer echappiert ist.“ Die liebe Minna war die Frau.

*

In Ungarn lebte einmal ein Mann, der war dafür berühmt, daß er noch nie berühmt war.

*

In Tokio wollte einst ein Europäer den heimischen Wein trinken. „Haben Sie auch französischen?“ fragte er den Wirt. „Oho!“ sagte der stolz. „Bei uns können Sie alles haben – so europäisch wie Sie sind wir schon lange!“ Und brachte eine Flasche.

Auf dem Etikett stand: „BORDEAUX FRERES.“

*

[320] Ein Mann fiel vom Mond. Die Deutschen legten ihn auf die rechte Straßenseite; die Franzosen fragten: „Vous venez de la part de qui– ?“; die Italiener zogen sich scheu zurück, denn sie hielten ihn für einen Spitzel Mussolinis; die Dänin beschnupperte ihn und sagte: „Ist er nicht der geschiedene Mann von Frau Johannsen –?“ Hierauf begab sich der Mann wieder zum Mond zurück.

*

Die Engländer wollen etwas zum Lesen, die Franzosen etwas zum Schmecken, die Deutschen etwas zum Nachdenken.

*

Es gibt keine geborenen Großstädter.

Der Berliner sagt, er sei in Breslau geboren, stammt aber aus Posen; der Pariser ist aus Tunis und bestenfalls aus Frankfurt, der Wiener aus Czernowitz und der Newyorker aus Württemberg. Nur die Prager sind aus Prag, und das ist ihnen ganz recht.

*

Die Holländer wollen Frieden; der Franzose will keinen Krieg; der Engländer will unter Umständen keinen Frieden: und der Deutsche will, daß die andern mit ihm Krieg anfangen.

*

Die Nationen wurden aufgefordert, einen Kreis zu zeichnen.

Der Amerikaner trat mit einer Kreiszeichnungsmaschine an, the biggest of the world; der Engländer zeichnete freihändig einen fast einwandfreien Kreis; der Franzose ein reichgeschmücktes [321] Oval; der Österreicher sagte: „Gehns – mir wern uns do net herstelln!“ und pauste den englischen Kreis durch. Die Deutschen lieferten ein Tausendundsechsundneunzig-Eck, das fast wie ein Kreis aussah; es war aber keiner.

*

Ein Kommunist war eingekerkert worden, und die ersten europäischen Schriftsteller wurden gebeten, sich dazu zu äußern.

Der Franzose schrieb einen blendenden Aufruf, gebrauchte hierbei die Form „que vous doutassiez“ und entfesselte damit eine bewegte Diskussion in seinem Vaterlande; G. B. Shaw verfaßte ein außerordentlich ironisches Drama, worin er sich über seine Landsleute derart schonungslos lustig machte, daß auf Wochen hinaus kein Billett zu haben war, von dem Gefangenen war übrigens in dem Stück nicht die Rede; der Deutsche unterzeichnete den Protest nicht, weil er mit dem Verhafteten nicht in allen Punkten übereinstimmte. Zwei aber drangen tatkräftig in das Gefängnis ein. Als erster kam der Russe in die Zelle. Da lag der Gefangene und war tot: der Faschist hatte ihn schon erschossen.

*

Nach dem Sündenfall vergißt der Franzose eine Frau, der Engländer heiratet sie, der Rumäne verschafft ihr einen Mann, der Deutsche fängt einen Prozeß mit ihr an, und der Amerikaner heiratet sie vorher.

*

Die Engländer sind die Römer der Neuzeit. Die Franzosen sind die Chinesen des Westens. Die Japaner sind die Engländer des Ostens. Die Belgier sind die Polen des Westens. [322] Nur was die Bayern eigentlich für ein Volksstamm sind – das hat noch kein Mensch herausbekommen.

*

Die Dänen sind geiziger als die Italiener. Die spanischen Frauen geben sich leichter der verbotenen Liebe hin als die deutschen. Alle Letten stehlen. Alle Bulgaren riechen schlecht. Rumänen sind tapferer als Franzosen. Russen unterschlagen Geld. Das ist alles nicht wahr – wird aber im nächsten Kriege gedruckt zu lesen sein.

*

Man kann sich einen Franzosen vorstellen, der englisch spricht. Man kann sich auch einen Amerikaner vorstellen, der richtig englisch spricht. Man kann sich zur Not einen Engländer vorstellen, der Französisch spricht. Ja, man kann sich sogar einen Eskimo vorstellen, der italienische Arien singt. Aber einen Neger, der sächselt: das kann man sich nicht vorstellen.

*

Der Deutsche denkt sichs aus; der Italiener erfindets; der Engländer setzt es in die Praxis um; der Amerikaner kauft das Patent; der Japaner machts nach; der Spanier wills gar nicht haben; bei dem Norweger spricht sichs langsam herum – und der Franzose ernennt alle Beteiligten zu Mitgliedern der Akademie Réaumur. Hierauf schreibt der erstaunte Deutsche eine Bibliographie des Vorfalls.

*

[323] Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehn.

Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen.

*

Man ist in Europa einmal Staatsbürger und zweiundzwanzigmal Ausländer. Wer weise ist: dreiundzwanzigmal.

*

Als Gott der Herr die Trompete des Jüngsten Gerichts hatte erschallen lassen: da standen die Deutschen ausgerichtet in zwei Reihen, mit einem besonders zuwidern Kerl vor der Front; die Engländer kamen pünktlich und gelassen angestelzt, ihre Köpfe trieben sie mit Golfschlägern vor sich her; aus der Ecke der Franzosen hörte man gar fröhliches Hämmerklopfen: sie schlugen sich kleine Löcher in die dritte Querrippe, um ihre Bändchen darin unterzubringen; die Schweizer brummelten, aufgeweckt seien sie noch nie gewesen; die Spanier blieben liegen und sagten: „Mañana! Morgen!“ und die amerikanische Abteilung des Friedhofs hatte illuminiert:

Heute Jüngstes Gericht!
Das jüngste der Welt!
Von Pastor Higgins von der Chicagoer Sonntagsschule vorausgesagt!
Pastor Higgins und lieber Gott persönlich anwesend!

Als Gott der Herr dies aber alles mit ansah, da jammerte ihn der Affenstall, und er vertagte die Sitzung auf unbestimmte Zeit.


Anmerkungen (Wikisource)

Erstdrucke unter dem Titel „Nationales“ in: Weltbühne

  • In Ungarn …; 31. Juli 1924
  • Nationales Die Engländer sind …; 25. November 1924
  • Der Deutsche fragt … ; 13. Oktober 1925
  • Die Engländer wollen …; 16. Februar 1926
  • In Europa …; 2. März 1926