Schloß Hohnstein in der sächsischen Schweiz

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Autor: H. Kg.
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Titel: Schloß Hohnstein in der sächsischen Schweiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 359–362
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Schloß Hohnstein in der sächsischen Schweiz.


Wie in der Familie, so giebt es auch in der Natur Aschenbrödel. Als solch ein armes, zurückgesetztes Wesen erscheint mir immer das alte romantische Schloß Hohnstein, das von steilem Felsen in die reichste Landschaft sieht, zu Füßen stille Wälder, anmuthige Thäler, kleine Gebirgswässer und wunderlich geformte Steinmassen, die sich, Geschiebe und Schichten bildend, in langen Ketten dahinziehen, oder losgelöst umherliegen, die Häupter geschmückt mit saftgrünem weichen Moos und dem graziösen Farrenkraut. Die Einsamkeit, die auf dem Ganzen ruht, theilt es mit all jenen Gegenden, die seitab von der Heerstraße liegen, und erhöht dadurch das Interesse des Touristen, der sein Ziel nicht in einer zerstreuungssüchtigen Menge sucht, sondern in einer Umgebung, die von jener noch möglichst unentweiht blieb.

Mit der Eisenbahn oder dem Dampfschiff erreichen wir Rathen, das unmittelbar an der Elbe liegt. Man blickt von dort auf den nahen Lilienstein, dessen großartige Umrisse das Vorurtheil arg beschämen, als müsse der sogenannten sächsischen Schweiz, gegenüber der wirklichen, durchaus der Stempel des Kleinlichen und Niedlichen aufgedrückt sein. Allerdings ist dieser Zuname wenig glücklich gewählt, und die alte Bezeichnung „Meißner Hochland“ oder „Elbgebirge“ wäre vorzuziehen, da sie weder zu Vergleichen noch Enttäuschungen herausfordert, namentlich bei Denen, die hier Gletscher oder Edelweiß suchen, und wohl am liebsten mit Gebirgsstock und Steigeisen kommen möchten. Ehe wir Rathen verlassen, sei noch auf dessen malerische Gebirgshäuschen aufmerksam gemacht, von denen viele wie Schwalbennester an der Thalwand kleben. Wegen der alljährlich eintretenden Elbüberschwemmungen haben sie nicht selten einen Rettungskahn, der zum Hausmöbel gehört.

Der schönste Weg nach Hohnstein führt durch den „Buttermilchgrund“ und ist bequem, jedoch für den Fremden nicht ohne Führer, in zwei Stunden zu erreichen. Auf der höchsten Spitze des Felsens liegt das von drei Seiten mit Abgründen umgebene Schloß, welches durch eine steinerne Brücke mit der Stadt zusammenhängt und sich in das alte und neue theilt. Sein Ursprung greift in die ältesten Zeiten der Geschichte Sachsens zurück. Böhmische Herren von Cluhmen, Clomen oder Lohmen waren angeblich die ältesten Besitzer der Pflege von Hohenstein. Historisch gewiß ist, daß gegen 1330 die böhmischen Birken oder Berken von der Duba hier residirten, welche schon in Urkunden des zwölften Jahrhunderts vorkommen. Lateinisch wurden sie „Barones de quercu“ genannt, weil Duba soviel als Eiche heißen soll, weshalb sie auch in ihrem Wappen zwei kreuzweis übereinandergelegte schwarze Eichenäste mit fünf Zacken führten, wie noch über einem innern Thor des Schlosses zu sehen. Gleich den Burggrafen von Dohna trieben auch die Duba viel „Plackereien“, das heißt, sie pflegten neben andern ritterlichen Anmaßungen vorzüglich das Raubwesen, und hielten es mit den Hussiten, was den in Stolpen residirenden meißnischen Bischof, Johann den Vierten, derart empörte, daß nach unendlichen Kämpfen Hohnstein endlich unter meißnische Hoheit kam. Friedrich der Sanftmüthige nahm es 1444 ein, „damit die Fürsten zu Sachsen des Gebirgs vom Böhmerwalde besser mächtig werden könnten.“

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Die Gartenlaube (1873) b 360.jpg

[362] Nach dem Tode des Letzten von der Duba kam Hohnstein am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an Herzog Albrecht zu Sachsen, der es 1480 seinem Marschall Heinrich von Schleinitz schenke, dessen Söhne es einem von Schönburg überließen, bis es 1543 an Herzog Moritz von Sachsen fiel, seit welcher Zeit es beständig dem Kurhause gehörte. Im dreißigjährigen Kriege berannten es vergeblich die Kaiserlichen, wie die Schweden. Mehrmals wurde es vom Feuer, wenn auch nur theilweis, zerstört, zuletzt 1604 durch den Blitz, wobei der älteste Theil des Schlosses nebst allen Urkunden völlig zerstört wurde. Auf diesen Trümmern wurden in neuester Zeit eine Kirche im Anschluß an die Reste der alten, sowie ein großes dreistöckiges Gebäude nebst Aussichtsthurm aufgeführt, nachdem das ganze Schloß, bis 1860 Sitz eines Gerichtsamtes, 1858 für eine Männer-Corrections-Anstalt hergerichtet wurde, wodurch allerdings vielfache Umgestaltungen nöthig wurden, die leider manche alterthümliche Ueberreste verdrängten. Jedoch ist man hiebei mit möglichster Schonung verfahren, wie der noch ziemlich unversehrt gebliebene gothische Chor der früheren St. Annacapelle bezeugt. Der Zweck der Anstalt ist, die sittliche Besserung solcher Leute anzustreben, die sich durch die geordneten Polizeistrafen von ihrer unregelmäßigen Lebensweise nicht abbringen ließen, und dieser Zweck wird ebenso umsichtig als energisch und human verfolgt.

Hohnstein ward sonst, gleich dem Königstein, als Staatsgefängniß benutzt, woher sich noch das bekannte: „Wer da kommt nach dem Hohenstein, der kommt selten wieder heim“ im Volksmunde fortgepflanzt hat. So drohte zum Beispiel der Bürgermeister Rauscher in Leipzig dem bekannten Dr. Peucer, als er, des Kryptocalvinismus verdächtig, auf der Pleißenburg saß, man werde ihn, wenn er seinen Sinn nicht ändere, „nach Hohnstein führen und ihn da in einem unterirdischen Gefängnisse und finsteren Loche durch Gestank, Unflath und giftiges Gewürm elendiglich umkommen lassen.“ Ueberhaupt saßen hier mehrere in der Kirchengeschichte denkwürdige Gelehrte, wie der bekannte Gegner Luther’s, Hieronymus Emser, der berüchtigte Wittenberger Professor Joh. Mayor, und der in der Geschichte des dreißigjährigen Krieges bekannte Dr. Craz. Auch verwahrte man hier viele Edelleute, darunter den bekannten Baron Klettenberg, dessen Gefängniß, ein finsteres feuchtes Loch, in dem der Gefangene bald den Scorbut bekam, nur für die schwersten Verbrecher bestimmt war. Zuletzt saß hier der Mörder Hahn, an dem (wenn wir nicht irren, 1770) die letzte Tortur vollzogen wurde.

Der von einer steilen Felswand hinter’m Schlosse und Mauerresten gebildete große Raum heißt jetzt noch der Bärenzwinger und ward als solcher 1609 feierlich eingeweiht. Fast hundertundfünfzig Jahre pflanzten sich hier Bären fort, wurden aber 1756 alle erschossen, da sie nicht selten die Mauern überkletterten und die Umgegend unsicher machten. (In diesem Bärenzwinger sehen wir auf unserem Mittelbilde, das vom gegenüberliegenden Felsen, dem „Großkäs“, aufgenommen ist, die ganze Breitseite des Schlosses mit dem neuesten und alten Theil. Das Gebäude in der gesonderten Abtheilung links, mit dem Thurm, das so kühn in die Luft hinausragt, hängt achtunddreißig Ellen über dem Loth.) Unter jenen Bären befand sich auch des Kurfürsten Friedrich August des Ersten bekannter Liebling, der zur Strafe hierher geschickt worden war, weil er sich thätlich an seinem fürstlichen Herrn vergriffen, der ihn geneckt hatte. Doch sollte Freund Petz nicht hier seine Tage beschließen, sondern im nahen Sedlitz bei einem Thiergefechte enden, wo er von einem Auerochsen an die Wand gespießt wurde, nachdem er noch vorher einem andern die Hörner nebst dem Hirnschädel abgerissen hatte. So berichten uns Merkel und Engelhardt.

Von Hohnstein nach Westen steht der gegen sechshundert Fuß hohe Hockstein mit seiner berühmten Wolfsschlucht und Teufelsbrücke. Durch eine fünf Fuß hohe und drei Fuß breite Höhle (Wolfsschlucht genannt) gelangt man auf die Oberfläche des Felsens, die über vierhundert Schritte im Umfang hat. Die Schlucht wird, je höher, desto enger. Das Licht fällt immer sparsamer ein, bis endlich ein von der Natur gebildetes Portal auf einen von drei Seiten mit Felsen umgebenen Platz führt, von welchem man noch ein ziemliches Stück steigen muß, ehe man den höchsten freien Gipfel des Hocksteins erreicht. Stufen, große Falze, Ueberreste eiserner Haken an der Spitze eines vorspringenden Felsenhorns lassen keinen Zweifel, daß der Hockstein einst bewohnt und befestigt war und mit dem nahen, nur durch das Polenzthal getrennten Hohnstein in Verbindung stand. Tief unten im Thale geht noch die alte malerische Mühle wie vor hundert Jahren, nur mit dem Unterschied, daß hier kein Lachsstechen mehr abgehalten wird, wie noch zu jener Zeit, als der Amtsfischpachter alle Jahre fünfzig Lachse in den Mühlgraben liefern mußte, wo man sie, wenn sie „abgestrichen“ hatten, entweder wieder fortließ oder mit großen vierzackigen Gabeln herausstach.

Der interessanteste Rückweg von Hohnstein, der nach der Festung Königstein oder direct nach Rathen führt, ist der „neue Weg“, noch immer so genannt, obwohl er bereits 1665 angelegt wurde. Nirgends sind die Felsen, umklammert von den Wurzeln himmelanstrebender Fichten und Tannen, so sonderbar gestaltet, nirgends treten sie so eng zusammen und scheinen über uns hereinzustürzen, wie hier. Endlich empfängt uns ein weites schönes Thal, aus dem, wieder bergaufsteigend zwischen Farren, Moosen und Haidekraut, ein vielfach gewundener Pfad, „Indianerpfad“ genannt, auf die jenseitigen Höhen führt, von denen wir unmittelbar den Heimweg antreten. In seiner ganzen Majestät steigt wieder der Lilienstein mit den ihn umgebenden ähnlich gestalteten Felsen vor uns auf, die wie riesige Wurzelstöcke aus der Erde ragen und sich mit ihren ernsten Formen wie Schattengeister von dem abendlichen Himmel abheben.
H. Kg.