Glück auf!

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Autor: E. Werner
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Titel: Glück auf!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1–23
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]

Glück auf!
Von E. Werner, Verfasser von „Ein Held der Feder“ und „Am Altar“.

Die Hauptkirche der Residenz war trotz der späten Nachmittagsstunde noch dicht gefüllt. Die Menge der Anwesenden und der reiche Blumenschmuck des Altars drinnen, sowie die lange Reihe wartender eleganter Equipagen draußen ließen darauf schließen, daß die Trauung, welche hier vollzogen werden sollte, auch in weiteren Kreisen Interesse und Theilnahme erregte. Die Haltung der Zuhörer war die gewöhnliche bei solchem Anlaß, wo die Heiligkeit des Ortes jede lautere Aeußerung der Neugierde oder Theilnahme verbietet, eine erwartungsvolle Unruhe, ein Flüstern und Zusammenstecken der Köpfe in einzelnen Gruppen, und eine gespannte Aufmerksamkeit für alles, was in der Nähe der Sacristei vorging, endlich ein allgemeines Ah! der Befriedigung, als die Thüren derselben geöffnet wurden und mit den ersten Tönen der Orgel, die jetzt einfielen, der Brautzug erschien.

Es war eine zahlreiche und glänzende Versammlung, die sich hier um den Altar und das Brautpaar gruppirte. Reiche Uniformen, schwere Sammet- und Atlasroben, duftiges Spitzengewebe, Blumen und Diamanten, das alles schimmerte, wogte und rauschte durcheinander, in einer wahrhaft blendenden Pracht. Die Geburts- und die Geldaristokratie schienen in ihren hauptsächlichsten Vertretern anwesend zu sein, um der Ceremonie einen erhöhten Glanz zu verleihen.

Zur Rechten der Braut, als der Erste unter den Gästen, stand ein hoher stattlicher Officier, dessen Uniform und dessen zahlreiche Orden auf eine längere militärische Laufbahn deuteten. Seine Haltung war einfach und würdevoll, der bevorstehenden Feierlichkeit angemessen, und doch schien es, als berge sich hinter dem Ernste dieser Züge etwas, das nicht zu dem frohen Anlaß passen wollte. Es war ein eigenthümlich düsterer Blick, der auf dem Brautpaar ruhte, und als er, sich von diesem abwendend, die dicht gefüllte Kirche streifte, da zuckte es wie unterdrückter Schmerz oder Zorn durch die stolzen Züge, und die festgeschlossenen Lippen zitterten leise.

Ihm gegenüber, in unmittelbarer Nähe des Bräutigams, stand ein anderer Herr in Civiltracht, gleichfalls schon in vorgerücktem Alter, gleichfalls, wie es schien, zum nächsten Verwandtenkreise gehörig, aber weder die Brillantenverschwendung, die er in Uhr, Ringen und Tuchnadeln zur Schau trug, noch die ungeheuer selbstbewußte Haltung vermochten ihm auch nur einen Schimmer jener Vornehmheit zu geben, die sein Gegenüber in so hohem Maße besaß. Die ganze Erscheinung war entschieden gewöhnlich, um nicht zu sagen gemein, und selbst der Ausdruck unverhohlenen Triumphes, der jetzt darauf lag, war nicht im Stande, ihr ein anderes Gepräge zu geben. Es war in der That ein unendlicher Triumph, mit dem er das Brautpaar betrachtete und dann auf die glänzende Versammlung, auf die dicht besetzten Reihen der Kirchstühle schaute, eine Genugthuung, mit der man die Erreichung eines langerstrebten Zieles begrüßt und empfindet; ihm trübte sicher kein Schatten die Freude an der bevorstehenden Festlichkeit.

Diese beiden Männer schienen aber auch die einzigen zu sein, die ihr ein tieferes Interesse widmeten, das Brautpaar zum Mindesten that es nicht. Der fremdeste, unbetheiligtste der Gäste hätte keine vollendetere Gleichgültigkeit bei dem feierlichen Act zur Schau tragen können, als diese beiden Menschen, die in wenig Minuten einander für immer angehören sollten. Die etwa neunzehnjährige Braut war unleugbar ein schönes Mädchen, aber es wehte etwas wie ein eisiger Hauch um sie her, der wenig zu dem Ort und der Stunde paßte. Das Licht der Altarkerzen spielte in den schweren Falten des weißen Atlasgewandes, es blitzte in den Diamanten des kostbaren Schmuckes, aber es fiel auf ein Antlitz, das mit der Schönheit des Marmors auch dessen ganze Kälte und Starrheit empfangen zu haben schien, wenigstens für diese Stunde, die doch sonst selbst die kälteste Ruhe zu beleben pflegt. Das Aschblond der schweren Flechten, in denen der Myrthenkranz lag, contrastirte seltsam mit den dunklen Augenbrauen und den dunklen, fast schwarzen Augen, die sie kaum ein- oder zweimal während der ganzen Ceremonie zu dem Geistlichen emporhob. Das regelmäßige, etwas bleiche Gesicht, an dessen Seiten der Brautschleier niederfloß, trug den Ausdruck jener Vornehmheit, die wohl angeboren, aber nicht anerzogen werden kann. Vornehmheit war überhaupt das vorherrschende Element in dieser Erscheinung, sie verrieth sich nicht blos in den zart und [2] edel gezeichneten Linien der Züge, auch in der Haltung, in dem ganzen Wesen prägte sie sich so deutlich aus, daß jede andere, vielleicht charakteristischere Eigenschaft davor in den Hintergrund trat. Die junge Dame schien nur geschaffen, um auf den Höhen des Lebens einherzuschweben und nie mit dem in Berührung zu kommen, was sich etwa noch von Menschen und Verhältnissen da unten regte. Und trotz alledem lag in den dunklen Augen etwas, das mehr Energie und Charakter verrieth, als man bei einer Salondame zu finden pflegt, und vielleicht forderte gerade die jetzige Stunde diese Energie und diesen Charakter in die Schranken, denn die Blicke des Herrn in Uniform zu ihrer Rechten und der drei jüngeren Officiere, die hinter ihm standen, hafteten, je weiter die Ceremonie vorschritt, desto forschender, ängstlicher auf ihrem Gesichte, das indessen so kalt und ruhig blieb, wie es vom ersten Momente an gewesen.

Der Bräutigam an ihrer Seite war ein junger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren, eine jener nicht eben seltenen Gestalten, die wie eigens geschaffen scheinen für den glänzenden Rahmen der Salons, die nur auf diesem Boden ihre Bedeutung finden, ihre Triumphe feiern und ihr Leben hinbringen. Von tadelloser Eleganz in Haltung und Toilette, verrieth sein ganzes Wesen gleichwohl den Höhepunkt der Blasirtheit. Die an sich feinen und anziehenden Züge trugen den Ausdruck einer so grenzenlosen Apathie, einer so tödtlichen Gleichgültigkeit gegen Alles und Jedes, daß sie jeden Reiz für den Beobachter verloren. Da war alles so matt, so farblos, auch nicht ein Hauch von Röthe auf den Wangen, auch nicht ein Schein von Leben in dem Gesichte, das da aussah, als könne es sich weder in Freude noch in Schmerz zu der mindesten Erregung mehr aufschwingen. Er hatte seine Braut zum Altare geführt, wie man in der Gesellschaft die Damen an ihren Platz geleitet, und jetzt stand er neben ihr und hielt ihre Hand in der seinen genau in derselben apathischen Weise. Weder die Wichtigkeit des Schrittes, den er zu thun im Begriff stand, noch die Schönheit der Frau, die ihm anvermählt werden sollte, schienen auch nur den geringsten Eindruck auf ihn zu machen.

Die Rede des Geistlichen war zu Ende, und er schritt zur eigentlichen Ceremonie der Trauung. Laut und klar hallte seine Stimme durch die Kirche, als er Herrn Arthur Berkow und die Baroneß Eugenie Maria Anna von Windeg-Babenau fragte, ob sie einander als Gatten angehören wollten.

Wieder zuckte es durch das Antlitz des Officiers drüben, und ein Blick fast des Hasses sprühte nach der andern Seite hinüber – in der nächsten Minute schon war das zweifache Ja gesprochen, mit dem einer der ältesten, stolzesten Namen der Aristokratie gegen das einfach bürgerliche Berkow umgetauscht wurde.

Kaum war die Trauung zu Ende und das letzte Wort des Segens gesprochen, als der brillantengeschmückte Herr sich eilig vordrängte, augenscheinlich in der Absicht, die Neuvermählte mit großer Ostentation zu umarmen; doch noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte, stand bereits der Officier da. Ruhig, aber mit einer Miene, als nehme er ein unabweisbares Recht in Anspruch, trat er zwischen Beide und schloß, als der Erste, die junge Frau in seine Arme; doch die Lippen, welche ihre Stirn berührten, waren kalt, und sein Antlitz, das, zu ihr niedergebeugt, einige Secunden lang allen Uebrigen entzogen blieb, trug einen ganz andern Ausdruck als vorhin in seiner ruhigen stolzen Würde.

„Muth, mein Vater, es mußte sein!“

Die Worte, ihm nur allein verständlich, streiften leise, fast unhörbar an seinem Ohre hin; aber sie gaben ihm die Fassung wieder. Noch einmal preßte er die Tochter an sich; es lag fast etwas wie Abbitte in der Zärtlichkeit dieser Bewegung; dann ließ er sie frei und gab sie der nun unvermeidlichen Umarmung des andern Herrn preis, der bisher mit sichtlicher Ungeduld gewartet hatte und es sich nun nicht nehmen ließ, seine „theure Schwiegertochter“ zu begrüßen.

Diese machte allerdings keinen Versuch, sich ihm zu entziehen, denn die Augen der ganzen Kirche waren auf sie gerichtet. Sie stand unbeweglich, kein Zug des schönen Gesichtes veränderte sich, nur das Auge hatte sie emporgehoben, aber es lag in diesem Blicke ein unnahbarer Stolz, eine so eisige Zurückweisung dessen, was sie nicht verweigern durfte, daß sie selbst hier verstanden wurde. Etwas aus der Fassung gebracht, änderte der Schwiegervater seine stürmische Zärtlichkeit sofort in respectvolle Artigkeit um, und als in der nächsten Minute die Umarmung nun wirklich erfolgte, da war sie in der That nicht viel mehr als eine Form, bei der seine Arme eben nur die duftigen Wogen des Brautschleiers streiften. Das ganze wahrlich nicht geringe Selbstbewußtsein des neuen Verwandten hatte doch vor diesem Blicke nicht Stand gehalten.

Der junge Berkow machte seinem Schwiegervater die Sache nicht so schwer. Etwas, das wie ein Händedruck aussah und bei dem in Wirklichkeit kaum seine weißen Handschuhe mit denen des Barons in Berührung kamen, wurde zwischen ihnen gewechselt; es schien Beiden vollkommen zu genügen; dann reichte er seiner jungen Gattin den Arm, um sie hinauszuführen. Die Atlasschleppe der Braut rauschte über die Marmorstufen, hinter den Voranschreitenden schloß sich die schimmernde Woge der Gäste, die dem Paare folgten, und bald darauf hörte man auch die Equipagen draußen eine nach der andern fortrollen.

Auch die Kirche entleerte sich rasch; theils drängte man nach den Thüren, um die Einsteigenden noch einmal zu sehen; theils eilte man, draußen all den unendlich wichtigen Bemerkungen und Beobachtungen über Toilette, Haltung und Aussehen des Brautpaares und der zunächst Betheiligten Luft zu machen. In weniger als zehn Minuten war der weite Raum vollkommen leer und öde; nur das Abendroth blickte durch die hohen Fenster und überfluthete den Altar und das Altargemälde mit seinem rothen Lichte, so daß die Gestalten auf dem alten Goldgrunde zu leben schienen. Von einem Luftzuge bewegt, wehten die Flammen der Kerzen hin und her, und am Boden dufteten die Blumen, die man in verschwenderischer Fülle dorthin gestreut hatte. Die Schleppen der Damen waren darüber hingerauscht, der Fuß der Herren hatte sie zertreten. Zu was sollten die armen Blumen auch weiter dienen inmitten all der so reich entfalteten Diamantenpracht bei jenem Feste, mit dem die Verbindung zwischen der Tochter eines alten reichsfreiherrlichen Adelsgeschlechtes und dem Sohne eines der Millionäre der Residenz gefeiert wurde! Vor dem Windeg’schen Hause fuhren bereits die Wagen an, und drinnen in den festlich erleuchteten Räumen begann es lebendig zu werden. Im Empfangssaale, vom hellsten Kerzenglanze umflossen, stand die junge Frau am Arme ihres Gatten, so schön, so stolz und so eisig, wie sie eine Stunde zuvor am Altare gestanden hatte, und nahm die Glückwünsche der sie umdrängenden Gesellschaft entgegen. Ob es wirklich ein Glück war, was sie soeben mit ihrem Ja besiegelt – der düstere Schatten, der noch immer auf der stolzen Stirn ihres Vaters ruhte, gab vielleicht die Antwort darauf.




„Nun Gott sei Dank, jetzt endlich wären wir in Ordnung! Es war aber auch die höchste Zeit, in einer Viertelstunde können sie hier sein. Ich habe die Leute oben auf dem Hügel genau instruirt; sobald der Wagen auf der Höhe sichtbar wird, kracht der erste Böllerschuß.“

„Aber, Herr Director, Sie sind ja heute ganz Eifer und Aufgeregtheit!“

„Sparen Sie doch Ihre Kräfte für den wichtigen Moment des Empfanges!“

„In Ihrer heutigen Stellung freilich, als Ceremonienmeister und Oberhofmarschall – –!“

„Sparen Sie Ihre Witzeleien, meine Herren!“ unterbrach der Director ärgerlich die Spöttelnden. „Ich wollte, man hätte Einen von Ihnen mit diesem verwünschten Posten beehrt. Ich habe genug daran!“

Das ganze sehr zahlreiche Beamtenpersonal der großen Berkow’schen Gruben und Bergwerke war in vollster Gala am Fuße der Terrasse des Wohngebäudes versammelt. Das schloßartige, im modernsten und elegantesten Villenstile erbaute Landhaus mit seiner reichen Façade, seinen hohen Spiegelfenstern und dem prachtvollen Eingangsportale machte schon an sich einen großartigen Eindruck, der durch die weiten geschmackvollen Gartenanlagen, welche es von allen Seiten umgaben, noch mehr gehoben wurde, zumal heute, wo Alles im Festgewande erschien. Man hatte augenscheinlich die sämmtlichen Treibhäuser entleert, um Treppenflure, Balcons und Terrassen mit dem reichsten Blumenflore zu schmücken. Die kostbarsten und seltensten Gewächse, die sonst schwerlich mit der freien Luft in Berührung kamen, entfalteten hier ihre Farbenpracht und ihren Blüthenduft. Auf den [3] weiten Rasenplätzen warfen die Fontainen ihren schimmernden Strahl hoch in die Lüfte, umgeben von dem ganzen sorgfältig gepflegten Schmucke des heimischen Frühlings in seinem ersten Erwachen, und vorn am Eingange öffnete eine riesige Ehrenpforte, mit Guirlanden und Fahnen verschwenderisch decorirt, ihr blumengeschmücktes Thor.

„Ich habe genug daran!“ wiederholte der Director, indem er in den Kreis der übrigen Herren trat. „Da verlangt Herr Berkow einen möglichst glänzenden Empfang und glaubt Alles gethan zu haben, wenn er uns einen unbeschränkten Credit auf die Casse anweist, mit dem guten Willen der Leute rechnet er nie. Ja, wenn wir noch die Arbeiter von vor zwanzig Jahren hätten! Wenn es da einmal einen freien Tag gab, eine Festlichkeit und Abends Tanz, da brauchte man wegen des Vivatrufens nicht in Sorge zu sein, aber jetzt – passive Gleichgültigkeit auf der einen, offene Widersetzlichkeit auf der andern Seite; es fehlte nicht viel, so hätte man der jungen Herrschaft jeden Empfang überhaupt verweigert. Wenn Sie morgen nach der Residenz zurückkehren, Herr Schäffer, so könnte es nicht schaden, wenn Sie bei dem Bericht über unsere Festlichkeit gelegentlich einen Wink fallen ließen über das, was man dort nicht weiß oder nicht wissen will.“

„Ich werde mich hüten!“ entgegnete der Angeredete trocken. „Haben Sie etwa Lust, die Höflichkeiten unseres verehrten Chefs auszuhalten, wenn er etwas ihm Mißliebiges erfährt? Ich ziehe in solchem Falle eine möglichst weite Entfernung von seiner Person vor.“

Die übrigen Herren lachten; es schien gerade nicht, als erfreue sich der abwesende Chef einer besonderen Ehrerbietung in ihrem Kreise.

„Also hat er die vornehme Heirath doch wirklich durchgesetzt!“ nahm der Ober-Ingenieur das Wort. „Mühe genug hat er sich darum gegeben, und es ist doch wenigstens ein Ersatz für das Adelsdiplom, das man ihm bisher immer noch hartnäckig verweigerte, und worauf doch sein ganzes Dichten und Trachten gerichtet ist. Zum Mindesten hat er den Triumph zu sehen, daß der alte Adel keinen Anstoß mehr an seinem Bürgerthum nimmt; die Windegs verschwägern sich ja mit ihm.“

Herr Schäffer zuckte die Achseln. „Denen blieb wohl überhaupt keine Wahl mehr! Die derangirten Verhältnisse der Familie sind kein Geheimniß in der Residenz. Ob es dem stolzen Baron gerade leicht geworden ist, seine Tochter zu einer solchen Speculation herzugeben, bezweifle ich: die Windegs gehörten von jeher nicht blos zur ältesten, sondern auch zur hochmüthigsten Aristokratie. Nun schließlich beugt sich auch das einmal der bitteren Nothwendigkeit.“

„So viel steht fest, uns wird diese vornehme Verwandtschaft ein rasendes Geld kosten!“ sagte der Director kopfschüttelnd. „Der Baron hat jedenfalls seine Bedingungen gestellt. Uebrigens kann ich durchaus nicht den Zweck all dieser Opfer einsehen. Ja, wenn es noch eine Tochter wäre, der man Rang und Namen damit erkaufte, Herr Arthur aber bleibt nach wie vor bürgerlich, trotz des uralten Stammbaumes seiner Gemahlin.“

„Glauben Sie? Ich möchte für das Gegentheil bürgen. Solche Verwandtschaft thut früher oder später immer ihre Wirkung. Dem Gemahl der Baroneß Windeg-Babenau, dem Schwiegersohn des Barons wird man schließlich doch den Adel nicht versagen, den der Vater bisher vergebens erstrebte, und was diesen betrifft, so wird man es auch nicht hindern können, daß er im Salon seiner Schwiegertochter mit den Kreisen in Berührung kommt, die bis jetzt noch immer entschieden Front gegen ihn gemacht haben. Lehren Sie mich unsern Chef kennen! Er weiß sehr genau, was diese Heirath ihm einbringt, und deshalb kann er es sich auch etwas kosten lassen.“

Einer von den Verwaltungsbeamten, ein junger, sehr blonder Mann, mit etwas engem Frack und tadellos sitzenden Glacéhandschuhen, hielt es für passend, jetzt gleichfalls eine Bemerkung laut werden zu lassen.

„Ich begreife nur nicht, warum die Neuvermählten ihre Hochzeitsreise hierher in unsere Einsamkeit richten, und nicht nach dem Lande der Poesie, nach Italien –“

Der Ober-Ingenieur lachte laut auf. „Ich bitte Sie, Wilberg! Poesie bei dieser Heirath zwischen Geld und Name! Uebrigens sind die Hochzeitsreisen nach Italien jetzt so Mode geworden, daß sie Herrn Berkow wahrscheinlich auch schon zu bürgerlich erscheinen. Die Aristokratie geht in solchem Falle ‚auf ihre Güter‘, und man will doch nun vor allen Dingen aristokratisch und nur aristokratisch sein.“

„Ich fürchte, die Sache hat einen ernsteren Grund,“ sagte der Director. „Man argwöhnt, der junge Herr könnte es in Rom oder Neapel ebenso treiben, wie er es während der letzten Jahre in der Residenz getrieben hat, und der Wirthschaft ein Ende zu machen, war doch wohl die höchste Zeit. Die Verschwendung ging ja zuletzt in die Hunderttausende! Man kann einen Brunnen ausschöpfen, und Herr Arthur war auf dem besten Wege, seinem Vater dies Experiment vorzumachen.“

Die schmalen Lippen Schäffer’s verzogen sich sarkastisch. „Der Vater hat ihn ja von jeher dazu angehalten, er erntet nur, was er selbst gesäet! Uebrigens können Sie Recht haben, hier in der Einsamkeit lernt man vielleicht eher dem Zügel einer jungen Frau gehorchen. Ich fürchte nur, sie faßt ihre allerdings wenig beneidenswerthe Aufgabe mit sehr geringem Enthusiasmus auf.“

„Sie glauben, daß man sie gezwungen hat?“ fragte Wilberg eifrig.

„Warum nicht gar, gezwungen! So tragisch geht die Sache in unseren Tagen nicht mehr zu. Sie wird einfach vernünftigem Zureden und einem klaren Einblick in die Verhältnisse nachgegeben haben, und ich bin überzeugt, diese Convenienzehe wird wahrscheinlich eine ganz erträgliche werden, wie in den meisten derartigen Fällen.“

Der blonde Herr Wilberg, der augenscheinlich eine Leidenschaft für das Tragische hatte, schüttelte melancholisch den Kopf.

„Vielleicht auch nicht! Wenn nun später in dem Herzen der jungen Frau die wahre Liebe erwacht, wenn ein Anderer – mein Gott, Hartmann, können Sie Ihren Zug denn nicht drüben entlang führen? Sie hüllen uns ja in eine förmliche Staubwolke mit Ihrer Colonne!“

Der junge Bergmann, an den diese Worte gerichtet waren, und der so eben an der Spitze von etwa fünfzig seiner Cameraden vorüberkam, warf einen ziemlich verächtlichen Blick auf den feinen Gesellschaftsanzug des Sprechenden, und dann einen zweiten auf den sandigen Fahrweg, wo die plumpen Schuhe der Bergleute allerdings einigen Staub aufwirbelten.

„Nach rechts hinüber!“ commandirte er, und mit einer fast militärischen Pünktlichkeit schwenkte die Schaar ab und schlug die angegebene Richtung ein.

„Ein Bär, dieser Hartmann!“ sagte Wilberg, sich mit dem Taschentuch den Staub vom Frack fächelnd. „Hat er wohl ein Wort der Entschuldigung für seine Ungeschicklichkeit? ‚Nach rechts hinüber!‘ Mit einem Commandotone, als wenn ein General seinen Truppen befiehlt. Und was er sich überhaupt alles herausnimmt! Hätte sich sein Vater nicht in’s Mittel gelegt, er hätte der Martha Ewas verboten, mein Gedicht zum Empfange der jungen gnädigen Frau herzusagen, mein Gedicht, das ich –“

„Nun bereits aller Welt vorgelesen habe!“ ergänzte der Ober-Ingenieur halblaut zum Director gewandt. „Wenn es nur etwas kürzer wäre! Uebrigens hat er Recht, es war eine Unverschämtheit von Hartmann, das verbieten zu wollen. Sie hätten ihn mit seinen Leuten auch nicht grade hier postiren sollen; von denen ist kein Empfang zu erwarten, es sind die widerspenstigsten Bursche der ganzen Werke.“

Der Director zuckte die Achseln. „Aber auch die stattlichsten! All’ die Uebrigen habe ich im Dorfe und auf dem Wege hierher aufgestellt, die Elite unserer Knappschaft gehört an die Ehrenpforte. Man will bei solcher Gelegenheit doch wenigstens Staat machen mit seinen Leuten.“

Der junge Bergmann, von dem soeben die Rede war, hatte inzwischen seine Cameraden rings um die Ehrenpforte postirt und sich an ihre Spitze gestellt. Der Director hatte Recht, es waren stattliche Bursche, aber sie blieben doch sämmtlich zurück hinter der Erscheinung ihres Führers, der sie alle fast um Kopfeslänge überragte. Es war eine mächtige, kraftvolle Gestalt, dieser Hartmann, der sich in der dunklen Bergmannstracht äußerst vortheilhaft ausnahm. Das Gesicht war nicht eigentlich schön zu nennen, wenn man die strengen Regeln der Schönheit darauf in Anwendung brachte, die Stirn erschien vielleicht etwas zu niedrig, die Lippen waren zu voll, die Linien nicht edel genug, aber sicher waren diese scharf und fest gezeichneten Züge nicht gewöhnlich. Das blonde Kraushaar legte sich dicht um die breite, wuchtige Stirn, während ein blonder, gleichfalls gekräuselter Bart den unteren [4] Theil des Gesichtes umgab, dessen kräftige, männlich braune Farbe nicht verrieth, daß es die Luft und den Sonnenschein so oft entbehren mußte. Die Lippen waren trotzig aufgeworfen und in den blauen, ziemlich finster blickenden Augen lag jenes Etwas, das sich nicht beschreiben läßt, das aber von gewöhnlichen Naturen sofort als Ueberlegenheit herausgefühlt und respectirt wird. Die ganze Erscheinung des Mannes war die verkörperte Energie, und so wenig Sympathie sie in ihrer starren Haltung auch erwecken mochte, so entschieden erzwang sie sich Bedeutung gleich beim ersten Anblick.

Ein älterer Mann, der, obgleich auch er die Bergmannskleidung trug, doch nicht zu den Arbeitern zu gehören schien, näherte sich jetzt in Begleitung eines jungen Mädchens und blieb dicht vor der Gruppe stehen.

„Glück auf! Da wären wir jetzt auch! Wie steht’s, Ulrich, seid Ihr in Ordnung?“

Ulrich bejahte kurz, während die Uebrigen den Gruß des Alten mit einem kräftigen „Glück auf, Herr Schichtmeister!“ beantworteten und die Blicke der Meisten sich auf dessen junge Begleiterin wandten.

Das etwa zwanzigjährige Mädchen konnte nun allerdings für sehr hübsch gelten und die dort übliche festliche Landestracht stand ihr ganz reizend. Eher klein als groß, reichte ihr Scheitel kaum bis zur Schulter des riesigen Hartmann, dichte dunkle Flechten umgaben ein frisches jugendliches Gesicht, leicht gebräunt von der Sonne, mit blühenden Wangen, klaren blauen Augen und kräftigen, aber dennoch anmuthigen Formen. Sie hatte eine Bewegung gemacht, wie um dem jungen Bergmanne die Hand zu reichen, als dieser aber mit verschränkten Armen stehen blieb, sank auch der ihrige schnell wieder herab; der Schichtmeister bemerke es und heftete einen scharfen Blick auf Beide.

„Wir sind wohl übler Laune, weil wir unseren Willen diesmal nicht durchgesetzt haben?“ fragte er. „Tröste Dich, Ulrich, es kommt selten genug vor, aber wenn Du es zu arg treibst, muß der Vater auch einmal ein Machtwort sprechen.“

„Wenn ich etwas über die Martha zu sagen hätte, dann hätte ich’s gesprochen!“ erklärte Ulrich entschieden, und ein finsterer Blick glitt über den prachtvollen, jedenfalls dem Treibhause entstammenden Blumenstrauß, den das Mädchen in der Hand hielt.

„Glaube ich Dir!“ sagte der Alte gleichmüthig, „sieht Dir ganz und gar ähnlich! Vorläufig ist sie mein Schwesterkind und hat sich nach mir zu richten. Aber was ist denn das mit Eurer Ehrenpforte da oben? Die große Flaggenstange hat sich ja gesenkt! Bindet sie wieder fest oder die ganze Kranzgeschichte fällt herunter.“

Ulrich, an den diese Mahnung hauptsächlich gerichtet war, warf einen gleichgültigen Blick hinauf zu den bedrohten Kränzen, machte aber keine Anstalt, ihnen zu Hülfe zu kommen.

„Hörst Du nicht?“ wiederholte der Vater ungeduldig.

„Ich dächte, ich stände bei den Gruben in Arbeit, nicht hier bei der Ehrenpforte. Ist’s nicht genug, daß wir hier oben Wache halten müssen? Wer das Ding gebaut hat, mag es auch wieder in Ordnung bringen.“

„Kannst Du denn das alte Lied nicht einmal heute lassen?“ fuhr der Schichtmeister ärgerlich auf. „Nun, so steige einer von Euch Anderen hinauf!“

Die Bergleute blickten auf Ulrich, als erwarteten sie von diesem ein Zeichen der Zustimmung, da dies aber nicht erfolgte, so rührte sich Keiner, nur Einer machte Miene, der Aufforderung Folge zu leisten; der junge Führer wandte sich schweigend um und sah ihn an. Es war nur ein einziger Blick der herrischen blauen Augen, aber er hatte die Wirkung eines Befehls, Jener trat sofort zurück, keine Hand regte sich mehr.

„Ich wollte, sie fiele Euch auf die harten Köpfe!“ rief der Schichtmeister heftig, indem er mit jugendlicher Rüstigkeit selbst hinaufstieg und die Flaggenstange festband. „Vielleicht lerntet Ihr dann, wie man sich bei einem Feste zu benehmen hat. Den Lorenz habt Ihr auch schon verdorben, der war bisher noch der Beste unter Euch, aber der freilich thut ja nur, was sein Herr und Meister, der Ulrich, ihm befiehlt!“

„Sollen wir uns vielleicht freuen, daß nun noch ein neues vornehmes Regiment hier angeht?“ fragte Ulrich halblaut. „Ich dächte, wir hätten an dem alten genug!“

Der Schichtmeister, mit der Fahne beschäftigt, hörte zum Glück diese Aeußerung nicht, das junge Mädchen aber, das bisher stumm seitwärts gestanden hatte, wandte sich hastig um und warf einen besorgten Blick nach oben.

„Ulrich, ich bitte Dich!“

Der trotzige junge Bergmann schwieg nun zwar auf diese Mahnung, aber seine Züge wurden um keinen Schein milder und nachgiebiger dabei. Das Mädchen war vor ihm stehen geblieben, es schien ihm schwer zu werden, etwas auszusprechen, das halb wie eine Frage und doch auch halb wie eine Bitte klang, endlich sagte sie leise:

„Und Du willst heute Abend wirklich nicht zum Feste kommen?“

„Nein.“

„Ulrich –“

„Laß mich in Ruhe, Martha, Du weißt, ich mag Eure Tanzgeschichten nicht.“

Martha trat rasch zurück, ihre rothen Lippen warfen sich jetzt auch trotzig auf und der feuchte Schimmer in ihrem Auge war wohl mehr eine Thräne des Zornes als der Kränkung bei diesem unfreundlichen Bescheide. Ulrich bemerkte das nicht, oder achtete nicht darauf, wie er sich denn überhaupt nicht viel um sie zu kümmern schien. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, wandte ihn das Mädchen den Rücken und ging hinüber nach der andern Seite. Die Augen des jungen Bergmannes, der vorhin bei der Fahne hatte helfen wollen, folgten ihr unverwandt, er hätte augenscheinlich viel darum gegeben, wenn die Aufforderung an ihn gerichtet gewesen wäre, er hätte sie sicher nicht so gleichgültig zurückgewiesen.

Der Schichtmeister war inzwischen wieder heruntergekommen und betrachtete eben mit großer Befriedigung sein Werk, als vom Hügel drüben der erste Böllerschuß krachte, dem in kurzen Zwischenräumen ein zweiter und dritter folgte. Dies Zeichen von der endlichen Ankunft der Erwarteten rief begreiflicher Weise einige Aufregung hervor. Die Herren drüben geriethen in lebhafte Bewegung. Der Director musterte in der Eile noch einmal sämmtliche Empfangsanstalten, der Ober-Ingenieur und Herr Schäffer knöpften ihre Handschuhe zu, und Wilberg eilte zu Martha hinüber, um sie vielleicht zum zwanzigsten Male zu fragen, ob sie seiner Verse auch sicher sei und nicht etwa durch unzeitige Befangenheit seinen ganzen Dichtertriumph auf’s Spiel setze. Selbst die Bergleute verriethen einiges Interesse, die, wie es hieß, junge und schöne Frau ihres künftigen Herrn kennen zu lernen. Mehr als einer zog den Ledergurt fester und drückte den Hut tiefer in die Stirn. Ulrich allein stand völlig unberührt da, ebenso starr, ebenso verächtlich wie vorhin, und warf auch nicht einmal einen Blick nach jener Seite.

Aber der mit so vieler Mühe und Sorgfalt vorbereitete Empfang sollte ganz anders ausfallen, als man erwartet und gehofft hatte. Ein Schreckensruf des Schichtmeisters, der jetzt außerhalb der Ehrenpforte stand, lenkte Aller Blicke dorthin, und was sie jetzt sahen, war allerdings entsetzlich genug.

[21] Die Höhe herab, über die der Weg vom Dorfe hierher führte, kam oder flog vielmehr ein Wagen, dessen Pferde augenscheinlich im Durchgehen begriffen waren. Vermuthlich durch die Böllerschüsse scheu gemacht, stürmten sie in rasendem Laufe dahin, so daß der Wagen, auf dem unebenen Wege hin- und hergeschleudert, in größter Gefahr schwebte, entweder den jähen Abhang rechts hinabzustürzen, oder an den mächtigen Bäumen links zu zerschellen. Der Kutscher schien alle Geistesgegenwart verloren zu haben, er hatte die Zügel fahren lassen, und klammerte sich in Todesangst an seinen Sitz an, und vom Hügel drüben, wo man der Bäume wegen das Unglück, das man angerichtet, nicht wahrnehmen konnte, krachte noch immer Schuß auf Schuß, und spornte die entsetzten Thiere zu immer wilderem Jagen an. Das schreckliche Ende dieser rasenden Fahrt lag nur zu deutlich vor Augen; bei der Brücke unten kam unausbleiblich die Katastrophe.

Die am Hause Versammelten thaten, was eine größere Versammlung bei solcher Gelegenheit meist zu thun pflegt. Man schrie laut auf vor Schrecken, man lief rathlos und hülflos durcheinander, die so nothwendige Hülfe wirklich zu bringen, fiel Niemandem ein. Selbst von den Grubenarbeitern hatte im Moment, auf den doch hier Alles ankam, keiner den Muth oder die Geistesgegenwart, rasch einzuschreiten. Keiner außer Einem, der allein seine Besonnenheit nicht verlor. Die Gefahr in ihrer ganzen Größe mit einem Blicke überschauen, den Vater und die Cameraden zur Seite schleudern und hinausstürzen, war für Ulrich das Werk einer Minute. In drei Sprüngen hatte er die Brücke erreicht, ein Angstschrei Martha’s hallte ihm nach – zu spät, er hatte sich den Pferden bereits entgegen geworfen und fiel ihnen in die Zügel. Hochauf bäumten sich die erschreckten Thiere, aber anstatt inne zu halten, setzten sie zu neuem Laufe an und wollten ihn mit sich fortreißen. Jeder Andere wäre von ihnen geschleift und zertreten worden, aber Ulrich’s Riesenkraft gelang es, sie zu bändigen. Ein furchtbarer Ruck am Zügel, den er nicht losgelassen, zwang das eine der Rosse zum Sturze, es fiel und riß im Fallen auch das andere mit sich nieder – der Wagen stand.

Der junge Bergmann war an den Schlag getreten, in der sicheren Voraussetzung, die Insassen, zum Mindesten die Dame, in Ohnmacht zu finden. Seiner Auffassung nach war dies der gewöhnliche Zustand der Vornehmen, wenn ihnen irgend eine Gefahr nahe trat, aber nichts von alledem hier, wo, wenn irgendwo im Leben, doch wirklich einmal die Berechtigung zur Ohnmacht vorhanden war. Die junge Frau stand aufrecht im Wagen, sich mit beiden Händen krampfhaft an der Rücklehne festhaltend, ihre starren, weit geöffneten Augen waren noch auf den Abhang gerichtet, in dessen Tiefe die Fahrt wahrscheinlich in der nächsten Minute ein schreckliches Ende gefunden hätte, aber kein Laut, kein Angstschrei war über ihre festgeschlossenen Lippen gekommen. Bereit, wenn es zum Aeußersten kam, einen Sprung zu wagen, der ihr hier freilich unausbleiblichen Tod gebracht hätte, hatte sie dem Tode stumm und fest in’s Antlitz gesehen, und ihr Gesicht zeigte, daß sie es mit vollem Bewußtsein gethan.

Ulrich hatte sie rasch umfaßt und herausgehoben, denn die am Boden sich wild aufbäumenden und schlagenden Thiere brachten den Wagen immer noch in einige Gefahr. Es waren nur wenige Secunden, während er sie über die Brücke trug, aber während dieser Secunden hefteten sich die dunkeln Augen fest auf den Mann, der sich mit solcher Todesverachtung fast unter die Hufe ihrer Pferde geworfen, und sein Blick streifte das schöne blasse Antlitz, das der Gefahr so muthig Stand gehalten – vielleicht war es dem jungen Bergmann gar zu ungewohnt, auf einmal ein weiches schillerndes Seidengewand im Arme, und sich von dem weißen luftigen Schleier umweht zu fühlen, der über seiner Schulter flatterte, ein Ausdruck der Verwirrung glitt über seine Züge, und hastig, beinahe ungestüm, setzte er die Dame drüben nieder.

Eugenie zitterte noch leise, als ihre Lippen sich zu einem tiefen freien Athemzuge öffneten, das war aber auch das einzige Zeichen der überstandenen Angst.

„Ich – ich danke Ihnen! Sehen Sie nach Herrn Berkow!“

Ulrich, der bereits im Begriff stand, dies zu thun, hielt befremdet inne. „Sehen Sie nach Herrn Berkow“, sagte die junge Frau, in einem Momente, wo jede angstvoll den Namen ihres Mannes gerufen hätte, und sie sagte es sehr kühl, sehr ruhig; eine Ahnung von dem, was die Herren an der Terrasse vorhin so ausführlich besprochen, dämmerte in dem jungen Bergmanne auf, er wandte sich um und ging nach „Herrn Berkow“ zu sehen.

Dieser bedurfte indessen seines Beistandes nicht mehr; er war bereits allein ausgestiegen und herübergekommen. Arthur Berkow hatte auch bei dieser Katastrophe seine passiv gleichgültige Natur nicht verleugnet. Als die Gefahr so unvermuthet hereinbrach und seine junge Gattin Miene machte, aus dem Wagen zu springen, hatte er nur die Hand auf ihren Arm gelegt und leise gesagt: „Bleib’ sitzen, Eugenie! Du bist verloren, wenn Du den [22] Sprung wagst!“ Dann war kein Wort, keine Sylbe weiter zwischen ihnen gewechselt worden, aber während Eugenie aufrecht im Wagen stand, nach Hülfe ausblickend und entschlossen, im letzten Moment dennoch das Aeußerste zu wagen, verharrte Arthur unbeweglich auf seinem Platze; nur als man sich der Brücke näherte, hatte er einen Augenblick lang die Hand über die Augen gelegt, und hätte sich wahrscheinlich mit dem Gefährt zerschellen lassen, wäre nicht gerade im entscheidenden Moment die Hülfe gekommen.

Gegenwärtig stand er am Geländer der Brücke, vielleicht um einen Schein bleicher als gewöhnlich, aber ohne Zittern, ohne jede äußere Spur der Erregung; ob er sie überhaupt nicht empfunden hatte, ob er sie bereits beherrschte – Ulrich mußte sich gestehen, daß in dieser Apathie zum Mindesten etwas Ungewöhnliches liege. Der junge Erbe hatte eben noch dem Tode in’s Auge gesehen und jetzt sah er ihn an, als sei ihm dieser energische Retter aus der Todesgefahr eine unfaßbare Merkwürdigkeit.

Die jetzt ziemlich überflüssige Hülfe kam nun von allen Seiten herbei. Zwanzig Hände regten sich auf einmal, die gestürzten Pferde wieder aufzurichten und dem vor Schreck noch immer halb besinnungslosen Kutscher herabzuhelfen. Der ganze Schwall der Beamten drängte sich herbei und umgab das junge Ehepaar mit Bedauern, Theilnahme und Beileidsbezeigungen aller Art. Man erschöpfte sich in Fragen und Hülfsleistungen, man konnte gar nicht begreifen, wie das Unglück hatte geschehen können, und maß den Schüssen, dem Kutscher und den Pferden abwechselnd die Schuld bei. Arthur ließ das einige Minuten lang völlig passiv über sich ergehen, dann machte er eine abwehrende Bewegung.

„Nicht doch, meine Herren, ich bitte Sie! Sie sehen ja, daß wir Beide unverletzt sind. Lassen Sie uns nur vor allen Dingen nach dem Hause gelangen.“

Er wollte seiner Gattin den Arm reichen, um sie dorthin zu führen, Eugenie aber blieb stehen und blickte umher.

„Und unser Retter? Hoffentlich ist auch ihm nichts geschehen?“

„Ja so, das hätten wir beinahe vergessen!“ sagte der Director etwas beschämt. „Es war ja Hartmann, der die Pferde aufhielt! Hartmann, wo sind Sie?“

Der Gerufene antwortete nicht, aber Wilberg, der in seiner Bewunderung für die romantische That ganz seinen vorherigen Groll gegen den Thäter vergaß, rief eifrig: „Dort drüben steht er!“ und eilte hinüber zu dem jungen Bergmanne, der sofort zurückgetreten war, als die Herren sich herbeidrängten, und jetzt an einem der Bäume seitwärts lehnte.

„Hartmann, Sie sollen – mein Himmel, was ist Ihnen denn? Sie sind ja todtenblaß, und wo kommt denn das Blut her?“

Ulrich kämpfte augenscheinlich mit einem Anfalle von Bewußtlosigkeit, aber dennoch flog ein zorniges Aufleuchten über seine Züge, als der junge Beamte eine Bewegung machte, ihn zu stützen. Empört, daß man ihm so etwas wie eine Ohnmacht zutrauen könne, richtete er sich hastig auf und preßte die geballte Hand fester auf die blutende Stirn.

„Es ist gar nichts! Eine bloße Schramme! Wenn ich nur ein Tuch hätte.“

Wilberg war im Begriff das seinige hervorzuziehen, als plötzlich ein seidenes Gewand dicht neben ihm rauschte. Die junge Frau Berkow stand an seiner Seite und reichte, ohne ein Wort zu sprechen, ihr eigenes, mit kostbaren Spitzen besetztes Taschentuch hin.

Baroneß Windeg mochte wohl noch niemals in die Lage gekommen sein, bei Verwundungen praktische Hülfe zu leisten, sonst hätte sie sich sagen müssen, daß dies winzige, reich gestickte Battisttuch wenig geeignet war, das Blut zu stillen, das, bisher noch durch das dichte blonde Haar etwas zurückgehalten, jetzt mit voller Macht hervorbrach, und Ulrich mußte das besser als sie wissen, dennoch griff er wie unwillkürlich nach dem Dargebotenen.

„Danke, gnädige Frau, aber das nützt uns nicht viel,“ sagte der Schichtmeister, der bereits neben seinem Sohne stand und den Arm um dessen Schulter legte. „Halt’ still, Ulrich!“ damit zog er sein eigenes Taschentuch von derbem Leinen hervor und drückte es auf die dem Anscheine nach ziemlich tiefe Kopfwunde.

„Ist es denn gefährlich?“ fragte Arthur Berkow, der in Begleitung der übrigen Herren jetzt auch herbeikam, in schleppendem Tone.

Mit einem Rucke hatte sich Ulrich von seinem Vater losgemacht und in die Höhe gerichtet, die blauen Augen blickten finsterer als je, als er herb entgegnete:

„Ganz und gar nicht! Es braucht sich Niemand darum zu kümmern, ich helfe mir schon allein.“

Die Worte klangen ziemlich unehrerbietig; indessen der eben geleistete Dienst war doch zu groß, als daß man sie hätte rügen können. Uebrigens schien Herr Berkow froh zu sein, daß die Antwort ihn der Mühe überhob, sich noch weiter um die ganze Angelegenheit zu kümmern.

„Ich werde Ihnen den Arzt senden,“ sagte er in seiner matten gleichgültigen Weise, „und den Dank behalten wir uns noch vor. Für den Augenblick ist ja Hülfe genug da – darf ich bitten, Eugenie?“

Die junge Frau nahm den dargebotenen Arm, aber sie wandte den Kopf noch einmal zurück, wie um sich zu überzeugen, ob die nöthige Hülfe auch wirklich da sei. Es schien fast, als ob die Art, wie ihr Gemahl die Sache behandelte, nicht ihren Beifall habe.

„Unser ganzer Empfang ist verunglückt!“ sagte Wilberg, als er sich einige Minuten später den Herren anschloß, die den Sohn ihres Chefs und dessen Gattin nach dem Hause begleiteten, ganz niedergeschlagen zu dem Ober-Ingenieur.

„Und Ihr Gedicht dazu!“ spöttelte dieser. „Wer denkt jetzt noch an Verse und Blumen? Uebrigens für Jemand, der an Vorbedeutungen glaubt, war dieser erste Empfang in der neuen Heimath gerade nicht glückverheißend. Todesgefahr, Verwundung, Blut – aber das ist ja gerade eine Romantik in Ihrem Style, Wilberg. Sie können eine Ballade darüber dichten, nur müssen Sie diesmal nothgedrungen den Hartmann zum Helden nehmen.“

„Und er ist und bleibt dennoch ein Bär!“ rief Wilberg etwas gereizt. „Konnte er der gnädigen Frau nicht ein Wort des Dankes sagen, als sie ihm ihr eigenes Taschentuch anbot? und wie ungezogen war seine Antwort Herrn Berkow gegenüber! Aber eine Riesennatur hat dieser Mensch! Als ich ihn frage, weshalb um Gotteswillen er sich denn nicht eher verbunden hat, giebt er mir lakonisch zur Antwort, er hätte die Wunde anfangs gar nicht bemerkt. Ich bitte Sie! Empfängt da einen Schlag am Kopfe, der Jeden von uns ohnmächtig hingestreckt hätte, und der bändigt erst noch die Pferde, trägt die gnädige Frau aus dem Wagen und merkt es nicht eher, daß er verwundet ist, als bis ihm das Blut stromweis herabstürzt; das sollte ein Anderer aushalten!“

Die sämmtlichen Grubenarbeiter waren inzwischen bei ihrem Cameraden zurückgeblieben; die Art, wie der künftige Chef sich mit diesem und seinem Danke an ihn abgefunden, für den Augenblick wenigstens, schien sie arg verletzt zu haben. Man sah viel finstere Blicke, hörte manche bittere, schneidende Bemerkung, selbst der Schichtmeister zog die Stirne kraus und hatte heute ausnahmsweise kein Wort der Vertheidigung für den jungen Herrn. Er war noch immer bemüht, das Blut zu stillen, wobei ihm Martha thätige Hülfe leistete. Die Züge des Mädchens trugen einen Ausdruck so unverkennbarer Angst, daß er selbst Ulrich hätte auffallen müssen, wären seine Augen nicht nach einer ganz anderen Richtung hingewendet gewesen. Es war ein seltsam langer und finsterer Blick, mit dem er den Davonschreitenden nachschaute; er dachte augenscheinlich an etwas ganz Anderes, als an den Schmerz seiner Wunde.

Im Begriffe, einen vorläufigen Verband um die noch immer blutende Stirn zu legen, bemerkte der Schichtmeister, daß sein Sohn das Spitzentaschentuch noch in der Hand hielt.

„Das Spinngewebe,“ die Stimme des Alten klang ungewöhnlich bitter, „das gestickte Spinngewebe hätte uns auch was Rechtes genützt! Gieb es der Martha, Ulrich, sie kann es der gnädigen Frau wieder zurückbringen.“

Ulrich blickte auf das Tuch nieder, das weich und duftig wie ein Hauch zwischen seinen Fingern lag; als aber Martha die Hand danach ausstreckte, hob er es rasch empor und preßte es auf die Wunde, die zarten Spitzen färbten sich blutroth.

„Aber was machst Du denn!“ rief der Vater halb erstaunt, halb ärgerlich. „Willst Du etwa mit dem Dinge da das zolltiefe Loch im Kopfe verbinden? Ich dächte, wir hätten Tücher genug!“

„Ja so, ich dachte nicht daran!“ entgegnete Ulrich kurz. [23] „Laß nur, Martha, es ist ja nun doch einmal verdorben,“ damit schob er es ohne Weiteres in seine Blouse.

Die Hände des Mädchens, die sich eben noch so flink gerührt, sanken auf einmal nieder und unthätig sah sie zu, wie der Schichtmeister einen nothdürftigen Verband anlegte und das Tuch festband. Dabei hefteten sich ihre Augen fest auf Ulrich’s Gesicht. Weshalb beeilte er sich so das kostbare Tuch unbrauchbar zu machen, wollte er es vielleicht nicht zurückgeben?

Der junge Bergmann schien übrigens wenig Talent für die Krankenrolle zu haben. Er hatte sich schon sehr ungeduldig gezeigt bei all den reichlich angebotenen Hülfsleistungen, und es bedurfte der ganzen Autorität des Vaters, um ihn zu vermögen, daß er sie sich überhaupt gefallen ließ; jetzt aber stand er auf und erklärte entschieden, nun sei es genug, man möge ihn endlich einmal in Ruhe lassen.

„Laßt ihn, den Starrkopf!“ sagte der Schichtmeister. „Ihr wißt ja, es ist nichts mit ihm anzufangen; wir wollen hören, was der Doctor sagt. – Du bist mir der rechte Held, Ulrich! Bei der Ehrenpforte helfen, die für die neue Herrschaft gebaut wird, das geht beileibe nicht, das ist ‚entwürdigend‘, aber sich vor die Pferde werfen, die mit derselben Herrschaft durchgehen, und sich gar nicht darum kümmern, daß noch ein alter Vater da ist, der nur den einen Jungen hat auf der ganzen Welt, das kannst Du. Consequenz nennt man ja das wohl in Eurer neumodischen Sprache. Nun, Ihr Anderen, da Ihr doch einmal Euerm Herrn und Meister in allen Stücken folgt – es kann wirklich nicht schaden, wenn Ihr Euch auch diesmal ein Beispiel an ihm nehmt.“

Und mit diesen Worten, denen man trotz ihres erkünstelten Grolles nur zu deutlich den Stolz auf den Sohn und die Zärtlichkeit für ihn anhörte, ergriff er Ulrich’s Arm und zog ihn mit sich fort.




Es war gegen Abend. Die Festlichkeiten auf den Berkow’schen Gütern hatten, wenigstens soweit es die Theilnahme der Herrschaft daran betraf, ihr Ende erreicht. Man hatte, nachdem die gefährliche Katastrophe, welche beinahe das ganze Fest in Frage stellte, glücklich überwunden war, das ursprüngliche Programm gewissenhaft innegehalten. Jetzt endlich befand sich das junge Ehepaar, das den ganzen Nachmittag über von allen Seiten in Anspruch genommen worden war, allein in seiner Wohnung. Soeben hatte sich Herr Schäffer verabschiedet, der morgen nach der Residenz zu dem ältern Herrn Berkow zurückkehrte, und jetzt verließ auch der Diener, nachdem er den Theetisch in Ordnung gebracht, das Gemach.

Die auf dem Tische brennende Lampe warf ihr klares, mildes Licht auf die hellblauen Damasttapeten und die kostbar gearbeiteten Möbel des kleinen Salons, der, wie überhaupt sämmtliche Räume des Hauses, zum Empfange der jungen Frau ganz neu und höchst prachtvoll eingerichtet, zu den Zimmern der letztern gehörte. Die seidenen Vorhänge, dicht zugezogen, schienen das Gemach von der Außenwelt völlig abzuschließen; in den Vasen und Marmorschalen dufteten die Blumen, und auf dem Tische vor dem kleinen Ecksopha stand das silberne Theeservice bereit, es war mitten in all der Pracht doch ein Bild traulicher harmonischer Häuslichkeit.

Soweit es eben den Salon betraf – die Neuvermählten schienen vorläufig den Zauber dieser Häuslichkeit noch nicht zu empfinden. Die junge Frau stand, noch im vollen Gesellschaftsanzuge, auf dem Teppich inmitten des Zimmers und hielt das Bouquet in der Hand, das Wilberg an Stelle Martha’s nun selbst zu überreichen das Glück gehabt hatte. Der Duft der Orangenblüthen fesselte sie sehr, so sehr, daß sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit für ihren Gatten übrig behielt, der eine solche Aufmerksamkeit auch in der That nicht beanspruchte, denn kaum hatte sich die Thür hinter dem Diener geschlossen, so sank er mit dem Ausdrucke der Erschöpfung in einen Fauteuil.

„Dieses ewige Repräsentirenmüssen ist wirklich tödtend! Findest Du nicht, Eugenie? Seit gestern Mittag hat man uns kaum eine Minute Erholung gegönnt! Erst die Trauung, dann das Diner, dann die höchst anstrengende Eisenbahn- und Extrapostfahrt, die ganze Nacht und den ganzen Vormittag hindurch, dann noch den tragischen Zwischenfall, hier wieder Empfang, Beamtenvorstellung, Diner – mein Papa scheint, als er das Programm dieser Festlichkeiten entwarf, gar nicht daran gedacht zu haben, daß wir so etwas wie Nerven besitzen. Die meinigen sind, ich gestehe es, völlig hin.“

Die junge Frau wendete den Kopf und ein sehr geringschätzender Blick glitt über den Mann hin, der bei diesem ersten traulichen Beisammensein ihr von seinen „Nerven“ sprach. Eugenie schien nun allerdings diesen Uebelstand nicht zu kennen; ihr schönes Gesicht verrieth auch nicht die leiseste Spur von Ermüdung.

„Hast Du Nachricht erhalten, ob die Wunde des jungen Hartmann gefährlich ist?“ fragte sie statt aller Antwort.

Arthur schien etwas befremdet, daß man von der ungewöhnlich langen Rede, zu der er sich ausnahmsweise einmal hatte fortreißen lassen, so gar keine Notiz nahm. „Schäffer sagt, es sei nicht von Bedeutung,“ entgegnete er gleichgültig. „Er hat, glaube ich, den Arzt gesprochen. Dabei fällt mir ein, man wird doch auf irgend eine Anerkennung für den jungen Menschen denken müssen. Ich werde den Director damit beauftragen.“

„Solltest Du die Sache nicht lieber persönlich in die Hand nehmen?“

„Ich? Nein, damit verschone mich! Wie ich nachträglich höre, ist es nicht einmal ein gewöhnlicher Arbeiter, der Sohn des Schichtmeisters, selbst Steiger oder so etwas; wie kann ich da wissen, ob hier Geld oder ein Geschenk oder sonst etwas am Platze ist! Der Director wird das ganz ausgezeichnet arrangiren.“

Er ließ den Kopf noch tiefer in die Polster zurücksinken. Eugenie erwiderte nichts; sie ließ sich auf das Sopha nieder und stützte das Haupt in die Hand. Nach einer Pause von etwa einer Minute schien es Herrn Arthur denn doch einzufallen, daß er seiner jungen Frau einige Aufmerksamkeit schuldig sei, und daß er füglich nicht während der ganzen Theestunde so stumm in seinem Fauteuil vergraben bleiben könne; es kostete ihn allerdings einige Anstrengung, aber er brachte das Opfer und erhob sich wirklich. An der Seite seiner Gattin Platz nehmend, erlaubte er sich, ihre Hand zu ergreifen, und ging sogar soweit, daß er versuchte, den Arm um ihre Schulter zu legen; aber es blieb bei dem Versuche. Mit einer raschen Bewegung zog Eugenie ihre Hand aus der seinigen und rückte seitwärts. Dabei traf auch ihn wieder jener Blick, der seinem Vater gestern in der Kirche die erste Umarmung der Schwiegertochter so gründlich verleidet hatte. Es war derselbe Ausdruck eisig stolzer Abwehr, der besser als Worte sagte: „Ich bin unnahbar für Dich und Deinesgleichen!“

Es schien nun freilich leichter, dem Vater mit dieser vornehmen Art zu imponiren als dem Sohne, vielleicht weil dieser sich überhaupt durch nichts mehr imponiren ließ. Er sah denn auch weder bestürzt noch eingeschüchtert aus bei dieser Bewegung eines nur zu deutlich kundgegebenen Widerwillens; nur etwas erstaunt schaute er auf.

„Ist Dir das unangenehm, Eugenie?“

„Ungewohnt zum Mindesten! Du pflegtest mich bisher damit zu verschonen.“

Der junge Mann war viel zu apathisch, um die tiefe Herbheit dieser Worte zu verstehen; er schien sie als eine Art von Vorwurf zu nehmen.

„Bisher? Ja, die Etiquette in Deinem Vaterhause wurde etwas streng gehandhabt. Während unseres zweimonatlichen Brautstandes hatte ich nicht ein einziges Mal das Glück, Dich allein zu sehen, und die stete Gegenwart Deines Vaters oder Deiner Brüder legte uns doch einen Zwang auf, der bei diesem ersten ungestörten Alleinsein ja wohl fallen darf.“

Eugenie wich noch weiter zurück. „Nun denn, so erkläre ich Dir bei diesem ersten Alleinsein, daß ich Zärtlichkeiten, mit denen man der Convenienz genügt, ohne daß das Herz Antheil daran hat, durchaus nicht liebe. Ich entbinde Dich ein für alle Male von der Verpflichtung dazu.“

Das Erstaunen von vorhin prägte sich diesmal etwas lebhafter in Arthur’s Zügen aus; bis zu einer wirklichen Erregung kam er immer noch nicht.

„Du scheinst heute in einer eigenthümlichen Laune zu sein! Convenienz! Herz! Wirklich, Eugenie, ich glaubte bei Dir gerade am wenigsten romantische Illusionen befürchten zu müssen.“

Ein Ausdruck tiefer Bitterkeit überflog die Züge der jungen Frau. „Ich habe mit meinen Illusionen vom Leben in dem Momente abgeschlossen, wo ich Dir meine Hand zusagte. Du [24] und Dein Vater, Ihr wolltet ja nun einmal um jeden Preis Euren Namen mit dem alten edlen der Windegs verbinden, wolltet Euch damit den Eingang zu Kreisen und Ehren erzwingen, die man Euch bisher immer noch verschlossen hielt. Nun wohl, Ihr habt Euren Zweck erreicht – ich heiße Eugenie Berkow!“

Sie legte einen unendlich verächtlichen Nachdruck auf das letzte Wort. Arthur war aufgestanden; er schien jetzt endlich zu begreifen, daß es sich hier um mehr handelte als um eine bloße Laune seiner jungen Frau, vielleicht durch seine Vernachlässigung während der Reise hervorgerufen.

„Du scheinst diesen Namen allerdings nicht sehr zu lieben! Ich glaubte bisher nicht, daß bei seiner Annahme ein Zwang von Seiten Deiner Familie vorgewaltet hätte; jetzt aber scheint es mir doch –“

„Mich hat Niemand gezwungen!“ unterbrach ihn Eugenie fest. „Niemand auch nur überredet. Was ich that, geschah freiwillig, mit dem vollen Bewußtsein Dessen, was ich auf mich nahm. Die Meinigen tragen es schwer genug, daß ich das Opfer für sie wurde!“

Arthur zuckte die Achseln; man sah es seinem Gesichte an, daß das Gespräch bereits anfing, ihn zu langweilen.

„Ich begreife nicht, wie Du eine einfache Familienübereinkunft so tragisch nehmen kannst. Wenn mein Vater dabei anderweitige Pläne verfolgte, so waren die Beweggründe des Barons wohl auch nicht romantischer Natur, nur daß die seinigen vermuthlich noch dringender zum Abschluß einer Verbindung mahnten, bei der er jedenfalls nicht der verlierende Theil war.“

Eugenie fuhr auf, ihre Augen flammten und eine heftige Bewegung ihres Armes warf das duftende Bouquet vom Tische auf den Fußboden nieder.

„Und das wagst Du mir zu sagen? Nach dem, was Deiner Bewerbung vorherging? Ich glaubte doch wenigstens, daß Du darüber erröthen müßtest, wenn Du dessen überhaupt noch fähig bist!“

Die müden, halb verschleierten Augen des jungen Mannes öffneten sich plötzlich groß und weit; es glimmte darin etwas wie ein Funken unter der Asche, aber seine Stimme behielt ihren matten gleichgültigen Ton.

„Ich muß Dich vor allen Dingen bitten, deutlicher zu sein, ich fühle mich außer Stande, diese völlig räthselhaften Worte zu verstehen.“

Eugenie kreuzte mit einer energischen Bewegung die Arme; ihre Brust hob und senkte sich stürmisch.

„Du weißt es so gut wie ich, daß wir am Ruin standen! Wer ihn verschuldet, darüber kann und mag ich nicht rechten. Es ist leicht, den Stein auf Den zu werfen, der mit dem Untergange ringt. Wenn man die Familiengüter verschuldet und überlastet ererbt, wenn man den Glanz eines alten Namens, eine Stellung in der Welt zu wahren, die Zukunft seiner Kinder zu sichern hat, da kann man nicht Geld auf Geld häufen, wie Ihr in Eurem bürgerlichen Erwerbe. Du hast das Gold von jeher mit vollen Händen weggeworfen, hast jeden Wunsch Dir erfüllt, jede Laune Dir gestattet; ich habe das ganze Elend eines Lebens durchgekostet, das der Welt gegenüber Glanz heuchelt, heucheln muß, während jeder Tag, jede Stunde es dem unabwendbaren Ruin näher bringt. Vielleicht wären wir ihm dennoch entronnen, wären wir nicht gerade in die Netze Berkow’s gefallen, der uns anfangs seine Hülfe förmlich aufdrang, so lange aufdrang, bis er Alles in Händen hatte, bis wir, gehetzt, umgarnt, verzweifelt, keinen Ausweg mehr wußten. Da kam er und forderte meine Hand für seinen Sohn, als einzigen Preis der Rettung. Mein Vater hätte eher das Aeußerste ertragen, als mich geopfert, aber ich wollte ihn nicht geopfert, seiner Laufbahn entrissen sehen, ich wollte die Zukunft meiner Brüder nicht vernichtet, unsern Namen nicht entehrt wissen; so gab ich denn mein Jawort. Was es mich kostete, hat keiner von den Meinen je erfahren, aber wenn ich mich verkaufte, so kann ich es verantworten vor Gott und vor mir selber; Du, der sich zum Werkzeuge der niedrigen Pläne seines Vaters hergab, Du hast kein Recht, es mir vorzuwerfen; meine Beweggründe waren zum Mindesten edler als die Deinigen!“

Sie schwieg, überwältigt von der Erregung. Ihr Gatte stand noch immer unbeweglich vor ihr, sein Antlitz zeigte wieder jene leichte Blässe, die es heute Mittag gehabt, als er soeben der Gefahr entgangen war, aber die Augen waren bereits wieder verschleiert.

„Ich bedaure, daß Du mir diese Eröffnungen nicht vor unserer Trauung gemacht hast,“ sagte er langsam.

„Weshalb?“

„Weil Du dann nicht der Erniedrigung theilhaftig geworden wärest, Eugenie Berkow zu heißen.“

Die junge Frau schwieg.

„Ich hatte in der That keine Ahnung von diesen – Manipulationen meines Vaters,“ fuhr Arthur fort, „wie ich denn seinem ganzen Geschäftskreise überhaupt fernzubleiben pflege. Er sagte mir eines Tages, daß, wenn ich bei dem Baron Windeg um die Hand seiner Tochter werben wolle, mein Antrag angenommen werden würde. Ich fügte mich dem Project, und darauf fand die Förmlichkeit meiner Vorstellung statt, der in wenig Tagen die Verlobung folgte. Das ist mein Antheil bei der Sache.“

Eugenie wandte sich zur Hälfte ab. „Ich hätte ein offenes Geständniß Deiner Mitwissenschaft diesem Märchen vorgezogen,“ erwiderte sie kalt.

Wieder öffneten sich die Augen des jungen Mannes und wieder glimmte der seltsame Funke darin, der aufsprühen zu wollen schien und den die Asche doch erstickte.

„Also so hoch stehe ich in der Achtung meiner Gemahlin, daß meine Worte nicht einmal Glauben bei ihr finden?“ sagte er, diesmal doch mit einem entschiedenen Anfluge von Bitterkeit.

[37] Das schöne Antlitz Eugeniens, welches sich ihrem Gemahl jetzt wieder zuwandte, trug in der That den Ausdruck herbster Verachtung, und der gleiche Ausdruck lag auch in ihrer Stimme, als sie entgegnete:

„Du mußt es mir schon verzeihen, Arthur, wenn ich Dir kein allzu großes Vertrauen entgegen bringe. Bis zu dem Tage, wo Du zum ersten Male unser Haus betratest, zu einem Zwecke, den ich nur zu wohl kannte, bis dahin habe ich Dich nur aus den Gesprächen der Residenz gekannt, und diese –“

„Malten mein Bild in nicht eben schmeichelhafter Weise! Ich kann es mir denken! Willst Du nicht die Güte haben, mir zu sagen, was es der Residenz eigentlich beliebte über mich zu sprechen?“

Die junge Frau richtete das große Auge fest und finster auf das Antlitz ihres Gatten. „Man sagte, Arthur Berkow triebe nur deshalb einen so fürstlichen Aufwand, würfe nur deshalb Tausende und aber Tausende hin, um sich damit den Umgang und die Freundschaft der jungen Adeligen zu erkaufen und dadurch seine eigene bürgerliche Geburt vergessen zu machen. Man sagte, er sei in dem wilden zügellosen Treiben gewisser Kreise der Wildeste und Zügelloseste von Allen – was man ihm sonst noch nachsagte, entzieht sich meiner Frauenbeurtheilung.“

Arthur’s Hand lag noch immer auf der Lehne des Fauteuils, auf den er sich stützte, sie hatte während der letzten Secunden sich unwillkürlich tiefer in die seidenen Polster vergraben.

„Und Du hältst es natürlich nicht der Mühe werth, auch nur den Versuch zur Besserung eines solchen ‚Verlorenen‘ zu machen, über den die öffentliche Meinung bereits den Stab gebrochen hat?“

„Nein!“

Es klang eisig kalt, dieses Nein. Ein leichtes Zucken flog über die Züge des jungen Mannes, als er sich rasch emporrichtete.

„Du bist mehr als aufrichtig! Gleichviel, es ist immer ein Vortheil, zu wissen, wie man miteinander steht, und miteinander müssen wir für’s Erste doch nun einmal bleiben. Der gestern gethane Schritt kann nicht zurückgethan werden, wenigstens nicht sofort, ohne uns Beide der Lächerlichkeit preiszugeben. Wenn Du übrigens diese Scene provocirtest, um mir zu zeigen, daß ich, trotz jener bürgerlichen Anmaßung, die Deine Hand erzwang, mich der Baroneß Windeg möglichst fern zu halten habe – und ich fürchte, es geschah allein in dieser Absicht – so hast Du Deinen Zweck erreicht, aber –“ hier fiel Arthur wieder völlig in den alten Ton gelangweilter Blasirtheit zurück – „aber ich bitte Dich, laß es dann auch die erste und letzte dieser Art zwischen uns gewesen sein. Ich verabscheue nun einmal alles, was Scenen heißt; meine Nerven ertragen das durchaus nicht und das Leben läßt sich ja auch völlig regeln, ohne dergleichen unnöthige Echauffements. Für jetzt glaube ich Deinen Wünschen zuvorzukommen, wenn ich Dich allein lasse. Du entschuldigst, daß ich mich zurückziehe.“

Er nahm den auf einem Seitentische brennenden silbernen Armleuchter und verließ das Gemach, draußen aber blieb er noch einen Moment lang stehen und wendete das Haupt zurück. Der Funke glimmte jetzt nicht mehr blos in dem Auge des jungen Mannes, er sprühte hell auf, freilich nur eine Secunde lang, dann war alles dort wieder leer und todt, aber die Kerzen flackerten unruhig auf und nieder, als er durch das Vorzimmer schritt – ob von dem Luftzuge oder weil die Hand, die sie trug, bebte?

Eugenie war allein zurückgeblieben und ein tiefer Athemzug hob ihre Brust, als die Portière hinter ihrem Gatten zufiel; sie hatte erreicht, was sie gewollt. Als sei die freie Luft ihr Bedürfniß nach dieser Scene, trat sie an den Balcon, schob den Vorhang zurück, und das Fenster zur Hälfte öffnend, blickte sie hinaus in den duftigen, mild verschleierten Frühlingsabend. Der Sternenglanz schimmerte nur matt durch das leichte schleierartige Gewölk, das den ganzen Himmel umzog, während die Contouren der Landschaft, schon von dichter Dämmerung umwoben, undeutlich und schattenhaft in einander verschwammen. Von der Terrasse herauf drangen die Blumendüfte, und leise plätscherten dazu die Fontänen. Ueberall tiefe Ruhe und tiefer Friede, nur nicht in dem Herzen der jungen Frau da oben, die heute zum ersten Male die Schwelle ihrer neuen Heimath betreten hatte.

Er war jetzt zu Ende, der stumme, qualvolle Kampf der letzten zwei Monate, der sie doch eben durch diese Qual und dieses Kämpfen aufrecht erhalten hatte. Es liegt für heroische Naturen immer etwas Großes in dem Gedanken, so die ganze Zukunft für Andere hinzuwerfen, mit dem eigenen Lebensglück die fremde Rettung zu erkaufen und sich dem nun einmal unabwendbaren Geschick als Opfer für das Geliebte zu stellen. Aber jetzt, wo dies Opfer gebracht, die Rettung vollzogen war, wo es nichts mehr zu kämpfen und zu überwinden gab, jetzt verblich jener romantische Schimmer, mit dem die Kindesliebe bisher Eugeniens Entschluß umgeben, und die ganze trostlose Oede und Leere des Lebens, das ihrer wartete, that sich vor ihr auf. In dem [38] leisen Duften und Wehen dieses Frühlingsabends regte sich wieder das lang zurückgehaltene Weh des jungen Weibes, das auch seinen Antheil an Glück und Liebe vom Leben gefordert hatte und das so bitter um diesen Antheil betrogen war. Sie war jung und schön, schöner als so viele Andere, aus altem edlen Geschlecht, und die stolze Tochter der Windeg hatte von jeher den Helden ihres Jugendtraumes mit all’ der glänzenden Ritterlichkeit ihrer Vorfahren geschmückt. Daß er ihr gleich sein müsse an Rang und Namen, galt dabei als selbstverständlich, und nun –? Hätte der ihr aufgedrungene Gatte wenigstens noch Charakter und Energie besessen, die sie nun einmal bei dem Manne am höchsten schätzte, sie hätte ihm vielleicht seine bürgerliche Geburt verziehen, aber dieser Weichling, den sie verachtet hatte, noch ehe sie ihn gekannt! Hatten die Beleidigungen, die sie ihm mit vollster Absicht entgegengeschleudert, und die jeden anderen Mann außer sich gebracht haben würden, es wohl vermocht, ihn aus seiner apathischen Gleichgültigkeit zu reißen? War er dem herbsten Ausdruck ihrer Verachtung gegenüber auch nur einen Augenblick aus dieser Apathie gewichen? Und als heut’ Mittag die Gefahr über sie Beide hereinbrach, hatte er da auch nur die Hand zu seiner oder ihrer Rettung gerührt? Ein Anderer, ein Fremder mußte sich den rasenden Thieren entgegenwerfen und sie bändigen, auf die Gefahr hin, von ihnen getreten zu werden. Vor Eugeniens Augen stieg das Bild des jungen Mannes auf, mit den trotzigen blauen Augen und der blutenden Stirn. Ihr Gatte freilich wußte nicht einmal, ob die Wunde seines Retters gefährlich, ob sie vielleicht tödtlich sei, und doch wären er und sie verloren gewesen ohne jene energische blitzähnliche That.

Die junge Frau sank in einen Sessel und verbarg das Antlitz in beiden Händen, aber Alles, was sie seit Monden durchgekämpft und durchgelitten und was in dieser Stunde mit zehnfacher Gewalt auf sie eindrang, das gab sich jetzt kund in dem einen verzweiflungsvollen Aufschrei: „O mein Gott, mein Gott, wie werde ich dies Leben ertragen!“




Die sehr umfangreichen Berkow’schen Gruben und Bergwerke lagen ziemlich weit von der Residenz, in einer der entfernteren Provinzen. Die Gegend dort bot nicht viel Anziehendes dar. Waldberge und immer nur Waldberge, auf Meilen in der Runde nichts als das einförmige dunkle Grün der Tannen, das gleichmäßig Höhen und Thäler umzog, dazwischen Dörfer und Weiler und hin und wieder einmal ein Pachthof oder ein ländliches Besitzthum. Aber der Boden hier oben vermochte nicht viel zu geben; seine Schätze lagen unter der Erde verborgen, und deshalb drängte sich auch alles Leben und alle Thätigkeit der Umgegend auf den Berkow’schen Besitzungen zusammen, wo diese Schätze in wahrhaft großartigem Maßstabe zu Tage gefördert wurden.

Diese Besitzungen lagen ziemlich einsam und abgeschnitten von dem größeren Verkehre, denn selbst die nächste Stadt war einige Stunden weit entfernt; aber er bildete fast eine Stadt für sich, dieser riesige Complex von Betriebs- und Wohngebäuden, der sich da inmitten der Waldthäler mit all’ seinem bewegten Leben und Treiben erhob. Alle die Hülfsmittel, die Industrie und Wissenschaft nur zu geben vermochten, Alles, was Maschinenkraft und Menschenhände nur leisten konnten, wurde hier aufgeboten, um dem widerstrebenden Erdgeiste seine Schätze abzuringen. Ein ganzes Heer von Verwaltungsbeamten, Technikern, Inspectoren und Oberaufsehern stand unter der Leitung des Directors und bildete eine Colonie für sich, während die nach mehreren Tausenden zählenden Arbeiter, die nur zum kleinsten Theile in der Colonie selbst hatten untergebracht werden können, in den nahegelegenen Dörfern wohnten. Das Unternehmen, das erst der jetzige Besitzer aus seinen sehr unbedeutenden Anfängen zu der Höhe erhoben hatte, auf der es augenblicklich stand, schien fast zu groß für die Mittel eines Privatmannes und wurde in der That auch nur mit den riesigsten Mitteln in Betrieb erhalten. Es war weitaus das bedeutendste in der ganzen Provinz und beherrschte demgemäß auch in seinem Industriezweige die Provinz und die sämmtlichen gleichartigen Unternehmungen derselben, von denen sich keins an Großartigkeit mit ihm messen konnte. Diese Colonie mit ihrem unbegrenzten Aufwande an Maschinen- und Arbeitskräften, mit ihren Bauten und Wohnhäusern, ihren Beamten und Arbeitern war gewissermaßen ein Staat für sich, und der Herr desselben ebenso souverain wie nur irgend der Beherrscher eines kleinen Fürstenthums.

Es mußte jedenfalls befremden, daß man einem Manne, der an der Spitze eines solchen Unternehmens stand, immer noch eine Auszeichnung versagte, die er doch so sehr erstrebte und die so Manchem zu Theil wurde, der weniger für die Industrie des Landes gethan hatte; aber hier, wie überall, wo die Entscheidung direct von höchster Stelle ausging, kam der Charakter und die Persönlichkeit des Betreffenden in Frage, und Berkow erfreute sich nun einmal keiner Sympathie in den maßgebenden Kreisen. Es gab doch so manchen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit, den sein Reichthum wohl verwischen, aber nie ganz auslöschen konnte. Er war zwar noch niemals mit den Gesetzen in Conflict gekommen; aber oft genug war er bis hart an die Grenze gegangen, wo die Gesetze einzuschreiten pflegen. Auch seine Schöpfungen in der Provinz, so großartig sie waren, wollte man von vielen Seiten doch keineswegs als mustergültig anerkennen. Es wurde Manches von einem gewissenlosen Ausbeutungssysteme geredet, das, nur darauf berechnet, den Reichthum des Besitzers zu mehren, nicht die mindeste Rücksicht auf das Wohl und Wehe der Menschenkräfte nahm, die es sich dabei dienstbar machte, von willkürlichen Uebergriffen der Beamten, von gährender Unzufriedenheit der Arbeiter – indessen, das war und blieb mehr oder weniger Gerücht, da die Colonie selbst ja zu fern lag. Thatsache war und blieb dagegen, daß sie eine nahezu unerschöpfliche Quelle des Reichthums für ihren Eigenthümer bildete.

Freilich mußte ein Jeder zugestehen, daß die Ausdauer, die Zähigkeit und das industrielle Genie dieses Mannes mindestens ebenso groß waren wie seine Gewissenlosigkeit. Aus den ärmlichsten Verhältnissen hervorgegangen, von der Woge des Lebens emporgehoben und wieder herabgeschleudert, war es ihm schließlich doch gelungen, sich auf der Höhe zu behaupten, und jetzt nahm er dort schon seit Jahren die unbestrittene Stellung eines Millionärs ein. Freilich schien sich auch während dieser letzten Jahre das Glück unwandelbar an seine Ferse zu heften; so oft er es auch auf die Probe stellte, es blieb ihm treu, und wo es sich um das bedenklichste Unternehmen, um die gewagteste Speculation handelte, sie glückten, sobald seine Hand die Leitung übernahm.

Berkow war früh Wittwer geworden und zu keiner zweiten Ehe geschritten; sein rastloser, immer nur auf Speculation und Erwerb gerichteter Charakter empfand die Häuslichkeit eher als eine Fessel, denn als eine Erholung. Sein einziger Sohn und Erbe wurde in der Residenz erzogen, und es war denn auch, was Hofmeister, Lehrer in allen Fächern, Universitätsbesuch und Reisen betraf, nichts in seiner Erziehung gespart worden. Von einer eigentlichen Vorbildung für seinen Beruf als künftiger Chef und Leiter so großartiger industrieller Unternehmungen verlautete dagegen nichts. Herr Arthur zeigte eine entschiedene Unlust, irgend etwas zu lernen, was nicht zur fashionablen Ausbildung gehörte, und der Vater war viel zu schwach und viel zu eitel auf die von seinem Sohne zu spielende glänzende Rolle, zu deren Ermöglichung und Behauptung er mit Freuden Tausende hergab – um ernstlich auf eine tiefere Ausbildung desselben zu dringen. Im schlimmsten Falle gab es ja immer noch fähige Beamte genug, deren technische und mercantilische Kenntnisse man sich für hohes Gehalt dienstbar machen konnte. So kam denn der junge Erbe kaum einmal des Jahres nach den Besitzungen in der Provinz, wo er sich jedesmal tödtlich langweilte, während der Vater, der allerdings auch zeitweise in der Residenz lebte, sich doch die Oberleitung des Ganzen vorbehielt.

Das Wetter hatte den Landaufenthalt des jungen Ehepaares bisher noch nicht besonders begünstigt. Die Sonne machte sich selten in diesem Frühjahre; heute endlich schien sie nach langen Regentagen einmal wieder klar und warm herab, als wolle sie auch ihrerseits den Sonntag begrüßen. Die Schachte waren leer und die Werke feierten, aber trotz der Sonntagsruhe und trotz des lachenden Sonnenscheins schien doch etwas von dem düster einförmigen Charakter der Gegend auf der ganzen Colonie zu liegen. In all’ diesen zahlreichen, allein nach dem starren Princip der Nützlichkeit aufgeführten Bauten und Wohnhäusern gab sich auch nicht der leiseste Sinn für Verschönerung oder für Bequemlichkeit der Betheiligten kund. Daß dieser Sinn dem Besitzer nicht überhaupt mangelte, davon legte dessen eigenes Landhaus Zeugniß ab, das man absichtlich eine Strecke von den [39] Werken entfernt, mit der vollen Aussicht auf die Waldberge gebaut hatte, und das, außen und innen mit einem wahrhaft fürstlichen Luxus ausgestattet, mit seinen Balcons, Terrassen und Blumenanlagen wie eine Oase voll Duft und Poesie inmitten dieser Stätte der Industrie lag.

Das in unmittelbarer Nähe der Schachte gelegene Häuschen des Schichtmeisters Hartmann verrieth schon durch sein Aussehen, daß sich der Eigenthümer desselben einer besonders bevorzugten Stellung erfreute, und so war es auch in der That. Hartmann hatte, noch als junger rüstiger Bergmann, ein Mädchen geheirathet, das im Dienste der verstorbenen Frau Berkow stand und sich der ganz besonderen Vorliebe ihrer Herrin erfreute. Die junge Frau blieb selbst nach ihrer Verheirathung noch mehr oder weniger in Beziehung zu der ehemaligen Herrschaft, und in Folge dessen wurde auch ihr Mann in jeder Weise begünstigt und bevorzugt, von Posten zu Posten geschoben und endlich sogar zum Schichtmeister befördert. Freilich hörten diese Beziehungen und Begünstigungen auf, als Frau Berkow starb; ihr Gatte war nicht der Mann, sich um ehemalige Angehörige seines Haushalts viel zu kümmern, und als Hartmann’s Gattin bald darauf gleichfalls mit Tode abging, war vollends nicht mehr die Rede davon. Indessen der Schichtmeister hegte von jener Zeit her noch immer eine große Anhänglichkeit an die Berkow’sche Familie, der er seine jetzige sorgenfreie Stellung verdankte, während er sonst wahrscheinlich, wie so viele seiner Cameraden, nie über die mühselige, kärglich lohnende Schachtarbeit hinausgekommen wäre. Er hatte bereits vor mehreren Jahren seine verwaiste Schwestertochter, Martha Ewers, in’s Haus genommen, die ihm die Hausfrau reichlich ersetzte; zur Erfüllung seines geheimen Wunsches aber, daß aus ihr und seinem Sohne einmal ein Paar werden möchte, hatte sich bisher noch wenig Aussicht geboten.

An diesem Sonntag-Morgen war das sonst so friedliche Häuschen der Schauplatz einer ziemlich erregten Scene, wie sie jetzt leider zwischen Vater und Sohn nicht mehr zu den Seltenheiten gehörten. Der Schichtmeister, in der Mitte der kleinen Stube stehend, sprach mit vollster Heftigkeit auf Ulrich ein, der, soeben aus der Wohnung des Directors zurückgekehrt, stumm und finster an der Thür lehnte, während Martha, die etwas seitwärts stand, mit unverhehlter Besorgniß die Streitenden beobachtete.

„Hat man je so etwas erlebt!“ eiferte der Schichtmeister. „Hast Du noch nicht genug Feinde unter den Herren drüben, daß Du sie Dir mit Gewalt auf den Hals hetzen mußt? Wird dem Patron da eine Summe angeboten, groß genug, um einen ganzen Hausstand damit anzufangen, und er setzt seinen Starrkopf auf und sagt ohne Weiteres Nein! Aber freilich, was kümmerst Du Dich auch um Hausstand oder dergleichen! wie denkst Du daran, eine Frau zu nehmen! Den Kopf in die Zeitungen stecken, wenn Du von der Arbeit kommst, noch die halbe Nacht über den Büchern sitzen und Dich mit all dem neumodischen Zeug vollpfropfen, von dem ein rechtschaffener Bergmann sein Lebtag nichts zu wissen braucht, bei den Cameraden den Herrn und Meister spielen, so daß man nächstens nicht mehr den Herrn Director, sondern den Herrn Ulrich Hartmann wird fragen müssen, was eigentlich auf den Werken geschehen soll – das ist so Dein Vergnügen. Und wenn man dann zufällig einmal daran erinnert wird, daß man vorläufig noch Untersteiger ist, dann redet man von ‚Bezahlung‘ und wirft der Herrschaft die ganze Geschichte vor die Füße. Ich sollte meinen, wenn irgend Jemand das Geld redlich verdient hätte, dann wärst Du es!“

Ulrich, der bisher schweigend zugehört hatte, stampfte bei den letzten Worten zornig mit dem Fuße.

„Ich will aber nun einmal nichts von der ganzen Sippschaft da oben! Ich habe ihnen gesagt, daß ich für meine sogenannte ‚Heldenthat‘, von der sie so viel Wesens machen, keine Bezahlung brauche und auch keine nehme, und damit ist’s gut!“

Der Alte wollte von Neuem auffahren und war im Begriff, eine noch derbere Strafpredigt zu halten, als auf einmal Martha dazwischen trat. „Laß ihn, Ohm,“ sagte sie kurz, „er hat Recht!“

Der Schichtmeister, gänzlich aus dem Concepte gebracht durch diese unerwartete Einrede, sah sie mit offenem Munde an. „So? Er hat Recht?“ wiederholte er ärgerlich. „Das konnte ich mir denken, daß Du wieder seine Partie nimmst!“

„Ulrich kann es nicht vertragen, daß sie die Sache so ohne Weiteres durch den Director abthun lassen,“ fuhr das Mädchen bestimmt fort, „und es schickt sich auch nicht. Hätte Herr Berkow selbst mit ihm gesprochen und ihm ein Wort von Dank oder so etwas gesagt – aber freilich, der kümmert sich ja um nichts in der Welt! Er sieht immer aus, als ob er eben erst aus dem Schlafe käme, und als ob es ihm die schrecklichste Mühe machte, Jemand auch nur anzusehen, und wenn er wirklich einmal nicht schläft, dann liegt er den ganzen Tag auf seinem Sopha und schaut sich die Decke an –“

„Laß mir den jungen Herrn in Ruhe!“ unterbrach sie der Schichtmeister heftig. „Den hat sein Vater auf dem Gewissen! Von Kindheit an hat er ihm ja allen Willen gethan und sich alle Unarten gefallen lassen, hat ihm täglich vorerzählt, wie reich er einmal werden würde, und Hofmeister und Bedienten fortgejagt, wenn sie dem Jungen nicht pariren wollten. Später, als er größer wurde, da durfte er ja nur noch mit Grafen und Baronen umgehen; das Geld wurde ihm haufenweise zugesteckt, und je toller er es trieb, desto mehr freute sich der Vater. Da soll das bischen Herzensgüte nicht darauf gehen bei solch einem jungen Menschen! denn gut war der Arthur, das laß ich mir nicht nehmen, der ich ihn so oft habe auf den Knieen reiten lassen, und ein Herz hat er auch gehabt. Ich weiß noch, als er damals nach dem Tode der Mutter in die Stadt sollte, wie er mir da um den Hals fiel und seine bittersten Thränen weinte, und nicht fortzubringen war, trotzdem Herr Berkow bat und streichelte und versprach, was es nur in der Welt gab; ich mußte ihn selbst in den Wagen tragen. Freilich, als er erst in der Stadt war bei den Bonnen und Hofmeistern, da war’s aus, das nächste Mal gab er mir nur noch die Hand, dann ist er immer vornehmer, immer kühler geworden, und jetzt –“ es zuckte ein beinahe schmerzlicher Ausdruck über die Züge des Alten, aber er schüttelte rasch die Weichheit ab. „Nun, mir kann’s am Ende gleich sein, aber ich mag es nicht leiden, wenn Ihr bei jeder Gelegenheit so über ihn herfahrt, zumal der Ulrich, der einen förmlichen Haß auf ihn hat. Wenn man dem Eisenkopf auch so viel Willen gelassen und noch ein paar Hunderttausend dazu gegeben hätte, dann möchte ich wohl wissen, was aus ihm geworden wäre! Was Gutes sicher nicht!“

„Vielleicht was schlimmeres, Vater!“ sagte Ulrich herb, „aber solch ein Weichling gewiß nicht, darauf kannst Du Dich verlassen!“

Dem Gespräche, das schon wieder eine bedenkliche Wendung zu nehmen drohte, wurde jetzt zum Glück ein Ende gemacht. Es klopfte draußen an der Thür, gleich darauf trat ein Diener in der reichen, etwas überladenen Livrée des Berkow’schen Hauses ein und bot dem Schichtmeister einen Guten Tag.

„Die gnädige Frau schickt mich her; ich soll Ihren Ulrich – Ah, da sind Sie ja, Hartmann! Die gnädige Frau wünscht Sie zu sprechen, ich soll Sie auf heut Abend punkt sieben Uhr hinüber bestellen.“

„Mich?“

„Den Ulrich?“

Die beiden Ausrufe kamen mit gleicher Verwunderung von den Lippen des Schichtmeisters und seines Sohnes, während Martha ebenfalls erstaunt den Diener ansah, der gleichmüthig fortfuhr:

„Sie müssen doch irgend etwas mit dem Director vorgehabt haben, Hartmann! Er war heut schon in aller Frühe bei der gnädigen Frau, die sich sonst nie um die Geschäftssachen der Herren kümmert, und gleich darauf wurde ich Hals über Kopf zu Ihnen geschickt, obgleich wir wahrhaftig heut genug drüben zu thun haben. Die sämmtlichen Herren Beamten sind zu Tische geladen und aus der Stadt kommen auch, ich weiß nicht was alles für Respectspersonen – aber ich habe keinen Augenblick Zeit. Seien Sie ja pünktlich! Um sieben Uhr nach dem Diner!“

Der Mann schien es wirklich eilig zu haben; er nickte den Anwesenden noch einen kurzen Gruß zu und ging.

„Da haben wir’s!“ brach der Schichtmeister los. „Jetzt wissen sie schon drüben bei der Herrschaft von Deinem unsinnigen Abschlag. Nun sieh Du zu, wie Du mit ihnen fertig wirst.“

„Wirst Du gehen, Ulrich?“ fragte Martha, die bisher stillgeschwiegen, plötzlich rasch und mit gespanntem Ausdruck.

„Was fällt Dir denn ein, Mädchen?“ schalt der Oheim. „Meinst Du etwa, er könnte wieder Nein sagen, wenn die gnädige [40] Frau ihn ausdrücklich rufen läßt? Freilich Du und er, Ihr wäret im Stande dazu.“

Martha achtete nicht auf die Zwischenrede, sie näherte sich ihrem Vetter und legte die Hand auf seinen Arm. „Wirst Du gehen?“ wiederholte sie leise.

Ulrich stand da und blickte finster zu Boden, wie im Kampfe mit sich selber; auf einmal aber warf er heftig den Kopf zurück.

„Gewiß werde ich! Ich möchte doch wissen, was es der gnädigen Frau denn eigentlich beliebt, von mir zu wollen, nachdem sie sich acht Tage lang nicht einmal die Mühe gegeben hat, nach mir –“

Er hielt plötzlich inne, als habe er bereits zu viel gesagt. Martha’s Hand war von seinem Arme herabgeglitten und sie trat zurück, der Schichtmeister aber sagte mit einem Seufzer:

„Nun gnade uns Gott, wenn Du drüben so auftrittst. Zu allem Unglück ist nun auch noch der alte Berkow gestern Abend angekommen! Wenn Ihr beide aneinander gerathet, dann bist Du die längste Zeit hier Steiger gewesen, und ich bin nicht mehr lange Schichtmeister. Ich kenne den Herrn!“

Ein verächtlicher Ausdruck spielte um die Lippen des jungen Mannes. „Sei ruhig, Vater! Sie wissen zu gut, wie sehr Du an der ‚Herrschaft‘ hängst und welche Noth Dir der ungerathene Sohn macht, der nun einmal vor dieser Herrschaft sich nicht ducken will. Dir wird Keiner etwas anhaben, und ich –“ hier richtete sich Ulrich voll trotzigen Selbstbewußtseins zu seiner vollen Höhe empor, „ich werde wohl für’s Erste auch noch hierbleiben. Mich fortzuschicken wagen sie gar nicht, dazu fürchten sie mich viel zu sehr!“

Er kehrte seinem Vater den Rücken, stieß die Thür auf und trat in’s Freie. Der Schichtmeister schlug die Hände zusammen und schien sehr geneigt, seinem rebellischen Sohne noch eine donnernde Strafrede nachzuschicken, aber er wurde daran von Martha verhindert, die auf’s Neue, und diesmal noch viel entschiedener, Ulrich’s Partei nahm. Des Streitens müde, griff der Alte endlich nach seiner Pfeife und schickte sich an, gleichfalls hinauszugehen.

„Höre, Martha,“ sagte er, sich schon in der Thür noch einmal umwendend, „an Dir sehe ich’s, kein Trotzkopf ist so groß, es giebt doch noch einen, der ihn übertrotzt. Du hast richtig an dem Ulrich Deinen Meister gefunden, und der wird auch noch seinen Meister finden, so wahr ich Gotthold Hartmann heiße!“ –

Drüben im Landhause war man inzwischen mit den Vorbereitungen zu dem heute stattfindenden großen Diner beschäftigt. Die Diener liefen treppauf und treppab, in den Wirthschaftsräumen hantierten Köche und Mägde umher, überall gab es noch zu ändern und zu ordnen und das ganze Haus bot jenes Bild der geschäftigen Unruhe dar, die gewöhnlich einer Festlichkeit vorauszugehen pflegt.

Eine um so größere Stille herrschte in den Zimmern des jungen Berkow: die Vorhänge waren hier tief herabgelassen, die Portièren geschlossen und im Nebengemach glitt der Diener mit unhörbaren Schritten über den dicken Teppich hin, dies und jenes ordnend. Sein Herr liebte es nun einmal, den größten Theil des Tages träge auf seinem Sopha zu verträumen, und wollte auch nicht durch den allergeringsten Laut darin gestört sein.

Der junge Erbe lag mit halbgeschlossenen Augen auf der Ottomane ausgestreckt und hielt ein Buch in der Hand, in dem er las oder doch wenigstens gelesen zu haben schien, denn bereits seit geraumer Zeit lag genau dieselbe Seite vor ihm aufgeschlagen. Wahrscheinlich kostete es ihm zu viel Mühe, die Blätter umzuwenden, und jetzt glitt das nachlässig gehaltene Buch vollends aus den schmalen schlanken Händen auf den Teppich nieder. Es wäre eine leichte Mühe gewesen, sich danach zu bücken und es aufzuheben, eine noch leichtere, den nebenan beschäftigten Diener zu diesem Zwecke herzurufen, aber keins von beiden geschah. Das Buch blieb auf dem Teppich liegen, und Arthur machte während der nächsten Viertelstunde auch nicht die geringste Bewegung; sein Antlitz verrieth aber dabei zur Genüge, daß er weder über das Gelesene nachdachte, noch in Träumerei versunken war; er langweilte sich einfach.

Ein ziemlich rücksichtsloses Oeffnen der Thür, die vom Corridor aus in das Nebenzimmer führte, und eine laute, herrische Stimme drinnen machten dieser interessanten Beschäftigung vorläufig ein Ende. Der alte Berkow fragte eintretend, ob sein Sohn sich noch hier befinde, und auf die bejahende Antwort schickte er den Diener fort, schob die Portière zurück und trat zu seinem Sohn in’s Zimmer. Sein Antlitz war geröthet, wie im Aerger oder Zorn, und die Wolke, die bereits auf seiner Stirn lag, wurde noch finsterer, als er Arthur’s ansichtig ward.

„Also hier liegst Du wirklich noch auf dem Sopha, genau so, wie Du vor drei Stunden lagst!“

Arthur schien durchaus nicht daran gewöhnt zu sein, seinem Vater auch nur die äußere Form der Ehrerbietung zu erweisen. Er hatte von dem Eintritt desselben nicht die mindeste Notiz genommen, und auch jetzt fiel es ihm nicht ein, seine nachlässige Stellung nur im Geringsten zu verändern.

Die Stirn des Vaters furchte sich noch tiefer. „Deine Apathie und Trägheit fängt jetzt wirklich an, alle Begriffe zu übersteigen! Das ist ja ärger hier als in der Residenz. Ich hoffte, Du würdest Dich doch wenigstens in etwas meinen Wünschen fügen, wenigstens einigen Antheil an dem Gedeihen von Schöpfungen nehmen, die ich nur um Deinetwillen in’s Leben rief, aber –“

„Mein Gott, Papa,“ unterbrach ihn der junge Mann, „Du verlangst doch nicht etwa, daß ich mich um Arbeiter, um Maschinen und dergleichen kümmern soll? Ich habe das ja nie gethan, und begreife überhaupt nicht, wie Du uns gerade hierher dirigiren konntest. Ich langweile mich zu Tode in dieser Einöde.“

Die Worte klangen in der That sehr gelangweilt, aber sie hatten nichtsdestoweniger den vollen Ton des verzogenen Lieblingssohnes, der gewohnt ist, seinen Launen überall und unter allen Umständen Rechnung getragen zu sehen, und der schon die bloße Zumuthung von etwas Unbequemem als eine Beleidigung auffaßt. Aber irgend etwas Vorhergegangenes mußte den Vater zu sehr gereizt haben, um diesmal wie gewöhnlich sofort nachzugeben. Er zuckte die Achseln.

„Ich bin es nun nachgerade gewohnt, daß Du Dich an jedem Orte und unter jeder Umgebung langweilst, während ich allein alle Sorge und alle Last zu tragen habe. Zumal jetzt stürmt es von allen Seiten auf mich ein. Deine Verschwendung in der Residenz fing zuletzt an, selbst meine Mittel zu übersteigen; die Windegs von ihren Verpflichtungen loszumachen, hat auch Opfer genug gekostet, und hier finde ich vollends nichts als Aerger und Unannehmlichkeiten ohne Ende. Da habe ich heut Morgen eine Conferenz mit dem Director und den Oberbeamten gehabt und nur Klagen und nichts als Klagen hören müssen. Umfassende Reparaturen in den Schachten – Verbesserung der Arbeitslöhne – neue Wetterführung – Unsinn! Als ob ich jetzt Zeit und Geld dazu hätte!“

Arthur hörte vollständig theilnahmlos zu; wenn sich in seinem Gesichte überhaupt etwas kund gab, so war es der Wunsch nach Entfernung des Vaters; aber dieser that ihm nicht den Gefallen, er begann heftig im Zimmer auf- und abzuschreiten.

„Verlasse sich Einer auf die Beamten und ihre Berichte! Ein halbes Jahr lang bin ich nicht persönlich hier gewesen und Alles geht darunter und darüber! Da reden sie von dumpfer Gährung unter den Leuten, von bedenklichen Symptomen, drohender Gefahr, als ob sie nicht Vollmacht hätten, den Zügel so straff als nur möglich anzuziehen. Vor allem wird mir da ein gewisser Hartmann als der Haupt-Aufwiegler bezeichnet, der bei seinen Cameraden als eine neue Art von Messias gilt und mir dabei in der Stille die gesammten Werke insurgirt, und als ich frage, warum in Kukuks Namen sie denn den Menschen nicht längst fortgejagt haben, was bekomme ich zur Antwort? Das wagte man nicht! Er hätte sich bisher in seinem Arbeitsverhältniß noch nicht das Geringste zu schulden kommen lassen, und seine Cameraden hingen mit blinder Vergötterung an ihm. Es gäbe eine Revolution auf den Werken, wenn man ihn ohne hinreichenden Grund entließe. Ich habe mir die Freiheit genommen, den Herren zu erklären, daß sie allesammt Hasenfüße wären, und daß ich jetzt die Sache in die Hand nehmen würde. Die Schachte bleiben wie sie sind, und an den Lohnverhältnissen wird auch nicht ein Jota geändert. Gegen die geringste Auflehnung wird mit vollster Strenge vorgegangen und dem Herrn Rädelsführer werde ich selbst den Abschied geben und das noch heute.“

„Das kannst Du nicht, Papa!“ sagte Arthur plötzlich, sich zur Hälfte aufrichtend.

[42] Berkow blieb überrascht stehen. „Weshalb nicht?“

„Weil eben dieser Hartmann es war, der die Pferde vor unserem Wagen aufhielt und uns dadurch vom sicheren Tode rettete.“

Berkow ließ einen unterdrückten Ausruf des Zornes hören. „Fatal! Mußte es auch grade dieser Mensch sein! Ja freilich, da kann man ihn nicht so ohne Weiteres fortschicken; man wird eine Gelegenheit abwarten müssen. Uebrigens, Arthur,“ er blickte finster auf seinen Sohn hin, „es war auch arg, daß ich erst durch Fremde von jenem Unfall erfahren mußte; Du hieltest es nicht der Mühe werth, mir auch nur ein Wort darüber zu schreiben.“

„Wozu?“ Der junge Mann stützte müde den Kopf in die Hand. „Die Sache ging ja glücklich vorüber, und überdies hat man uns hier nahezu umgebracht mit Beileidsbezeigungen, Glückwünschen, Fragen und Redereien darüber. Ich finde, das Leben ist gar nicht so viel werth, um von seiner Rettung ein solches Aufheben zu machen.“

„Findest Du das?“ fragte der Vater ihn fixirend. „Ich dächte, Du wärest am Tage vorher getraut worden.“

Arthur antwortete nicht; er zuckte nur die Achseln. Berkow’s Auge heftete sich noch forschender auf seine Züge.

„Da wir einmal bei dem Punkte angekommen sind – was ist das zwischen Dir und Deiner Frau?“ fragte er plötzlich rasch und ohne allen Uebergang.

„Zwischen mir und meiner Frau?“ wiederholte Arthur, als müsse er sich erst besinnen, von wem eigentlich die Rede sei.

„Ja, zwischen Euch Beiden. Ich denke ein junges Ehepaar in seinen Flitterwochen zu überraschen und finde hier Dinge, von denen ich mir in der Residenz wahrhaftig nichts träumen ließ. Du reitest allein und sie fährt allein; Keiner von Euch betritt je des Anderen Zimmer. Ihr vermeidet einander absichtlich und wenn Ihr Euch einmal trefft, so werden keine sechs Worte gesprochen – was soll das alles heißen?“

[53] Der junge Mann hatte sich vollends erhoben und stand jetzt seinem Vater gegenüber, aber ohne seine schläfrige Haltung aufzugeben. „Du verräthst ja eine merkwürdige Detailkenntniß, Papa, die Du doch unmöglich aus unserem halbstündigen Zusammensein gestern Abend schöpfen konntest. Hast Du die Bedienten ausgefragt?“

„Arthur!“ Berkow wollte auffahren, aber die gewohnte Nachgiebigkeit gegen seinen Sohn ließ ihn auch diese Unart übersehen; er zwang sich zur Ruhe.

„Man ist hier, wie es scheint, noch nicht an die vornehme Art zu leben gewöhnt,“ fuhr Arthur unbekümmert fort. „Wir sind in dem Punkte nun einmal durchaus aristokratisch. Du liebst das Aristokratische ja so sehr, Papa.“

„Laß die Spöttereien!“ sagte Berkow ungeduldig. „Geschieht es etwa auch mit Deiner Bewilligung, daß Deine Frau Gemahlin sich erlaubt, Dich in einer Weise zu ignoriren, die bereits das Gespräch der ganzen Colonie bildet?“

„Wenigstens lasse ich ihr die Freiheit, genau dasselbe zu thun, was ich mir herausnehme.“

Berkow fuhr heftig von seinem Stuhle auf. „Das geht denn doch allzu weit! Arthur, Du bist –“

„Nicht wie Du, Papa!“ unterbrach ihn der Sohn kalt. „Ich wenigstens hätte kein Mädchen mit der Schuldverschreibung ihres Vaters in der Hand zum Jawort gezwungen.“

Die Röthe in dem Antlitze Berkow’s verblich plötzlich, und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er unsicher fragte: „Was – was soll das heißen?“

Arthur richtete sich aus seiner schlaffen Haltung empor, und das Auge gewann einiges Leben, als er es fest auf den Vater richtete.

„Baron Windeg war ruinirt, das wußte alle Welt. Wer hat ihn ruinirt?“

„Weiß ich’s?“ fragte Berkow höhnisch. „Seine Verschwendungssucht, die Last, den großen Standesherrn zu spielen, während er schon über und über verschuldet war! Er wäre verloren gewesen ohne meine Hülfe.“

„Wirklich? Also man verfolgte keinen Plan bei dieser Hülfe? Dem Baron wurde nicht die Bedingung gestellt, seine Tochter herzugeben oder des Aeußersten gewärtig zu sein? Er entschied sich freiwillig für diese Verbindung?“

Berkow lachte gezwungen auf. „Natürlich! Wer hat Dir denn erzählt, daß es anders war?“ Aber trotz des zuversichtlichen Tones sank sein Blick scheu zu Boden; der Mann hatte vielleicht noch niemals im Leben die Augen niedergeschlagen, wenn ihm eine Gewissenlosigkeit vorgehalten wurde; hier vor seinem Sohne that er es. Ein Ausdruck leiser Bitterkeit flog über die matten Züge des jungen Mannes; wenn er bisher noch irgend einen Zweifel gehegt, jetzt wußte er genug.

Nach einer secundenlangen Pause nahm Arthur das Gespräch wieder auf. „Du weißt, daß ich niemals Neigung zum Heirathen hegte, daß ich nur Deinem unaufhörlichen Drängen nachgab. Eugenie Windeg war mir so gleichgültig wie jede Andere; ich kannte sie ja nicht einmal, aber sie wäre nicht die Erste gewesen, die dem Reichthume freiwillig ihren alten Namen geopfert hätte; so wenigstens faßte ich ihr und ihres Vaters Jawort auf. Es hat Dir nicht beliebt, mich über das zu unterrichten, was meiner Bewerbung voranging und was ihr folgte; erst aus Eugeniens Munde mußte ich von dem Handel hören, den Du mit uns Beiden getrieben hast. Wir wollen das ruhen lassen; die Sache ist nun einmal geschehen und kann nicht ungeschehen gemacht werden; aber Du wirst es jetzt auch wohl begreiflich finden, daß ich es vermeide, mich erneuten Demüthigungen auszusetzen. Ich habe keine Lust, zum zweiten Male so vor meiner Frau dazustehen, wie an jenem Abende, wo mir die volle Verachtung gegen mich und meinen Vater entgegengeschleudert wurde und ich – schweigen mußte.“

Berkow, der bisher stumm und zur Hälfte abgewendet dastand, drehte sich bei den letzten Worten plötzlich um und maß seinen Sohn mit einem erstaunten Blicke.

„Ich hätte nicht geglaubt, daß Dich irgend etwas noch in solchem Grade reizen könnte,“ sagte er langsam.

„Reizen? Mich? Da irrst Du! Bis zum Gereiztwerden sind wir überhaupt gar nicht gekommen. Meine Frau Gemahlin geruhte gleich anfangs, sich so hoch auf das Piedestal ihrer erhabenen Tugenden und ihres aristokratischen Bewußtseins zu stellen, daß ich, der ich in beiden Dingen gleich unwürdig vor ihr stehe, es vorzog, sie nur aus der Ferne zu bewundern. Ich rathe Dir ernstlich, es ebenso zu machen, wenn Du überhaupt dahin gelangen solltest, bisweilen das Glück ihrer Gegenwart zu genießen.“

Er warf sich mit verächtlicher Gleichgültigkeit wieder auf das Sopha; aber mitten durch den Spott klang doch etwas von jener tiefen Gereiztheit, die der Vater an ihm bemerkt haben wollte. Berkow schüttelte den Kopf; aber die Rolle, die er bei diesem verfänglichen Thema dem Sohne gegenüber spielte, war doch zu peinlich, als daß er nicht möglichst schnell davon hätte ablenken sollen.

[54] „Wir sprechen noch einmal zu gelegener Zeit darüber!“ erklärte er, heftig die Uhr hervorziehend. „Für heute laß uns abbrechen. Es sind noch zwei Stunden bis zum Eintreffen der Gäste; ich fahre nach den oberen Werken hinaus. Du begleitest mich also?“

„Nein!“ sagte Arthur, wieder in seine volle Trägheit zurücksinkend.

Berkow machte diesmal keinen Versuch, seine Autorität zu gebrauchen; vielleicht war ihm nach diesem Gespräche die Weigerung nicht unlieb. Er wandte sich zum Gehen und ließ den jungen Mann allein, den mit der nun eintretenden Stille wieder die ganze frühere Apathie zu überkommen schien.

Und während draußen der erste klare Frühlingstag auf die Erde herniederlächelte, während die Berge dufteten und die Wälder im Sonnenglanze funkelten, lag Arthur Berkow drinnen im halbdunklen Gemach bei herabgelassenen Vorhängen und geschlossenen Portièren, als sei er allein nicht geschaffen für freie Bergesluft und goldenen Sonnenschein. Die Luft war ihm zu rauh, die Sonne zu hell; die Aussicht blendete ihn, und er selbst kam sich über alle Beschreibung nervös und angegriffen vor. Der junge Erbe, dem Alles zu Gebote stand, was die Welt und das Leben nur zu geben vermochten, fand, was er schon so unendlich oft gefunden, daß diese Welt und dieses Leben doch eigentlich entsetzlich leer und öde seien, gar nicht der Mühe werth, geboren zu werden.




Das glänzende, mit verschwenderischer Pracht und Ueppigkeit hergerichtete Diner war zu Ende. Es hatte außer den zahlreich erschienenen Gästen noch einen besonderen Triumph für Berkow gebracht. Der Adel der benachbarten Stadt war im höchsten Grade exclusiv, zumal in seinen tonangebenden Persönlichkeiten, und er hatte sich bisher noch nie herbeigelassen, das Haus eines Emporkömmlings zu betreten, den seine zweideutige Vergangenheit noch immer von der vornehmen Gesellschaft ausschloß. Die Einladungen aber, auf denen Eugenie Berkow, geborene Baroneß Windeg, unterzeichnet stand, waren allseitig angenommen worden. Sie war und blieb doch nun einmal der Sproß einer der ältesten Adelsgeschlechter; man konnte und wollte sie nicht durch eine Ablehnung verletzen, wollte dies um so weniger, als es kein Geheimniß geblieben war, was sie zu dieser Verbindung gezwungen hatte. Wenn man aber der jungen Frau mit vollster Achtung und Sympathie entgegenkam, so konnte man gegen ihren Schwiegervater, in dessen Hause das Fest ja stattfand, unmöglich anders als höflich sein, und das geschah denn auch. Berkow triumphirte, er wußte sehr wohl, daß dies hier nur das Vorspiel dessen war, was sich im Winter in der Residenz wiederholen mußte. Man werde die Baroneß Windeg in ihren Kreisen sicher nicht fallen lassen, weil sie sich aus Kindesliebe für ihren Vater geopfert, man werde sie dort nach wie vor als ebenbürtig betrachten trotz des bürgerlichen Namens, den sie jetzt trug. Was aber diesen Namen selbst betraf, so lag das so sehnlich erstrebte Ziel ja nun hoffentlich auch nicht mehr in allzuweiter Ferne.

Wenn sich der ehrgeizige Millionär nun einerseits seiner Schwiegertochter zu neuem Danke verpflichtet fühlte, trotzdem sie heut mehr als je die Airs einer Fürstin angenommen hatte und ihm und seinem ganzen Kreise völlig unnahbar geblieben war, so hatte ihn andererseits das Benehmen seines Sohnes ebenso sehr überrascht als geärgert. Arthur, der sonst ausschließlich in adeligen Kreisen verkehrte, schien jetzt auf einmal den Geschmack an dieser Art des Umganges verloren zu haben. Er war den vornehmen Gästen gegenüber von einer so kühlen Artigkeit gewesen, hatte selbst gegen die Officiere der Garnison, mit denen er doch sonst bei seinem Hiersein auf sehr intimem Fuße stand, eine so geflissentliche Zurückhaltung beobachtet, daß er mehr als einmal bis an die Grenze dessen ging, was ein Wirth sich erlauben darf, ohne zu verletzen. Berkow begriff diese ganz neue Laune nicht; was fiel denn seinem Sohne auf einmal ein? Wollte er vielleicht seiner Gemahlin damit Opposition machen, wenn er ihre Gäste so beinahe absichtlich vermied?

Diejenigen Herren aus der Stadt, welche sich in Begleitung ihrer Damen befanden, waren bereits aufgebrochen, weil bei den vom langen Regen grundlosen Wegen eine mehrstündige Fahrt in der Dunkelheit nicht rathsam erschien, und hatten dadurch der Frau vom Hause die Freiheit gegeben, sich zurückzuziehen, eine Freiheit, die sie auch sofort benutzte. Eugenie verließ die Gesellschaftsräume und begab sich in ihre Zimmer, während ihr Gemahl und ihr Schwiegervater bei den Gästen zurückblieben.

Inzwischen war zur festgesetzten Stunde auch Ulrich Hartmann erschienen. Seit seinen frühesten Knabenjahren, seit mit dem Tode der Frau Berkow die Beziehungen seiner Eltern zum Hause derselben aufgehört, hatte er es nicht wieder betreten, wie denn überhaupt für die gesammte Arbeiterbevölkerung das Landhaus des Chefs mit seiner Umgebung von Terrassen und Gärten ein verschlossenes Eldorado war, das nur hin und wieder den Beamten einmal zugänglich wurde, wenn irgend eine besonders wichtige Angelegenheit oder eine Einladung sie dorthin rief. Der junge Mann schritt durch das hohe, reich mit blühenden Gewächsen geschmückte Vestibül, die teppichbelegten Stufen hinauf und durch die hellerleuchteten Corridore, bis ihn in einem der letzteren der Diener von heute Morgen in Empfang nahm und in eins der Zimmer wies. „Die gnädige Frau werde bald erscheinen –“ mit dieser Bemerkung schloß er die Thür hinter ihm und ließ ihn allein.

Es war ein großes, reich decorirtes Vorgemach, in das Ulrich eintrat, der Anfang einer ganzen Flucht von Staatszimmern, die aber in diesem Augenblicke völlig leer waren. Die Gesellschaft befand sich noch drüben in dem nach dem Garten gelegenen Speisesaal, aber gerade die Oede und Stille, die in diesen Räumen herrschte, ließ ihre Pracht noch mehr zur Geltung kommen. Durch die überall weit zurückgeschlagenen Portièren überschaute Ulrich ungehindert die lange Reihe glänzender Zimmer, deren eins das andere an Pracht zu überbieten schien. Die schweren dunklen Sammettapeten schienen das Licht einzufangen, aber desto heller spielte es auf den reich vergoldeten Verzierungen der Wände und Thüren, auf den Seiden- und Atlasbezügen der Möbel, in den deckenhohen Spiegeln, die es in blitzenden Strahlen zurückwarfen, ja selbst auf dem spiegelglatten Parquetboden, desto voller beleuchtete es all diese Gemälde, Statuen und Vasen, die in verschwenderischer Menge und Kostbarkeit die Salons schmückten. Alles, was Reichthum und Luxus nur irgend zu geben vermögen, war hier zusammengehäuft, eine Fülle von Schönheit, Pracht und Glanz, die wohl ein Auge blenden konnte, das bisher nur gewohnt war, in den dunkeln Gängen des Schachtes seine Heimath zu finden.

Aber dieser Anblick, der sicher jeden seiner Cameraden verwirrt hätte, schien auf Ulrich nicht den mindesten Eindruck zu machen. Wohl glitt sein Auge finster durch die strahlenden Räume; aber keine Bewunderung sprach sich darin aus. Als wollte er mit jedem einzelnen der kostbaren Dinge rechten, so schaute er darauf hin, und plötzlich kehrte er, wie in aufflammendem Haß, der ganzen Zimmerreihe den Rücken und schlug leise, aber heftig mit seinem Fuß den Boden, als sich noch immer Niemand blicken ließ; Ulrich Hartmann war augenscheinlich wenig gemacht, geduldig im Vorzimmer zu warten, bis man sich herabließ, ihn zu empfangen.

Endlich rauschte etwas hinter ihm. Er wandte sich um und trat unwillkürlich zurück, denn einige Schritte von ihm entfernt, gerade unter dem Kronleuchter, stand Eugenie Berkow. Er hatte sie bisher nur ein einziges Mal gesehen, als er sie aus dem Wagen trug, im einfachen Reisekleide von dunkler Seide, während ihr Antlitz von Reisehut und Schleier zur Hälfte beschattet war, und er hatte von jener Begegnung nur die Erinnerung an Eins mit sich genommen, an die großen dunklen Augen, die sich damals so fest auf sein Antlitz geheftet; jetzt – ja freilich, das war eine andere Erscheinung als jene, die bisher in den Gesichtskreis des jungen Bergmanns getreten waren. Zarte weiße Spitzen flossen über das weiße Seidengewand und umwogten wie eine Wolke die schlanke hohe Gestalt; wie hingehaucht lagen einzelne Rosen in diesem Spitzenduft, und das gleiche Rosengewinde schlang sich durch das reiche blonde Haar, dessen matter Glanz zu wetteifern schien mit dem Glanz der Perlen, die Hals und Arme schmückten. Das volle Licht der Kerzen floß blendend nieder auf die schöne Erscheinung, die wie geschaffen schien für den glänzenden Rahmen dieser Umgebung, und die da vor ihm stand, als könne und dürfe ihr nichts nahen, was mit dem gemeinen Tagewerk des Alltagslebens nur irgend in Berührung kam. Aber so sehr Eugeniens ganzes Wesen die vornehme Salondame zeigte, die sie den ganzen Abend über ausschließlich [55] gewesen war, ihr Auge verrieth doch, daß sie wohl noch etwas Anderes sein konnte, zumal jetzt, wo es in unverkennbarer Befriedigung aufleuchtete beim Anblick des jungen Mannes, dem sie sich mit ruhiger Freundlichkeit näherte.

„Es freut mich, daß Sie meinem Rufe nachgekommen sind! Ich wünschte Sie zu sprechen, um ein Mißverständniß zu lösen. Bitte, folgen Sie mir!“

Sie öffnete eine der Seitenthüren und trat in das Nebengemach, wohin Ulrich ihr folgte. Es war der Salon der jungen Frau, der zwischen ihren eigenen Zimmern und den Gesellschaftsräumen lag – aber welch einen Contrast bildete er zu jenen! Hier floß das matte Licht der Ampel nur gedämpft über das zarte Blau der Wände und der Seidenpolster; weiche Teppiche fingen den trotzigen Schritt auf, der sie berührte, und Blumendüfte zogen leise und süß durch die milde und warme Luft und umwehten schmeichelnd Stirn und Schläfe. Ulrich war wie gebannt an der Schwelle stehen geblieben, trotzdem er doch sonst keine Schüchternheit kannte, aber es war so anders hier als in den blendenden Staatsgemächern, so viel schöner, so traumhaft still. Er konnte den Haß nicht wiederfinden, mit dem er auf die Pracht da draußen geschaut hatte; statt dessen regte sich etwas Anderes in ihm, das er noch nie empfunden, dem er keinen Namen zu geben wußte, aber es war dieser Umgebung verwandt, die ihn so seltsam umfing. Und doch wallte in dem gleichen Augenblick ein heißer Zorn darüber in ihm auf, er wich instinctmäßig zurück, wie vor einer nur dunkel geahnten Gefahr, und sein ganzes Wesen erhob sich im starren feindlichen Widerstande gegen diese Atmosphäre von Schönheit und Duft, mit ihrem schmeichelnden Zauber. Eugenie war stehen geblieben, als sie mit einiger Befremdung bemerke, daß der junge Bergmann ihr nicht folgte; sie ließ sich jetzt auf einen Sessel in der Nähe der Thür nieder, während ihr Auge prüfend sein Gesicht überflog. Das krause blonde Haar deckte völlig die noch frische Narbe, aber die Wunde, die für jeden Andern gefährlich gewesen wäre, hatte diese kräftige Natur kaum erschüttern können; Eugenie suchte vergebens in seinen Zügen nach einer Spur überstandenen Leidens. Dennoch galt ihre erste Frage jener Verletzung.

„Sie sind also völlig wiederhergestellt? Macht Ihnen die Wunde auch wirklich keine Schmerzen mehr?“

„Nein, gnädige Frau! Es war nicht der Rede werth!“

Eugenie schien den kurzen herben Ton der Antwort zu überhören; sie fuhr mit gleicher Güte fort:

„Ich erfuhr allerdings schon am nächsten Tage aus dem Munde des Arztes, daß nichts zu befürchten stünde, sonst hätten wir Ihnen auch eine eingehendere Fürsorge gewidmet. Der Herr Doctor versicherte mir wiederholt nach dem zweimaligen Besuch, den er Ihnen noch abstattete, es sei von Gefahr nicht die Rede, und auch Herr Wilberg, den ich noch am Abend des verhängnißvollen Tages zu Ihnen sandte, brachte mir die gleiche Nachricht.“

Ulrich hatte schon bei den ersten Worten das Auge gehoben und sie starr angesehen; seine finstere Stirn hellte sich langsam auf, und die Stimme hatte einen weit milderen Klang, als er endlich antwortete:

„Ich wußte nicht, daß Sie sich überhaupt so viel darum kümmerten, gnädige Frau. Herr Wilberg hat mir nicht gesagt, daß er von Ihnen kam, sonst –“

„Sonst wären Sie freundlicher gegen ihn gewesen!“ ergänzte Eugenie mit leisem Vorwurf. „Er beklagte sich über die Schroffheit, die Sie ihm an jenem Abend zeigten, und doch war er voll Theilnahme für Sie und erbot sich mit so freundlicher Gefälligkeit, mir die gewünschte Nachricht zu verschaffen. Was haben Sie gegen Herrn Wilberg?“

„Nichts! Aber er spielt Guitarre und macht Gedichte.“

Eugenie lächelte unwillkürlich bei dieser etwas seltsamen und doch erschöpfenden Charakteristik des blonden jungen Beamten.

„Das scheinen in Ihren Augen keine besonderen Vorzüge zu sein!“ sagte sie halb scherzend, „und ich glaube auch schwerlich, daß Sie sich dessen schuldig machen würden, wenn Sie die Lebensstellung des Herrn Wilberg einnähmen. Aber lassen wir das! Es war ja etwas Anderes, weßwegen ich Sie rufen ließ. Wie ich höre,“ die junge Frau spielte in leichter Verlegenheit mit ihrem Fächer, „wie ich von dem Herrn Director höre, haben Sie ein Zeichen unseres Dankes ausgeschlagen, das er beauftragt war, Ihnen zu übermitteln.“

„Ja!“ erklärte Ulrich finster, ohne die Härte dieses Ja durch ein einziges Wort zu mildern.

„Ich bedaure, wenn das Anerbieten oder die Art desselben Sie verletzt hat. Herr Berkow“ – Eugeniens Antlitz überzog eine leise Röthe, als sie die Lüge aussprach – „Herr Berkow hatte allerdings die Absicht, Ihnen persönlich seinen und meinen Dank auszusprechen; er wurde indessen verhindert und ersuchte den Herrn Director, ihn zu vertreten. Es würde mir sehr leid thun, wenn Sie darin eine Undankbarkeit oder Gleichgültigkeit unsererseits gegen unseren Lebensretter sehen wollten; wir wissen Beide, wie tief wir in seiner Schuld sind, und Sie dürfen es mir nicht auch abschlagen, wenn ich Sie jetzt bitte, aus meinen Händen –“

Ulrich fuhr auf; was die ersten Worte gemildert hatten, das verdarb der Schluß völlig wieder. Sein Antlitz war bleich geworden, als er errieth, um was es sich handelte, und in rücksichtsloser Heftigkeit brach er los:

„Lassen Sie das, gnädige Frau! Wenn Sie mir das anbieten, auch Sie, dann wollte ich, ich hätte den Wagen stürzen lassen mit Allem, was darinnen war!“

Eugenie wich zurück bei diesem plötzlichen Ausbruche jener unbändigen Wildheit, wegen deren Ulrich Hartmann auf den ganzen Werken gefürchtet war. Der Tochter des Baron Windeg mochte solch ein Ton und Blick wohl noch niemals nahe gekommen sein, wie sie denn überhaupt selbst jenen Kreisen noch nie genahet war. Sie erhob sich verletzt.

„Aufdrängen wollte ich Ihnen meinen Dank nicht! Wenn Ihnen der Ausdruck desselben so unangenehm ist, so bedaure ich, Sie hergerufen zu haben.“

Sie wandte sich um und machte Miene, das Zimmer zu verlassen, aber diese Bewegung brachte Ulrich zur Besinnung. Er that ihr heftig einen Schritt nach.

„Gnädige Frau – ich – verzeihen Sie mir! Ihnen wollte ich nicht wehe thun!“

Es lag eine so leidenschaftlich aufflammende Reue in dem Ausrufe, daß Eugenie betroffen stehen blieb und ihn anblickte, als suche sie in seinem Gesichte den Schlüssel zu diesem räthselhaften Wesen, aber die stürmische Abbitte hatte ihren Zorn entwaffnet.

Mir nicht?“ wiederholte sie. „Ist es Ihnen denn gleichgültig, wenn Sie Andere mit Ihrer Schroffheit verletzen? Den Director zum Beispiel und Herrn Wilberg?“

„Ja!“ entgegnete Ulrich finster, „wie es umgekehrt auch ihnen gleich sein würde. Die Beamten und wir – da ist von keiner Freundschaft die Rede!“

„Nicht?“ fragte Eugenie betreten. „Ich wußte in der That nicht, daß das Verhältniß zwischen Beamten und Arbeitern hier ein so gespanntes ist, und auch Herr Berkow scheint keine Ahnung davon zu haben, sonst würde er wohl irgendwie vermittelnd eingetreten sein.“

„Herr Berkow“ – sagte Ulrich schneidend – „hat sich seit zwanzig Jahren um alles Mögliche auf den Werken gekümmert, nur nicht um die Arbeiter, und das wird so lange fortgehen, bis wir einmal anfangen, uns um ihn zu kümmern, und dann – ja so, gnädige Frau, ich vergesse ganz, daß Sie die Frau seines Sohnes sind. Entschuldigen Sie!“

Die junge Frau schwieg, fast bestürzt über diese harte und rücksichtslose Offenheit. Was sie hier vernahm, war freilich nichts Anderes, als was sie schon hin und wieder, wenn auch nur andeutungsweise, über ihren Schwiegervater gehört hatte, aber die furchtbare Bitterkeit in jenen Worten zeigte ihr mit einem Blick die ganze Tiefe der Kluft, die er zwischen sich und seinen Untergebenen aufgerissen. Wer Berkow anklagte, konnte im voraus der Sympathie seiner Schwiegertochter gewiß sein; sie hatte selbst den bittersten Beweis von der Gewissenlosigkeit dieses Mannes erhalten, aber freilich, die Gattin seines Sohnes durfte das mit keiner Miene verrathen; sie mußte die Bemerkung zum Mindesten nicht gehört haben, wenn sie dieselbe nicht rügen wollte, und Eugenie zog das Erstere vor.

„Also sie wollen durchaus kein Zeichen der Erkenntlichkeit, auch aus meinen Händen nicht?“ nahm sie, rasch von dem gefährlichen Thema ablenkend, das frühere Gespräch wieder auf. „Nun denn, so bleibt mir nur übrig, dem Manne, dessen Hand mich dem sichern Tode entriß, meinen Dank zu sagen. Werden Sie auch das zurückweisen? Ich danke Ihnen, Hartmann!“

[56] Sie reichte ihm die Hand. Es waren nur wenige Secunden, während welcher diese Hand, weiß und zart wie ein Blumenblatt, in der rauhen, hartgearbeiteten Faust des jungen Bergmanns lag, aber die leichte Berührung schien ihn seltsam zu durchzucken. Die ganze Bitterkeit verschwand aus seinen Zügen, die Düsterheit aus dem Blicke; das trotzige Haupt beugte sich, mit ihm der starre Nacken, und er neigte sich über die dargebotene Hand mit einem Ausdrucke von Milde und Nachgiebigkeit, wie kein über ihm Stehender sich rühmen konnte, sie jemals an Ulrich Hartmann gesehen zu haben.

„Ah, Sie geben hier Audienz, Eugenie, und noch dazu einem unserer Leute?“ tönte Berkow’s Stimme hinter ihnen, der in diesem Augenblicke die Thür öffnete und in Begleitung seines Sohnes eintrat. Eugenie zog die Hand zurück, und Ulrich richtete sich rasch empor, es hatte nur dieser Stimme bedurft, um seiner Haltung wieder ganz die stumme Feindseligkeit zu geben, die sie sonst so bedeutsam charakterisirte und die noch mehr hervortrat, als Arthur mit einer Schärfe, die eigenthümlich mit seinem sonstigen matten Tone contrastirte, auf einmal fragte:

„Hartmann, wie kommen Sie hierher?“

„Hartmann?“ wiederholte Berkow, aufmerksam gemacht durch den Namen, und trat einen Schritt näher. „Ah, da haben wir ja den Herrn Agitator, der –“

„Der unsere scheu gewordenen Pferde bändigte und dabei selbst eine Wunde davontrug, während er uns das Leben rettete!“ unterbrach ihn Eugenie ruhig, aber mit vollster Entschiedenheit.

„Ja so!“ sagte Berkow, ebenso sehr aus der Fassung gebracht durch diese Erinnerung, wie durch den sehr bestimmten Ton seiner Schwiegertochter. „Ja freilich! Ich hörte bereits davon und der Director sagte mir auch, daß sie und Arthur bereits erkenntlich dafür gewesen wären. Der junge Mann ist jedenfalls hier, um seinen Dank für das Geschenk auszusprechen. Sie waren also zufrieden, Hartmann?“

Die Wolke auf Ulrich’s Stirn ballte sich wieder drohend zusammen und die Entgegnung, welche auf seinen Lippen schwebte, hätte diesmal wahrscheinlich die schwersten Folgen auf ihn herabgezogen, aber Eugenie war ihrem Schützlinge beschwichtigend näher getreten und berührte leise warnend mit dem Fächer seinen Arm. Er verstand die Warnung; er sah sie an, sah den Ausdruck unverhehlter Besorgniß in ihrem Auge, und Trotz und Haß sanken wieder machtlos nieder, als er ruhig, fast kalt entgegnete: „Gewiß, Herr Berkow! Ich bin zufrieden mit dem Danke der gnädigen Frau.“

„Das freut mich!“ sagte Berkow kurz abbrechend. Ulrich wandte sich zu Eugenie.

„Ich darf jetzt wohl gehen, gnädige Frau?“

Sie neigte in stummer Einwilligung das Haupt. Sie sah es nur zu gut, mit welcher Gewalt sich der trotzige Mann hier zur Ruhe zwang; noch ein Gruß gegen den Chef und seinen Sohn hin, ein Gruß, dem man das widerwillig Gezwungene ansah, und er verließ das Gemach.

„Nun, das muß man gestehen, Eugenie, viel Lebensart besitzt Ihr Schützling nicht!“ bemerkte Berkow höhnisch. „Er verabschiedet sich sans façon, ohne zu warten, bis man ihn beurlaubt. Freilich, wo sollen solche Leute auch Manier lernen! – Arthur, Du scheinst diesen Hartmann für eine ganz besondere Merkwürdigkeit zu halten! Hast Du ihm nun lange genug nachgesehen?“

Arthur hatte in der That dem sich Entfernenden unverwandt nachgeblickt und sah noch jetzt ebenso unverwandt auf die Thür, die sich hinter Jenem geschlossen. Die Augenbrauen des jungen Mannes waren leicht zusammengezogen, die Lippen fest auf einander gepreßt. Erst auf die Frage des Vaters hin wendete er sich um.

Dieser näherte sich mit großer Artigkeit seiner Schwiegertochter. „Ich bedaure, Eugenie, daß Ihre völlige Unkenntniß der hiesigen Verhältnisse sie in der Herablassung zu weit gehen ließ. Sie konnten natürlich keine Ahnung davon haben, welche Rolle grade dieser Mensch unter seinen Cameraden spielt, aber er durfte auf keinen Fall in’s Haus kommen, am wenigsten Ihren Salon betreten, selbst unter dem Vorwande eines Dankes für empfangene Geschenke nicht.“

Die junge Frau hatte sich niedergelassen, aber ihr Antlitz trug wieder völlig jenen Ausdruck, der es ihrem Schwiegervater rathsam erscheinen ließ, nicht, wie er anfangs beabsichtigte, an ihrer Seite Platz zu nehmen, sondern ihr gegenüber zu bleiben; sie schien ihn in der That zu zwingen, sie gleichfalls nur „aus der Ferne zu bewundern“.

„Man hat Ihnen, wie ich sehe, nur die Hälfte der fraglichen Angelegenheit mitgetheilt,“ erwiderte sie kühl. „Darf ich fragen, wann sie den Herrn Director zuletzt gesprochen haben?“

„Heute Morgen, wo ich von ihm erfuhr, daß er beauftragt sei, noch im Laufe des Vormittags dem Hartmann eine Summe zu übermitteln, die ich, beiläufig gesagt, viel zu groß finde. Das ist ja ein Vermögen für solche Leute! Indessen ich mochte Ihnen und Arthur darüber keine Vorschriften machen, wenn Sie nun einmal glauben, in dieser übertriebenen Art erkenntlich sein zu müssen.“

„Also wissen Sie noch nicht, daß der junge Mann die ganze Summe ausgeschlagen hat?“

„Aus – ausgeschlagen?“ rief Berkow zurückprallend.

„Ausgeschlagen?“ wiederholte auch Arthur, „weshalb?“

„Vermuthlich weil es ihn beleidigte, durch einen Dritten mit einer Geldsumme abgefunden zu werden, während die, welche er rettete, es nicht der Mühe werth hielten, auch nur ein Wort des Dankes hinzuzufügen. Ich habe die letztere Versäumniß allerdings wieder gut zu machen gesucht, konnte ihn aber nicht bewegen, auch nur das Geringste anzunehmen. Es scheint doch nicht, als ob der Director das so ‚ausgezeichnet arrangirt hätte‘!“

Arthur biß sich auf die Lippen. Er wußte, an welche Adresse die Worte gerichtet waren, obgleich sie zu seinem Vater gesprochen wurden.

„Es scheint also, Du hast ihn eigens herrufen lassen?“ fragte er.

„Allerdings!“

„Ich wollte, Sie hätten das unterlassen!“ sagte Berkow etwas gereizt. „Gerade dieser Hartmann wird mir von allen Seiten als das eigentlich revolutionäre Element unter den Arbeitern bezeichnet, gegen das ich eben im Begriffe bin, mit vollster Strenge vorzugehen. Daß man mir nicht zuviel gesagt hat, sehe ich jetzt deutlich! Untersteht sich dieser Mensch, eine solche Summe auszuschlagen, nur weil man bei der Auszahlung nicht mit all der übertriebenen Umständlichkeit zu Werke geht, die sein Hochmuth verlangt! Ja freilich, der ist zu allem fähig. Ich muß sie doch daran erinnern, Eugenie, daß meine Schwiegertochter gewisse Rücksichten zu nehmen hat, selbst da, wo es sich um einen Beweis ihrer Güte handelt.“

Um Eugeniens stolze Lippen legte sich wieder jener verächtliche Ausdruck, mit dem sie ihrem Schwiegervater schon öfter entgegengetreten war. Die Erinnerung an das, wozu er sie gezwungen, war freilich am wenigsten geeignet, sie seinen Wünschen geneigt zu machen, und die bei dieser Erinnerung neu aufflammende Bitterkeit ließ sie sogar das ursprünglich Gerechte in seiner Forderung übersehen.

„Ich bedaure, Herr Berkow, daß mir denn doch noch einige andere Rücksichten maßgebend sind, als nur die, Ihre Schwiegertochter zu heißen!“ entgegnete sie eisig. „Es lag hier ein Ausnahmefall vor und Sie werden mir erlauben, auch künftig in solchen Fällen mein eigenes Urtheil zur alleinigen Richtschnur meines Handelns zu machen.

[73] Es war wieder Baroneß Windeg in jedem Zoll, die den bürgerlichen Millionär in seine Schranken zurückwies, aber, ob der Anlaß des Streites diesen zu sehr gereizt hatte, oder ob der beim Diner reichlich geflossene Wein nicht ganz ohne Wirkung geblieben war, er zeigte diesmal nicht den sonst unbedingt beobachteten Respect, sondern erwiderte ziemlich erregt:

„Wirklich? Nun, dann möchte ich Sie doch bitten zu bedenken –“ Weiter kam er nicht, denn Arthur, der sich bisher theilnahmlos im Hintergrunde gehalten, stand auf einmal an der Seite seiner Frau und sagte ruhig:

„Vor allen Dingen möchte ich Dich bitten, Papa, diesen unerquicklichen Streit ruhen zu lassen. Ich habe Eugenien bisher die vollste Freiheit des Handelns gelassen, und ich wünsche nicht, daß sie von irgend Jemand darin beschränkt wird.“

Berkow sah seinen Sohn an, als habe er nicht recht gehört; er war gewohnt, daß Arthur alle wichtigen und unwichtigen Scenen mit derselben passiven Gleichgültigkeit an sich vorübergehen ließ, und die plötzliche Einmischung desselben befremdete ihn daher ebenso sehr, wie seine offene Parteinahme.

„Du scheinst ja heute ganz und gar in der Oppositionslaune zu sein!“ spottete er. „Vor diesem vereinten Widerstande werde ich wohl die Flucht nehmen müssen, umsomehr, da ich noch einiges Geschäftliche zu erledigen habe. Ich hoffe, Sie morgen etwas weniger streitsüchtig zu finden, Eugenie, und meinen Herrn Sohn etwas lenksamer, als er den ganzen Tag über gewesen ist. Ich wünsche Euch einen guten Abend!“ –

Berkow hatte, als er mit unterdrücktem Aerger den Salon verließ, wohl keine Ahnung davon, daß er durch seinen plötzlichen und heftigen Aufbruch die beiden Zurückbleibenden in eine Verlegenheit brachte, in welche sie seit dem Abende ihrer Ankunft noch nicht wieder gekommen waren, in die Verlegenheit nämlich, allein mit einander zu sein. Sie hatten sich seitdem nur immer im Beisein Fremder oder bei Tische in Gegenwart der Dienerschaft gesehen, und dieses unerwartete tête-à-tête schien Beiden gleich unwillkommen. Arthur mochte doch wohl fühlen, daß er seinem Vater nicht so auf dem Fuße folgen konnte, ohne vorher wenigstens einige Worte an seine Gattin zu richten, aber es vergingen mehrere Secunden, ehe er sich dazu entschloß, und als es endlich geschah, kam Eugenie ihm zuvor.

„Es war nicht nöthig, daß Du mir zu Hülfe kamst!“ sagte sie kalt. „Ich hätte meine Selbstständigkeit Deinem Vater gegenüber wohl auch allein behauptet.“

„Ich zweifle nicht im Geringsten an Deiner Selbstständigkeit!“ gab Arthur in dem gleichen kühlen Tone zurück, „aber ich zweifle an dem Zartgefühl meines Vaters, gewissen Dingen gegenüber. Er stand im Begriff eine Erinnerung auszusprechen, die ich Dir und mir denn doch zu ersparen wünschte. Das war der alleinige Grund meiner Einmischung.“

Die junge Frau schwieg und lehnte sich in ihren Sessel zurück, während ihr Gatte, der am Tische stand, den dort liegenden Fächer ergriff und mit anscheinender Aufmerksamkeit die Arabesken desselben studirte. Es trat eine zweite noch unbehaglichere Pause ein, bis er endlich wieder das Wort nahm.

„Was übrigens die Angelegenheit des Hartmann betrifft, so bewundere ich aufrichtig die Selbstverleugnung, die Du dabei entwickelst. Dir grade müssen doch solche Kreise und solche Persönlichkeiten im höchsten Grade antipathisch sein.“

Eugenie schlug das große Auge voll und finster auf. „Mir ist nur die Schwäche und die Gemeinheit antipathisch, sonst nichts! Ich achte Jeden, der voll und energisch seinen Platz im Leben ausfüllt, gleichviel ob es oben auf der Höhe oder unten im Thale geschieht!“

Es war ein harter Klang in ihrer Stimme. Arthur’s Hand spielte noch immer achtlos mit dem Fächer, aber es lag etwas Nervöses in diesem Spiel und in dem leichten Zittern seiner Lippen. Er war leise zusammengezuckt, als sie von der „Schwäche“ und der „Gemeinheit“ sprach, obgleich sein Antlitz noch immer die vollkommenste Gleichgültigkeit zeigte.

„Eine sehr erhabene Anschauung!“ sagte er nachlässig. „Nur würde sie, fürchte ich, einige Aenderung erleiden, wenn Du in näherer Berührung mit dem wilden rohen Wesen kämst, das gewöhnlich unten im Thale herrscht.“

„Dieser junge Bergmann gehört aber nicht zu den blos Gewöhnlichen!“ erklärte Eugenie sehr entschieden. „Er mag wild und unbändig sein, wie eine Naturkraft, die zur Gefahr werden kann, wenn sie nicht in die rechte Bahn gelenkt wird – roh habe ich ihn nicht gefunden.“

Ihr Ton hatte unwillkürlich einige Wärme angenommen. In Arthur’s Auge zeigte sich wieder das eigenthümliche, halb verschleierte Aufglimmen, als er es jetzt auf sie richtete.

„Du scheinst ja bereits eine ganz wunderbare Macht über diese ‚wilde ungebändigte Naturkraft‘ auszuüben! Sie war im Begriff meinem Vater gegenüber in etwas ungeziemender Weise hervorzubrechen. Du hobst nur den Fächer, und der gereizte [74] Löwe wurde sanft wie ein Lamm.“ Die schlanke weiße Hand des jungen Mannes drückte hier selbst den besprochenen Fächer so heftig zusammen, daß das kostbare Spielzeug in ernstliche Gefahr gerieth, während er spottend fortfuhr: „Und wie ritterlich er sich über Deine Hand hinneigte. Wären wir nicht dazu gekommen, ich glaube, er hätte, trotz des besten Cavaliers, einen Handkuß versucht!“

Mit einer heftigen Bewegung erhob sich Eugenie. „Ich fürchte, Arthur, dieser Mann wird Dir und Deinem Vater noch einmal etwas Anderes abzwingen, als bloßen Spott, und ich weiß nicht, ob der Letztere gerade wohl daran thut, seine Untergebenen in eine immer schärfere Opposition hineinzutreiben; die Folgen könnten einst auf ihn selbst zurückfallen.“

Ihr Gatte sah sie noch immer unverwandt an, während sie so vor ihm stand, und ihm waren doch dieses rauschende Seidengewand, dieser Spitzenduft mit den eingestreuten Rosen und dieser Perlenglanz nichts Neues mehr, so wenig wie das schöne blonde Haupt, mit den stolzen Zügen und den dunklen, jetzt in Entrüstung funkelnden Augen. Vielleicht war ihm die lebhafte Parteinahme neu, die sie für ihren Schützling zeigte. Er behielt noch den nachlässig-höhnischen Ton bei, den er während des ganzen Gespräches festgehalten, aber es barg sich dahinter etwas wie wühlende Gereiztheit, und der Fächer hatte entschiedenes Unglück in seinen Händen; das zarte, kunstvoll geschnitzte Elfenbein war zerbrochen, als er es auf den Fauteuil mehr schleuderte als warf.

„Unser ‚Lebensretter‘ hat Dir wohl eine sociale Vorlesung gehalten? Ich bedaure, derselben verlustig gegangen zu sein, aber eine Merkwürdigkeit ist dieser Hartmann jedenfalls. Er brachte zu Stande, was bisher noch keinem anderen Gegenstande möglich war, er veranlaßte uns zu einer lebhaften Unterhaltung. Aber das Interesse an diesem Thema dürfte sich nun auch wohl erschöpft haben. Meinst Du nicht?“

Das Erscheinen des Dieners, der mit einer Meldung eintrat, machte jetzt dem Gespräche ein Ende. Arthur benutzte sofort diesen Vorwand zu seiner Entfernung; er verabschiedete sich von seiner Gattin so kalt und ceremoniös, wie gewöhnlich der Verkehr zwischen ihnen war. Eugenie sah sich, nachdem auch der Diener gegangen, kaum allein, als sie in mühsam unterdrückter Erregung im Zimmer auf und ab zu schreiten begann. Sie war empört über die Kälte und Herzlosigkeit, die man gegen Ulrich’s That zeigte, aber das war es nicht allein, was ihren Schritt so heftig machte und ihr die Röthe des Zornes in die Wangen trieb.

Warum konnte sie ihrem Gatten nie mit der vollen Verachtung entgegentreten, die ihr doch seinem Vater gegenüber so leicht wurde? War er etwa Besseres werth? Es lag in dieser grenzenlosen Indolenz Arthur’s Etwas, das jeden Schlag parirte und ihm in manchen Augenblicken sogar ein geheimes Uebergewicht über die stolze, leidenschaftliche Frau gab, die sich nur zu oft von ihrem Temperamente hinreißen ließ. Er war der tief Gedemüthigte gewesen an jenem Abende, wo sie ihm mit so vernichtender Offenheit die Wahrheit enthüllte; er war der im schwersten Unrecht Befindliche heute, wo sie ihm zeigte, wie falsch er seinen und ihren Retter beurtheilt, und beide Male hatte er ihr in einer Art gegenübergestanden, die sich nicht ohne Weiteres mit Verachtung abthun und niederschmettern ließ. Sie wollte das nicht anerkennen und sie wollte es sich auch nicht eingestehen, wie es sie verletzte, daß er seit jener Erklärung zwischen ihnen nicht den leisesten Versuch mehr gemacht hatte, das wahrhaft eisige Verhältniß auch nur mit einem Worte zu mildern. Freilich hätte sie jeden solchen Versuch mit dem verächtlichsten Stolze zurückgewiesen, der ihr nur zu Gebote stand, aber daß sie gar nicht in den Fall kam, dies zu thun, daß er sich nie die Mühe nahm, auch nur einen Schritt über das hinauszugehen, was die Convenienz verlangte, das reizte sie wider ihren Willen. Eugenie pflegte sonst schnell fertig zu sein mit ihrer Liebe wie mit ihrem Haß, und dem Gatten gegenüber war ihre Empfindung entschieden, noch ehe sie ihm die Hand reichte – aber es ließ sich auf ihn nun einmal nicht aus so unerreichbarer Höhe niedersehen, wie auf seinen Vater. Die junge Frau fühlte das dunkel, wenn sie sich auch keine Rechenschaft darüber geben konnte, wodurch er dieses Gefühl erzwang.

Arthur war eben im Begriff, den Corridor zu durchschreiten, als er dem Director und dem Ober-Ingenieur begegnete, die beide, noch durch eine Besprechung mit Berkow zurückgehalten, erst jetzt im Begriff standen, das Haus zu verlassen; der junge Berkow blieb plötzlich stehen.

„Darf ich fragen, Herr Director, weshalb die Weigerung Hartmann’s, die ihm ausgesetzte Summe anzunehmen, zuerst und allein der gnädigen Frau gemeldet wurde, während ich kein Wort davon erfuhr?“ fragte er scharf.

„Mein Gott!“ sagte der Director etwas verlegen, „ich wußte nicht, daß Sie irgend welchen Werth darauf legten, Herr Berkow. Sie lehnten jedes persönliche Eingehen in diese Angelegenheit so entschieden ab, während die gnädige Frau von Anfang an ein so großes Interesse dafür kund gab, daß ich mich verpflichtet glaubte –“

„So?“ unterbrach ihn Arthur, wieder mit dem leichten, nervösen Zucken seiner Lippen, „nun, die Wünsche der gnädigen Frau müssen allerdings befolgt werden, aber ich möchte Sie denn doch ersuchen, mich bei dergleichen Geschäftsangelegenheiten,“ er legte einen Nachdruck auf das letzte Wort, „nicht so völlig zu übergehen, wie es diesmal der Fall war. Ich wünsche in Zukunft gleichfalls und zuerst davon unterrichtet zu werden, ich bitte Sie ganz entschieden darum.“

Damit ließ er den verblüfften Beamten stehen und ging in seine Zimmer hinüber. Der Director sah seinen Collegen an. „Was sagen Sie dazu?“

Der Ober-Ingenieur lachte: „Es geschehen Zeichen und Wunder! Herr Arthur fängt an, sich um Geschäftssachen zu kümmern! Herr Arthur verlangt ‚ganz entschieden‘ etwas! Das ist allerdings noch nicht dagewesen, so lange ich ihn kenne.“

„Aber dies ist ja ganz und gar keine Geschäftsangelegenheit!“ rief der Director ärgerlich. „Es ist eine reine Privatsache, und ich kann mir auch denken, wie die Geschichte zusammenhängt. Hartmann wird sich der gnädigen Frau gegenüber wohl wieder in seiner bekannten liebenswürdigen Art benommen haben. Ich fand es gleich bedenklich, daß sie ihn rufen lassen wollte – der mit seiner Unbändigkeit und Rücksichtslosigkeit im Salon! Er ist im Stande gewesen, ihr in’s Gesicht zu sagen, was er mir heut Morgen auf dem Bureau sagte: er brauche keine Bezahlung und habe sein Leben nicht für Geld in die Schanze geschlagen. Die gnädige Frau wird empört darüber sein und der junge Herr gleichfalls, und von Herrn Berkow werde ich auch wohl Artigkeiten anzuhören bekommen, weil ich diese Audienz überhaupt zugelassen habe.“

„Nun, es wäre das erste Mal, daß Herr Arthur über etwas empört ist, was seine junge Frau angeht,“ meinte der College gleichmüthig, während sie zusammen die Treppe hinunterstiegen. „Ich finde, daß die Gletscher-Atmosphäre, die in dieser Ehe herrscht, allmählich anfängt, sich auf die ganze Umgebung auszudehnen. Man spürt die Eisregion, sobald man nur in ihre Nähe kommt. Meinen Sie das nicht auch?“

„Ich fand, daß Frau Berkow heut hinreißend schön aussah! Sie war allerdings etwas sehr kühl, etwas sehr vornehm, aber doch ganz hinreißend schön!“

Der Ober-Ingenieur machte eine komische Geberde des Entsetzens.

„Um des Himmels willen! Sie fallen ja ganz in den Styl Wilberg’s; gut, daß Sie bereits in den Fünfzigen stehen! Apropos Wilberg! Der schwimmt bereits ganz und gar in romantischer Anbetung, aber ich glaube nicht, daß diese und seine unvermeidlichen Verse höheren Ortes Eifersucht erwecken. Herr Arthur scheint so wenig geneigt, seiner schönen Frau Anbetung zu widmen, als sie, solche anzunehmen. Ich kann mir nicht helfen, es werden ja täglich Convenienzehen geschlossen, aber ich habe bei dieser immer das Gefühl, als könnte sie nicht den gewöhnlichen Verlauf nehmen, als läge unter all dem Gletschereis so etwas wie ein Vulcan verborgen, der eines schönen Tages mit Donner und Blitz losbricht und uns ein Stückchen Erdbeben und ein Stückchen Weltuntergang erleben läßt. Freilich, ‚das wäre doch etwas Poesie in dieser öden Steppe des Alltagslebens!‘ würde Wilberg sagen, vorausgesetzt nämlich, daß die Eruption ihn und seine Guitarre verschont! Aber da sind wir unten. Glück auf, Herr College!“




[75] Mehr als vier Wochen waren seit der Festlichkeit vergangen, aber Herr Berkow schien bei der „Ueberraschung seiner Kinder“, wie er seinen allerdings etwas frühen Besuch bei den Neuvermählten nannte, keineswegs die gehoffte Freude gefunden zu haben; er war bereits nach einigen Tagen wieder nach der Residenz zurückgekehrt, wo allerdings eine ganze Last von Geschäften auf ihn harrte. Erst jetzt wurde er zu einem zweiten, diesmal längeren Aufenthalte hier erwartet. In dem Leben des jungen Paares hatte sich inzwischen nichts verändert, nur daß es womöglich noch getrennter, noch kälter und aristokratischer war, als im Anfange. Man schien auf beiden Seiten gleich sehr das Ende dieser „Flitterwochen“ herbeizusehnen, die man sich nun einmal vorgenommen hatte, hier in der Landeinsamkeit zuzubringen, bis der Sommer eine größere Reise möglich machte, von der man dann im Herbste in die Residenz zurückkehren wollte, um dort den ständigen Aufenthalt zu nehmen. Der künftige Haushalt wurde bereits von Seiten Berkow’s mit verschwenderischem Aufwande eingerichtet.

Es war nach eben vollendeter Frühschicht, als Ulrich Hartmann nach dem Hause seines Vaters zurückkehrte, aber er war diesmal genöthigt, seinen sonst raschen Schritt bedeutend zu mäßigen, denn an seiner Seite ging Herr Wilberg, der, gleichfalls vom Bureau kommend, ihn glücklich abgefangen und sich ihm angeschlossen hatte. Es war immerhin auffallend, einen der Beamten in solcher Vertraulichkeit mit dem Steiger Hartmann zu sehen, der sich sonst in jenen Kreisen nicht der geringsten Sympathie erfreute, und noch auffallender, daß diese Vertraulichkeit[WS 1] gerade von Herrn Wilberg ausging, wenn man nicht die alte Lehre von den Extremen, die stets einander suchen, als Erklärung gelten lassen wollte – aber hier lag doch noch etwas Anderes vor. Der Ober-Ingenieur wußte freilich nicht, was er wieder mit seinen Spöttereien angerichtet hatte, aber seine lediglich als Spott hingeworfene Aeußerung von dem interessanten Balladenstoff war leider nur auf einen allzu empfänglichen Boden gefallen. Wilberg war im vollen Ernste daran, den Stoff poetisch zu verarbeiten, nur daß er sich selbst noch im Zweifel befand, ob das zu schaffende Meisterwerk Ballade, Epos oder Drama werden würde; vorläufig stand nur eins fest, daß es die sämmtlichen Vortrefflichkeiten dieser drei Dichtungsarten in sich vereinen werde. Zum Unglück für Ulrich aber hatte dessen energische und muthvolle That den angehenden Dichter auf die Idee gebracht, daß der junge Retter sich außerordentlich zu einem tragischen Helden eigne, und er lief ihm deshalb auf Schritt und Tritt nach, um diesen höchst interessanten Charakter zu studiren. Als dieser sich nun gar noch beikommen ließ, die ihm angebotene bedeutende Belohnung mit einem Stolze auszuschlagen, der selbst den Director kleinlaut machte, da wuchs der romantische Nimbus in den Augen Wilberg’s zu einer Höhe, die nichts zu erschüttern vermochte, selbst nicht die rücksichtsloseste Grobheit von Seiten des Bewunderten und die scharfen Bemerkungen der Vorgesetzten, die diese Intimität nicht gerade gern sahen. In der That zeigte sich Ulrich sehr wenig entgegenkommend bei den „Studien“, die man an ihm machte; er versuchte oft genug ungeduldig, die ihm aufgedrungene Gesellschaft abzuschütteln, wie man etwa eine lästige Fliege abschüttelt, aber das half ihm wenig. Herr Wilberg hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, einen Helden in ihm zu sehen, allerdings einen rauhen, wilden, unbändigen Helden, und je ärger er sich in dieser Hinsicht benahm, desto entzückter war jener, sein Charakterbild sich so klar entwickeln zu sehen, desto eifriger studirte er an ihm herum. Der junge Bergmann zuckte schließlich die Achseln und ließ das Unvermeidliche über sich ergehen; endlich that die Gewohnheit das Ihrige, so daß die Beiden doch immerhin zu einer Art von Vertraulichkeit gelangten, bei der allerdings das Respectverhältniß übel fortkam.

Der Wind blies noch ziemlich kalt von Norden her. Herr Wilberg knöpfte vorsichtig seinen Paletot zu und schlang die Enden seines dicken wollenen Shawls sorgfältig ineinander, während er seufzend sagte:

„Sie sind doch ein glücklicher Mensch, Hartmann, mit Ihrer Riesennatur und Ihrer Riesengesundheit. Das fährt die Schachte herauf und herunter, von der Hitze in die Kälte, und steht dann wieder in dem scharfen Winde hier oben, während ich mich ängstlich vor jedem Temperaturwechsel hüten muß. Und dabei bin ich so nervös, so angegriffen, so reizbar – das kommt davon, wenn der Geist den Körper allzu sehr beherrscht! Ja, Hartmann, es kommt von dem Uebermaße der Gefühle und Gedanken!“

„Ich glaube, Herr Wilberg, es kommt von Ihrem ewigen Theewassertrinken,“ meinte Ulrich mit einem halb mitleidigen Blicke auf den kleinen schwächlichen Beamten. „Wenn Sie Morgens und Abends immer nur das dünne heiße Zeug schlucken, kommen Sie nie zu Kräften.“

Wilberg sah mit unendlicher Ueberlegenheit an seinem Rathgeber in die Höhe. „Das verstehen Sie nicht, Hartmann! Ich könnte unmöglich eine so derbe Kost wie Sie ertragen; meine Constitution ist nicht danach, und überdies ist der Thee ein höchst ästhetisches Getränk. Er belebt mich; er regt mich an, wenn ich das gemeine Tagewerk hinter mir habe und Abends in stillen Stunden die Muse sich mir naht –“

„Sie meinen, wenn Sie Verse machen?“ unterbrach ihn Ulrich trocken. „Also dazu brauchen Sie den Thee? Nun, es wird auch danach!“

Es war ein Glück, daß dem schwer beleidigten Dichter in diesem Moment gerade ein Reim durch den Kopf ging, den er festzuhalten strebte; er überhörte auf diese Weise die Ungezogenheit seines Begleiters gänzlich und wandte sich in der nächsten Minute wieder ganz freundlich zu ihm.

„Ich habe eine Bitte an Sie, Hartmann, ein Verlangen, eine Forderung!“ sagte er, sich im regelrechten Klimax steigernd, „die Sie mir gewähren müssen um jeden Preis. Sie sind im Besitze eines Gegenstandes, der für Sie völlig werthlos ist und der mich zum Glücklichsten der Sterblichen machen würde; Sie müssen ihn mir abtreten.“

„Was muß ich Ihnen abtreten?“ fragte Ulrich, der wie gewöhnlich, wenn Wilberg sprach, nur halb hingehört hatte, mit gleichgültiger Miene.

Herr Wilberg erröthete, seufzte, blickte zu Boden, seufzte zum zweiten Male und hielt es nach diesen Vorbereitungen für passend, mit der Sprache vorzugehen.

„Sie werden sich des Tages erinnern, an dem Sie die gnädige Frau retteten. Ach, Hartmann, es ist ewig schade, daß Sie so gar kein Verständniß für die Poesie dieser Situation haben; wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre! Doch lassen wir das! Die gnädige Frau bot Ihnen ihr eigenes Taschentuch an, als sie Sie bluten sah. Sie behielten es in der Hand, weil sofort Hülfe von anderer Seite herbeikam. Mein Gott, Sie können solch ein Ereigniß doch unmöglich vergessen haben!“

„Nun, was ist’s mit dem Tuche?“ fragte Ulrich, der plötzlich aufmerksam geworden war.

„Ich wünsche es zu besitzen,“ murmelte Wilberg, melancholisch die Augen niederschlagend. „Fordern Sie von mir, was Sie wollen! aber überlassen Sie mir dieses theure Andenken von einer Frau, die ich anbete!“

„Sie?“ rief Ulrich mit einem Tone, daß sein Begleiter zurückprallte und sich ängstlich umsah, ob Niemand in der Nähe sei.

„Schreien Sie doch nicht so, Hartmann! Sie brauchen sich durchaus nicht zu entsetzen, daß ich die Gemahlin unseres künftigen Chefs anbete. Das ist etwas ganz Anderes, als was Sie gewohnt sind, sich unter Liebe vorzustellen; das ist – ja, Sie wissen freilich nicht, was platonische Liebe heißt.“

„Nein!“ entgegnete der junge Bergmann kurz, seinen Schritt beschleunigend und augenscheinlich beflissen, das Gespräch abzubrechen.

„Sie können das auch unmöglich begreifen!“ erklärte Herr Wilberg mit unendlicher Selbstzufriedenheit, „denn Sie können und werden sich nie zu der erhabenen Reinheit von Gefühlen aufschwingen, deren nur die höchste Bildung fähig ist, von Gefühlen, die ohne jede Hoffnung, ja selbst ohne Wunsch, sich nur mit stummer seliger Anbetung aus der Ferne begnügen. Oder was meinen Sie denn, daß man anders thun könnte, wenn man eine Frau liebt, die nun einmal einem Andern angehört?“

„Man überwindet’s eben!“ sagte Ulrich dumpf, „oder –“

„Oder?“

„– man schlägt den Andern nieder.“

Herr Wilberg retirirte mit außerordentlicher Schnelligkeit nach der andern Seite des Weges hinüber, wo er im vollsten Entsetzen stehen blieb.

[76] „Welche Rohheit! Welche haarsträubenden Grundsätze! Also mit Mord und Todtschlag würden Sie Ihre Liebe documentiren? Sie sind ein entsetzlicher Mensch, Hartmann, und Sie sagen das mit einem Tone, einem Blicke – die gnädige Frau hat ganz Recht, wenn sie Sie eine unbändige Naturgewalt nennt, die –“

„Wer nennt mich so?“ unterbrach ihn Ulrich heftig und finster blickend.

„Die gnädige Frau! ‚Eine wilde ungebändigte Naturgewalt‘ hat sie gesagt. Ein höchst geistreicher Ausspruch und unendlich zutreffend in diesem Falle. Hartmann“ – der junge Beamte wagte es allmählich, wenn auch noch ziemlich schüchtern, sich seinem Begleiter wieder zu nähern – „Hartmann, ich wollte Ihnen Alles verzeihen, Alles, sogar das, was Sie eben gesagt haben; aber was ich Ihnen nicht verzeihe, das ist Ihr abscheuliches Benehmen der gnädigen Frau gegenüber. Haben Sie denn allein keine Augen für diese Schönheit und Anmuth, die selbst die rohesten Ihrer Cameraden entwaffnet, daß Sie ihren Anblick scheuen, als brächte er Ihnen irgend ein Unglück? Wenn ihr Wagen nur in der Ferne sichtbar wird, kehren Sie um und weichen ihm aus; wenn sie vorüberreitet, treten Sie in’s erste beste Haus, und ich wette, Sie machen nur deshalb den täglichen Umgang bei der Wohnung des Directors vorüber, weil Sie ihr drüben am Parkgitter einmal begegnen könnten und dann in die Nothwendigkeit kämen, sie grüßen zu müssen. O, über diesen starren Classenhaß, der selbst die Frauen nicht verschont. Ich wiederhole es Ihnen, Sie sind ein entsetzlicher Mensch!“

Ulrich schwieg; er ließ wider seine Gewohnheit die Vorwürfe über sich ergehen, ohne auch nur eine Silbe zu erwidern, und bestärke Herrn Wilberg dadurch in dem glücklichen Wahne, daß seine Vorstellungen doch endlich einmal etwas genützt hätten. Ermuthigt dadurch, begann er von Neuem:

„Um nun aber auf den Hauptgegenstand zurückzukommen – das Taschentuch –“

„Was weiß ich, wo das Ding geblieben ist!“ unterbrach ihn Ulrich rauh. „Es wird verloren gegangen sein, oder die Martha wird es zurückgegeben haben. Ich weiß nichts davon!“

Wilberg war im Begriff, außer sich zu gerathen über die Gleichgültigkeit, mit der man einen in seinen Augen so unendlich kostbaren Gegenstand behandelte, als er auf einmal Martha erblickte, die vor dem Hause des Schichtmeisters stand, dem man sich inzwischen genähert hatte. Wie ein Stoßvogel schoß der junge Beamte auf sie zu und begann sie zu examiniren, wo das fragliche Tuch geblieben sei, ob sie es wirklich zurückgegeben habe, ob es nicht möglicher Weise noch irgendwo existire. Das Mädchen schien ihn anfangs nicht zu verstehen; als sie aber begriff, um was es sich handelte, verfinsterte sich ihr Gesicht auffallend.

„Das Tuch ist noch da!“ sagte sie bestimmt. „Ich dachte es gut zu machen, als ich es eines Tages vornahm und von dem Blute reinigte; aber Ulrich geberdete sich ja wie ein Wüthrich, daß ich es ihm auch nur angerührt hatte. Er hat es in seiner Lade.“

„Ah, es war also nur ein Vorwand, um mir das Gewünschte zu verweigern!“ rief Wilberg gekränkt und mit einem Blicke des Vorwurfs auf Ulrich, der mit verbissenem Aerger zugehört hatte und jetzt beinahe höhnisch sagte:

„Geben Sie sich nur zufrieden, Herr Wilberg! das Tuch bekommen Sie doch nicht!“

„Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?“

„Weil ich es behalte!“ erklärte Ulrich lakonisch.

„Aber, Hartmann –“

„Wenn ich einmal Nein gesagt habe, dann bleibt es dabei; das wissen Sie doch, Herr Wilberg!“

Wilberg hob Augen und Hände zum Himmel empor, als wolle er diesen zum Zeugen der ihm widerfahrenen Beleidigung anrufen, aber plötzlich sanken seine Arme schlaff hernieder und er selber schnellte ebenso plötzlich in die Höhe, als eine Stimme hinter Martha sagte:

„Können Sie mir nicht Auskunft geben, liebes Kind – Ah, Herr Wilberg! Ich störe wohl eine lebhafte Unterhaltung?“

Der Angeredete stand sprachlos, aber mindestens ebenso sehr vor Verzweiflung als vor Entzücken über diese unerwartete Begegnung, denn ihn überkam das vernichtende Bewußtsein, daß er vor der gnädigen Frau, die ihn bisher immer nur im feinsten Gesellschaftsanzuge gesehen hatte, sich jetzt in blauem Paletot, grünem Shawl und einer von dem scharfen Winde arg gerötheten Nasenspitze präsentiren müsse. Er wußte, wie unvortheilhaft ihm diese Farbenzusammenstellung zu Gesicht ließ, und hatte sich erst vor einer Stunde feierlichst gelobt, wenigstens den grünen Shawl durch einen kleidsameren zu ersetzen, und nun führte ihn der tückische Zufall so vor die Augen seines Ideals! Herr Wilberg wünschte sich in die tiefsten Tiefen der Schachte und behielt nichtsdestoweniger noch Besinnung genug, sich über Hartmann zu ärgern, der noch mit dem ganzen Staube der Arbeit auf den Kleidern dicht vor der gnädigen Frau stand, und noch dazu wie eine Bildsäule dastand, ohne sich auch nur zu regen.

Eugenie war den Weg entlang gekommen, der an dem Hause vorüberführte, und unbemerkt in das Gärtchen getreten, wo sie zunächst nur das junge Mädchen bemerkt hatte. Sie erhielt vorläufig keine Antwort auf ihre letzte Frage; die beiden Männer schwiegen, bis Martha das Wort nahm; sie hatte nur einen einzigen Blick auf ihren Vetter geworfen bei dem plötzlichen Erscheinen der Dame, und wandte sich jetzt rasch zu ihr.

„Wir redeten gerade von dem Spitzentuche, das die gnädige Frau damals zum Verbinden hergab, und das noch immer nicht zurückgegeben ist.“

„Ah so, mein Tuch!“ sagte Eugenie gleichgültig. „Das hatte ich in der That ganz vergessen, aber da Sie es so sorgfältig aufbewahrt haben, mein Kind, so geben Sie es mir zurück.“

„Ich nicht, Ulrich hat es!“ Martha’s Blick flog wieder zu ihm hinüber, so finster forschend, wie das erste Mal, und auch Eugenie schaute etwas befremdet auf den jungen Mann hin, der noch nicht einmal gegrüßt hatte.

„Nun denn Sie, Hartmann! Oder wollen Sie es mir nicht zurückgeben?“

[89] Herr Wilberg hatte von Neuem Gelegenheit, sich über Ulrich’s „abscheuliches Betragen“ zu ärgern, denn dieser stand noch immer unbeweglich da, die Stirn finster zusammengezogen, die Lippen fest aufeinandergepreßt, kurz mit dem Ausdrucke jenes starren Widerstandes, mit dem er sich einst beim Eintritt in den Salon gewaffnet. Man sah es ja, daß er den Haß gegen die junge Gemahlin seines Chefs erst förmlich niederkämpfen mußte, aber diesmal siegte doch seine bessere Natur. Herr Wilberg beobachtete es ganz deutlich, wie bei dem ersten Tone jener Stimme ihn die Scham über sein Benehmen durchzuckte, wie sie ihm glühend roth bis an die Stirn emporstieg und sogar seiner Haltung das Feindselige, Trotzige nahm. Jedenfalls war auch die vorhergegangene Strafpredigt nicht ohne Wirkung geblieben, wie hätte sonst dieser eisenköpfige Hartmann, dem nichts mit Güte oder Gewalt abzuzwingen war, sich auf eine bloße Frage hin in stummem Gehorsam gefügt, wie jetzt, wo er in’s Haus ging und bereits nach Verlauf von einigen Minuten mit dem Tuche in der Hand wieder zurückkam.

„Hier, gnädige Frau.“

Eugenie steckte das Tuch zu sich, auf das sie nicht den geringsten Werth zu legen schien.

„Und nun, Herr Wilberg, da ich Sie hier finde, können Sie mir wohl die beste Auskunft geben. Ich habe zum ersten Male den Weg hier entlang genommen und finde die Brücke, die zum Parke führt, durch ein Gitter geschlossen. Ist es nicht zu öffnen, und muß ich den Umweg zurück durch die ganzen Werke nehmen?“

Sie wies auf die nur wenige Schritte entfernte Brücke, die über einen kleinen Graben führte, der den Park nach dieser Seite hin abschloß, und die in der That durch ein Eisengitter gesperrt war. Herr Wilberg befand sich in Verzweiflung. Das Gitter war wirklich verschlossen; man wollte den Park damit für die Arbeiter, deren Wohnungen zum Theil auf dieser Seite lagen, unzugänglich machen, aber der Gärtner hatte den Schlüssel, Willberg wollte eilen, fliegen, um ihn herbeizuschaffen, wenn die gnädige Frau sich entschließen könnte, so lange zu warten, bis –

„O nicht doch!“ unterbrach ihn Eugenie, ein wenig ungeduldig. „Dann hätten Sie ja zwei Mal den Umweg zu machen, den ich vermeiden will, und das Warten möchte doch etwas zu lange dauern. Ich ziehe es vor, umzukehren.“

Wilberg wollte das nicht zugeben, er bat und beschwor die gnädige Frau, ihm doch das Glück dieses Ritterdienstes zu gönnen, als er mitten in seiner wohlgesetzten Rede durch ein lautes Krachen unterbrochen wurde.

Ulrich hatte sich inzwischen dem Gitter genähert und es mit beiden Händen erfaßt. Er schüttelte die Eisenstangen jetzt mit solcher Gewalt, daß Schloß und Riegel ächzten. Als sie dennoch nicht sofort nachgaben, flog ein zorniges Aufleuchten über die Züge des jungen Arbeiters; ein energischer Fußtritt brach den letzten Widerstand des allerdings nicht mehr ganz neuen Verschlusses – die Thür sprang auf.

„Um Gotteswillen, Hartmann, was machen Sie denn!“ rief Wilberg erschrocken. „Sie verderben ja das ganze Schloß! Was wird Herr Berkow sagen!“

Ulrich gab ihm keine Antwort. Er stieß die Thür vollends auf und wandte sich dann ruhig zurück.

„Der Weg ist offen, gnädige Frau.“

Eugenie sah nicht halb so bestürzt aus wie der junge Beamte, als sie den so ungestüm geöffneten Weg betrat; sie lächelte sogar.

„Ich danke Ihnen, Hartmann, und was das verdorbene Schloß betrifft, Herr Wilberg, so machen Sie sich keine Sorge deswegen, ich übernehme die Verantwortung. Aber da die Thür einmal offen ist – wollen Sie nicht auch den kürzeren Weg durch den Park nehmen?“

Welch ein Anerbieten! Herr Wilberg eilte nicht, er stürzte, er flog an die Seite der gnädigen Frau und zermarterte in der Eile sein Gehirn, um nun auch sogleich auf ein möglichst interessantes und geistreiches Gesprächsthema zu stürzen, aber er war gezwungen, zunächst ein sehr prosaisches zu beginnen, da Eugenie den Kopf zurückwandte, wieder mit jenem ernsten, nachsinnenden Blick, der schon einmal vergebens versucht hatte, das widerspruchsvolle und ihr völlig räthselhafte Wesen jenes Mannes zu durchdringen.

„Eine wahre Berserkerkraft hat dieser Hartmann und eine Berserkerwuth dazu! Zertrümmert er da ohne Weiteres Schloß und Riegel, nur –“

„Nur um mir einen bequemeren Weg zu bahnen,“ ergänzte Eugenie mit leiser Ironie auf ihren Begleiter blickend. „Nicht wahr, Herr Wilberg, einer so gewaltsamen Höflichkeit hätten Sie sich nicht schuldig gemacht?“

Herr Wilberg protestirte eifrig gegen eine solche Zumuthung. Wie die gnädige Frau denn glauben könne, er werde sich so ungestüm an fremdem Eigenthum vergreifen, noch dazu in ihrer [90] Gegenwart, nimmermehr! Aber die gnädige Frau hörte dieser Versicherung mit auffallender Zerstreutheit zu, und es gelang ihm während des ganzen Weges nicht, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, so viele Mühe er sich auch damit gab.

Hartmann hatte das Gitter wieder angelehnt und war langsam nach dem Hause zurückgekehrt. Vor der Thür desselben aber blieb er stehen und blickte unverwandt nach dem Parke hinüber, in dessen Alleen die beiden Gestalten soeben verschwanden. –

„Ich dächte, Ulrich, wenn Du einmal Nein gesagt hättest, so bliebe es dabei!“

Der junge Mann wandte sich hastig um und ein finstrer Blick glitt über Martha hin, die an seiner Seite stand.

„Was geht das Dich an?“ fragte er unfreundlich.

„Mich? Nichts! Schau nicht so finster d’rein, Ulrich; Du bist mir böse, weil ich die gnädige Frau an das Tuch erinnert habe, aber es gehört ihr doch nun einmal, und was willst Du denn auch mit dem zarten weißen Dinge anfangen? Du kannst es ja nicht einmal anrühren, wenn Du von der Arbeit kommst, – angesehen hast Du es freilich genug.“

Es lag ein leiser, aber doch unverkennbarer Hohn in der Stimme des Mädchens, und auch Ulrich mußte ihn herausfühlen, denn er fuhr heftig auf.

„Laß’ mich in Ruhe mit Deinem Spotten und Deinem Spioniren! Ich sage Dir, Martha –“

„Nun, nun, was giebt es denn da draußen? Zankt Ihr Euch etwa?“ tönte die Stimme des Schichtmeisters dazwischen, der jetzt gleichfalls in die Thür trat.

Ulrich kehrte sich grollend ab, aber er schien keine Lust zu haben, den Streit fortzusetzen, während Martha, ohne dem Oheim eine Antwort zu geben, an ihm vorüber in’s Haus eilte.

„Was hat denn das Mädchen?“ fragte der Schichtmeister, verwundert ihr nachsehend, „und was war denn das zwischen Euch beiden? Hast Du sie wieder einmal rauh angelassen?“

Ulrich warf sich mit einer trotzigen Bewegung auf die Bank nieder.

„Ich lasse mir nicht vorhalten, was ich thun und lassen soll, am wenigsten von der Martha!“

„Nun, die thut Dir doch gewiß nichts zu wehe!“ meinte der Vater ruhig.

Mir nicht? Warum gerade mir?“

Der Schichtmeister sah seinen Sohn an und zuckte die Achseln. „Höre Junge, hast Du keine Augen im Kopfe, oder willst Du es nicht wissen? Freilich, Du hast Dich ja niemals um die Frauenzimmer gekümmert, und da ist’s am Ende kein Wunder, wenn Du sie ganz und gar nicht begreifst.“

„Was soll ich denn begreifen?“ fragte der junge Mann aufmerksam werdend.

Der Vater nahm die Pfeife aus dem Munde und blies eine Rauchwolke vor sich hin. „Daß Dich die Martha gern hat!“ erwiderte er lakonisch.

„Die Martha? Mich?“

„Ich glaube wahrhaftig, er hat es noch nicht gewußt!“ sagte der Schichtmeister mit aufrichtiger Verwunderung. „So etwas muß ihm erst sein alter Vater sagen! Aber das kommt davon, wenn man die Nase immer in Dinge steckt, die einem nur den Kopf wirr machen! Weiß Gott, Ulrich, es wäre Zeit, daß Du endlich einmal all den anderen Geschichten den Abschied gäbest und eine ordentliche Frau nähmest, die Dich auf bessere Gedanken bringt.“

Ulrich blickte nach dem Parke hinüber und seine Augen nahmen wieder den starren, düsteren Ausdruck an, wie vorhin.

„Du hast Recht, Vater,“ sagte er langsam, „es wäre Zeit!“

Der Alte ließ vor Ueberraschung beinahe die Pfeife fallen. „Junge, das ist das erste gescheite Wort, was ich von Dir höre! Bist Du endlich zu Verstande gekommen? Ja, freilich ist es Zeit! Du kannst längst eine Frau ernähren und Du findest weit und breit keine hübschere, bravere, gescheitere, als die Martha. Wie froh ich wäre, wenn aus Euch beiden ein Paar würde, das brauche ich Dir doch nicht erst zu sagen. Ueberlege Dir die Sache einmal!“

Der junge Mann war aufgesprungen und ging heftig auf und nieder. „Vielleicht wär’s das Beste! Ein Ende muß doch einmal gemacht werden, es muß! das habe ich heut erst wieder gesehen, also – je eher, je lieber!“

„Was hast Du denn? Womit soll ein Ende gemacht werden?“

„Nichts, Vater, nichts. Aber Du hast ganz Recht, wenn ich erst eine Frau habe, dann weiß ich auch, wo ich mit meinen Gedanken hingehöre – Du glaubst also, daß die Martha mich gern hat?“

„Geh hin und frage sie selbst!“ rief der Schichtmeister lachend. „Meinst Du denn, daß ich das Mädchen noch im Hause hätte, wenn sie einen Anderen wollte? Der fehlt es wahrhaftig nicht an Freiern! Ich weiß genug, die sie möchten, und der Lorenz giebt sich nun schon seit Jahr und Tag vergebene Mühe. Er hat noch immer kein Ja bekommen; Du bekommst es noch heute, wenn Du willst, verlaß Dich darauf!“

Ulrich hörte gespannt zu, aber trotz dieser für ihn doch so schmeichelhaften Erklärung war nicht viel von Glück oder Befriedigung auf seinem Gesichte zu lesen. Er sah aus, als zwinge er mit Gewalt irgend ein rebellisches Etwas nieder, das ihn nicht zum Entschluß kommen lassen wollte, und es war auch etwas Wildes, Krampfhaftes in dem jäh aufflammenden Entschluß, mit dem er sich jetzt zum Vater wandte.

„Nun gut, wenn Du meinst, daß ich keinen Abschlag bekomme, so – so will ich mit der Martha sprechen.“

„Jetzt gleich?“ fragte der Schichtmeister betroffen. „Aber, Ulrich, man freit doch nicht so über Hals und Kopf, wenn man eine Viertelstunde vorher noch keine Idee davon gehabt hat! Ueberlege Dir die Sache doch erst.“

Ulrich machte eine ungeduldige Bewegung. „Wozu das lange Abwarten! Ich muß wissen, woran ich bin. Laß mich hinein, Vater!“

Der Vater schüttelte den Kopf, aber er hatte viel zu große Furcht, der so plötzlich gefaßte Entschluß könne seinem Sohne wieder leid werden, um ihn ernstlich zurückzuhalten. In seiner Herzensfreude kümmerte es ihn wenig, wenn die so sehnlichst gewünschte Verbindung in etwas ungewöhnlicher Art zu Stande kam; er beschloß im Gegentheil, ganz ruhig hier draußen zu bleiben, damit die jungen Leute drinnen ungestört mit einander fertig werden könnten, denn er kannte Ulrich genug, um zu wissen, daß eine unzeitige Einmischung seinerseits jetzt alles verderben würde.

Der junge Mann war inzwischen rasch, als wolle und dürfe er sich auch nicht eine Minute Zeit zum Besinnen gönnen, durch den Hausflur geschritten und hatte die Thüre der Wohnstube geöffnet. Martha saß am Tisch, die sonst so fleißigen Hände müßig im Schooße; sie schaute nicht auf, als er eintrat, und schien sich auch nicht darum zu kümmern, daß er dicht neben ihrem Stuhle stehen blieb; desto besser sah er, daß sie geweint hatte.

„Trägst Du es mir nach, Martha, daß ich vorhin wieder einmal aufgefahren bin? Es thut mir leid – was siehst Du mich so an?“

„Weil es das erste Mal ist, daß Dir das leid thut! Du hast sonst wenig darnach gefragt, wie ich’s nehme – so laß es auch heut.“

Der Ton klang kalt und abweisend genug, aber Ulrich ließ sich dadurch nicht zurückscheuchen. Die Enthüllungen des Vaters mußten trotz alledem doch mächtig auf seine störrische Natur gewirkt haben, denn seine Stimme klang ungewöhnlich milde, als er entgegnete:

„Ich weiß, daß ich ein ganzes Theil schlimmer bin, als die Anderen, aber ich kann’s nun einmal nicht ändern. Du mußt mich schon nehmen, wie ich gerade bin, und vielleicht machst Du auch noch etwas Besseres aus mir.“

Das Mädchen hatte schon beim ersten Ton befremdet aufgeblickt, und in seinem Gesicht mußte wohl etwas Ungewöhnliches liegen, denn sie machte eine heftige Bewegung, um aufzustehen. Ulrich hielt sie fest.

„Bleib’ hier, Martha! Ich habe mit Dir zu reden; ich wollte Dich fragen – nun, viel Worte kann ich nicht machen, und das braucht’s ja auch nicht zwischen uns. Wir sind Geschwisterkinder, sind seit Jahren zusammen in einem Hause; Du wirst am besten wissen, was Du von mir zu halten hast, und Du weißt auch, daß ich Dich immer gern gehabt habe, trotz alles Streitens – willst Du meine Frau werden, Martha?“

Die Werbung kam so gewaltsam, so stürmisch und heftig heraus, wie es in dem Wesen des Freiers lag. Er athmete tief auf, als sei mit dem entscheidenden Worte auch eine Last [91] von seiner Brust herunter. Martha saß noch immer unbeweglich vor ihm; ihre sonst so blühende Gesichtsfarbe war einer tiefen Blässe gewichen, aber sie schwankte und zögerte auch nicht einen Moment lang, als sie ein leises, freilich halb ersticktes Nein hervorstieß.

Ulrich glaubte nicht recht gehört zu haben. „Nicht?“

„Nein, Ulrich, ich will nicht!“ wiederholte das Mädchen tonlos, aber fest.

Der junge Mann richtete sich beleidigt auf. „Nun, dann freilich hätte ich die ganze Rede sparen können! Der Vater hat sich also geirrt und ich dazu. Nichts für ungut, Martha!“

Durch die kurze Abweisung in seinem Mannesstolze arg verletzt, war er im Begriff, die Stube zu verlassen, als ein Blick auf Martha ihn zwang zu bleiben. Sie hatte sich erhoben und mit beiden Händen die Lehne des Stuhles gefaßt, als müsse sie sich daran halten. Kein Wort der Erwiderung oder der Erklärung kam über ihre Lippen, aber diese Lippen bebten so heftig und in dem bleichen Gesichte zuckte ein so unnennbares Weh, daß Ulrich eine Ahnung überkam, sein Vater könne trotz alledem Recht haben.

„Ich glaubte, Du hättest mich gern, Martha!“ sagte er mit leisem Vorwurf.

Sie wandte sich mit einer heftigen Bewegung weg von ihm und verbarg das Gesicht in den Händen, aber er hörte einen Laut, der wie mühsam unterdrücktes Schluchzen klang.

„Ich hätte es mir denken können, daß ich Dir zu rauh, zu wild bin. Du fürchtest Dich davor und meinst, es könnte nach der Heirath nach schlimmer damit werden – an dem Lorenz wirst Du freilich einen besseren Mann haben, der Dir in allen Stücken den Willen thut.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf und sie kehrte ihm jetzt auch langsam das Gesicht wieder zu. „Ich fürchte mich nicht vor Dir, wenn Du auch oft rauh und wild bist. Ich weiß, Du kannst nicht anders, und ich hätte Dich genommen, wie Du warst, und vielleicht gern genommen. Aber so will ich Dich nicht, Ulrich, wie Du jetzt bist, wie Du bist seit dem Tage, wo – die gnädige Frau herkam.“

Ulrich zuckte zusammen; eine flammende Röthe schlug auf einmal in seinem Gesichte auf. Er wollte auffahren, wollte ihr heftig Schweigen gebieten und brachte doch keine Sylbe über die Lippen.

„Der Oheim meint, Du kümmertest Dich um Niemanden, weil Du ganz andere Gedanken im Kopfe hättest,“ fuhr Martha immer erregter fort, „ja wohl, ganz andere Gedanken! Um mich hast Du Dich auch nie gekümmert, und jetzt kommst Du auf einmal und willst mich zur Frau haben! Du brauchst wohl Jemand, der Dir die ‚Gedanken‘ forttreibt, nicht wahr, Ulrich? Und dazu ist Dir die nächste Beste recht, dazu bin ich Dir gut genug? Aber so weit ist’s denn doch noch nicht, daß ich dazu tauge. Und wenn ich Dich lieb gehabt hätte mehr als Alles in der Welt, und wenn es mir an’s Leben ginge, daß ich von Dir lassen muß – lieber den Lorenz, lieber jeden Anderen jetzt, nur Dich nicht!“

Es war ein Ausbruch furchtbarer Leidenschaftlichkeit bei dem sonst so ruhigen Mädchen. An dem Sturme, den er in ihr entfesselt, hätte Ulrich empfinden können, wie tief er ihr im Herzen saß, vielleicht empfand er es auch wirklich, aber das nahm die Wolke nicht von seiner Stirn und nicht den flammenden Schein, der dunkler wurde bei jedem ihrer Worte. Er hatte keine Erwiderung darauf, und als sie jetzt in ein lautes Weinen ausbrach, da stand er stumm neben ihr, ohne ein Wort des Trostes oder der Beruhigung. So vergingen einige Minuten in qualvollem Schweigen. Martha lag mit Kopf und Armen über den Tisch hingeworfen. Man hörte nur ihr krampfhaftes Schluchzen und dazwischen das einförmige Ticken der alten Wanduhr. Endlich beugte sich Ulrich zu ihr hinab; seine Stimme war nicht mehr rauh und heftig, aber auch nicht milde; es lag in ihr nur ein dumpfes Schmerzgefühl.

„Laß gut sein, Martha! Ich dachte, es sollte besser werden, wenn Du mir hülfest; vielleicht wäre es auch nur schlimmer geworden, und Du hast ganz Recht, wenn Du es darauf hin nicht mit mir wagen willst. So bleibt es denn beim Alten mit uns Beiden.“

Er ging ohne weiteren Abschied; nur an der Schwelle blieb er noch einmal stehen und sah nach dem Mädchen zurück. Sie hob den Kopf nicht, und er ging rasch vollends hinaus.

„Nun?“ fragte eifrig der Schichtmeister, der ihm draußen entgegen kam. „Nun?“ wiederholte er langsamer, denn das Gesicht seines Sohnes sah nicht aus wie das eines glücklichen Bräutigams.

„Es war umsonst, Vater!“ sagte Ulrich tonlos. „Die Martha will mich nicht.“

„Will Dich nicht? Dich nicht?“ rief der Alte in einem Tone, als ob ihm das Unglaublichste von der Welt gemeldet werde.

„Nein! Und nun quäle sie nicht erst noch mit vielen Fragen und Redereien darüber; sie wird wohl wissen, weshalb sie mir einen Abschlag gegeben hat, und ich weiß es auch, also nützt der Dritte nichts dazwischen. Und nun laß mich gehen, Vater; ich muß fort.“

Heftig, als wolle er jeder ferneren Erörterung ausweichen, eilte der junge Mann davon; der Schichtmeister faßte mit beiden Händen seine Pfeife und kam fast in Versuchung, sie auf den Boden zu schmettern, um seinem Aerger Luft zu machen.“

„Versteh’ sich einer auf die Frauenzimmer! Ich hätte meinen Kopf gelassen, daß das Mädel ihn lieb hat, und jetzt schickt sie ihn mit einem Nein fort und er – ich dachte doch nicht, daß es dem Jungen so nahe gehen würde. Er sah ja ganz verstört aus, und wie toll läuft er davon; aber der steht mir im Leben nicht Rede, soviel kenne ich ihn, und die Martha eben so wenig.

Der Schichtmeister begann heftig in dem Gärtchen auf und ab zu laufen, bis seine Wuth einer mehr resignirten Stimmung Platz machte. Was war denn auch am Ende dagegen zu machen? Mit Gewalt zusammen thun konnte man doch die Beiden nicht, wenn sie nun einmal nicht wollten, und es nützte nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, warum sie nicht wollten. Mit einem schweren Seufzer nahm der Alte Abschied von seinem gescheiterten Lieblingsplane; erzwingen ließ sich so etwas ja nicht.

Er stand noch in trüben Gedanken an der Gartenthür, als er den jungen Herrn Berkow den Weg entlang kommen sah, der an seinem Häuschen vorüber nach der hinteren Seite des Parkes führte. Arthur schien besser mit den Zugängen desselben vertraut zu sein, als seine Gemahlin. Er zog bereits einen Schlüssel aus der Tasche, der jedenfalls zu dem vorhin so gewaltsam geöffneten Schloß paßte. Der Schichtmeister grüßte tief und ehrerbietig, als der junge Erbe vorüberkam, der in gewohnter Theilnahmlosigkeit kaum einen Blick seitwärts warf, und mit einer vornehm nachlässigen Bewegung des Kopfes, die wahrscheinlich einen Dank ausdrücken sollte, im Begriff stand, weiter zu gehen. Es zuckte schmerzlich in den Zügen des alten Mannes; er stand noch immer mit seinem abgezogenen Käppchen in der Hand und sah ihm mit einem stillen traurigen Blicke nach, der zu sagen schien: „So also bist Du geworden!“

Ob Arthur diesen Blick bemerkte oder ob es ihm jetzt erst einfiel, daß er ja den alten Freund und Gefährten seiner Kinderjahre vor sich habe, er blieb plötzlich stehen.

„Sieh da, Hartmann! Wie geht es Ihnen?“

In seiner matten, gleichgültigen Weise streckte er ihm die Hand hin und schien etwas befremdet, als sie nicht sofort ergriffen wurde, aber dem Schichtmeister war eine solche Vertraulichkeit seit Jahren nicht zu Theil geworden; er zögerte sie anzunehmen, und als er es endlich dennoch that, geschah es so scheu und vorsichtig, als fürchte er, die feine weiße Hand könne in seiner harten Faust Schaden leiden.

„Ich danke! Mir geht es ja soweit gut, Herr Arthur – um Vergebung: Herr Berkow wollte ich sagen.“

„Bleiben Sie nur bei dem Arthur,“ sagte der junge Mann ruhig. „Sie sind mehr daran gewöhnt, und ich höre es auch lieber von Ihnen als den anderen Namen. Sie sind also zufrieden, Hartmann?“

„Gott sei Dank, ja, Herr Arthur. Ich habe, was ich brauche. Ein bischen Kummer und Sorge giebt es ja in jedem Hause; ich habe sie nun grade wegen meiner Kinder – aber das ist einmal nicht anders.“

Der Schichtmeister sah mit Verwunderung, daß der junge Herr näher trat und beide Arme auf das Holzgitter legte, als beabsichtige er ein längeres Gespräch.

„Mit Ihren Kindern? Ich dachte, Sie hätten nur einen einzigen Sohn?“

[92] „Ganz recht, meinen Ulrich! Ich habe aber noch ein Schwesterkind im Hause, die Martha Ewers.“

„Und die macht Ihnen Sorge?“

„Bewahre!“ rief der Schichtmeister eifrig. „Das Mädchen ist so brav und gut wie nur irgend eine, aber ich hatte mir so gedacht, es könnte aus ihr und dem Ulrich ein Paar werden, und –“

„Und der Ulrich will wohl nicht?“ unterbrach ihn Arthur mit einem eigenthümlich raschen Aufblick der sonst so müden Augen.

Der Alte zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht! Hat er wirklich nicht gewollt oder hat er es nur verkehrt angefangen, genug, es ist aus zwischen ihnen. Und das war noch meine letzte Hoffnung, daß er eine ordentliche Frau bekäme, die ihm den Kopf zurecht setzt.“

Es war seltsam, daß die doch gewiß sehr einfachen und uninteressanten Familiengeschichten des alten Bergmannes den jungen Herrn nicht zu langweilen schienen; er gähnte nicht einmal, was ihm sonst gewöhnlich passirte, wo er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte, und sein Gesicht verrieth sogar ein gewisses Interesse, als er fragte:

„Ist Ihnen denn der Kopf nicht recht, so wie er ihn jetzt trägt?“

Der Schichtmeister sah den Fragenden scheu von der Seite an und dann zu Boden.

„Nun, Herr Arthur, Ihnen brauche ich doch das nicht erst zu sagen. Sie werden wohl schon genug über den Ulrich gehört haben.“

„Ja, ich erinnere mich; mein Vater sprach mir davon. Ihr Sohn ist nicht gut angeschrieben bei den Herren drüben, Hartmann, ganz und gar nicht!“

Der Alte stieß einen Seufzer aus. „Ja, ich kann’s nicht ändern! Er folgt mir nicht mehr, hat mir eigentlich nie gefolgt. Er mußte immer seinen Kopf für sich haben und ihn überall durchsetzen. Ich habe den Jungen ein ganz Theil mehr lernen lassen als die Anderen, vielleicht mehr als ihm gut war; ich dachte, er sollte schneller vorwärts kommen, und er ist ja auch schon Steiger und bringt’s wohl auch noch bis zum Obersteiger, aber von dem Lernen ist doch das ganze Unglück hergekommen! Da kümmert er sich um alle möglichen Geschichten, will alles besser wissen, sitzt die ganze Nacht über den Büchern und ist bei seinen Cameraden alles in allem. Wie er es anfängt, überall der Erste zu sein, das weiß ich nicht, aber er war noch ein kleiner Bube, da hatte er sie schon sämmtlich unter der Fuchtel, und jetzt ist das ärger als je. Was er sagt, das glauben sie blindlings; wo er steht, da stehen sie allesammt, und wenn er sie in die leibhaftige Hölle hineinführte, sie gingen mit, wenn er nur voran wäre. Das ist aber ganz und gar nicht gut, zumal hier auf unseren Werken nicht.“

„Warum grade bei uns nicht?“ fragte Arthur, während er wie in tiefen Gedanken mit dem Schlüssel Figuren auf das Holz des Gitters zeichnete.

„Weil’s die Leute doch hier gar zu schlimm haben!“ platzte der Schichtmeister heraus. „Seien Sie nicht böse, Herr Arthur, daß ich Ihnen das so in’s Gesicht sage, aber es ist einmal so. Ich kann ja nicht klagen; mir ist es von jeher über die Gebühr gut gegangen, weil Ihre verstorbene Mutter meine Frau gern hatte – aber die Anderen! Das arbeitet und plagt sich Tag für Tag und schafft doch kaum das Nothwendigste für Frau und Kind. Es ist, weiß Gott, ein schweres Brod und ein saures Brod, aber arbeiten müssen wir ja Alle, und die Meisten thäten es ja auch herzlich gern, wenn ihnen nur ihr Recht würde, wie aus den anderen Werken. Aber hier drückt und preßt man sie noch um jeden Groschen von ihrem kargen Lohn, und in den Schachten unten sieht es so schlimm aus, daß Jeder beim Einfahren erst sein Vaterunser betet, weil er immer denken muß, die Geschichte stürzt ihm einmal über dem Kopfe zusammen. Aber es ist ja nie Geld zum Ausbessern da, und wenn Einer einmal in Noth und Elend ist, dann ist auch kein Geld da, und dabei müssen sie sehen, wie die Hunderttausende nur immer so nach der Residenz geschickt werden, damit –“

Der Alte hielt plötzlich inne und schlug sich im wahren Todesschrecken auf den vorwitzigen Mund. Er hatte sich so in den Eifer hineingesprochen, daß er ganz und gar vergessen hatte, wer vor ihm stand; erst die tiefe Röthe, die bei den letzten Worten in dem Gesichte des jungen Mannes aufstieg, brachte ihn zur Besinnung.

„Nun?“ fragte Arthur, als er schwieg. „Sprechen Sie doch weiter, Hartmann! Sie sehen ja, daß ich zuhöre.“

„Um Gotteswillen!“ stotterte der alte Mann in tödtlicher Verlegenheit, „ich meinte das nicht so, ich hatte ganz vergessen –“

„Wer die Hunderttausende gebraucht hat! Sie sollen sich jetzt nicht entschuldigen, Hartmann, sondern ungescheut aussprechen, was Sie mir sagen wollten. Oder glauben Sie, daß ich bei meinem Vater den Angeber machen werde?“

„Nein!“ sagte der Schichtmeister ehrlich. „Das thun Sie ganz gewiß nicht. Sie sind nicht wie Ihr Herr Vater, bei dem hätte mich das vorwitzige Wort den Dienst gekostet. Nun, ich meinte nur, das Alles setzt böses Blut bei den Leuten. Herr Arthur“ – er trat ihm mit halb schüchterner, halb zutraulicher Bitte einen Schritt näher –, „wenn Sie sich doch einmal um die Sachen kümmern wollten! Sie sind ja der Sohn des Herrn Berkow und werden später das Alles hier erben; es geht doch Keinen näher an als Sie!“

„Ich?“ sagte Arthur mit einer Bitterkeit, die zum Glück seinem ungeübten Zuhörer völlig entging; „ich verstehe nichts von dem, was hier auf den Werken Brauch und Nothwendigkeit ist; das ist mir von jeher völlig fremd geblieben.“

Der alte Mann schüttelte traurig den Kopf. „Du lieber Gott, was ist da viel zu verstehen! Dazu brauchen Sie nicht erst die Maschinen und die Schachte studirt zu haben. Sie brauchen die Leute nur anzusehen und anzuhören, wie Sie mich jetzt anhören, aber freilich, das thut ja Keiner. Wer klagt, wird fortgeschickt, und dann heißt es gleich ‚wegen Widersetzlichkeit‘, und ein armer Bergmann, der deswegen entlassen ist, findet schwer ein anderes Unterkommen. Herr Arthur, ich sage Ihnen, es ist ein Elend; und das ist’s, was der Ulrich nicht mit ansehen kann, was ihm das Herz abfrißt, und wenn ich zehn Mal gegen seine Ideen rede und predige, im Grunde hat er ja doch Recht; so kann es nicht bleiben. Nur wie er das durchsetzen will, das ist gottlos und sündlich; das wird ihn noch in’s Unglück bringen und die Anderen dazu. Herr Arthur“ – dem Schichtmeister standen die bitteren Thränen in den Augen, als er diesmal ohne alles Zögern die Hand des jungen Mannes ergriff, die noch auf dem Gitter lag –, „ich bitte Sie um Gotteswillen, lassen Sie das nicht so fortgehen! es ist nicht gut, auch für Herrn Berkow nicht. Auf den anderen Werken giebt es ja jetzt auch überall Streit, aber wenn es bei uns einmal losbricht, dann gnade uns Gott, dann wird’s fürchterlich!“

Arthur hatte während der ganzen Rede stumm vor sich hingesehen; jetzt hob er das Auge und richtete einen langen finsteren Blick auf den Sprechenden.

„Ich werde mit meinem Vater sprechen,“ sagte er langsam. „Verlassen Sie sich darauf, Hartmann!“

Der Schichtmeister ließ die ergriffene Hand wieder fallen und trat zurück. Er hatte hier, wo er sein ganzes Herz ausgeschüttet, doch wohl eine andere Wirkung erwartet, als diese karge Verheißung. Arthur richtete sich empor und wandte sich zum Gehen.

„Noch Eines, Hartmann! Ihr Sohn hat mir neulich das Leben gerettet, und es hat ihn wohl gekränkt, daß er kein Wort des Dankes darüber hörte. Ich lege wenig Werth auf das Leben überhaupt, möglich, daß ich deshalb den geleisteten Dienst zu gering anschlug, aber ich hätte das Versäumte nachgeholt, wenn“ – der junge Erbe zog die Augenbrauen zusammen, und seine Stimme gewann einen scharfen Klang – „wenn Ihr Ulrich nicht eben Der wäre, der er ist. Ich habe keine Lust, meine Anerkennung vielleicht in derselben Weise zurückgewiesen zu sehen, wie dies neulich meinem Beauftragten gegenüber geschah. Für undankbar möchte ich trotzdem nicht gehalten werden; sagen Sie ihm, ich lasse ihm danken, und wegen des Uebrigen werde ich mit meinem Vater Rücksprache nehmen. Leben Sie wohl!“

Er schlug den Weg nach dem Parke ein. Der Schichtmeister sah ihm trübe nach, und ein schwerer Seufzer kam über seine Lippen, als er leise vor sich hin sagte: „Gebe Gott, daß es etwas hilft – ich glaube es nicht!“

[105] Drüben am Landhause wurde die herrschaftliche Equipage aus der Remise hervorgezogen und der Kutscher machte sich daran, die Pferde anzuschirren.

„Das ist ja etwas ganz Neues!“ sagte er zu dem neben ihm stehenden Bedienten, der soeben den Befehl zum Anspannen überbracht hatte. „Der Herr und die gnädige Frau fahren zusammen aus? Den Tag müßte man roth im Kalender anstreichen!“

Der Diener lachte. „Ja, viel Vergnügen werden sie wohl nicht dabei haben, aber es geht nicht anders. Es sollen Gegenbesuche in der Stadt gemacht werden, bei den vornehmen Herrschaften, die neulich zum Diner hier waren, und da schickt es sich ja wohl nicht, daß Jedes allein vorfährt, sonst hätten sie es sicher gethan.“

„Eine curiose Wirthschaft!“ meinte der Kutscher kopfschüttelnd. „Und das nennen sie nun verheirathet sein! Gott bewahre Jeden vor solch einer Ehe!“

Eine Viertelstunde später rollte der Wagen, in dem sich Arthur Berkow mit seiner Gemahlin befand, auf dem Wege hin, der nach der Stadt führte. Das Wetter, das heut Vormittag noch erträglich gewesen war, hatte sich bedeutend verschlechtert. Der ganze Himmel war dicht umzogen; der Wind, fast zum Sturme geworden, jagte die grauen Wolken vor sich her, die von Zeit zu Zeit einen Regenschauer auf die mit Nässe schon überreichlich getränkte Erde herabsandten. Es war überhaupt ein rauhes, stürmisches Frühjahr, so recht geeignet, Städtern den Aufenthalt auf dem Lande gründlich zu verleiden. Obgleich man bereits im Mai stand, zeigten die kahlen, blätterlosen Bäume des Parkes doch kaum die ersten Knospen; der scharfe Wind und die kalten Regengüsse zerstörten zur Verzweiflung des Berkow’schen Gärtners den ganzen Blumenflor, den er so mühsam auf Terrassen und Gartenbeeten schuf, und zerrissen und ertödteten erbarmungslos jede Blüthe, die sich etwa noch im Freien öffnete; die grundlosen Wege, die nassen, verregneten Wälder machten jeden Ausflug, der überhaupt nur im geschlossenen Wagen möglich war, zu einem ebenso unangenehmen als zwecklosen Unternehmen.

Tag für Tag fast Sturm und Regen, grau umzogener Himmel, nebelumflorte Berge, kaum hin und wieder ein matter Sonnenblick, und dazu eine öde, trostlose Häuslichkeit, wo kein Sonnenstrahl je die Nebel durchdrang, die sich dichter und dichter herabsenkten, wo jede Blüthe, die sich vielleicht aufthun wollte, erstarrte in der eisigen Atmosphäre des Hasses und der Bitterkeit, wo zwei Gatten das, was sonst Neuvermählte als das höchste Glück ersehnen, das ungestörte Zusammenleben, als eine Art von Folter empfanden, der ein Jedes so viel als möglich zu entfliehen strebte – es war wahrlich genug, um die tiefe Blässe auf dem Antlitz der jungen Frau zu erklären, den Schmerzenszug um den Mund, den keine Selbstbeherrschung mehr verwischen konnte, den düsteren schwermüthigen Blick, mit dem sie in die Regenlandschaft hinausschaute. Sie hatte ihrer Kraft doch wohl mehr zugetraut, als sie zu tragen im Stande war. Das Opfer war schnell gebracht im Aufflammen des Muthes und der Kindesliebe, aber die Stunden und Tage nach dem Opfer, dies thatenlose Erliegen unter dem selbsterwählten Geschick, das erst fordert den wahren Muth, die vollste Willenskraft in die Schranken, und wie viel Eugenie auch von beiden besitzen mochte, man sah es ihr doch an, wie schwer sie an diesem „Nachher“ trug.

Ihr Gatte, der in der anderen Ecke des Wagens lehnte, möglichst weit entfernt, so daß die Falten ihrer Seidenrobe kaum seinen Mantel berührten, schien nicht viel leichter an seinem Glücke zu tragen. Freilich, sein Gesicht war von jeher so bleich gewesen, das Auge immer so müde, die Haltung stets so theilnahmlos, wie eben jetzt, aber es stand doch ein Zug in seinem Antlitz, der früher nicht dagewesen war, den erst die letzten vier Wochen dort eingegraben hatten, ein bitterer, finsterer Zug, der selbst der gleichgültigsten Blasirtheit nicht mehr weichen wollte.

Er schaute gleichfalls stumm durch das Wagenfenster und machte so wenig wie Eugenie den Versuch, eine Unterhaltung zu beginnen. Sie hatten heut überhaupt erst beim Einsteigen einander zu Gesicht bekommen und dabei einige förmliche Redensarten über das Wetter, die Fahrt und den Zweck derselben ausgetauscht; dann war ein eisiges Schweigen eingetreten, das dem Anschein nach bis zur Ankunft in der Stadt fortdauern sollte. Die Fahrt war auf diese Weise nicht die angenehmste; zwar fühlte man in dem geschlossenen bequemen Wagen nichts von der Witterung draußen, aber selbst die weichsten Polster vermochten nicht ganz vor der schlechten Beschaffenheit des Weges zu schützen, auf dem die schwere Kutsche, trotz der schönen und kraftvollen Pferde, die sie zogen, nur langsam vorwärts rollte. Man hatte ungefähr die Hälfte der Fahrt zurückgelegt und befand sich mitten im Walde, als ein besonders heftiger Stoß den Wagen fast auf die Seite warf. Der Kutscher stieß einen halblauten Fluch aus [106] und hielt die Pferde an; er und der Diener stiegen eiligst vom Bock herunter und es wurde draußen ein lautes Hin- und Herreden laut.

„Was giebt es denn?“ fragte Eugenie, sich unruhig emporrichtend.

Arthur seinerseits zeigte sehr wenig Interesse zu erfahren, was es gäbe; er hätte wahrscheinlich ruhig gewartet, bis man ihm die betreffende Meldung machte, jetzt aber fühlte er sich doch bewogen, das Fenster herabzulassen und die Frage seiner Frau zu wiederholen.

„Aengstigen Sie sich nicht, Herr Berkow!“ sagte der Kutscher, der, die Zügel fest in der Hand haltend, vor den Schlag trat. „Wir sind noch glücklich genug davongekommen, aber um ein Haar hätten wir umgeworfen. An dem Hinterrade muß irgend etwas zerbrochen sein. Franz ist eben dabei, nachzusehen.“

Die Meldung, die Franz nach geschehener Untersuchung zurückbrachte, lautete nicht eben tröstlich. Das Rad war so stark beschädigt, daß es sich als eine Unmöglichkeit erwies, mit dem Wagen in diesem Zustande auch nur hundert Schritte weit zu fahren. Die beiden Diener sahen ihre Herrschaft rathlos an.

„Ich fürchte, wir müssen unter diesen Umständen auf die beabsichtigten Besuche verzichten,“ sagte Arthur gleichgültig, indem er sich zu seiner Frau wandte. „Bis Franz nach Hause zurückkehrt und mit einem neuen Wagen wiederkommt, dürfte es für die Fahrt nach der Stadt doch wohl zu spät geworden sein.“

„Das fürchte ich auch. Es bleibt uns also nichts übrig, als auszusteigen und umzukehren.“

„Auszusteigen?“ fragte Arthur mit offenbarer Verwunderung. „Beabsichtigst Du etwa den Rückweg zu Fuße anzutreten?“

„Beabsichtigst Du etwa so lange im Wagen zu bleiben, bis Franz mit einem anderen zur Stelle ist?“

Arthur schien dies in der That sich vorgenommen zu haben und er hätte es wahrscheinlich auch ausgehalten, zwei volle Stunden lang in der Ecke des Wagens zu liegen, wo er ja vor Wind und Wetter geschützt war, ehe er sich zu einer Fußtour durch den kalten nassen Wald entschloß. Eugenie mochte ihm das wohl ansehen, denn das verächtliche Lächeln trat wieder auf ihre Lippen. „Ich meinestheils ziehe den Rückweg zu Fuße diesem zwecklosen und ermüdenden Warten vor! Franz wird mich begleiten, da er ohnedies zurück muß. Du bleibst wohl jedenfalls im Wagen? Ich möchte um keinen Preis die Verantwortung auf mich nehmen, Dir eine Erkältung zuzuziehen.“

Was der ganze Unfall nicht vermocht hatte, das bewirkte die unverhüllte Ironie dieser Worte; sie scheuchten den jungen Mann aus seiner Ecke auf. Er richtete sich empor, stieß die Thür auf und stand in der nächsten Minute bereits draußen auf dem Wagentritt, ihr die Hand zum Aussteigen bietend. Eugenie zögerte.

„Ich bitte Dich, Arthur –“

„Ich bitte Dich, den Leuten wenigstens kein Schauspiel zu geben, indem Du die Begleitung des Bedienten der meinigen vorziehst. Willst Du die Güte haben?“

Die junge Frau zuckte fast unmerklich die Achseln, aber es blieb ihr nichts Anderes übrig, als die dargebotene Hand anzunehmen, denn Kutscher und Diener standen in der That in unmittelbarer Nähe; sie stieg also aus und Arthur wandte sich zu den Leuten.

„Ich werde die gnädige Frau zurückbegleiten. Seht zu, daß Ihr den leeren Wagen nach irgend einem Gehöfte bringt, wo er vorläufig bleiben kann, und Ihr folgt uns sobald als möglich mit den Pferden.“

Die Diener zogen die Hüte und machten sich daran, den erhaltenen Befehl auszuführen; es war allerdings das Einzige, was unter diesen Umständen zu thun übrig blieb. Mit einer leichten Bewegung lehnte Eugenie den dargebotenen Arm ihres Gatten ab.

„Ich fürchte, wir müssen hier auf den Promenadenschritt verzichten!“ sagte sie ausweichend. „Es muß wohl ein Jeder zusehen, wie er allein vorwärts kommt.“

Sie versuchte dies in der That, aber nur, um schon beim ersten Schritt bis an die Knöchel in dem zähen aufgeweichten Schlamm des Bodens zu versinken, und als sie erschreckt darüber nach der anderen Seite hinüberflüchtete, gerieth sie in zolltiefes Wasser, das unter ihren Füßen aufspritzte; die junge Frau stand rathlos da. So schlimm war ihr der Weg vom Wagen aus denn doch nicht erschienen.

„Hier kommen wir überhaupt nicht vorwärts!“ erklärte Arthur, der inzwischen das gleiche Experiment mit einem ähnlichen Erfolge versucht hatte. „Wir müssen durch den Wald zurück.“

„Ohne Weg und Steg zu kennen? Wir werden uns verirren.“

„Schwerlich! Ich erinnere mich noch aus meinen Knabenjahren ganz deutlich eines Fußpfades, der mitten durch den Wald über die Höhen in’s Thal führt und dabei noch den Vortheil hat, den Weg bedeutend abzukürzen. Wir müssen ihn aufsuchen.“

Eugenie zögerte noch immer, aber die thatsächliche Unmöglichkeit, den zur Hälfte überschwemmten und von den Wagengeleisen noch mehr zerwühlten Fahrweg zu passiren, ließ ihr keine Wahl. Sie folgte ihrem Gatten, der bereits nach links abbog, und wenige Minuten später umfing sie Beide das dichte, dunkle Grün der Tannen.

Auf dem Moos und den Wurzeln des Waldbodens war nun wenigstens die Möglichkeit gegeben, vorwärts zu kommen, das heißt für unverwöhnte Füße. Für einen Herrn und eine Dame, die nur das Parquet des Salons gewohnt waren, denen bei jedem Ausflug Wagen und Reitpferde zur Disposition standen, und deren ganze Fußtouren sich auf einen Spaziergang im Park bei vollendet schönem Wetter beschränkten, bot dieser Weg noch immer Schwierigkeiten genug – und dazu dieser stürmische Nebeltag! Es regnete zwar jetzt nicht mehr, aber die ganze Umgebung triefte vor Nässe, und die Wolken drohten jeden Augenblick einen neuen Schauer herabzusenden. Ueber eine Stunde vom Hause entfernt, mitten im Walde, in den sie auf’s Gerathewohl wie ein paar Abenteurer eindrangen, ohne Wagen und Diener, ohne den geringsten Schutz gegen Wind und Regen – es war in der That eine ebenso ungewohnte als verzweifelte Situation für Herrn Arthur Berkow und dessen hochgeborene Gemahlin.

Die junge Frau fand sich indessen bald mit ihrer gewöhnlichen Entschlossenheit in das Unvermeidliche. Sie hatte schon nach den ersten zehn Schritten die Unmöglichkeit eingesehen, ihr helles Seidenkleid und ihren weißen Burnus zu retten, sie gab daher beides ruhig dem nassen Moose und den tropfenden Bäumen preis und schritt muthig vorwärts. Aber so wenig ihre Toilette für eine solche Wanderung geeignet war, so wenig vermochte dieselbe sie vor der Witterung zu schützen; sie hüllte sich fröstelnd fester in den leichten Cachemir und schauerte unwillkürlich zusammen, als der kalte Wind sie berührte.

Ihr Gatte bemerkte das und blieb stehen. Er hatte, verweichlicht wie er war, trotz des geschlossenen Wagens einen Mantel umgeworfen, der ihn vollkommen schützte. Jetzt nahm er ihn schweigend ab, um ihn um die Schultern der jungen Frau zu legen, diese aber wich mit vollster Entschiedenheit zurück.

„Ich danke! Ich bedarf dessen nicht.“

„Du frierst ja.“

„Durchaus nicht! Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung wie Du.“

Ohne ein Wort zu sagen, nahm Arthur den Mantel zurück, aber anstatt sich auf’s Neue darin einzuwickeln, warf er ihn nachlässig über den Arm und schritt nun in dem leichten Gesellschaftsanzuge an ihrer Seite hin. Eugenie kämpfte einen aufsteigenden Aerger nieder; sie wußte selbst nicht recht, warum dies Benehmen sie so verletzte, aber sie hätte es weit lieber gesehen, wenn er sich jetzt ängstlich in den verschmähten Mantel gehüllt hätte, um seine kostbare Gesundheit zu schonen, anstatt sich so rücksichtslos Wind und Wetter preiszugeben. Ein ruhiges, überlegtes sich Fügen in das Unvermeidliche war ihre Sache; sie konnte nicht begreifen, wie ihr Gatte dazu kam, dies Recht auch einmal für sich in Anspruch zu nehmen, konnte überhaupt nicht begreifen, wie er, der sich schon bei dem bloßen Gedanken an diese Waldpromenade entsetzt hatte, jetzt deren Unbequemlichkeiten gar nicht mehr zu empfinden schien, während sie schon halb und halb ihren Entschluß bereute. Ein Windstoß riß ihm den Hut vom Kopfe und wehte ihn einen Abhang hinunter, in dessen Tiefe er nicht mehr zu erreichen war. Gelassen sah Arthur dem Flüchtlinge nach und warf mit einer beinahe trotzigen Bewegung das lange braune Haar zurück. Sein Fuß sank bei jedem Schritt tief ein in das nasse Moos, und doch war Eugenien dieser Schritt nie so fest, so elastisch vorgekommen, wie heute. Die schlaffe Haltung ihres Gatten verlor sich mit jeder Minute mehr und [107] mehr, je tiefer sie in die grüne Wildniß eindrangen. Seine sonst so matten Augen späheten scharf nach dem gesuchten Wege umher. Der nasse, finstere Wald schien einen förmlich belebenden Einfluß auf ihn auszuüben, in so tiefen Zügen athmete er die herbe, harzige Tannenluft ein, so schnell führte er seine junge Frau unter den sausenden Wipfeln dahin. Plötzlich blieb er stehen und rief fast triumphirend aus: „Da ist der Weg!“

Sie sahen in der That einen schmalen Fußpfad vor sich, der quer durch den Wald lief und sich in einiger Entfernung zu senken schien. Eugenie schaute etwas verwundert darauf hin; sie hatte es ihrem Manne wirklich nicht zugetraut, daß er im Stande wäre, einen sicheren Führer abzugeben, und sich bereits vollständig auf’s Verirren gefaßt gemacht.

„Du scheinst sehr vertraut mit der Gegend!“ sagte sie, während sie an seiner Seite den Weg betrat.

Arthur lächelte, aber freilich galt dies Lächeln nicht ihr, sondern der Umgebung, die er jetzt forschend musterte.

„Ich werde doch meinen Wald noch kennen! Wir sind alte Freunde, wenn wir uns auch lange, sehr lange nicht gesehen haben.“

Eugenie hob verwundert das Haupt. Den Ton hatte sie noch nie aus seinem Munde gehört; es lag darin eine tief zurückgedrängte Empfindung, die sich gleichwohl in der Stimme verrieth.

„Liebst Du den Wald so sehr?“ fragte sie, unwillkürlich ein Gespräch fortsetzend, das sonst wahrscheinlich wieder in dem gewöhnlichen Stillschweigen sein Ende gefunden hätte. „Weshalb hast Du ihn denn während der ganzen vier Wochen nicht ein einziges Mal betreten?“

Arthur antwortete nicht. Sein Blick verlor sich wie träumend in den grünen nebelumschleierten Tiefen. „Weshalb?“ fragte er endlich düster, „ich weiß es nicht! Vielleicht war ich zu träge. Man verlernt ja zuletzt Alles in Eurer Residenz, sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit.“

„In Eurer Residenz? Ich dächte, Du wärest so gut wie ich dort erzogen.“

„Gewiß! Nur mit dem Unterschiede, daß mein Leben aufhörte, als meine sogenannte Erziehung anfing. Was überhaupt des Erlebens werth war, das ließ ich hinter mir, als ich in jenen Mauern einfuhr; denn lebenswerth waren nur meine frohen sonnigen Knabenjahre.“

Es war ein halb bitterer, halb grollender Ton, mit dem er die Worte hinwarf. Aber auch in Eugeniens Innerem quoll jetzt wieder die alte Bitterkeit heiß empor. Wie durfte er es wagen, von Aufgeben, von Entsagung zu sprechen? was wußte er überhaupt davon? Für sie freilich war mit der Kindheit auch das Glück zu Ende gewesen; für sie begann mit dem Eintritte in’s Leben die ganze Stufenleiter von Sorge, Demüthigung und Verzweiflung, die sie als Vertraute ihres Vaters, als Eingeweihte in die Verhältnisse ihrer Familie durchzumachen hatte, die bittere Schule, die wohl ihren Charakter gestählt, aber ihr auch alle Freuden der Jugend geraubt hatte. Wie war dagegen die Stellung ihres Gatten, wie seine Vergangenheit gewesen! Und er sprach davon wie von einem Unglück!

Arthur schien diese Gedanken auf ihrem Gesichte zu lesen, als er sich umwandte, um einen tief niederhängenden Zweig bei Seite zu schieben, der sie sonst gestreift hätte.

„Du meinst, ich hätte am wenigsten Grund, mich zu beklagen? Möglich! Wenigstens ist mir von jeher gesagt worden, daß mein Dasein ‚beneidenswerth‘ sei. Aber ich versichere Dir, es ist bisweilen verzweifelt öde und trostlos, solch ein Leben, wo das Glück Einem all’ seine Gaben vor die Füße schüttet, die man eben deshalb mit Füßen tritt, weil man nichts weiter mit ihnen anzufangen weiß, so öde und trostlos, daß man zuletzt um jeden Preis hinaus möchte aus dieser vielgepriesenen vergoldeten Glückseligkeit, hinaus – und wäre es auch in Sturm und Unwetter!“

Die dunkeln Augen Eugeniens hingen in sprachlosem Erstaunen an seinen Zügen. Urplötzlich ergoß sich eine helle Röthe über sein Gesicht. Er schien sich auf einmal zu besinnen, daß er sich des unverzeihlichen Fehlers schuldig gemacht, vor seiner Gattin irgend ein Gefühl zu verrathen. Der junge Mann runzelte die Stirn und warf einen grollenden Blick auf den Wald, der ihn zu diesem Ausbruch verleitet, aber schon in der nächsten Secunde fiel er völlig wieder in den alten blasirten Ton zurück.

„Sturm und Unwetter haben wir freilich mehr, als uns lieb ist!“ sagte er nachlässig und im Vorwärtsschreiten ihr völlig den Rücken zuwendend, „das tobt ja entsetzlich auf der freien Höhe da oben! Wir werden warten müssen, bis das ärgste Wehen vorüber ist; so können wir nicht hinunter.“

In der That überfiel sie beim Heraustreten aus dem Walde der Sturm mit einer solchen Gewalt, daß sie Mühe hatten, sich auf den Füßen zu halten. Es war augenblicklich unmöglich, aus dem Wege, der sich jetzt steil und offen in’s Thal hinabsenkte, weiter vorwärts zu kommen; man gerieth in Gefahr, von dem Winde erfaßt und in die Tiefe geschleudert zu werden. So blieb vorläufig nichts übrig, als hier im Schutze der Bäume zu warten, bis eine Pause in dem Toben der Lüfte eintrat.

Sie standen unter einer mächtigen Tanne, die am Saume des Waldes aufragte. Der Sturm wühlte in ihren grünen Armen, die sie schützend über ihre jüngeren Gefährten ausbreitete, und auch sie schwankte ächzend auf und nieder; aber der riesige weißgraue Stamm bot doch immerhin einen Halt und einen Schutz für Eugenie, die sich daran lehnte. Es wäre zur Noth dort Platz für zwei Personen gewesen, aber dann hätten sie sich eng aneinander drücken müssen, und diese Erwägung war es vermuthlich, die Arthur bestimmte, einige Schritte von ihr entfernt stehen zu bleiben, obgleich er dort nur sehr unvollkommen geschützt war, und die auf- und niederwehenden Zweige ihre beim letzten Regenschauer vollauf empfangene Nässe reichlich auf ihn niederschüttelten. Sein Haar flatterte im Wind, und die Tropfen rannen ihm von der unbedeckten Stirn nieder. Dennoch machte er nicht den geringsten Versuch, seinen Platz zu ändern.

„Willst Du – willst Du nicht lieber hierher kommen?“ fragte Eugenie zögernd, während sie sich seitwärts drückte, um ihm auf der einzigen trockenen Stelle etwas Raum zu geben.

„Ich danke! Ich möchte Dir mit meiner Nähe nicht beschwerlich fallen!“

„So nimm wenigstens den Mantel um!“ Es klang diesmal fast wie eine Bitte. „Du wirst ja völlig durchnäßt!“

„Durchaus nicht. Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung, wie Du glaubst.“

Die junge Frau biß sich auf die Lippen. Es ist nicht angenehm, mit seiner eigenen Waffe geschlagen zu werden, aber noch weit mehr als dies reizte sie der Trotz, mit dem er Wind und Wetter über sich ergehen ließ, einzig um ihr eine Lehre zu geben. Sie fand freilich diesen Trotz unbeschreiblich lächerlich; sie litt doch wahrlich nicht darunter und ihr war es beinahe gleichgültig, ob er sich dadurch eine Erkältung, eine Krankheit zuzog, oder nicht, aber es reizte sie nun einmal, daß er so gelassen dastand und mitten im Sturm seinen Platz behauptete, vielleicht mit Anstrengung, aber doch behauptete, er, der eine halbe Stunde vorher noch schläfrig und fröstelnd in den Polstern des bequemen Wagens gelegen hatte und jeden Luftzug, der etwa durch die Glasfenster eindrang, peinlich zu empfinden schien. Brauchte er wirklich erst Sturm und Unwetter, um ihr zu zeigen, daß er doch nicht so ganz der Weichling war, für den sie ihn gehalten?

Arthur sah indessen nicht aus, als ob er ihr überhaupt irgend etwas zu zeigen beabsichtige; er schien im Augenblick ihre Nähe ganz vergessen zu haben. Mit verschränkten Armen stand er da und schaute auf das Waldgebirge, dessen größten Theil man von der Höhe hier übersah. Langsam schweifte sein Auge von einer Bergspitze zur anderen, und Eugenie machte dabei auf einmal die überraschende Entdeckung, daß ihr Gatte doch eigentlich sehr schöne Augen habe. Das überraschte sie in der That, sie hatte bisher nur gewußt, daß dort unter den halbverschleiernden Lidern etwas Müdes, Schläfriges ruhe, und sich nie die Mühe genommen, es weiter zu beachten. Wenn er einmal aufschaute, so geschah es ja stets so langsam, so träge, als koste ihm der Blick eine unendliche Mühe und sei doch nicht der Mühe werth; und doch war dieser Blick wohl werth, gesehen zu werden. Man hätte, nach dem Ausdrucke des Gesichtes zu urtheilen, unter den meist gesenkten Wimpern ein mattes kaltes Blau vermuthen sollen; statt dessen leuchtete dort ein klares, tiefes Braun, zwar auch noch matt, auch noch leblos, aber es schien doch, als könnten diese Augen einmal aufleuchten in Energie und Leidenschaft, als sei eine längst versunkene und vergessene Welt tief hinter diesem dunklen Blick gebannt und warte nur auf das erlösende Wort, um wieder heraufzusteigen aus der Tiefe. – In der jungen [108] Frau zuckte wieder die Ahnung empor, die sie schon vorhin im Walde überkam, als er sich so plötzlich von ihr wandte, der Argwohn, als habe der Vater mit seiner Erziehung hier viel, unendlich viel verschuldet und zerstört, mehr als er je verantworten, mehr als er je wieder gut machen konnte.

Sie standen beide einsam da oben auf der Höhe. Im Nebelschleier lag der Wald da, dicht umflort von den grauen Schatten, die sich bald fest an die dunklen Tannen klammerten, bald in flatternden Streifen an ihren Wipfeln hingen, bald gespenstig über den Boden hinschwebten. Und die gleichen Nebelschleier schwebten und flatterten auch über dem Gebirge drüben, bald zerreißend, bald sich zusammenballend, um die dunklen Gipfel und in den dampfenden Thälern. Es war ein Wallen und Wogen ohne Ende, ein Sinken und Steigen, jetzt als wollten Berge und Wälder sich aufthun in ihren fernsten Tiefen, jetzt als wollten sie sich verschließen vor jedem Menschenauge. Ringsum brauste der Sturm und wühlte in den hundertjährigen Tannen wie in einem Kornfelde; ächzend schwankten die mächtigen Stämme auf und nieder; sausend bogen sich die Wipfel, und über ihnen dahin jagten die grauen Wolken, gährende, gestaltlose Massen, in wilder regelloser Flucht. Es war ein Unwetter, wie nur je eins im Schooße des Gebirges emporstieg, und doch waren es Frühlingsstürme, die da oben brausten! Auf diesen sausenden Schwingen kam der Frühling gezogen, nicht sonnig lächelnd wie drunten in der Ebene; hier kam er rauh, wild und gewaltsam, aber es war doch sein Athem, der in diesem Sturme wehte, sein Ruf, der aus diesem Brausen klang. Es liegt etwas in dem Wesen der Frühlingsstürme, wie eine Verheißung all’ des Sonnenglanzes und Blüthenduftes, der sich nun bald über die Erde ausgießen wird, wie eine Ahnung all’ des mächtig schaffenden Lebens, das schon seine tausend Keime empor zum Lichte ringt. Und sie hörten den Ruf und antworteten ihm, die brausenden Wälder, die stürzenden Bäche und dampfenden Thäler. In diesem Brausen und Schäumen und Toben, da klang doch nur das Aufjauchzen der Natur, die nun endlich die letzten Fesseln des Winters abwarf, klang ihr Jubelruf, mit dem sie den nahenden Retter begrüßte: Der Frühling kommt!

Es ist etwas Geheimnißvolles, solch eine Frühlingsstunde, und die Sagen des Gebirges leihen ihr einen eigenen, romantischen Zauber. Sie erzählen von dem Berggeiste, der dann durch sein Reich hinschreitet und dessen Macht in einer solchen Stunde auch segnend oder verheerend in das Leben der Menschen tritt, die in diesem Reiche weilen. Was sich da findet, das gehört zusammen für immer, und was sich da trennt, das trennt sich für alle Ewigkeit. Sie brauchten sich freilich nicht erst zu finden, die Beiden auf der Höhe da oben; sie waren verbunden durch das festeste Band, das zwei Menschen nur einigen kann, und doch standen sie sich so fern, und doch waren sie einander so fremd, als lägen Welten zwischen ihnen. Das Stillschweigen hatte bereits eine geraume Zeit gedauert. Eugenie brach es zuerst.

„Arthur!“

Er schreckte wie erwachend auf und wandte sich zu ihr.

„Du wünschest?“

„Es ist so kalt hier oben – willst Du mir jetzt nicht – Deinen Mantel leihen?“

Wie vorhin stieg wieder eine helle Röthe auf in dem Antlitz des jungen Mannes, als er sie in sprachloser Verwunderung anblickte. Er wußte, daß die stolze Frau lieber erstarrt wäre in dem eisigen Winde, als daß sie sich herabgelassen hätte, um die einmal verschmähte Hülle zu bitten, und dennoch that sie es jetzt in diesem stockenden Tone, mit diesen niedergeschlagenen Augen, mit denen man ein begangenes Unrecht eingesteht. In der nächsten Minute schon stand er neben ihr und bot ihr den Mantel hin. Sie ließ es schweigend geschehen, daß er ihn um ihre Schultern legte; aber als er nun wieder an seinen Platz zurückkehren wollte, traf ihn ein Blick stummen, ernsten Vorwurfs. Arthur schien noch eine Secunde lang zu zögern; aber hatte sie nicht etwas gethan, das beinahe einer Abbitte glich? Er ließ gleichfalls seinen Trotz fahren und blieb an ihrer Seite.

Aus dem Thale war eine Nebelwand aufgestiegen und lagerte jetzt so dicht um die Beiden, als wollte sie dieselben festhalten an diesem Orte. Berge und Wälder verschwanden in dem grauen Dunst; nur die Tanne ragte mächtig daraus empor und blickte ernst nieder auf die zwei Menschen, die sich in ihren Schutz geflüchtet. Ueber ihnen rauschten und wehten die dunklen Zweige wie mit tausend seltsamen geheimnißvollen Stimmen, und dazwischen brausten die volleren Accorde des Waldes – es war so angstvoll beklemmend in diesem Nebel, unter diesem Wehen und Rauschen. Eugenie fuhr plötzlich auf, als müsse sie sich einer Gefahr entreißen, die sie umstrickt hielt.

„Der Nebel wird immer dichter,“ sagte sie gepreßt, „und das Wetter immer unheimlicher! Glaubst Du, daß irgend eine Gefahr für uns auf diesem Wege vorhanden ist?“

Arthur blickte in die wogende Dunstmasse und strich sich mit der Hand die Tropfen aus dem feuchten Haar.

„Ich kenne unsere Berge nicht genug, um zu wissen, in wieweit ihre Stürme gefährlich werden können. Und wenn es nun der Fall wäre, würdest Du Dich fürchten?“

„Ich bin nicht furchtsam, und doch zagt man immer, wo es sich um das Leben handelt.“

„Immer? Ich dächte, das Leben, das wir in diesen vier Wochen geführt haben, wäre nicht derart gewesen, daß man zittern müßte, es auf’s Spiel zu setzen, zumal für Dich nicht!“

Die junge Frau senkte das Auge. „Ich bin Dir, so viel ich weiß, noch mit keiner Klage lästig gefallen,“ erwiderte sie leise.

„O nein! Ueber Deine Lippen kommt gewiß keine Klage. Wenn Du nur so gut wie die Klagen der Lippen auch die Blässe der Wangen zurück zwingen könntest! Du thätest es sicher, aber daran scheitert selbst Deine Willenskraft. Glaubst Du, daß es mir so große Freude macht, zu sehen, wie mein Weib sich an meiner Seite schweigend verblutet, weil das Schicksal sie nun einmal an diese Seite gezwungen hat?“

Jetzt war es Eugenie, die tief und glühend erröthete; aber es war nicht der Vorwurf in seinen Worten, der diese Gluth auf ihre Wangen rief, nur der seltsame Ausdruck, den er zum ersten Male ihr gegenüber gebrauchte. „Mein Weib!“ hatte er gesagt. Ja freilich, sie war ihm angetraut, aber es war ihr noch niemals eingefallen, daß er ein Recht haben konnte, sie „sein Weib“ zu nennen.

„Weshalb berührst Du denn jetzt diesen Punkt wieder?“ fragte sie sich abwendend. „Ich hoffte, es sei mit jener ersten nothwendigen Erklärung zwischen uns für immer abgethan.“

„Weil Du Dich in dem Irrthume zu befinden scheinst, ich wolle Dich zeitlebens in den Fesseln halten, die mir wahrlich so drückend sind, wie sie Dir nur je waren.“

Der Ton klang eisig kalt, und doch blickte Eugenie rasch zu ihm auf, aber sie vermochte nicht das Geringste in seinem Gesichte zu lesen. Warum verschleierten sich denn diese Augen immer wieder, sobald sie es versuchte, darin zu forschen? Wollten sie ihr nicht Rede stehen oder fürchteten sie sich davor?

„Du sprichst von einer – Trennung?“

„Meinst Du, ich hätte eine dauernde Ehe zwischen uns für möglich gehalten nach jenen Ausdrücken von Hochachtung, die ich am ersten Abende aus Deinem Munde hören mußte?“

Eugenie schwieg. Ueber ihrem Haupte rauschten und wehten wieder die grünen Tannenarme; die Waldesstimme drang mahnend und warnend herab zu den Gatten, die eben im Begriff standen, das Trennungswort auszusprechen, denn Keiner von Beiden wollte die Warnung verstehen.

[121] „Wir sind Beide nicht frei genug, um alle Rücksichten bei Seite zu setzen,“ fuhr Arthur in dem gleichen Tone fort, „Dein Vater wie der meinige sind zu bekannt in ihren Kreisen, unsere Verbindung machte zu großes Aufsehen, als daß wir sie sofort wieder hätten lösen können, ohne der Residenz einen unerschöpflichen Stoff zu Skandalgeschichten zu liefern, deren lächerliche Helden wir geworden wären. Man trennt sich nicht nach vierundzwanzig Stunden ohne jede äußere Veranlassung, auch nicht nach acht Tagen, man hält ‚anstandshalber‘ ein Jahr miteinander aus, um dann mit einiger Wahrscheinlichkeit erklären zu können, daß die Charaktere nicht zusammen passen. Ich hoffte, so lange würden auch wir das Nebeneinanderleben ertragen; es scheint aber doch, als ob unsere Kräfte der Aufgabe nicht gewachsen sind. Wenn das so fortgeht, erliegen wir ihr Beide.“

Der Arm, den die junge Frau um den Stamm des Baumes geschlungen hatte, zitterte leise, aber ihre Stimme klang vollkommen fest, als sie entgegnete:

„Ich erliege nicht so leicht einer einmal übernommenen Aufgabe, und was Dich betrifft, so glaubte ich in der That nicht, daß Du überhaupt eine Empfindung für das Peinliche dieses Zusammenlebens hättest.“

Sein Blick sprühte auf; es war wieder jenes schnelle, blitzähnliche Aufleuchten, das in den braunen Augen kam und ging, ohne eine Spur zu hinterlassen; sie waren matt und ausdruckslos wie gewöhnlich, als er nach einer kurzen Pause antwortete:

„Du glaubtest das in der That nicht? So? Nun, auf meine Empfindungen kommt es ja auch nicht an. Ich hätte diesen Punkt überhaupt nicht berührt, hätte ich nicht die Nothwendigkeit eingesehen, Dir die Beruhigung zu geben, daß unsere Verbindung gelöst werden soll, sobald es der Welt gegenüber nur irgend möglich ist. Vielleicht sehe ich Dich dann nicht mehr so bleich, wie in diesen letzten Tagen, und vielleicht glaubst Du mir nun auch, was Dir bisher immer noch als eine Lüge galt, daß ich keine Ahnung von jenen Machinationen hatte, die mir eine Hand erzwangen, welche ich freiwillig zu empfangen wähnte.“

„Ich glaube Dir, Arthur“ sagte sie leise, „jetzt glaube ich Dir.“

Arthur lächelte, aber es war ein Lächeln grenzenloser Bitterkeit, mit dem er diesen ersten Beweis des Vertrauens seiner Gattin empfing, in dem Momente, wo er sie aufgab.

„Der Nebel fängt an zu fallen,“ sagte er abbrechend, „und auch der Sturm scheint sich für einige Minuten zu legen. Wir müssen das benutzen, um hinabzukommen; unten im Thale sind wir geschützt und erreichen in wenigen Minuten den Pachthof, wo man uns hoffentlich einen Wagen leihen kann. Willst Du mir folgen?“

Der Weg war steil und schlüpfrig; aber Arthur schien heute nun einmal seine ganze Natur verleugnen zu wollen; er schritt fest und sicher bergabwärts, während Eugenie in ihren dünnen Schuhen und langen Kleidern, durch den Mantel noch mehr in ihren Bewegungen gehindert, kaum vorwärts schreiten konnte. Er sah, daß er ihr zu Hülfe kommen mußte, aber mit einem bloßen Arm-bieten war es auf diesem Wege nicht gethan; er mußte sie nothgedrungen umfassen, wenn die Hülfe überhaupt etwas nützen sollte, und das – ging doch nicht. Der Gatte scheute sich hier, seiner Gattin einen Dienst zu leisten, den er jeder Fremden geleistet hätte, und was jede Fremde unter diesen Umständen unbedenklich angenommen hätte, das zauderte die Frau hier von ihrem Manne anzunehmen; sie bebte leise zusammen, als er nach kurzem Zögern schließlich doch den Arm um sie legte. Keines von Beiden sprach ein Wort während des ganzen nur etwa zehn Minuten dauernden Weges, aber Eugeniens Antlitz wurde immer bleicher bei jedem Schritt, den sie niederwärts thaten. Sie schien es nun einmal nicht ertragen zu können, daß dieser Arm sie umfaßte, daß sie sich auf diese Schulter stützen mußte, so nahe, daß sein Athem sie berührte; und doch erleichterte er ihr das Peinliche der Situation so viel als möglich. Nicht ein einziger Blick fiel auf sie; seine ganze Aufmerksamkeit schien auf den Weg gerichtet, der allerdings Sorgfalt und Umsicht genug erforderte, sollten sie nicht Beide hinabgleiten. Aber die Lippen des jungen Mannes zeigten trotz aller Ruhe doch wieder das verrätherische Zucken, und als er, unten angelangt, mit einem tiefem Aufathmen seine Frau aus den Armen ließ, da sah man deutlich, daß er bei dieser seltsamen Promenade nichts weniger als ruhig gewesen war.

Zwischen den Bäumen hervor schimmerten bereits die Gebäude des Pachthofes, und hastig, als müßten sie um jeden Preis das fernere Alleinsein abkürzen, schlugen Beide den Weg dorthin ein. Ueber sie hin brausten die Frühlingsstürme, und oben auf der Höhe legte sich der Nebel wieder dicht um die Tanne am Saume des Waldes, die ihre Zweige schirmend über zwei Menschen ausgebreitet hatte in der Stunde, von der die Bergsagen erzählen: „Was sich da findet, das gehört zusammen für immer, und was sich da trennt, das trennt sich für alle Ewigkeit!“




[122] Herr Berkow war bereits am Nachmittage desselben Tages eingetroffen, an dem Arthur und dessen Gattin sich im Walde befanden, und hatte sie schon bei ihrer Rückkehr empfangen; aber er schien diesmal nicht die ausgezeichnete Laune aus der Residenz mitgebracht zu haben, welche ihn bei seinem früheren Besuche beherrschte, als er in dem ersten Triumphe schwelgte, den die neue vornehme Verwandtschaft ihm in seinem eigenen Hause bereitete. Zwar war er auch jetzt wie gewöhnlich voll Artigkeit gegen seine Schwiegertochter, von unbegrenzter Nachsicht seinem Sohne gegenüber; aber sein ganzes Wesen zeigte doch etwas Hastiges, Unruhiges und Zerstreutes, das sich schon im Laufe des ersten Abends verrieth und sich noch deutlicher kund gab am nächsten Morgen, als Arthur zu ihm in’s Zimmer trat und eine Unterredung mit dem Vater verlangte.

„Später, Arthur, später!“ sagte er abwehrend. „Quäle mich nur jetzt nicht mit Bagatellen, wo ich den Kopf voll der ernstesten Dinge habe! Die Geld- und Geschäftsangelegenheiten in der Residenz haben mir endlose Verdrießlichkeiten bereitet; alles stockt, alles bringt Verluste statt Gewinne und – doch davon verstehst Du ja nichts, interessirst Dich auch schwerlich dafür! Ich werde die Sachen schon selbst wieder in’s Geleise bringen, aber ich bitte Dich, verschone mich nur jetzt mit Deinen Privatangelegenheiten!“

„Es ist keine Privatangelegenheit; die Sache ist auch für Dich von Wichtigkeit, Papa! Es thut mir leid, daß ich gerade jetzt, wo Du so mit Geschäften überhäuft bist, eine Stunde für mich beanspruchen muß, aber es geht nicht anders.“

„Nun denn, nach Tische!“ erklärte Berkow ungeduldig. „So lange wirst Du doch wohl warten können. Jetzt habe ich keine Zeit. Die Beamten warten bereits drüben im Conferenzzimmer, und ich habe den Oberingenieur benachrichtigen lassen, daß ich gleich nach der Conferenz mit ihm einfahren werde.“

„Einfahren?“ fragte der junge Mann aufmerksam werdend. „Du willst die Schachte besichtigen?“

„Nein! Die Aenderung an dem Hebewerk will ich besichtigen, die während meiner Abwesenheit vorgenommen worden ist. Was sollte ich in den Schachten thun?“

„Ich glaubte, Du wolltest Dich einmal persönlich überzeugen, ob es wirklich dort unten so schlimm aussieht, wie man behauptet.“

Berkow, der bereits im Begriff war zu gehen, kehrte plötzlich um und sah seinen Sohn mit einem höchst erstaunten Blicke an. „Was weißt Du denn davon, wie es in den Schachten aussieht? Wer hat Dir denn dergleichen in den Kopf gesetzt? Mir scheint, der Director hat sich, da seine vorigen Geldforderungen für Verbesserungen bei mir kein Gehör finden, an meinen Herrn Sohn gewandt. Da ist er freilich an den Rechten gekommen!“

Er lachte laut auf, ohne den Zug von Unwillen zu bemerken, der in Arthur’s Gesicht stand, als er mit einiger Schärfe entgegnete:

„Es müßte aber doch untersucht werden, in wie weit diese Verbesserungen nothwendig sind, und da Du einmal mit den Ingenieuren einfährst, so könntest Du auch wohl bei der Gelegenheit die Schachte einer eingehenden Besichtigung unterwerfen.“

„Ich werde mich hüten!“ sagte Berkow kurz. „Glaubst Du, daß ich Lust habe, mein Leben zu riskiren? Die Dinger sind gefährlich in ihrem jetzigen Zustand, das ist kein Zweifel.“

„Und doch schickst Du täglich Hunderte von Arbeitern hinunter?“

Der Ton der Frage war sehr eigenthümlich, so eigenthümlich, daß der Vater die Stirn runzelte.

„Willst Du mir etwa Moralpredigten halten, Arthur? Ich dächte, die nähmen sich in Deinem Munde etwas seltsam aus! Du scheinst Dich in der Langeweile Deines Landaufenthaltes auf die Philanthropie geworfen zu haben. Laß das lieber bleiben; es ist eine höchst kostspielige Leidenschaft, zumal in unseren Verhältnissen. Uebrigens sorge ich schon selbst dafür, daß mir nicht durch irgend ein Unglück ein Verlust erwächst, der mir gerade jetzt sehr ungelegen käme. Was nothwendig ist, wird erhalten und ausgebessert; zu umfassenden Einrichtungen habe ich für’s Erste kein Geld, und ebensowenig kann ich den Betrieb auch nur für die kürzeste Zeit aussetzen lassen; dazu hättest Du weniger brauchen müssen, als es in der letzten Zeit vor Deiner Heirath der Fall war. Ich begreife aber überhaupt nicht, weshalb Du Dich auf einmal um Dinge kümmerst, die Du sonst völlig ignorirt hast. Kümmere Dich lieber um Deine Saloneinrichtungen und Deine Wintersoiréen in der Residenz und laß mir die Sorge und die Verantwortung für Etwas, wovon Du nicht das Geringste verstehst!“

„Nein, Papa, nicht das Geringste!“ bekräftigte der junge Mann mit aufquellender Bitterkeit. „Dafür hast Du redlich gesorgt.“

„Ich glaube gar, Du willst mir Vorwürfe machen!“ fuhr Berkow auf. „Hast Du nicht alle Freuden des Lebens ausgekostet? Habe ich je ein Opfer gescheut, sie Dir im vollsten Maße zu gewähren? Hinterlasse ich Dir nicht Reichthümer, ich, der ich ohne einen Pfennig in der Tasche meine Laufbahn begann? Habe ich Dich nicht durch die Heirath mit der Baroneß Windeg in den Kreisen des Adels heimisch gemacht, dem Du früher oder später selbst angehören wirst? Ich möchte den Vater sehen, der so viel für seinen Sohn gethan hat wie ich!“

Arthur hatte während der ganzen Rede schweigend durchs Fenster geblickt; jetzt wandte er sich zum Gehen.

„Du hast vollkommen Recht, Papa, aber ich sehe, daß Dir jetzt sowohl die Zeit als die Geduld fehlt, Das anzuhören, was ich mir vorgenommen, Dir zu sagen. Nach Tische also!“

Er ging, während Berkow ihm kopfschüttelnd nachblickte. Sein Sohn kam ihm jetzt bisweilen ganz unbegreiflich vor; indessen er schien in der That wenig Zeit übrig zu haben, er verschloß hastig seinen Schreibtisch, nahm den Hut vom Tische und ging nach dem Conferenzzimmer hinüber – mit einer Miene, die den dort harrenden Beamten gerade keinen Sonnenschein verkündete. –

Im Schachte waren inzwischen die sämmtlichen Bergleute versammelt, die eben zur zweiten Schicht anfahren wollten; sie warteten auf den Obersteiger, der sich noch nicht blicken ließ. Es waren Männer jedes Alters und jedes Arbeitszweiges darunter, den die Thätigkeit in den Schachten nothwendig macht, auch die sämmtlichen Steiger dieser Abtheilung, aber sie hatten allesammt doch nur einen Mittelpunkt, Ulrich Hartmann, der inmitten der Gruppe stand, den Fuß auf die Stufen gesetzt, die Arme übereinander geschlagen, und der, obgleich er im Augenblicke nicht sprach, doch unbedingt als die Hauptperson zu gelten schien.

Eine eigentliche Besprechung konnte wohl nicht stattgefunden haben; dazu waren Zeit und Ort zu wenig geeignet, aber selbst bei diesem kurzen und zufälligen Zusammenfinden schien die Rede von Dingen gewesen zu sein, die nun einmal jetzt das Hauptthema unter den Arbeitern der Werke bildeten.

„Verlaß Dich darauf, Ulrich, sie kommen uns nicht nach auf den anderen Werken,“ sagte der junge Bergmann Lorenz, der neben Hartmann stand. „Sie meinen, es wäre ihnen noch zu früh, sie wären nicht vorbereitet genug, kurz sie haben keine Lust und wollen die Sache erst noch abwarten.“

Ulrich warf trotzig den Kopf zurück. „Meinetwegen! So gehen wir allein vor. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Eine Bewegung der Ueberraschung gab sich unter den Bergleuten kund. „Allein?“ fragten Einige. „Ohne unsere Cameraden?“ setzten die Anderen hinzu, und die Mehrzahl wiederholte mit dem Ausdrucke der Besorgniß: „Schon jetzt?“

„Jetzt, sage ich,“ bekräftigte Ulrich herrisch, indem er einen herausfordernden Blick umherwarf. „Ist etwa Einer von Euch anderer Meinung, so sage er’s!“

Es schien ein nicht unbedeutender Theil der Anwesenden anderer Meinung zu sein, gleichwohl wagte sich Keiner mit einem bestimmten Widerspruch hervor, nur Lorenz sagte in bedenklichem Tone:

„Aber Du meintest ja selbst, es wäre besser, wenn alle Werke der Umgegend auf einmal aufhörten zu arbeiten.“

„Kann ich dafür, wenn sie zaudern und zaudern, bis uns die Geduld reißt?“ fragte der junge Steiger heftig. „Wenn sie durchaus warten wollen, wir können es nicht; das wissen sie recht gut. Aber sie wollen uns voran in’s Feuer schicken, um erst zu sehen, wie uns die Geschichte ausschlägt. Echt cameradschaftlich! Nun, wir werden auch ohne sie fertig werden!“

„Und glaubst Du denn wirklich, daß er“ – Lorenz warf einen Blick nach der Richtung hin, wo das Landhaus des Chefs lag, – „daß er nachgeben wird?“

„Er muß!“ sagte Ulrich bestimmt, „oder er ruinirt sich! Grade jetzt sind ihm ein paar Speculationen verunglückt; dazu [123] hat er alle Schulden seines Herrn Sohnes decken müssen, und das neue Haus in der Stadt wird auch wohl so an die Hunderttausend kosten; wenn ihm nun auch die Werke ein paar Monate lang still stehen, grade jetzt, wo die großen Contracte abgeschlossen sind, so ist es zu Ende mit der ganzen Herrlichkeit. Vor zwei Jahren hätte er das vielleicht noch ausgehalten, jetzt hält er es nicht mehr aus. Wir setzen alles durch, wenn mir ihm damit drohen.“

„Gebe Gott, daß wir’s nur auch wirklich durchsetzen!“ seufzte einer der Bergleute, ein schon bejahrter Mann mit einem blassen eingefallenen Gesicht und bekümmerter Miene. „Es wäre doch schrecklich, wenn wir umsonst all die Noth und Sorge auf uns nähmen, und wochenlang mit Frau und Kindern darbten, damit zuletzt alles beim Alten bleibt. Wenn wir doch lieber noch warten wollten, bis die Cameraden –“

„Ja wohl, wenn wir auf die Anderen warteten –“ ließen sich hier und da einzelne Stimmen vernehmen.

„Schwätzereien und kein Ende!“ brauste Ulrich wild auf. „Ich sage Euch, daß jetzt grade die beste Zeit ist und daß wir vorgehen. Wollt Ihr mit mir gehen oder wollt Ihr nicht? Antwort!“

„So fahre doch nicht gleich so auf!“ beschwichtigte Lorenz. „Du weißt ja, daß sie alle mit Dir gehen, wenn’s einmal so weit ist. Laß sie auf den anderen Werken machen, was sie wollen! Wir sind einig, – da läßt Dich Keiner im Stich!“

„Ich wollte es auch Keinem rathen, zurück zu bleiben, wenn’s erst Ernst wird!“ sagte Ulrich, einen finster drohenden Blick nach der Ecke hinüber schleudernd, von wo der Widerspruch ausgegangen war. „Da können wir keine Feigheit gebrauchen, da muß Jeder für den Anderen einstehen, und wehe dem, der es nicht thut!“

Der junge Führer schien gerade in seiner despotischen Art den Cameraden gegenüber das rechte Mittel zu besitzen, um jeden etwa aufkeimenden Widerspruch zu ersticken. Die wenigen Opponenten, ausschließlich ältere Männer, schwiegen, während die Uebrigen, besonders die Jüngeren, sich mit lauter Zustimmung um Hartmann drängten, der jetzt ruhiger fortfuhr:

„Uebrigens ist jetzt keine Zeit, das alles zu besprechen, heut Abend wollen wir –“

„Der Obersteiger!“ unterbrachen ihn einige Stimmen, während sich Aller Blicke nach der Thür wandten.

„Auseinander!“ befahl Ulrich, und gehorsam dem Commando stob die Schaar auseinander. Jeder bemächtigte sich wieder seiner Blende, die er vorhin bei Seite gestellt hatte.

Der Obersteiger, der rasch und ziemlich unvermuthet eintrat, hatte wahrscheinlich noch die schnell gelöste Gruppe gesehen, vielleicht auch den Befehl gehört, denn er sah forschend im Kreise umher.

„Sie scheinen Ihre Cameraden ja ganz ausgezeichnet in Zucht zu haben, Hartmann!“ sagte er kalt.

„So ziemlich, Herr Obersteiger!“ gab dieser in gleichem Tone zurück.

Dem Obersteiger mochte es wohl wie den übrigen Beamten auch kein großes Geheimniß mehr sein, was die Arbeiter jetzt meist unter sich verhandelten; er zog es jedoch vor, nichts gehört und gesehen zu haben, sondern fuhr gleichgültig fort:

„Herr Berkow will mit den Ingenieuren das Hebewerk besichtigen. Sie sollen mit Lorenz im Fahrschachte bleiben, Hartmann, bis die Herren wieder zu Tage gefahren sind. Steiger Wilm kann vorläufig Ihre Leute mit zur Schicht führen, bis Sie nachkommen.“

Ulrich fügte sich schweigend der Anordnung und blieb mit Lorenz zurück, während die Uebrigen unter Leitung des Obersteigers anfuhren. Als der letzte seiner Cameraden verschwunden war, kehrte sich der junge Bergmann grollend ab.

„Feiglinge sind sie doch allesammt!“ murmelte er ingrimmig. „Das ist nicht vom Flecke zu bringen, mit seiner Unentschlossenheit und Furchtsamkeit. Sie wissen so gut wie ich, daß wir grade jetzt die Zeit benutzen müssen, und doch wollen sie nicht vorwärts, weil sie allein bleiben, weil die Anderen nicht hinter ihnen stehen. Ein Glück, daß wir gerade Berkow gegen uns haben und keinen Anderen. Wär’s ein tüchtiger Mann, der ihnen zu rechter Zeit die Zähne wiese und zu rechter Zeit gute Worte gäbe, sie brächten es nicht zu Stande.“

„Meinst Du denn, er wird das nicht auch thun?“ fragte Lorenz etwas mißtrauisch.

„Nein! Er ist feig, wie alle Tyrannen! Er prahlt und peinigt nur, so lange er obenauf ist, und wenn es an seine Haut oder seinen Geldsack geht, kriecht er zum Kreuze. Er hat sich so gründlich verhaßt gemacht und wird sie so in’s Aeußerste hineinhetzen, daß zuletzt Keiner zurückbleibt, und dann ist’s gut, dann haben wir ihn in der Hand.“

„Und der junge Herr? Glaubst Du, daß er sich gar nicht einmischt, wenn die Sache losgeht?“

Ein Ausdruck unverstellten Hohnes schwebte um Ulrich’s Mund, als er verächtlich entgegnete: „Der zählt nicht! Der läuft beim ersten Lärm, den es giebt, in die Stadt zurück, um sich in Sicherheit zu bringen. Wenn wir mit dem zu thun hätten, wären wir freilich schneller fertig; er sagt zu Allem Ja, wenn man ihm droht, ihn nicht ausschlafen zu lassen. Der Vater wird uns doch mehr zu schaffen machen.“

„Er will das Hebewerk besichtigen,“ meinte Lorenz nachdenkend. „Ob er auch in die Schachte geht?“

Ulrich lachte bitter auf. „Was fällt Dir ein! Unsereins muß freilich täglich da unten sein Leben riskiren; dazu sind wir gut genug – aber der Herr Chef bleibt im sicheren Fahrschacht. Ich wollte, ich hätte ihn einmal so allein neben mir, Auge in Auge, er sollte mir das Zittern lernen, das wir unten so oft durchmachen müssen.“

Blick und Ton des jungen Mannes waren so wild, so erfüllt von tiefstem Hasse, daß sein viel gemäßigterer Gefährte es vorzog, zu schweigen und damit für den Augenblick wenigstens dies Gespräch zu beendigen. Es trat eine längere Pause ein; Hartmann war zum Fenster getreten und blickte ungeduldig hinaus, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte und Lorenz dicht neben sich stehen sah.

„Ich wollte Dich etwas fragen, Ulrich,“ begann er stockend. „Nun, Du wirst es mir ja auch sagen, wenn ich Dich darum bitte. – Wie stehst Du mit der Martha?“

Es vergingen einige Secunden, ehe Ulrich antwortete. „Ich mit Martha! Mußt Du das wissen?“

Der junge Bergmann sah zu Boden. „Du weißt es ja, ich bin dem Mädchen schon so lange nachgegangen, sie hat mich immer noch nicht gewollt, weil sie – wohl einen Anderen wollte. Nun freilich, verdenken kann ich’s ihr nicht!“ sein Blick glitt mit einer Art von schmerzlicher Bewunderung an seinem Freunde nieder, „und wenn es wirklich wahr ist, daß Du mir im Wege stehst, dann muß ich mir die Sache wohl aus dem Kopfe schlagen. Also sage mir gerade heraus, seid Ihr einig?“

„Nein, Karl!“ sagte Ulrich dumpf. „Wir sind nicht einig, und wir werden’s auch nicht, das wissen wir jetzt beide. Ich stehe Dir nicht mehr im Wege bei dem Mädchen, und wenn Du Dein Glück noch einmal versuchen willst, ich glaube, jetzt nimmt sie Dich.“

Ein Freudenblitz schoß über die Züge des jungen Mannes hin, als er sich tief aufathmend emporrichtete.

„Meinst Du das wirklich? Nun freilich, wenn Du es sagst, muß es ja wohl wahr sein, und dann will ich’s auch versuchen, gleich heut Abend.“

Ulrich runzelte finster die Stirn. „Heut Abend? Denkst Du denn gar nicht daran, daß wir heut Abend eine Besprechung haben, und daß Du dahin gehörst und nicht auf die Freierschaft? Aber Du bist auch nicht besser als die Anderen. Jetzt, wo wir hinein wollen in den Kampf, gehen Dir Deine Liebesgeschichten im Kopfe herum, jetzt, wo Jeder froh sein sollte, der nicht Frau und Kind hat, denkst Du an’s Heirathen! Es ist nicht auszuhalten mit Euch Allen!“

„Nun, ich werde doch immer bei der Martha anfragen dürfen,“ vertheidigte sich Lorenz gekränkt. „Und wenn sie auch wirklich Ja sagt, so ist’s noch immer eine gute Weile bis zur Heirath. Freilich, Du weißt nicht, wie so Einem zu Muthe ist, der was Liebes hat, das er nicht bekommen kann, wie sich einem das Herz umkehrt, wenn man sehen muß, daß ein Anderer da ist, Tag für Tag mit ihr zusammen, der nur nach dem zu greifen braucht, wofür man sein Leben lassen möchte, und doch nicht danach greift; Du –“

„Hör’ auf, Karl!“ unterbrach ihn Ulrich mit zuckenden Lippen, indem er die geballte Hand so heftig niederfallen ließ, [124] daß das Holzwerk dröhnte. „Geh’ zu der Martha, heirathe sie, mach’ was Du willst, aber rede mir nicht länger von solchen Geschichten! ich will, ich kann das nicht hören!“

Der junge Bergmann sah seinen Freund erstaunt an; er konnte sich diese wilde Zurückweisung nicht erklären; es war doch kein Zweifel, daß Jener das Mädchen freiwillig aufgab; es blieb ihm aber keine Zeit, darüber nachzugrübeln, denn in diesem Augenblick wurde draußen die scharfe Stimme Berkow’s laut, die in sehr ungnädigem Tone zu den ihn begleitenden Beamten sagte:

„Und nun bitte ich wirklich, meine Herren, davon aufzuhören! Die alte Wetterführung hat so lange vorgehalten, ohne daß ein Unglück geschehen ist, und wird es auch ferner thun. Wir brauchen keine kostspieligen Neuerungen, die Sie für nothwendig zu erklären belieben, weil es nicht aus Ihrer Tasche geht. Denken Sie, daß ich hier eine philanthropische Musteranstalt will? Die Betriebsfähigkeit will ich erhöht wissen, und die Ausgaben, die Sie dafür ansetzen, werden bewilligt werden. Das Uebrige wird gestrichen. Wenn die Bergleute in Gefahr sind, so kann ich das nicht ändern; das bringt ihr Brod eben so mit sich. Ich kann nicht Tausende fortwerfen, um ein paar Häuer und Förderleute vor einem Unglück zu sichern, das möglicher Weise einmal kommen könnte und bis jetzt noch nicht gekommen ist. Die Arbeiten in den Schachten werden auf das Allernothwendigste beschränkt, um sie betriebsfähig zu erhalten, und damit Punctum!“

Er stieß die Thür des Schachthauses auf und schien unangenehm überrascht zu sein, als er die beiden Bergleute gewahrte, die er hier wohl nicht vermuthet hatte und die seine letzten Worte gehört haben mußten. Noch unangenehmer als ihm schien ihre Gegenwart dem Oberingenieur zu sein.

„Hartmann, was thun Sie noch hier oben?“ fragte er betreten.

„Der Obersteiger sagte uns, wir müßten die Herren in den Fahrschacht begleiten,“ antwortete Ulrich, ohne das dunkelglühende Auge von Berkow abzuwenden.

Der Oberingenieur zuckte leicht die Achseln und wandte sich zu seinem Chef mit einer Miene, in der deutlich genug zu lesen war: „dazu hätte er auch einen Andern aussuchen können“ – indessen äußerte er nichts.

„Schon gut!“ sagte Berkow kurz. „Fahrt immer an, wir kommen nach. Glück auf!“

Die beiden Bergleute gehorchten; als sie den Herren aus dem Gesichte waren, hielt Lorenz einen Augenblick inne.

„Ulrich!“

„Was willst Du?“

„Hast Du gehört?“

„Daß er nicht Tausende wegwerfen kann, um ein paar Häuer und Förderer zu sichern? Aber der Betrieb soll auf Hunderttausende erhöht werden! Nun, sicher ist am Ende Niemand hier in der Tiefe, und er fährt ja heute auch ein. Wir wollen abwarten, an wen zuerst die Reihe kommt. Mach’ fort, Karl!“ –

Es schien in der That, als ob mit dem Unwetter des gestrigen Tages sich der so lange ersehnte Frühling sein Reich erstritten habe; mit einer solchen Zauberschnelle hatte sich die Witterung über Nacht geändert. Wie spurlos verschwunden waren Nebel und Wolken, mit ihnen Wind und Kälte; die Berge lagen jetzt so klar da, umleuchtet von dem hellen Sonnenschein, umweht von der milden warmen Luft, daß man sich nun endlich der Hoffnung hingeben durfte, es sei vorbei mit dem ewigen Regen und Sturm der letzten Wochen, vorbei für eine lange sonnenhelle Frühlings- und Sommerzeit.

Eugenie war auf ihren Balcon getreten und blickte hinaus in die nun endlich entschleierte Landschaft. Ihr Auge haftete nachdenklich und träumerisch auf den Bergen drüben. Vielleicht dachte sie an die gestrige Nebelstunde dort oben auf der Höhe; vielleicht tönte noch in ihren Ohren das Rauschen und Wehen der grünen Tannenarme; aber die Erinnerungen wurden rasch und gewaltsam durch den Klang eines Posthorns unterbrochen, das in ihrer unmittelbaren Nähe ertönte; gleich darauf fuhr eine Extrapostchaise unten an der Terrasse vor, und mit einem Schrei der Freude und Ueberraschung flog die junge Frau vom Balcon zurück.

„Mein Vater!“

Es war in der That Baron Windeg, der rasch aus dem Wagen stieg und in’s Haus trat, wo ihn seine Tochter schon oben an der Treppe empfing. Es war das erste Wiedersehen zwischen ihnen seit ihrer Vermählung, und trotz der Gegenwart der beiden Diener, die herbeigestürzt kamen, den vornehmen Gast zu empfangen, schloß der Vater sein Kind so leidenschaftlich fest in die Arme wie damals am Abende ihres Hochzeittages, als sie im Reisekleide von[WS 2] ihm Abschied nahm. Die junge Frau machte sich endlich sanft los und zog ihn mit sich in ihr Lieblingszimmer, den kleinen blauen Salon.

[139] „Welche Ueberraschung, Papa!“ sagte Eugenie noch strahlend vor Freude und Aufregung. „Ich hatte keine Ahnung von diesem unerwarteten Besuche.“

Der Baron ließ sich, den Arm noch immer um sie geschlungen, mit ihr auf das Sopha nieder.

„Er war auch nicht beabsichtigt, mein Kind. Eine Reise führte mich in diese Gegend, und da konnte und wollte ich nicht den Umweg von einigen Stunden scheuen, um Dich wiederzusehen.“

„Eine Reise?“ Eugenie blickte fragend in das Antlitz ihres Vaters, dessen Auge so forschend auf ihren Zügen ruhte, als wolle es darin die Geschichte dieser ganzen Wochen lesen, die sie von ihm getrennt gewesen war; aber als ihr Blick jetzt zufällig niederglitt auf seinen Hut, den er noch in der Linken hielt, schreckte sie erbleichend zusammen.

„Um Gottes willen, Papa, was soll der Trauerflor? Meine Brüder –?“

„Sie sind wohl und grüßen Dich herzlich,“ beschwichtigte der Baron. „Erschrick nicht, Eugenie!“ Für das, was Dir lieb ist, brauchst Du nicht zu zittern. Ein Trauerfall, der allerdings unsere Familie betroffen hat, geht leider, muß ich wohl sagen, Keinem von uns zu Herzen. Doch ich werde Dir das später ausführlich mittheilen, jetzt sage mir –“

„Nein, nein,“ unterbrach ihn die junge Frau unruhig, „ich muß erst wissen, wem dieser Flor gilt. Wen haben wir zu betrauern?“

Windeg stellte den umflorten Hut bei Seite und legte den Arm fester um seine Tochter; es war etwas Schmerzliches, Krampfhaftes in der Zärtlichkeit, mit der er sie an sich drückte.

„Ich bin auf der Reise, um unserm Vetter Rabenau die letzte Ehre zu erweisen. Seine Güter liegen in dieser Provinz.“

Eugenie fuhr auf. „Graf Rabenau? Der Majoratsherr –“

„Ist todt!“ vollendete der Baron schwer. „In der Fülle des Lebens und der Gesundheit, wenige Wochen vor seiner beabsichtigten Vermählung – das konnte allerdings Niemand vorhersehen.“

Eugenie war todtenbleich geworden; man sah es, die Nachricht ging auch ihr nicht zu Herzen, und dennoch erregte dieselbe sie auf’s Furchtbarste; sie sagte kein Wort, aber der Vater schien ihre Erregung zu begreifen.

„Du weißt, daß wir einander schon seit langer Zeit entfremdet waren,“ fuhr er düster fort. „Mit Rabenau’s rohem, wildem Wesen war nicht auszukommen, und nie vergesse ich die bittere Abweisung, die ich vor einem halben Jahre von ihm erfahren mußte. Er hätte uns retten können, wenn er gewollt; ihm wäre es ein Leichtes gewesen; er wies mich rauh und hart zurück. Nun ist er todt, gestorben ohne Erben; ich trete das Majorat an, jetzt, wo es zu spät ist, wo ich mein Kind geopfert habe!“

Es lag ein erschütternder Schmerz in diesen Worten. Eugenie strebte sichtbar sich zu fassen, und das gelang ihr auch im Laufe der nächsten Minuten.

„O Papa, Du darfst jetzt nicht an mich denken! Ich – ich athme ja auf bei dem Gedanken, daß Dir ein so reicher Ersatz wird für all die Demüthigungen, die Du erlitten; mich überraschte nur das Unerwartete, Plötzliche dieser Nachricht. Wir konnten uns ja nie Hoffnung auf das Majorat machen.“

„Nie!“ sagte der Baron düster. „Rabenau war jung und kräftig; er stand im Begriff, sich zu vermählen. Wer konnte da ahnen, daß eine dreitägige Krankheit ihn niederwerfen würde! Aber wenn sein Tod nun einmal beschlossen war, warum, warum konnte diese Fügung nicht eher eintreten? Vor vier Wochen noch hätte uns die Hälfte, hätte uns ein Viertheil des Reichthums gerettet, der mir jetzt zuströmt. Ich hätte dem – Schurken der mich in’s Unglück stürzte, das Geld hinwerfen können, das er mit hundertfachen Wucherzinsen forderte, und meine einzige Tochter brauchte nicht der Preis zu werden. Ich habe Dein Opfer angenommen, Eugenie. Gott weiß es, nicht um meinetwillen; es geschah für meinen Namen, für die Zukunft meiner Söhne. Aber daß dieses ganze bittere Opfer jetzt umsonst gebracht sein soll, daß eine kurze zufällige Zögerung von einigen Wochen es Dir und mir erspart hätte, diesen Hohn des Schicksals ertrage ich nicht!“

Er preßte heftig ihre Hand in der seinigen; aber die junge Frau hatte bereits ihren ganzen Stolz, ihre ganze Fassung wieder gewonnen; wie furchtbar sie auch dieses „zu spät“ berührt haben mochte, man sah es ihr nicht mehr an.

„Du darfst nicht so sprechen, Papa!“ entgegnete sie fest. „Es wäre eine Ungerechtigkeit gegen Deine anderen Kinder. Dieser Tod, den wir freilich, wie Graf Rabenau nun einmal war, nur formell betrauern können, macht Dich frei von Vielem. Meine Vermählung wendete nur das Drohendste ab; es blieb noch immer genug, was schwer auf uns lastete, was Dich vielleicht [140] später auf’s Neue in erniedrigende Abhängigkeit von jenem Manne gebracht hätte. Diese Gefahr ist nun abgewendet für immer; Du kannst ihm das Empfangene zurückzahlen. Wir schulden ihm nichts mehr!“

„Aber er schuldet Dich uns.“ unterbrach sie Windeg bitter, „und er wird sich hüten, diese Schuld je einzulösen. Das ist’s, was mir die Rettung vergällt, die ich vor Kurzem noch aufathmend begrüßt hätte und die mich jetzt zur Verzweiflung treibt um Deinetwillen.“

Eugenie wendete sich ab und beugte sich tief über die Blumen, die neben ihr in einer Vase dufteten.

„Ich bin nicht so unglücklich, wie Du und meine Brüder es vielleicht glauben,“ sagte sie leise.

„Nicht? Meinst Du, ich hätte mich durch Deine Briefe täuschen lassen? Ich wußte es im Voraus, daß Du uns schonen würdest; aber wenn mir noch ein Zweifel geblieben wäre, Deine Blässe spricht deutlich genug. Du bist unglücklich, Eugenie, mußt unglücklich sein an der Seite dieses Menschen, der –“

„Papa, Du sprichst von meinem Gatten!“

Die junge Frau erhob sich so heftig und leidenschaftlich bei diesen Worten, daß ihr Vater zurücktrat und sie betroffen ansah, ebenso erstaunt über diesen Ton wie über die dunkle Purpurgluth, die auf einmal ihr Antlitz bedeckte.

„Verzeih’!“ sagte er sich fassend, „ich kann mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß meine Tochter einem Arthur Berkow angehört, und daß ich mich in seinem Hause befinde, aber sie zwingen mich ja, es zu betreten, wenn ich mein Kind sehen will. Du hast Recht, ich muß Dich in dem Manne schonen, dem Du nun einmal angetraut bist, wenn ich es auch deutlich genug sehe, wie sehr Du durch ihn gelitten hast und noch leidest.“

Die tiefe Gluth war langsam wieder von Eugeniens Antlitz gewichen, aber noch blieb ein heller Schein davon zurück, als sie gepreßt erwiderte:

„Du irrst, ich habe keine Klage über Arthur. Er hat sich von Anfang an in einer Entfernung gehalten, die ich ihm nur danken kann.“

Das Auge des Barons flammte auf. „Ich wollte ihm und seinem Vater auch nicht rathen, die schuldige Rücksicht gegen Dich zu vergessen; sie verdienten am wenigsten die Ehre, die Du in ihr Haus brachtest, wo bis dahin nicht viel Ehre zu finden war. – Aber eine Genugthuung wenigstens kann ich Dir geben, Eugenie! Du wirst nicht lange mehr den Namen tragen, an dem so viel Gemeinheit, so viel Schändlichkeit gegen uns und Andere haftet, nicht minder schändlich deshalb, weil das Gesetz sie nicht strafen kann. Ich habe dafür gesorgt, daß wenigstens das ein Ende nimmt.“

Die junge Frau sah ihn überrascht an. „Was meinst Du damit?“

„Ich habe die nöthigen Schritte gethan, damit Deinem –“ der Baron schien sich schwer überwinden zu müssen, als er das Wort aussprach – „Deinem Gatten die Erhebung in den Adelstand zu Theil wird. Nur ihm, nicht seinem Vater, dem leiste ich keinen Dienst und den will ich nicht, wenn auch nur formell, in unsern Reihen wissen. Es ist nicht ungewöhnlich, daß mit einer solchen Standeserhöhung auch eine Namensänderung verbunden wird, und das soll auch hier geschehen. Ihr könnt selbst unter den Namen Eurer Güter wählen, welcher Euch am passendsten für das neue Adelsgeschlecht erscheint. Eure Wünsche werden Berücksichtigung finden.“

„Für das neue Adelsgeschlecht?“ wiederholte Eugenie tonlos. „Du bist im Irrthum, Papa, und wenn Du diese Standeserhöhung nur meinetwegen wünschest – doch Du hast Recht, es ist in jedem Fall das Beste! Mir ist der Gedanke schrecklich gewesen, von Arthur’s Großmuth bedingungslos zurücknehmen zu müssen, was er theuer genug gekauft und bezahlt hat. So bieten wir ihm doch etwas dafür! Das Adelsdiplom wird ihm reichlich Ersatz sein für das, was er aufgiebt.“

Es war ein Ausbruch überwallender Bitterkeit in diesen Worten, und doch zuckte mitten durch die Bitterkeit ein verhaltener Schmerz; für Windeg war eins so unverständlich wie das andere. Die Rede seiner Tochter blieb ihm völlig räthselhaft, und er war eben im Begriff, eine Erklärung darüber zu verlangen, als der Diener Herrn Berkow meldete, der den Herrn Baron zu begrüßen wünsche.

Arthur trat ein und näherte sich dem Baron, dem er einige Artigkeiten über sein unerwartetes Eintreffen sagte. Der junge Mann war wieder sehr gleichgültig, sehr blasirt. Man sah es ihm deutlich genug an, daß er nur eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, die ihm gebot, seinen Schwiegervater zu bewillkommnen, der seinerseits die Nothwendigkeit dieser Bewillkommnung über sich ergehen ließ. Da diesmal keine fremden Zeugen zugegen waren, so unterblieb auch die Form des Händedrucks, man ließ es bei einer gegenseitigen kühlen Verneigung bewenden; dann nahm der ältere Herr wieder neben seiner Tochter Platz und der jüngere blieb an seinem Sessel stehen, in der offenbaren Absicht, diesen gezwungenen Besuch im Salon seiner Gemahlin so viel als möglich abzukürzen.

Windeg hätte nicht der vollendete Weltmann sein müssen, um nicht, trotz des aufregenden Gespräches, das er soeben mit Eugenien geführt hatte, sofort den Gesellschaftston wieder zu finden. Es folgten die üblichen Fragen und Erkundigungen nach den verschiedenen Familiengliedern; der Tod des Grafen Rabenau wurde als Veranlassung der Reise erwähnt und sehr förmlich von Arthur bedauert, der jedenfalls keine Ahnung von der Veränderung hatte, die dieser Tod in den Verhältnissen seiner neuen Verwandten hervorrief. Endlich ging der Baron auf ein anderes Thema über.

„Uebrigens bringe ich eine Nachricht aus der Residenz mit, die auch für Sie, Herr Berkow, vom höchsten Interesse ist,“ sagte er artig. „Ich darf wohl annehmen, daß Ihnen die Wünsche Ihres Herrn Vaters in Bezug auf eine Standeserhöhung kein Geheimniß geblieben sind, und kann Ihnen die Versicherung geben, daß ihre Erfüllung nahe bevorsteht. In einem Punkte freilich fand ich unübersteigliche Hindernisse; man hegt gewisse – Vorurtheile gegen Herrn Berkow persönlich, die kaum zu überwinden sein dürften, dagegen ist man sehr gern bereit, einen unserer ersten Industriellen dadurch auszuzeichnen, daß man seinem Sohne den Adel ertheilt. Ich hoffe Ihnen in Kurzem dazu gratuliren zu können.“

Arthur hatte zugehört, ohne eine Miene zu verändern. Jetzt hob er das Auge empor, und sofort richtete sich Eugeniens Blick mit einem ihr selbst unerklärlichen Interesse auf diese Augen, obgleich augenblicklich darin nicht das Geringste zu lesen war.

„Darf ich fragen, Herr Baron, ob in dieser Angelegenheit allein die Wünsche meines Vaters oder auch Rücksichten auf Ihre Tochter vorwaltend waren?“

Windeg bekämpfte eine leichte Verlegenheit. Er hatte sicher auf einen Dank gerechnet und nun kam statt dessen diese seltsame Frage. „Unsere beiderseitigen Wünsche kamen sich wohl entgegen, nachdem die Verbindung einmal geschlossen war,“ erwiderte er etwas gezwungen. „Uebrigens verhehlte ich schon damals Herrn Berkow nicht meine Bedenken wegen einer persönlichen Standeserhöhung und erhielt von ihm die Versicherung, daß er im Nothfall darauf verzichten würde, zu Gunsten seines einzigen Sohnes und Erben, dem er ja damit allein eine glänzende Zukunft schaffen wollte.“

„Dann bedaure ich, daß mein Vater mich nicht von dem Fortschreiten einer Sache unterrichtet hat, die ich nur als unbestimmten Plan kannte,“ sagte Arthur kühl. „Und ich bedaure noch mehr, Herr Baron, daß Sie Ihren Einfluß für eine Ehre verwandt haben, die ich leider ablehnen muß.“

Der Baron fuhr auf und sah seinen Schwiegersohn mit starren Augen an.

„Verzeihen Sie, Herr Berkow! Ich hörte wohl nicht recht? Mir däucht, Sie sprechen von Ablehnung?“

„Von der Ablehnung des Adels, wenn er mir angeboten würde – ja, Herr Baron.“

Windeg war vollständig aus der Fassung gebracht, was ihm sicher nicht oft passirte. „Nun, dann muß ich Sie doch bitten, mir den Grund dieser, gelinde gesagt, seltsamen Weigerung zu nennen. Ich bin höchst begierig darauf.“

Arthur sah zu seiner Frau hinüber. Sie war zusammengezuckt bei seinen Worten, und die dunkle Röthe ergoß sich wieder heiß über ihre Wangen. Beider Augen begegneten sich und ruhten einige Secunden lang ineinander, aber es schien nicht, als habe der junge Mann viel Nachgiebigkeit geschöpft aus diesem Blicke, denn seine Stimme hatte einen entschiedenen Anflug von Trotz, als er erwiderte:

[141] „Die Seltsamkeit liegt wohl weniger in meiner Ablehnung, als in der Art des Anerbietens. Wäre meinem Vater der Adel wegen der Verdienste ertheilt worden, die er doch unleugbar um die Industrie hat, so hätte ich als sein Erbe ihn gleichfalls angenommen. Es ist eine Auszeichnung wie jede andere, und als solche ehrenvoll. Man hat nicht für gut gefunden, sie ihm zu gewähren, und ich bin natürlich nicht Richter über die ‚Vorurtheile‘, die dem entgegenstehen mögen, aber ich meinestheils habe nicht den mindesten Anspruch auf eine solche Auszeichnung und deshalb halte ich es für besser, wir lassen die Residenz nicht behaupten, daß eine Verschwägerung mit der Windeg’schen Familie nothwendig ein Adelsdiplom im Gefolge haben müsse.“

Er hatte die letzten Worte sehr gleichgültig hingeworfen, und doch preßte Eugenie zornig die Lippen zusammen; sie wußte, daß sie einzig ihr galten. Wollte er sich denn durchaus von Allem frei machen, was ihr noch das Recht gab, ihn verachten zu dürfen? und sie fühlte doch jetzt mehr als je den Wunsch, es zu thun.

„Ich scheine in der That im Irrthum über die Gründe gewesen zu sein, die Sie diese Verschwägerung wünschen ließen,“ sagte der Baron langsam, „aber ich muß gestehen, bei Ihnen war ich am wenigsten auf solche Ansichten gefaßt, die auch wohl neueren Datums sind, denn vor Ihrer Vermählung schienen Sie eher dem Gegentheil zu huldigen.“

Vor meiner Vermählung!“ Ein unendlich bitteres Lächeln spielte um Arthur’s Lippen. „Da war ich allerdings noch nicht darüber orientirt, wie man in Ihren Kreisen, Herr Baron, mich selbst und mein Verhältniß zu diesen Kreisen zu beurtheilen pflegte. Seitdem ist mir das in ziemlich schonungsloser Weise klar gemacht worden, und es kann Sie daher nicht befremden, wenn ich darauf verzichte, dort nach wie vor für einen unberufenen Eindringling zu gelten.“

Eugeniens Finger preßten sich hier so heftig um die Rose, die sie vorhin aus der Vase gezogen und noch in der Hand hielt, daß die zarte Blume dasselbe Schicksal hatte, wie neulich ihr Fächer in Arthur’s Händen; zerdrückt fiel sie auf den Teppich nieder. Arthur merkte das nicht. Er drehte ihr fast den Rücken und wendete sich ganz ihrem Vater zu, der ihn mit einem Ausdruck ansah, als zweifle er durchaus und vollständig daran, daß es wirklich sein Schwiegersohn sei, der da vor ihm stehe.

„Ich habe begreiflicher Weise keine Ahnung, wer Ihnen diese jedenfalls sehr übertriebenen Eröffnungen gemacht hat,“ entgegnete er ernst, „aber ich muß Sie doch bitten, in diesem Punkte Rücksicht auf Eugenie zu nehmen. Bei der Rolle, die sie voraussichtlich im Winter in der Residenz spielen wird, kann sie – verzeihen Sie, Herr Berkow! nicht den bürgerlichen Namen tragen: das lag weder in der Absicht Ihres Vaters noch in der meinigen.“

Ein langer düsterer Blick Arthur’s streifte seine Gattin, die sich noch immer mit keinem Worte an dem Gespräche betheiligte, so sehr sie sonst ihre Ansicht und ihren Willen geltend zu machen wußte.

„Bis zum Winter könnten sich die Verhältnisse ganz anders gestalten, als es jetzt den Anschein hat. Ueberlassen Sie das Eugenien und mir! Für jetzt bedaure ich, bei meinem Nein bleiben zu müssen. Da mir allein diese Erhebung angeboten wird, so habe ich ja auch wohl allein das Recht, anzunehmen oder abzulehnen, und ich lehne ab, was ich – verzeihen Sie, Herr Baron – dem aristokratischen Namen meiner Frau nicht danken will.

Windeg erhob sich verletzt. „Dann bleibt mir allerdings nichts übrig, als die schon gethanen Schritte in dieser Angelegenheit schleunigst wieder rückgängig zu machen, damit ich nicht noch mehr compromittirt werde, als es bereits der Fall ist. – Eugenie, Du schweigst ja vollständig zu dem Allen. Was sagst Du denn zu diesen eben gehörten Ansichten Deines Herrn Gemahls?“

Die Antwort sollte der jungen Frau erspart werden, denn in diesem Augenblicke wurde die Thür nicht wie sonst von dem Diener geräuschlos geöffnet, sondern hastig aufgerissen, und herein stürzte, ohne Anmeldung, mit aschbleichem Gesicht und vollständiger Hintansetzung aller Formen, die er sonst so zierlich zu beobachten wußte, Herr Wilberg.

„Ist Herr Berkow hier? Verzeihen Sie, gnädige Frau! Ich muß Herrn Berkow augenblicklich sprechen!“

„Was ist geschehen?“ fragte Arthur, dem jungen Manne entgegentretend, dessen verstörtes Gesicht eine Unglücksbotschaft verrieth.

„Ein Unfall!“ sagte Wilberg athemlos. „Unten im Fahrschacht – Ihr Herr Vater ist schwer verletzt, sehr schwer – der Director schickt mich!“

Er kam nicht weiter in seinem Berichte, denn Arthur war bereits an ihm vorüber zur Thür hinausgeeilt. Der junge Beamte stand im Begriff ihm zu folgen, als er sich draußen im Corridor von dem Baron zurückgehalten sah.

„Haben Sie dem Sohne die volle Wahrheit gesagt?“ fragte dieser ernst. „Mir brauchen Sie nichts zu verschweigen. Ist Herr Berkow todt?“

„Ja!“ stieß Wilberg hervor „Er fuhr mit dem Steiger Hartmann zu Tage – die Seile sind gerissen – Hartmann rettete sich durch einen Sprung auf die vorletzte Bühne. Herr Berkow stürzte in die Tiefe. Kein Mensch weiß, wie das Unglück eigentlich geschehen ist, aber verheimlichen läßt es sich nicht. Bereiten Sie die gnädige Frau vor, Herr Baron! Ich muß fort!“

Er eilte Arthur nach, während Windeg in den Salon zurückkehrte, wo seine Tochter ihm bereits in heftiger Erregung entgegenkam.

„Was hast Du erfahren, Papa? Das Gesicht des Unglücksboten sprach von mehr als einer bloßen Verletzung! Was ist geschehen?“

„Das Schlimmste!“ sagte der Baron erschüttert. „Wir haben den Mann eben noch so bitter angeklagt, Eugenie; jetzt ist es zu Ende mit dem Haß und der Feindschaft zwischen uns und ihm – der Tod hat sie geschlichtet!“




Die erste Woche mit ihrer düsteren Feierlichkeit war vorüber, aber der dumpfe Druck, der auf jedem Trauerhause liegt, war nicht gewichen und gab sich nur schwerer kund jetzt, wo die Unruhe all dieser Anordnungen, Beileidsbezeigungen und Besuche vorüber war. An Zeichen äußerer Theilnahme hatte es nicht gefehlt. Berkow’s Stellung, seine Bekanntschaft und Verbindungen in den verschiedenen Kreisen machten seinen Tod zu einem Ereigniß. Das Gefolge, dem sich natürlich die sämmtlichen Beamten und Arbeiter der Werke anschlossen, war ein endloses gewesen. Karten und Briefe bedeckten in unendlicher Anzahl den Schreibtisch des jungen Erben, dessen Gemahlin die Besuche der ganzen Umgegend empfing. Man bewies beiden alle möglichen Rücksichten, und dies um so mehr, als man ihnen gegenüber keine „Vorurtheile“ zu überwinden hatte, wie Baron Windeg es diplomatisch nannte. Zu Herzen ging dieser Verlust wohl Keinem, vielleicht nicht einmal dem einzigen Sohne des Verstorbenen, für den er doch so viel gethan; denn es ist schwer da zu lieben, wo auch nicht eine Spur von Achtung vorhanden ist. Uebrigens ließ es sich schwer entscheiden, ob Arthur Berkow durch den Tod seines Vaters wirklich tief oder nur oberflächlich berührt wurde. Wer die Fassung sah, die er Anderen gegenüber zeigte, mußte wohl das Letztere glauben, und doch war er furchtbar ernst geworden seit jener Katastrophe und fast unzugänglich für Jeden, mit dem er nicht nothgedrungen verkehren mußte. Eugeniens Ruhe konnte Niemanden befremden, der die näheren Verhältnisse kannte. Für sie, wie für ihren Vater hörte mit dem Tode des alten Berkow allerdings der Haß gegen ihn auf; von einer anderen Regung war hier nie die Rede gewesen – und dieser Standpunkt wurde leider von Vielen getheilt; denn nur zu Viele hatten Grund dazu.

Die Beamten waren zu oft durch das brutale, hochmüthige Wesen des Emporkömmlings verletzt worden, der ihre Kenntnisse und Fähigkeiten nur als eine Waare betrachtete, die ihm gegen Bezahlung des Gehaltes zur unbedingten Verfügung stand, um einen Chef zu betrauern, bei dem weder Charakter, noch Persönlichkeit, noch Tüchtigkeit galt, sondern nur die möglichst vortheilbringende Verwendbarkeit in der betreffenden Stellung. Noch Schlimmeres aber gab sich bei den Arbeitern kund, eine vollständige Fühllosigkeit, die keine Regung des Mitleides, der Theilnahme aufkommen ließ. Berkow war, was man ihm auch sonst vorwerfen mochte, doch unleugbar ein industrielles Genie ersten Ranges gewesen. Er hatte sich aus Armuth und Niedrigkeit zu einer bedeutenden Höhe emporgeschwungen, hatte Schöpfungen in’s Leben gerufen, die, was die Großartigkeit betraf, sich den [142] ersten des Landes an die Seite stellen durften; er hatte eine Stellung errungen, in der er Tausenden hätte zum Segen werden können. Er war es ihnen nicht geworden, hatte es nicht werden wollen. Da mußte denn wohl sein Andenken die Verurtheilung über sich ergehen lassen, die in diesem Aufathmen nach seinem plötzlichen Tode lag, das durch seine ganze Umgebung, durch all seine Schöpfungen ging, in diesem unausgesprochenen und doch von Allen gefühlten „Gott sei Dank!“

Ob die Erbschaft eines solchen Lebens und dessen, was es seit Jahrzehnten gesäet, wirklich so beneidenswerth war, als es den äußeren Anschein hatte, mochte dahingestellt bleiben. Jedenfalls wälzte schon diese Erbschaft an sich eine Last von Geschäften auf die Schultern des jungen Erben, der er nach dem allgemeinen Urtheil am wenigsten gewachsen war. Er hatte freilich Beamte aller Fächer, Vertreter und Bevollmächtigte genug; aber je mehr sein Vater es verstanden hatte, sie sämmtlich in Abhängigkeit von sich zu erhalten und an seine unbedingte Oberleitung zu gewöhnen, desto mehr fehlte ihnen jetzt die Hand und das Auge des Herrn, fehlte dieser Herr selber. Jetzt sollte der Sohn die Zügel in die Hand nehmen und noch ehe dies geschehen war, mußte auch er das Urtheil oder vielmehr die Verurtheilung über sich ergehen lassen, die in dem Achselzucken seiner sämmtlichen Untergebenen lag. Sie waren bereits einig darüber, daß auf ihn so gut wie gar nicht zu rechnen sei.

In dem Conferenzzimmer war das ganze Beamtenpersonal versammelt, um den nunmehrigen Chef zu erwarten, der sie für diese Stunde herbeschieden hatte. Aber wer die rathlosen, verstörten und zum Theil selbst angstvollen Gesichter der Herren sah, der mußte wohl auf die Idee gerathen, daß hier mehr verhandelt werden sollte, als eine blos formelle Begrüßung und Vorstellung, jetzt, nachdem die ersten Tage der Trauer vorüber waren.

„Das war ein Schlag!“ sagte der Director eben zu Herrn Schäffer, der gleichfalls aus der Residenz eingetroffen war. „Der schlimmste, der uns überhaupt treffen konnte! Wir wußten ja längst, was sie unter einander verabredeten und planten, und das geschieht ja auch überall auf den benachbarten Werken. Man sah es kommen; man hätte seine Maßregeln danach genommen, aber jetzt schon, grade in diesem Augenblick! Das liefert uns auf Gnade und Ungnade in ihre Hände.“

„Hartmann hat seine Zeit gut gewählt!“ fiel der Oberingenieur bitter ein. „Er weiß sehr wohl, was er thut, wenn er allein vorgeht, ohne die anderen Werke. Der Chef todt, sämmtliche Geschäfte in Stockung und Verwirrung, der Erbe unfähig zu jedem energischen Eingreifen – da kommt er mit seinen Forderungen! Ich habe es Ihnen immer gesagt, dieser Hartmann ist uns ein Pfahl im Fleische. Die Leute sind gut und man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie endlich einmal Sicherung ihres Lebens in den Schachten und das Nothwendige für dieses Leben verlangen. Sie haben lange genug unter drückenden Umständen ausgehalten, wie keine der Anderen, und sie hätten auch vernünftige Forderungen gestellt, die man bewilligen könnte. Was sie uns aber unter diesem Führer zudictiren, das übersteigt ja alle Begriffe, das ist ja eine offene Empörung gegen alles Bestehende!“

„Was wird nur der junge Herr thun?“ fragte Wilberg, der unter all den Rathlosen und Aengstlichen der Rathloseste und Aengstlichste war, ziemlich kleinlaut.

„Was er unter den augenblicklichen Umständen thun muß,“ entgegnete Herr Schäffer ernst, „die Forderungen bewilligen.“

„Erlauben Sie, das kann er nicht!“ fuhr der Oberingenieur auf. Das zerreißt alle Disciplin und macht ihn in Jahr und Tag zum ruinirten Mann. Ich wenigstens bleibe nicht auf den Werken, wo das durchgeht.“

Schäffer zuckte die Achseln. „Und doch wird ihm kaum etwas Anderes übrig bleiben. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß die Dinge bei uns keineswegs so glänzend stehen, als es den Anschein hat. Wir haben Verluste in der letzten Zeit gehabt, sehr bedeutende Verluste; wir haben nach allen Seiten hin Ausfälle decken, Opfer bringen müssen; dann war noch so manche andere Verpflichtung – genug, wir sind einzig auf den augenblicklichen Ertrag der Werke angewiesen. Feiern uns die einige Monate und können wir die für dies Jahr abgeschlossenen Contracte nicht zur Ausführung bringen, dann sind wir – am Ende.“

„Die Leute müssen irgend etwas davon in Erfahrung gebracht haben,“ meinte der Oberingenieur finster, „sonst würden sie es gar nicht wagen, so aufzutreten; aber sie wissen nur zu gut, daß das einmal Bewilligte nicht wieder zurückgenommen werden kann. Hartmann wird Alles aufbieten, es durchzusetzen, und wenn er es unter dem zwingenden Druck der Verhältnisse wirklich durchsetzt – was sagte denn Herr Arthur, als Sie ihm von diesem Stande seiner Angelegenheiten Mittheilung machten?“

Es war eigenthümlich, daß die sämmtlichen Beamten nie von „Herrn Berkow“ oder ihrem Chef sprachen, als sei es ihnen unmöglich, die Person des jungen Herrn mit diesen Bezeichnungen in Verbindung zu bringen; sie nannten ihn noch immer „Herr Arthur“ oder „der junge Herr“, wie sie ihn stets genannt hatten. Bei der letzten Frage richteten sich Aller Augen auf Schäffer.

[155] „Gar nichts hat er gesagt,“ erwiderte Schäffer. „‚Ich danke Ihnen, Schäffer!‘ das war Alles. Er hat nur die Papiere dabehalten, die ich zur besseren Orientirung für ihn mitgenommen hatte, und sich eingeschlossen. Seitdem habe ich ihn noch nicht wieder gesprochen.“

„Ich sprach ihn gestern Abend, als ich ihm die Forderungen unserer Bergleute vorlegte,“ sagte der Director. „Er wurde freilich todtenblaß, als die Hiobspost zum Vorschein kam; dann aber hörte er stumm zu, ohne auch nur eine Silbe zu erwidern, und als ich einige Rathschläge und Tröstungen laut werden ließ, in der sicheren Voraussetzung, daß es nun zu einer Besprechung kommen würde, schickte er mich fort. Er wollte das erst allein überlegen. Ich bitte Sie, Herr Arthur und überlegen! Heute Morgen erhielt ich denn die Weisung, Sie sämmtlich zur Conferenz herzuberufen.“

Um Herrn Schäffer’s Mund legte sich wieder der alte sarkastische Zug. „Ich fürchte, ich kann Ihnen das Resultat dieser Conferenz vorher sagen: Bewilligen Sie Alles, meine Herren, geben Sie unbedingt nach, machen Sie was Sie wollen, nur sichern Sie mir für den Augenblick den Betrieb der Werke! Und dann wird er Ihnen ankündigen, daß er mit der gnädigen Frau nach der Residenz zurückkehrt und die Sachen hier gehen läßt, wie es dem Himmel und Ihrem Hartmann gefällt.“

„Es trifft ihn aber auch jetzt Schlag auf Schlag!“ mischte sich Wilberg ein, der in ritterlicher Aufwallung für den Abwesenden Partei nahm; „da könnte ein Stärkerer unterliegen.“

„Ja, Sie haben immer Sympathie für die Schwäche!“ spottete der Oberingenieur. „Nur in den letzten Wochen hatten Sie entschieden Sympathie für das Gegentheil. Herr Hartmann erfreute sich ja Ihrer ganz besonderen Freundschaft. Schwärmen Sie etwa noch für ihn?“

„Um Gotteswillen, nein!“ rief Wilberg mit einem fast entsetzten Ausdruck. „Ich habe ein Grauen vor dem Manne seit – seit der Todesstunde des Herrn Berkow!“

„Ich auch!“ sagte der Oberingenieur kurz, „und ich glaube, wir Alle. Es ist furchtbar, daß wir gerade mit ihm unterhandeln müssen; aber freilich, wo keine Beweise sind, thut man am besten zu schweigen.“

„Glauben Sie denn wirklich an die Möglichkeit eines Verbrechens?“ fragte Schäffer die Stimme senkend.

Der Director zuckte die Achseln. „Die Untersuchung hat nur die Thatsache ergeben, daß die Seile gerissen sind. Sie können von selber gerissen sein; ob das wirklich geschehen ist, kann allein Hartmann wissen. Wie gesagt, die Untersuchung fördert da nichts zu Tage, und bei jeder anderen Begleitung wäre der Verdacht auch ausgeschlossen. Der ist zu Allem fähig!“

„Aber bedenken Sie doch, er brachte sich ja selbst in die größte Lebensgefahr dadurch. Der Sprung, mit dem er sich rettete, war ein tollkühnes Wagestück, das der Zehnte nicht unternommen hätte, und das dem Zehnten nicht geglückt wäre. Er mußte gewärtig sein, mit in die Tiefe hinabzustürzen und sich zu zerschmettern.“

Der Oberingenieur schüttelte den Kopf. „Sie kennen Ulrich Hartmann schlecht, wenn Sie glauben, der besänne sich auch nur einen Augenblick, sein Leben in die Schanze zu schlagen, wenn er irgend etwas unternehmen will, wobei dieses Leben in Frage kommt. Sie waren ja dabei, als er sich den Pferden in den Weg warf. Damals hatte er gerade die Laune, retten zu wollen; wenn er verderben will, kümmert er sich wenig darum, ob auch sein eigenes Verderben droht. Das ist ja eben das Gefährliche an diesem Manne, daß er keine Rücksichten kennt gegen sich und Andere, daß er sich im Nothfall selbst opfern würde, wenn –“

Er verstummte plötzlich, da in diesem Augenblick der junge Chef eintrat. Arthur war sehr verändert, die tiefe Trauerkleidung ließ sein ohnehin schon bleiches Gesicht noch bleicher erscheinen, und Stirn und Augen trugen ein Gepräge, als hätten sie während der letzten Nächte nicht den Schlaf gekannt; dennoch erwiderte er ruhig den Gruß der Beamten und trat in ihre Mitte.

„Ich habe Sie herrufen lassen, meine Herren, um mit Ihnen Rücksprache über die Angelegenheiten zu nehmen, die nach dem Tode meines Vaters in meine Hände übergegangen sind. Es ist da Vieles zu ordnen und zu ändern, mehr vielleicht, als wir anfangs glaubten. Ich habe, wie Sie wissen, diesem ganzen Geschäftskreise bisher fern gestanden und werde mich nicht sofort darin orientiren können, obgleich ich es in den letzten Tagen versucht habe. Ich rechne daher im vollsten Maße auf Ihren guten Willen und Ihre Bereitwilligkeit, mich zu unterstützen. Ich werde beides sehr in Anspruch nehmen müssen und versichere Sie im Voraus meines Dankes.“

Die Herren verneigten sich, und die Mehrzahl zeigte etwas verwunderte Gesichter, während der Oberingenieur dem Director einen Blick zuwarf, der zu sagen schien: „Das war ja soweit ganz vernünftig!“

[156] „Die übrigen Angelegenheiten,“ fuhr Arthur fort, „müssen vorläufig zurücktreten vor der augenblicklichen Calamität, vor der Gefahr, mit der uns die Forderungen der Bergleute und die Einstellung ihrer Arbeit im Falle der Nichtbewilligung bedrohen. Es kann hier freilich nur von einer Entscheidung die Rede sein.“

Diesmal war es Herr Schäffer, der dem Oberingenieur einen Blick zuwarf, der ebenso deutlich sprach, wie vorhin der seinige: „Sagte ich es nicht, er giebt unbedingt nach! Jetzt wird er Ihnen die Abreise ankündigen.“

Der junge Chef schien jedoch damit keine Eile zu haben; er meinte im Gegentheil: „Vor allen Dingen ist es nöthig, sich darüber zu unterrichten, wie die Leute organisirt sind und wer sie leitet.“

Es trat ein secundenlanges Schweigen ein, jeder von den Beamten scheute sich, einen Namen auszusprechen, den sie eben noch in so furchtbare Verbindung mit dem geschehenen Unglück gebracht hatten, endlich sagte der Oberingenieur:

„Hartmann leitet sie, und es ist daher kein Zweifel, daß sie gut geleitet sind und daß die Organisation nichts zu wünschen übrig läßt.“

Arthur blickte nachdenkend vor sich hin. „Das fürchte ich auch, und dann wird es einen Kampf geben, denn von einer vollständigen Bewilligung kann natürlich nicht die Rede sein.“

„Kann natürlich nicht die Rede sein!“ wiederholte der Oberingenieur triumphirend, und gab damit das Signal zu einer höchst lebhaften Debatte, in der er mit vollster Entschiedenheit seine vorhin geäußerten Ansichten verfocht. Herr Schäffer, der das Gegentheil vertrat, war nicht minder lebhaft bemüht, mit allerlei Winken und Andeutungen, die der junge Chef nur zu gut verstand, ihm die Nothwendigkeit des Nachgebens klar zu machen. Der Director hielt sich dagegen mehr neutral, rieth zum Abwarten, zum Unterhandeln. Die übrigen Beamten endlich ließen ihre Vorgesetzten sprechen und wagten sich nur hin und wieder mit einer eingestreuten Bemerkung oder unmaßgeblichen Ansicht hervor.

Arthur hörte das Alles schweigend und scheinbar aufmerksam mit an, ohne sich der einen oder der andern Partei zuzuneigen; als aber Schäffer eine längere Rede mit einem unumwundenen „wir müssen“ schloß, hob er plötzlich das Haupt mit einer solchen Entschiedenheit, daß all die Meinungen um ihn her verstummten.

„Wir müssen nicht, Herr Schäffer! Es giebt hier denn doch noch eine andere Rücksicht als blos den Geldpunkt, die Rücksicht auf meine Stellung den Leuten gegenüber, die für immer erschüttert wäre, wenn ich mich ihnen so auf Gnade und Ungnade ergäbe. Wie wenig ich auch noch mit diesen Dingen vertraut bin, so sehe ich doch, daß diese Forderungen über das Maß des Möglichen hinausgehen, und Sie geben mir das Alle einstimmig zu. Es mögen sich Mißstände eingeschlichen, die Arbeiter mögen Grund zur Klage haben –“

„Das haben sie, Herr Berkow!“ unterbrach ihn der Oberingenieur fest. „Sie haben Recht, wenn sie eine Untersuchung und Verbesserung der Schachte, wenn sie eine Erhöhung des Arbeitslohnes verlangen, und über gewisse Erleichterungen und Eintheilungen der Schichten wird sich auch reden lassen. Das Weitere ist eine übermüthige Herausforderung, die einzig und allein ihr Führer Hartmann veranlaßt hat. Er ist die Seele des Ganzen.“

„Dann wollen wir ihn zuerst selbst hören! Ich habe ihn bereits benachrichtigen lassen, daß seine und der übrigen Abgesandten Anwesenheit wohl hier nothwendig sein dürfte; sie sind jedenfalls schon da. Herr Wilberg, wollen Sie sie rufen!“

Herr Wilberg entfernte sich, aber mit offenem Munde und einer Miene, die in ihrem Ausdrucke grenzenloser Verwunderung fast dumm erschien. Herr Schäffer zog die Augenbrauen in die Höhe und sah den Director an; dieser nahm eine Prise und sah die übrigen Herren an, und dann blickten sie Alle zusammen wieder auf ihren jungen Chef, der auf einmal Anordnungen traf und Befehle ertheilte und dabei einen Ton entwickelte, in den sie sich nicht finden konnten, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des Oberingenieurs, der seinen Collegen den Rücken gewendet und sich an Arthur’s Seite gestellt hatte, als wisse er nun, wohin er eigentlich gehöre.

Indessen kehrte Wilberg zurück, und unmittelbar hinter ihm traten Ulrich Hartmann, Lorenz und noch einer der Bergleute ein, aber die beiden Letzteren blieben, als ob sich das von selbst verstände, einige Schritte zurück und ließen den jungen Steiger allein vertreten.

„Glück auf!“ grüßte dieser, und „Glück auf!“ auch seine beiden Cameraden, aber der Ton des alten frohen Bergmannsgrußes schien hier seinem Inhalte zu widersprechen. In dem Wesen Ulrich’s hatte freilich von jeher etwas Herrisches, Trotziges gelegen, aber es hatte sich nie so herausfordernd, so geradezu verletzend kundgegeben, wie heute, wo er zum ersten Male dem Chef und dem Beamtenkreise in dieser Weise gegenüber trat, nicht mehr als ein Untergebener, der Weisungen und Befehle zu empfangen hatte, sondern als ein Abgesandter, der ihnen seine Forderungen nicht vorlegte, nein, der sie ihnen dictirte. Freilich war es kein gemeiner Hochmuth, der aus dieser Haltung sprach, aber doch die trotzige Ueberhebung, die in dem Bewußtsein eigener Kraft und fremder Schwäche wurzelt. Er ließ die finsteren blauen Augen langsam durch den ganzen Kreis schweifen, bis sie zuletzt auf dem jungen Chef haften blieben, und seine Lippen warfen sich wieder verächtlich auf, während er schweigend die Anrede erwartete.

Arthur hatte sich während der ganzen vorhergehenden Verhandlungen nicht gesetzt; er war auch jetzt stehen geblieben und stand ernst dem Manne gegenüber, der, wie man von allen Seiten behauptete, die Hauptschuld an dem Schlage trug, welcher ihm jetzt drohte. Von der viel schwereren Schuld, mit der man die letzten Augenblicke seines Vaters in Verbindung brachte, hatte der Sohn zum Glück keine Ahnung, denn er trat mit vollkommenster Ruhe in die Verhandlungen ein.

„Untersteiger Hartmann, Sie haben mir gestern durch den Herrn Director die Forderungen der sämmtlichen Bergleute meiner Werke vorlegen lassen, und im Falle der Nichtbewilligung mit allgemeiner Niederlegung der Arbeit gedroht.“

„So ist’s, Herr Berkow!“ lautete die kurze, sehr entschieden klingende Antwort.

Arthur stützte die Hand auf den Tisch, aber sein Ton war kühl, geschäftsmäßig; er verrieth nicht die mindeste Erregung.

„Vor allen Dingen möchte ich wissen, was Sie eigentlich mit diesem Vorgehen beabsichtigen. Das sind keine Forderungen, das ist eine Kriegserklärung! Sie werden sich selber sagen, daß ich dergleichen nicht bewilligen kann und nicht bewilligen werde.“

„Ob Sie es bewilligen können, weiß ich nicht, Herr Berkow,“ sagte Ulrich kalt, „ich glaube aber, Sie werden es bewilligen, denn wir sind entschlossen, die Werke so lange feiern zu lassen, bis Sie unseren Forderungen nachgekommen, und einen Ersatz finden Sie nicht in der ganzen Provinz.“

Das Argument war so schlagend, daß sich nicht viel dagegen einwenden ließ, aber der Ton, in dem es hervorgehoben wurde, zugleich so hohnvoll, daß Arthur die Stirn runzelte.

„Es ist keineswegs meine Absicht, Ihnen Alles zu verweigern!“ erklärte er fest. „Es sind unter diesen Forderungen einzelne, deren Gerechtigkeit ich anerkenne und denen ich also auch nachkommen werde. Die Untersuchung und Aenderung der Schachte, die Sie verlangen, wird geschehen; der Arbeitslohn wird, wenigstens theilweise, erhöht werden. Ich werde schwere Opfer deswegen bringen müssen, mehr vielleicht, als ich gerade jetzt in geschäftlicher Hinsicht verantworten kann, aber es wird geschehen. Dagegen müssen die anderen Punkte fallen, die einzig und allein darauf abzielen, mir und meinen Beamten die Herrschaft aus den Händen zu winden und die Disciplin zu lockern, die für ein Unternehmen wie das unserige eine Lebensfrage ist.“

Der verächtliche Zug um Ulrich’s Lippen verschwand und machte einem Ausdrucke der Befremdung und des Argwohns Platz, mit dem er erst die Beamten und dann den jungen Chef anblickte, als habe er diesen in Verdacht, er sage etwas ihm Eingelerntes her.

„Es thut mir leid, Herr Berkow, aber die Punkte fallen nicht!“ entgegnete er trotzig.

„Ich glaube wohl, daß sie gerade Ihnen eine Hauptsache sind,“ sagte Arthur, den Blick fest auf Ulrich gerichtet, „dennoch wiederhole ich Ihnen, daß sie fallen müssen. Ich werde in meinen Bewilligungen bis an die Grenze des Möglichen gehen; da aber bleibe ich stehen und thue keinen Schritt darüber hinaus. Was ich gewähre, soll und muß Jeden befriedigen, der ehrliche, lohnende Arbeit sucht. Wen es nicht befriedigt, der sucht [157] eben etwas Anderes, und mit dem ist keine Einigung zu hoffen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß das Nothwendige zur Sicherung der Arbeiter in den Schachten und zur Erhöhung ihres Verdienstes geschehen soll, und fordere nun auch meinerseits von Ihnen das Vertrauen in meine Worte. Ehe wir aber diese Angelegenheit besprechen, müssen Sie auf den zweiten Theil Ihrer Forderungen verzichten. Die Erfüllung ist unmöglich, und ich gehe unter keiner Bedingung darauf ein.“

Er hatte noch immer den ruhigen, geschäftsmäßigen Ton beibehalten, aber dennoch wich die ganze Rede viel zu sehr ab von der sonstigen Art und Weise des jungen Erben, als daß sie Ulrich nicht hätte auffallen sollen. Dieser trauete seinen eigenen Ohren nicht, aber je unerwarteter ihm der Widerstand kam an einer Stelle, wo er mit Sicherheit auf scheues, zaghaftes Ausweichen gerechnet hatte, das die Brücke zur unbedingten Ergebung schlagen sollte, desto mehr reizte ihn der Widerstand, und seine unbändige Natur brach nur zu bald die ungewohnten Schranken.

„Sie sollten das lieber nicht so von sich weisen, Herr Berkow,“ sagte er drohend. „Wir sind unser Zweitausend und die Werke so gut wie in unserer Hand. Die Zeit ist vorbei, wo wir uns knechten und treten ließen, wie es Ihnen gerade gefiel. Wir fordern jetzt unser Recht, und wenn es uns im Guten nicht wird, dann nehmen wir es uns mit Gewalt!“

Eine halb zornige, halb angstvolle Bewegung ging durch den Kreis der Beamten. Sie sahen eine Scene herankommen, die bei der bekannten Wildheit Hartmann’s mit Gewaltthätigkeiten endigen konnte. Arthur war dunkelroth geworden; er that einige Schritte vorwärts und stand jetzt dicht vor Ulrich.

„Vor allen Dingen ändern Sie den Ton, Hartmann, in dem Sie mit Ihrem Chef sprechen! Wenn Sie hier als Abgesandter empfangen sein wollen und als solcher eine Art von Gleichstellung beanspruchen, so benehmen Sie sich auch, wie es bei solchen Verhandlungen Sitte ist, und schleudern Sie uns nicht gleich Drohungen von Gewalt und Empörung in’s Antlitz! Sie verlangen Disciplin von Ihren Leuten, und ich verlange sie von Ihnen. Werfen Sie sich draußen bei Ihren Cameraden zum Herrn auf, wenn es Ihnen sonst beliebt! So lange ich vor Ihnen stehe, bin ich der Herr dieser Werke und denke es zu bleiben. Richten Sie sich danach!“

Wäre der Blitz in das Conferenzzimmer niedergefahren, er hätte keine größere Wirkung hervorbringen können, als diese mit vollster Energie und gebieterischem Stolze herausgeschleuderten Worte. Die Beamten wichen zuerst zurück und machten dann Miene, wie zum Schutze, einen Kreis um ihren jungen Chef zu schließen, der sie mit einer ruhigen Handbewegung zurückwies. Die beiden Bergleute blickten wie betäubt auf ihn hin, aber Keinen traf dies jähe Aufflammen so furchtbar, wie Ulrich. Er war leichenblaß geworden. Weit vorgebeugt stand er da, mit bebenden Lippen und weit offenen starren Augen, als könne und wolle er nicht begreifen, was er doch sah und hörte. Dann auf einmal schien ihm sein verhängnißvoller Irrthum über Den klar zu werden, von dem er noch vor wenigen Tagen mit verächtlichem Achselzucken behauptet, er zähle überhaupt nicht, und nun blitzte es furchtbar auf in seinen Zügen. Wie ein gereizter Löwe war er im Begriff sich vorwärts zu stürzen. Aber wie diesen zwang ihn ein furchtbarer Blick, der klar, fest und ruhig dem seinigen begegnete. Arthur war unbeweglich stehen geblieben, nur das Auge hatte er groß und voll aufgeschlagen und mit diesem Auge wies er die hervorbrechende Wildheit gebieterisch in ihre Schranken zurück. Nur einige Secunden lang dauerte dieses Anschauen der Beiden; dann war es entschieden zwischen ihnen. Langsam löste sich die geballte Rechte Ulrich’s; langsam wich die wilde Drohung aus seinen Zügen, und der Blick sank zu Boden. Er hatte in dem jungen Chef das ihm Ebenbürtige, vielleicht das ihm Ueberlegene erkannt, und – beugte sich ihm.

Arthur trat zurück. Seine Stimme klang wieder kalt und ruhig, als er fortfuhr: „Und nun theilen Sie Ihren Cameraden mit, was ich Ihnen bewilligen kann und was nicht! Fügen Sie hinzu, daß ich kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen werde! Damit sind wir für jetzt zu Ende.“

„Wir sind’s!“ Ulrich’s Ton klang dumpf, fast erstickt von innerer Leidenschaft. „So erkläre ich Ihnen denn im Namen der gesammten Knappschaft Ihrer Werke, daß diese Werke von morgen an feiern werden!“

„Es ist gut. Ich war darauf vorbereitet. Und nun warne ich Sie noch einmal, Hartmann, vor allen extremen Schritten. Man sagt, Sie übten eine unbedingte Herrschaft über Ihre Cameraden aus. So sorgen Sie auch, daß Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten bleibt, und hoffen Sie nicht etwa, mich durch lärmende Scenen einzuschüchtern! Ich und meine Beamten werden das Aeußerste thun, um jeden Conflict zu vermeiden; wird er uns dennoch aufgezwungen, so müssen wir Stellung dagegen nehmen, und im äußersten Falle werde ich mein Hausrecht brauchen. Ersparen Sie das mir und sich selber!“

Ulrich wandte sich zum Gehen; aber in dem Abschiedsblick mischten sich Haß und Wuth mit noch etwas Anderem, Tieferem, was freilich Niemand ahnte, was aber die Brust des wilden, leidenschaftlichen Mannes wie im Krampfe zusammenzog. Er hatte den „Weichling“ so lange verachtet und triumphirt in dem Gedanken, daß er auch – anderswo verachtet werden müsse. Wenn er sich dort jetzt auch so zeigte, wie eben hier, dann war es zu Ende mit der Verachtung und dieses große braune Auge, das ihn gezwungen, konnte wohl noch etwas Anderes erzwingen, als Haß und Abneigung. Die fahle Blässe, die das Antlitz des jungen Bergmannes seit jener Zurechtweisung bedeckte, war noch tiefer geworden, als er sich abwandte.

„Wir wollen sehen, wer’s am längsten aushält! Glück auf!“

Er ging, begleitet von seinen beiden Cameraden, aber man sah es an den Gesichtern der Leute, daß die eben beendigte Scene auf sie ganz anders gewirkt hatte, als auf ihren Führer. Es war ein halb scheuer, halb ehrerbietiger Blick, mit dem sie zu dem jungen Chef zurückblickten, und es lag etwas Zögerndes, Unsicheres in ihrem Wesen, als sie sich entfernten.

Arthur hatte ihnen forschend nachgeblickt und wendete sich nun zu den Beamten. „Da sind schon zwei, die ihm nur mit halbem Herzen folgen! Ich hoffe, die Mehrzahl kommt zur Besinnung, wenn man ihr Zeit läßt; für jetzt, meine Herren, müssen wir uns in die Nothwendigkeit ergeben und die Werke feiern lassen. Ich verkenne keineswegs die Gefahr, die uns hier in der Abgeschiedenheit droht von zweitausend aufgeregten Menschen, mit einem Führer wie Hartmann an der Spitze; aber ich bin entschlossen, ihr Stand zu halten und nicht eher zu weichen, bis Alles entschieden ist. Es hängt natürlich von Ihrem freien Willen ab, ob Sie mir hierin folgen werden. Da Sie fast Alle gegen meine Entscheidung waren, so werde ich Ihnen die Folgen derselben natürlich nicht aufzwingen und bereitwillig Jedem Urlaub ertheilen, der jetzt etwa eine zeitweilige Entfernung von den Werken für nothwendig hält.“

Eine allgemeine entrüstete Verneinung beantwortete diesen Vorschlag. Die sämmtlichen Beamten drängten sich mit einem fast leidenschaftlichen Eifer um ihren jungen Chef, um ihm zu versichern, daß keiner von ihnen von seinem Platze weichen würde; selbst der schüchterne Herr Wilberg schien auf einmal Löwenmuth gewonnen zu haben; so energisch stimmte er ein. Arthur athmete tief auf.

„Ich danke Ihnen, meine Herren! Am Nachmittage wollen wir das Weitere besprechen und uns über die zu nehmenden Maßregeln verständigen; für jetzt muß ich Sie verlassen. Herr Schäffer, ich erwarte Sie in einer Stunde drüben in meinem Arbeitszimmer – noch einmal meinen Dank Ihnen Allen!“

Erst als er gegangen war und die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, brachen all die Regungen des Erstaunens, des Beifalls und der Besorgniß hervor, die seine Gegenwart bisher zurückgehalten hatte.

„Mir zittern alle Glieder!“ sagte Herr Wilberg, indem er sich, ohne an die Gegenwart seiner Vorgesetzten zu denken, auf einen Stuhl niederließ, aber der vorhergehende Auftritt schien alle Etiquettenrücksichten aufgehoben zu haben. „Gott im Himmel, war das eine Scene! Ich dachte, der wilde Mensch, der Hartmann, würde sich auf ihn stürzen, aber dieser Blick, diese Art zu reden – wer hätte das in dem Herrn gesucht!“

„Er war zu scharf, viel zu scharf!“ tadelte Schäffer, aber selbst in diesem Tadel und in seinem bedenklichen Kopfschütteln lag ein ganz anderer Ausdruck, als der war, mit dem er vorhin von Arthur gesprochen. „Er sprach, als hätte er noch immer über Millionen zu gebieten und als wäre der Betrieb der Werke [158] nicht eine Lebensfrage für ihn. Sein Vater hätte trotz seines Hochmuthes hier unbedingt nachgegeben, denn es wäre geschäftlich seine einzige Rettung gewesen, und Rücksichten auf seine Stellung und Würde kannte er nicht. Der Sohn scheint freilich anders geartet, aber diese Sprache, die noch vor einem Jahre am Platz gewesen wäre, ist es jetzt nicht mehr. Er hätte vorsichtiger, unbestimmter in seinen Ausdrücken sein müssen, damit ihm die Möglichkeit eines Rückzuges offen geblieben wäre, für den Fall, daß –“

„Zum Kukuk mit Ihren Rücksichten und Bedenklichkeiten!“ fiel der Oberingenieur heftig ein. „Entschuldigen Sie, Herr Schäffer, daß ich grob werde, aber man sieht es, daß Ihre Thätigkeit nur in den Bureaux lag, und Sie niemals Arbeitermassen geleitet haben. Gerade das Richtige hat er getroffen, imponirt hat er ihnen, und das ist in solchem Falle Alles. Ein gütliches Zureden hätte ihnen für Schwäche, eine vornehme Ruhe für Hochmuth gegolten. Ihre eigene Sprache des Entweder – Oder muß man mit ihnen reden, und unser Herr versteht es wie Keiner; das haben Sie an Hartmann gesehen.“

„Ich fürchte nur, er unterschätzt trotz alledem den Kampf, der uns bevorsteht,“ sagte der Director ernst. „Unsere Leute allein hätten sich mit diesen Zugeständnissen zufrieden gegeben, mit diesem Führer an der Spitze thun sie es nicht. Er wird keinen Ausgleich zulassen, und sie folgen ihm blindlings. Aber der Herr hat Recht, er ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen, weiter gehen hieße, sich selbst, seine Stellung und uns Alle preisgeben!“

Sie sprachen jetzt auf einmal Alle von ‚dem Herrn‘, als ob sich das von selbst verstände. In einer einzigen Stunde hatte sich Arthur den Titel erobert; jetzt schien gar keine andere Bezeichnung für den jungen Chef zu existiren. Er mußte sich doch wohl als Herr gezeigt haben. –

Die drei Abgesandten hatten das Haus verlassen und schritten nach den Werken hinüber. Ulrich sprach kein Wort, aber Lorenz sagte halblaut:

„Du meintest neulich, wenn uns Einer zu rechter Zeit die Zähne wiese und zu rechter Zeit gute Worte gäbe, dann – höre Ulrich, ich glaube, der da oben versteht’s!“

Ulrich antwortete nicht, er warf einen Blick nach den Fenstern hinauf, und es lagerte auf seiner Stirn wie eine Wetterwolke.

Das also war hinter den Augen, die immer so schläfrig aussahen, als taugten sie zu nichts auf der Welt als zum Schlafen!“ murmelte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen. ‚So lange ich hier stehe, bin ich der Herr dieser Werke!‘ Ich glaube wahrhaftig, er hat das Zeug dazu!“

Sie begegneten jetzt einer Gruppe von Bergleuten, speciell Ulrich’s Leuten, die nicht mit angefahren waren und die drei Abgesandten mit stürmischen Fragen umringten.

„Laßt’s Euch von Ulrich erzählen!“ meinte Lorenz trocken. „Ich glaube, wir sind da an den Unrechten gekommen; er denkt nicht an Nachgeben.“

„Nicht?“ Die Bergleute schienen sämmtlich enttäuscht. Sie hatten wohl auf einen andern Bescheid gerechnet. Es wurden einzelne Rufe und Drohungen gegen den jungen Chef laut, dessen Name dabei mehrere Male mit offenbarer Verachtung genannt wurde.

„Schweigt still!“ herrschte ihnen Ulrich zu. „Ihr kennt ihn nicht, so wie wir ihn eben sahen. Ich glaubte, wir würden leichtes Spiel haben, nun der Vater aus dem Wege ist. In dem Sohne haben wir uns Alle geirrt. Der hat etwas, was kein Mensch dem Weichling zugetraut, einen Willen! Ich sage Euch, der wird uns noch zu schaffen machen!“

[171] Es war noch ziemlich früh am Vormittage, noch dufteten und funkelten Berge und Wälder in der thauigen Frische des Frühlingsmorgens, als Eugenie Berkow allein, ohne jede Begleitung, den Waldweg entlang ritt. Sie war eine vorzügliche Reiterin und liebte dies Vergnügen leidenschaftlich, und dennoch hatte sie sich ihm hier auf dem Lande weit seltener als sonst hingegeben. Anfangs verbot das Wetter jeden Ausflug in’s Freie, später fehlte ihr die Lust dazu, der Hauptgrund aber war wohl der, daß ihr schönes Reitpferd ein Geschenk ihres Gemahls noch aus seiner Bräutigamszeit her war, und daß sie nun einmal gewohnt war, ihre Abneigung gegen den Geber auf Alles zu übertragen, was direct von ihm kam. Nur mit Widerwillen hatte sie bei der Trauung die kostbaren Diamanten ihres Brautschmuckes angelegt, die seitdem nicht wieder ihre Etuis verließen; nur halb gezwungen bewegte sie sich in der verschwenderischen Pracht, die sie seit ihrer Vermählung umgab, und auch das herrliche Thier, das eine fabelhafte Summe gekostet hatte, und das, als sie das erste Mal an der Seite ihres Verlobten darauf erschien, die Bewunderung der ganzen Residenz herausforderte, wurde von seiner Herrin auffallend vernachlässigt und gänzlich der Sorge der Dienerschaft überlassen.

Um so überraschter war diese daher, als die gnädige Frau heute Morgen befahl, Afra zu einem Spazierritte zu satteln, und den Diener, der sich fertig machte, sie wie gewöhnlich zu begleiten, bedeutete, daß sie diesmal allein reiten wolle. Ihrem Befehl wurde natürlich, wenn auch mit einiger Befremdung, Folge geleistet, und sie ritt wirklich ohne alle Begleitung fort. Arthur wußte selbstverständlich nichts davon, sie bekam ihn jetzt womöglich noch seltener als sonst zu Gesichte, da er sich häufig auch bei Tische entschuldigen ließ, und das Leben der beiden Gatten war ja überhaupt ein so getrenntes, daß nur in den seltensten Fällen der Eine wußte, was der Andere an diesem oder jenem Tage vornahm.

Eugenie ritt in raschem Trabe durch den Wald, ohne irgend einem menschlichen Wesen zu begegnen, es war in der That sehr einsam hier, und diese Einsamkeit, die Frische und Schönheit des Morgens verfehlten keineswegs ihren belebenden Einfluß auf die junge Frau, die mehrere Tage lang nicht über den Umkreis des Parkes hinausgekommen war. Die Werke feierten, und eine unheimliche Ruhe und Stille lag über der ganzen, sonst so rastlos thätigen Colonie; desto lebhafter ging es dagegen in dem Arbeitszimmer des jungen Chefs zu, das dieser kaum mehr verließ. Die Beamten kamen und gingen; Conferenzen wurden gehalten, Bücher und Papiere geprüft; Schäffer war fortwährend auf dem Wege zwischen der Residenz und den Gütern; dabei flogen Briefe und Depeschen hin und her, aber diese ganz angestrengte Thätigkeit hatte ein so ernstes, so düsteres Gepräge, als schwebe irgend ein Unheil in der Luft, dem man zuvorkommen oder gegen das man sich wenigstens rüsten wollte. Eugenie wußte allerdings, daß eine Differenz mit den Arbeitern bestand. Arthur selbst hatte es ihr mitgetheilt und hinzugefügt, daß die Sache von gar keiner Bedeutung sei und in Kurzem beigelegt sein werde. Sehr ruhig, sehr kühl hatte er ihr das gesagt und sie nur gebeten, auf ihren etwaigen Spazierfahrten möglichst die Dörfer zu vermeiden, in denen die Bergleute wohnten, da für den Augenblick doch eine etwas gereizte Stimmung herrsche. Die Beamten mußten jedenfalls Winke erhalten haben, die gnädige Frau nicht zu beunruhigen, denn Eugeniens Versuche, von dieser Seite irgend etwas Näheres zu erfahren, scheiterten an höflichem Ausweichen oder beruhigenden Versicherungen. Sie hatten ihr gesagt, daß durchaus nichts zu besorgen, daß die Sache überhaupt von gar keiner Tragweite sei und der Ausgleich jeden Tag zu erwarten stände, – und doch fühlte Eugenie deutlich die geleugnete Gefahr, wie sie die Veränderung fühlte, die seit dem Tode des alten Berkow mit ihrem Gatten vorgegangen war, obgleich er gerade ihr gegenüber sein Benehmen nicht geändert hatte.

Die junge Frau war eine zu furchtlose, zu stolze Natur, um dies Ausschließen, diese sichtbare Schonung nicht als eine Art von Beleidigung zu empfinden. Freilich, sie hatte kein Recht auf Offenheit, auf Theilnahme an den Sorgen und vielleicht Gefahren ihres Mannes; was andere Frauen beanspruchen durften, lag ihr unendlich fern. Wenn das Trennungswort bereits ausgesprochen ist und man nur noch „anstandshalber“ einige Monate mit einander aushält, um der Welt möglichst wenig Stoff zum Gerede zu geben, so ist man ja auch den gegenseitigen Interessen fremd. Das sah sie ein, und hätte sie es nicht eingesehen, so würde Arthur es ihr fühlbar gemacht haben, der sich in dem Maße, wie er sich täglich kräftiger aus seiner früheren Trägheit aufraffte und sich energischer in die angestrengteste Thätigkeit warf, immer fremder und kälter von ihr zurückzog; sie dankte es ihm wahrlich, daß er ihr das Peinliche des bevorstehenden Schrittes dadurch zu erleichtern suchte, daß er sie jetzt schon als eine völlig Fremde behandelte.

Eugenie verhehlte sich nicht, daß der Tod Berkow’s ein [172] großes Hinderniß ihrer Wünsche aus dem Wege geräumt hatte. Er hätte schwerlich je in die Aufhebung einer Verbindung gewilligt, die sein Ehrgeiz so sehr erstrebt und die er theuer genug erkauft hatte. Sein Sohn dachte anders darin. Ihm war jene Verbindung ebenso gleichgültig, wie die Gemahlin, die er sich in seiner ehemaligen passiven Nachgiebigkeit hatte aufzwingen lassen. Er hatte ihr freiwillig die Trennung zugestanden, noch ehe sie selbst einen Versuch gemacht, dieselbe von ihm zu erreichen, und ein Schritt, der fast überall so unendlich viel Kämpfe, Thränen und Bitterkeiten kostet, der nicht selten alle Leidenschaften des Menschenherzens in ihrer ganzen Tiefe aufwühlt, vollzog sich hier so ruhig und leidenschaftslos, in einem so vollkommenen gegenseitigen Einverständniß, und mit einer solchen Kälte, Höflichkeit und Herzlosigkeit, daß es wirklich ganz bewundernswerth war.

Afra bäumte sich plötzlich in die Höhe. Das Thier war nicht gewohnt, mit der Reitgerte angetrieben zu werden, und noch dazu so heftig, als es eben geschah; es hatte überhaupt heute viel von der Ungeduld seiner Herrin zu leiden, und wäre diese nicht eine so vollendete Meisterin in der Reitkunst gewesen, das feurige, leicht gereizte Pferd würde ihr Mühe genug gemacht haben. So zügelte sie es nach kurzer Anstrengung, aber die feinen Augenbrauen der jungen Frau blieben zusammengezogen und die Lippen fest aufeinandergepreßt, wie in innerem Zorne, ob über den Widerstand Afra’s oder über den Mangel an Widerstand von einer anderen Seite, das ließ sich nicht entscheiden.

Sie hatte inzwischen den Pachthof erreicht, der eine halbe Stunde entfernt im Thale lag, und nun ging es bergaufwärts, freilich nicht den steilen Fußpfad hinauf, den sie damals mit Arthur hinabstieg und der reitend überhaupt nicht zu passiren war; nicht weit davon führte ein Fahrweg in langen, aber bequemen Windungen auf die ohnehin nur mäßige Höhe. Dennoch ertrug ihr Pferd, des Bergaufsteigens ungewohnt, nur unwillig die Anstrengung, und sie mußte, oben angelangt, Halt machen, um ihm die nöthige Erholung zu gönnen.

Jetzt freilich waren die Nebelschleier verschwunden, die damals über dem Gebirge flatterten, und der helle Sonnenschein floß so leuchtend warm auf die Erde nieder, als habe es nie eine Zeit gegeben, wo sich Regen und Sturm hier um die Herrschaft stritten und die Landschaft ringsum einem grauen, gestaltlosen Nebelbilde glich. Noch lagen die Thäler duftig blau im kühlen Morgenschatten. Desto klarer standen die Berge da, all die zahllosen Kuppen, von denen eine die andere überragte, eine die andere zurückdrängte, nur ein einziges grünes Waldmeer, bis hin zu den fernen blauen Höhenzügen. Die dunklen Tannen hatten sich geschmückt mit lichtem, frischem Grün, und drinnen auf dem Waldboden, draußen auf dem felsigen Grunde, zwischen Wurzeln und Gestein, wo nur eine Ranke Platz finden oder ein Pflänzchen Wurzel fassen konnte, da blühte und duftete es auch in tausend Formen und Farben. Und dazu schäumten die Bäche in’s Thal hinab, und die Quellen rieselten, und darüber wölbte sich ein wolkenloser tiefblauer Frühlingshimmel. Das Alles war so goldig klar, so frei und groß, als müsse in diesem neu erwachten Leben der Natur nun auch jede Wunde heilen, jede Kette brechen, als könne nichts dort athmen, was nicht der Freiheit, dem Glücke verwandt war.

Und doch war der Blick der jungen Frau so seltsam ernst; ihre Züge waren so schmerzlich gespannt, als läge für sie eine verborgene Qual in all dieser Schönheit ringsum. Sie hätte doch aufathmen müssen bei dem Gedanken an die auch ihr verheißene Freiheit, die ihr zu Theil werden sollte, noch ehe der nächste Frühling die Erde wieder grüßte. Warum konnte sie es denn nicht, warum zuckte bei dieser Vorstellung eine Empfindung durch ihre Seele, die selbst dem Schmerze verwandt war? Wirkte vielleicht die Pein jener Stunde noch nach, in welcher zuerst das Trennungswort gesprochen und angenommen wurde? Sie sehnte sich ja so heiß nach dieser Trennung, nach der Rückkehr zu den Ihrigen; sie litt so schwer unter den Ketten, die sie kaum mehr ertragen konnte; seit jenem Beisammensein hier oben konnte sie es nicht mehr! Bis dahin war sie fest und sicher gewesen in ihrer Aufopferung für den Vater, in der Resignation des aufgezwungenen Schicksals, im Haß gegen die, welche es ihr aufgezwungen, aber mit jener Stunde schien sich die ganze Natur ihrer Empfindungen geändert zu haben. Mit ihr hatte der geheime Widerstreit in ihrem Innern begonnen, der Kampf gegen ein Etwas, das dunkel und unausgesprochen im tiefsten Grunde ihrer Seele lag, und das sie nicht Herr über sich werden lassen wollte, um keinen Preis, und doch hatte nur dies Etwas sie heute Morgen hinausgetrieben und sie fast wider ihren Willen fortgezogen bis an diesen Ort, und doch war es allein schuld daran, daß die Tochter des Baron Windeg die Etiquette soweit vergaß, den Diener zurückzulassen, der sie sonst immer auf ihren Ausflügen begleitete. Sie konnte und mochte heut’ keinen Zeugen haben – und es war gut, daß sie keinen hatte, denn als sie einsam droben auf der Höhe hielt, da überkam es sie mitten in all der sonnigen Frühlingspracht wie eine leise Sehnsucht nach dem geheimnißvollen Reiz jener Stunde, wo Nebel und Wolken um sie her wogten, wo die Tannenwipfel über ihnen rauschten und der Sturm in den Schluchten und Thälern brauste, wo jene großen braunen Augen, die sich zum ersten Mal entschleiert zeigten, ihr auch die erste Ahnung davon gaben, daß aus diesem Mann vielleicht viel, vielleicht Alles hätte werden können, wenn er geliebt worden wäre und geliebt hätte, ehe die Hand des eigenen Vaters ihn in den Strudel riß, in dem schon so manche Kraft zu Grunde gegangen ist. Und mit dieser Erinnerung wachte etwas auf, was Eugenie Windeg nie gekannt hatte und was erst der Gattin Berkow’s zu lernen aufbehalten war, ein Weh, viel ruhiger, aber auch viel tiefer als Alles, was sie bisher erlitten, und sie legte die Hand über die Augen, aus denen ein heißer Thränenstrom unaufhaltsam hervorstürzte.

„Gnädige Frau!“

Eugenie fuhr zusammen und zugleich machte Afra, erschreckt durch die fremde Stimme, einen Sprung seitwärts, aber in demselben Augenblick hatte auch schon eine kräftige Hand den Zügel ergriffen und zwang das Thier zur Ruhe. Ulrich Hartmann stand dicht neben demselben.

„Ich wußte nicht, daß das Pferd so schreckhaft ist, aber ich hatte es auch schnell genug am Zügel!“ sagte er im Tone der Entschuldigung, während ein Blick halb der Besorgniß und halb der Bewunderung über die junge Reiterin hinglitt, die trotz der Ueberraschung fest im Sattel geblieben war.

Eugenie fuhr rasch mit der Hand über das Antlitz, um die Thränenspuren schnell zu verwischen, freilich zu spät; ihr Weinen mußte nothwendig gesehen worden sein, und der Gedanke daran jagte eine tiefe Röthe auf ihre Wangen und gab ihrer Stimme einen Ausdruck von Unwillen, als sie rasch und etwas befehlend sagte:

„Lassen Sie den Zügel los!“ Afra ist nicht gewohnt, von Unbekannten gehalten zu werden, und scheut leicht bei jeder fremden Berührung. Sie bringen mich und sich in Gefahr mit Ihrer Nähe!“

Ulrich gehorchte und trat zurück. Eugenie legte mit schmeichelnder Liebkosung ihre Hand auf den Hals des Thieres, das in der That nur schnaubend und ungeduldig die fremde Hand am Zügel ertragen hatte, deren Macht es gleichwohl im ersten Moment erkannte. Allein Afra ließ sich durch die Liebkosung der Herrin in wenigen Secunden beruhigen.

Während dessen hingen Hartmann’s Blicke unverwandt an der jungen Frau, die sich freilich zu Pferde so vortheilhaft ausnahm, wie nur wenige ihres Geschlechts. Das dunkle Reitkleid, das Hütchen mit dem Schleier auf den blonden Flechten und über dem schönen, noch vom Weinen gerötheten Antlitz, die leichte und sichere Haltung, die sie trotz der Unruhe Afra’s keinen Augenblick verlor, zeigten das Ebenmaß der hohen schlanken Gestalt im vollsten Lichte. Die ganze Erscheinung, wie sie, vom hellen Sonnenlicht umflossen, auf dem Rücken des schönen Thieres saß, war ein vollendetes Bild von Kraft und Anmuth.

„Sie waren hier oben, Hartmann?“ fragte Eugenie, in der leisen Hoffnung, er könne die Höhe erst im Moment seiner Anrede erreicht und ihre Thränen nicht gesehen haben. „Ich bemerkte Sie vorhin nicht.“

„Ich stand dort drüben!“ Er deutete nach dem Ausgange des Waldes hinüber, den sie allerdings nicht beachtet hatte. „Ich sah Sie heraufreiten und blieb, um auf Sie zu warten.“

Die junge Frau, die im Begriff war, an ihm vorüber in den Wald zu reiten, hielt befremdet inne.

„Auf mich zu warten?“ wiederholte sie. „Und weshalb?“

Ulrich umging die Antwort. „Sie sind allein, gnädige Frau? [173] Ganz allein? Sie haben nicht einmal, wie sonst, den Diener mit sich?“

„Nein, Sie sehen ja, daß ich ohne jede Begleitung bin.“

Ulrich trat rasch, aber diesmal vorsichtiger als vorhin, wieder an die Seite des Pferdes.

„Dann müssen Sie umkehren! Auf der Stelle! Ich werde mit Ihnen gehen, wenigstens so lange, bis wir die Werke in Sicht haben.“

„Aber warum denn dies Alles?“ fragte Eugenie, immer mehr betroffen über das Anerbieten und die finster gerunzelte Stirn des jungen Bergmanns. „Giebt es denn irgend eine Gefahr hier im Walde oder ist sonst etwas zu fürchten?“

Ulrich warf einen forschenden Blick auf den unteren Waldweg, dessen Windungen man von hier aus zum Theil übersah.

„Wir waren auf den Eisenhütten oben im Gebirge!“ sagte er endlich langsam. „Ich und ein Theil meiner Cameraden. Ich ging allein den näheren Weg, weil ich früher zurück sein wollte. Die Anderen nahmen die Fahrstraße. Sie könnten ihnen am Ende begegnen, gnädige Frau, und da möchte ich doch lieber bei Ihnen sein – auf alle Fälle.“

„Ich bin nicht furchtsam!“ erklärte Eugenie entschieden, „und bis zu Beleidigungen gegen mich wird man sich doch hoffentlich nicht versteigen. Ich weiß, daß eine Differenz mit den Arbeitern besteht, aber man sagt mir, daß sie nicht von Bedeutung ist und in Kurzem ausgeglichen sein wird.“

„Dann hat man Sie belogen!“ fiel ihr Ulrich rauh in’s Wort. „Von Ausgleich und von Kleinigkeiten ist hier nicht die Rede. Herr Berkow hat uns den Krieg erklärt, oder wir ihm, das kommt auf Eins heraus; genug, wir sind jetzt im Kriege, und er wird nicht eher ein Ende nehmen, bis einer von uns am Boden liegt. Das sage ich Ihnen, gnädige Frau, und ich muß die Sache wohl am besten wissen.“

Eine leichte Blässe überzog das Antlitz der jungen Frau, als sie diese Bestätigung ihrer längst gehegten Befürchtungen vernahm, aber zugleich verletzte sie die rücksichtslose, hochfahrende Art der Enthüllung, und gab ihr eine etwas sehr vornehme Haltung, als sie kalt erwiderte:

„Nun, wenn die Sache so steht, so kann ich unmöglich die Begleitung und noch viel weniger den Schutz eines Mannes annehmen, der sich so offen und rücksichtslos zum Feinde meines Gemahls bekennt – ich werde allein reiten.“

Sie wollte dem Pferde die Zügel geben, aber Ulrich fuhr auf bei der Bewegung und vertrat ihr heftig und gebieterisch den Weg.

„Bleiben Sie, gnädige Frau! Sie müssen mich mitnehmen.“

„Ich muß?“ Eugenie hob stolz das Haupt. „Und wenn ich nun nicht will?“

„Dann – bitte ich Sie darum.“

Es war wieder jener jähe Uebergang von rücksichtslosester Drohung zu beinahe flehender Bitte, der schon einmal den Zorn Eugeniens entwaffnet hatte, und auch jetzt dämpfte er ihren Unwillen. Sie blickte auf den jungen Bergmann nieder, der finster, gereizt, und doch mit dem Ausdruck unverkennbarer Sorge zu ihr emporschaute.

„Ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, Hartmann!“ sagte sie ernst. „Wenn Ihre Cameraden wirklich so weit gebracht sind, daß ich bei einer Begegnung vor Beleidigungen nicht sicher bin, so fürchte ich, ist das allein Ihr Werk, und von einem Manne, der uns einen so unversöhnlichen Haß entgegenträgt –“

„Uns!“ unterbrach sie Ulrich ungestüm. „Sie hasse ich nicht, gnädige Frau, und Sie sollen auch nicht beleidigt werden, Sie gewiß nicht! Es wagt Keiner auch nur ein Wort gegen Sie laut werden zu lassen, wenn ich bei Ihnen bin, und wagte er’s, er thäte es nicht zum zweiten Male. Nehmen Sie mich mit!“

Eugenie zögerte einige Secunden lang; aber ihre Furchtlosigkeit und seine feindseligen Aeußerungen von vorhin gaben den Ausschlag.

„Ich werde umkehren und die Fahrstraße vermeiden!“ sagte sie rasch. „Bleiben Sie zurück, Hartmann! die Rücksicht auf Herrn Berkow verlangt es.“

Als entfesselte dieser Name eine lang zurückgehaltene Gereiztheit, so flammten seine Augen plötzlich auf, als sie ihn aussprach, und ein Strahl wilden tödtlichen Hasses blitzte daraus hervor. „Auf Herrn Berkow!“ brach er los; „Herr Berkow, der Sie so liebevoll allein reiten läßt, während er doch wußte, daß wir oben auf den Hütten waren und jetzt im Walde sein müssen! Freilich, der hat sich ja niemals um Sie gekümmert; dem ist’s gleich, ob Sie unglücklich sind oder nicht, und doch hat er’s ganz allein zu verantworten!“

„Hartmann, was wagen Sie!“ rief Eugenie, glühend vor Zorn und Entrüstung, aber sie versuchte vergebens, ihm Einhalt zu thun; er fiel ihr in die Rede und fuhr in immer wachsender Erregung fort:

„Nun ja, es ist wohl ein großes Verbrechen, Sie weinen zu sehen, wenn Sie glauben, daß kein Mensch in Ihrer Nähe ist, aber ich glaube, Sie weinen sehr oft, gnädige Frau, haben sehr oft geweint, seit Sie hier sind, nur daß es Niemand sieht, wie ich jetzt eben. Ich weiß, wer allein schuld daran ist, und ich werde es ihm –“

Er hielt plötzlich inne, denn die junge Frau hatte sich hoch im Sattel aufgerichtet, und jetzt traf auch ihn jener Blick niederschmetternden Stolzes, mit dem sie sich so unnahbar zu machen verstand. Ihre Stimme klang eisig scharf, und schlimmer noch; es war der volle Ton der Herrin gegen den Untergebenen, mit dem sie ihm jetzt zuherrschte:

„Sie schweigen, Hartmann! Noch ein Wort, ein einziges gegen meinen Gemahl, und ich vergesse, daß Sie ihm und mir das Leben retteten, und antworte auf Ihren Ausfall, so wie er es verdient!“

Sie warf ihr Pferd herum und wollte an ihm vorüber, aber Ulrich’s riesige Gestalt stand mitten im Wege, ohne auch nur einen Schritt zu weichen. Er war todtenbleich geworden bei diesem Gebieterton, den er zum ersten Mal von ihren Lippen hörte, und der Haß, der in seinem Auge flammte, schien jetzt auch ihr zu gelten.

„Geben Sie den Weg frei!“ befahl Eugenie, noch gebieterischer als vorhin. „Ich will fort!“

Aber sie befand sich einem Manne gegenüber, bei dem mit Befehlen nichts auszurichten war, und den ein Befehl aus ihrem Munde vollends zur Wuth reizte. Anstatt zu gehorchen, war er mit einem einzigen Schritte dicht an ihrer Seite und faßte zum zweiten Male, diesmal mit eisernem Griff, die Zügel des Pferdes, ohne sich jetzt an sein Bäumen und an die Gefahr der Reiterin zu kehren.

„Sie sollten nicht so zu mir sprechen, gnädige Frau!“ sagte er dumpf. „Ich kann viel ertragen, von Ihnen kann ich’s, wenn auch sonst von Keinem; aber den Ton vertrage ich nicht! Treiben Sie das Pferd nicht an,“ fuhr er außer sich fort, als Eugenie Miene machte, es mit der Reitgerte zum Losreißen und Davonsprengen zu zwingen. „Sie werden mich nicht niederreiten, aber ich, bei Gott, ich reiße das Thier nieder, wie ich es damals mit den beiden anderen gethan habe!“

Es lag eine furchtbare Drohung in seinen Worten, und noch furchtbarer drohte sein Blick. Eugenie sah die von Allen gefürchtete Wildheit sich zum ersten Male gegen sie kehren und begriff plötzlich die ganze Gefahr ihrer Lage; aber in demselben Moment ergriff sie auch mit schneller Geistesgegenwart das einzige Rettungsmittel.

„Hartmann,“ sagte sie vorwurfsvoll, aber ihre Stimme war auf einmal mild, beinahe weich geworden. „Soeben noch boten Sie mir Ihren Schutz an, und jetzt bedrohen Sie mich selbst? Nun freilich sehe ich, was von Ihren Cameraden zu fürchten ist, wenn Sie mir so gegenüber treten! Ich wäre nicht in den Wald geritten, hätte ich eine Ahnung davon gehabt.“

Der Vorwurf und mehr noch die Stimme schien Ulrich zur Besinnung zu bringen; seine wilde Gereiztheit schwand, als er den Ton nicht mehr hörte, der sie herausgefordert. Noch hatte er die Rechte fest am Zügel, aber die geballte Linke löste sich jetzt allmählich, und der drohende Ausdruck verschwand aus seinen Zügen.

„Ich habe Sie bisher nie gefürchtet,“ fuhr Eugenie leise fort, „trotz all dem Schlimmen, was man mir von Ihnen sagte. Wollen Sie mich jetzt die Furcht lehren? Wir sind dicht am Abhange; wenn Sie fortfahren, das Thier so zu reizen, oder Ihre Drohung ausführen, so giebt es ein Unglück. Will der Mann, der sich einst unter die Hufe meiner Pferde warf, um eine Unbekannte zu retten, mich jetzt selbst in Gefahr bringen? Lassen Sie mich fort, Hartmann!“

[174] Ulrich zuckte leise zusammen und warf einen Blick auf den Abhang, dem sie allerdings nahe genug waren; langsam ließ er den Zügel los und langsam, wie einer unabweisbaren Gewalt nachgebend, trat er zur Seite, um sie vorüber zu lassen. Eugenie sah unwillkürlich zurück; er stand stumm da, das trotzige Auge am Boden, ohne eine Silbe der Erwiderung oder des Abschiedes, und ließ sie ungehindert davon reiten.




Die junge Frau athmete auf, als Afra’s Schnelligkeit sie der gefährlichen Nähe entriß. So muthvoll sie war, hier hatte sie doch gezittert. Sie hätte kein Weib sein müssen, um nach dieser Scene nicht zu wissen, was sie längst schon geahnt, daß das ihr gegenüber so räthselhafte und widerspruchsvolle Wesen dieses Mannes etwas Anderes, etwas weit Gefährlicheres barg als Haß. Noch beugte er sich ihrer Macht; aber er war nahe daran gewesen, die Kette zu sprengen. Sie hatte jetzt eine Probe davon, daß er der „unbändigen Naturkraft“, mit der sie ihn einst verglichen, an Blindheit und Furchtbarkeit nichts nachgab, wenn er erst einmal entfesselt wie sie seine Schranken brach.

Sie hatte das Thal erreicht und war, der erhaltenen Warnung eingedenk, eben im Begriff, die Fahrstraße zu verlassen, als sie von dort her Hufschlag vernahm und sich umwendend einen Reiter gewahrte, der in vollem Galopp heransprengte und in wenigen Minuten an ihrer Seite war.

„Endlich!“ sagte Arthur athemlos, indem er sein Pferd parirte. „Welche Unvorsichtigkeit, gerade heute allein auszureiten! Du hattest freilich keine Ahnung von dem Wagniß.“

Eugenie blickte überrascht auf ihren Gatten, der tiefathmend und glühend erhitzt vom schnellen Ritte an ihrer Seite hielt. Er war nicht in Reitkleidung, trug auch weder Sporen noch Handschuhe; wie er da war, im Hausanzuge, mußte er sich auf’s Pferd geworfen haben, um ihr nachzusprengen.

„Erst vor einer halben Stunde erfuhr ich von Deinem Einfalle,“ fuhr er seine Erregung bemeisternd fort. „Franz und Anton suchen Dich bereits in verschiedenen Richtungen; ich fand allein die rechte Spur. Man sagte mir im Pachthofe, Du seist vor einiger Zeit vorbeigeritten.“

Die junge Frau fragte nicht nach dem Grunde dieser Sorge; sie kannte ihn hinreichend; aber die Sorge selbst überraschte sie doch. Er hätte ja die Diener allein nach ihr ausschicken können. Freilich, die Möglichkeit, seine Gemahlin von den Bergleuten insultirt zu wissen, war sehr unangenehm für den Chef der Werke, und er handelte jedenfalls nur in dieser Eigenschaft, als er ihr persönlich nacheilte.

„Ich war dort oben,“ erklärte sie nach dem Ziele ihres Spazierrittes hinaufdeutend.

„Auf der Höhe? Wo wir damals vor dem Sturme Zuflucht suchten? Dort warst Du?“

Eugenie wurde dunkelroth; sie sah wieder jenes seltsame Aufleuchten in seinen Augen, das wochenlang verschwunden gewesen war. Und weshalb klang die Frage so stürmisch, so athemlos gepreßt? Hatte er denn nicht längst schon jene Stunde vergessen, die sie so oft noch in der Erinnerung peinigte?

„Ich gerieth zufällig dorthin,“ sagte sie hastig, als gelte es eine Schuld abzuwälzen, und diese Berichtigung hatte denn auch sofort den gewünschten Erfolg. Das Leuchten in seinem Blicke verschwand plötzlich und die Stimme wurde kühl und fest.

„Zufällig! Ach so! Ich hätte wissen können, daß eine solche Bergpartie nicht in Deinem Plane lag; Afra erträgt sie ja stets nur sehr unmuthig. Aber Du hättest ‚zufällig‘ auch auf den Weg nach M. gerathen können, und das war es, was ich fürchtete.“

„Und was war dort zu fürchten?“ fragte Eugenie forschend, während sie gemeinschaftlich den breiten Weg verließen und einen schmaleren einschlugen, der mitten durch den Wald führte.

Arthur suchte ihrem Blicke auszuweichen. „Einige Unannehmlichkeiten, die gerade heute dort hätten passiren können. Unsere Bergleute sind nach den oberen Eisenhütten gezogen, um auch dort Widerstand und Lärm anzustiften. Hartmann hat ihnen mit seinen fulminanten Reden die Köpfe bis auf’s Aeußerste erhitzt; ich habe Nachricht, daß gestern bereits Unordnungen dort oben vorgefallen sind, und ein Menschenhaufe, der im aufgeregten Zustande von dem Schauplatze solcher Unruhen kommt, ist schlechterdings zu Allem fähig. Sie müssen gerade jetzt auf der Rückkehr sein.“

„Ich hätte die Fahrstraße ohnehin vermieden,“ sagte die junge Frau ruhig. „Ich war bereits gewarnt.“

„Gewarnt? Durch wen?“

„Durch Hartmann selbst, den ich vor einer Viertelstunde oben im Walde antraf.“

Diesmal war es Arthur’s Pferd, das sich heftig aufbäumte, erschreckt durch die zuckende Bewegung, mit der sein Reiter die Zügel an sich gerissen hatte.

„Hartmann? Und er wagte es, sich Dir zu nahen, Dich anzureden, nach Allem, was in diesen letzten Tagen vorgefallen ist?“

„Es geschah nur, um mich zu warnen, um mir seine Begleitung und seinen Schutz anzubieten. Ich lehnte Beides ab; ich glaubte das Dir und Deiner Stellung schuldig zu sein.“

„Du glaubtest es mir schuldig zu sein!“ wiederholte Arthur schneidend. „Ich bin Dir unendlich verbunden für diese Rücksicht; aber es war gut, daß Du sie nahmst, denn hättest Du Dich von ihm escortiren lassen – so sehr ich es vermeide, den ersten Anlaß zum Conflict zu geben, in diesem Falle hätte ich ihm doch fühlbar gemacht, daß der Anstifter, der Rädelsführer der ganzen Empörung meiner Gemahlin fernzubleiben hat.“

Eugenie schwieg; sie kannte ihren Gatten doch schon hinreichend, um zu wissen, daß er trotz seiner scheinbaren Kälte jetzt furchtbar gereizt war, kannte dies Zusammenpressen der Lippen, dies Beben der Hand; gerade so hatte er ihr am ersten Abende ihres Hierseins gegenübergestanden, nur daß sie jetzt besser als damals wußte, was diese Gelassenheit barg.

Sie ritten schweigend weiter durch den sonnigen Wald; der Hufschlag der Pferde klang nur gedämpft auf dem weichen Moosboden. Auch hier überall Frühlingsduft und Frühlingsathem, auch hier der klare tiefblaue Himmel, der sich über den Tannenwipfeln wölbte, und auch hier das geheime Weh in ihrem Innern, nur daß es sich noch mächtiger, noch schmerzender regte, als dort oben auf der Höhe. Die Thiere gingen auf dem schmalen Wege Seite an Seite. Die schweren Falten von Eugeniens Reitkleid streiften die Gebüsche, und ihr Schleier flatterte mehr als einmal über Arthur’s Schulter. Bei solcher Nähe mußte sie es nothgedrungen bemerken, daß er jetzt, wo die Erhitzung des schnellen Rittes geschwunden war, unendlich bleich aussah. Freilich, er hatte niemals die frische lebensvolle Farbe der Jugend gehabt, aber das war doch jetzt eine andere Blässe als die des jungen Residenzlöwen, der die Abende in den Salons und die Nächte im Spiel durchschwärmte, um dann den Tag über abgespannt und übersättigt auf seinen Sophas zu liegen, bei geschlossenen Vorhängen, weil die müden verwöhnten Augen das Sonnenlicht nicht ertrugen. Dies bleiche Aussehen stammte wohl aus derselben Quelle, wie die finstere Sorgenfalte auf seiner Stirn, wie der ernste, ja düstere Ausdruck des Gesichtes, das sonst immer nur träge Gleichgültigkeit gezeigt. Aber Arthur Berkow gewann unendlich bei einer Veränderung, die jedem Anderen zum Nachtheil gereicht hätte. Eugenie sah jetzt erst, daß ihr Mann auf Schönheit Anspruch machen konnte; früher hatte sie es nicht sehen wollen; für sie gingen in der schlaffen Theilnahmlosigkeit seines Wesens alle anderen Vorzüge unter, und sie traten wirklich erst jetzt hervor, mit diesem Zuge von Energie, der sich so neu und ungewohnt in seinem Antlitz, in seiner ganzen Haltung zeigte, und der doch wohl längst dagewesen war, nur verwischt und untergegangen in der Blasirtheit, wie so vieles Andere. Ja wohl, die versunkene Welt fing an heraufzusteigen aus ihrer Tiefe, der nahende Sturm hatte sie wachgerufen, der allein – Eugenie fühlte fast mit einer Art von Bitterkeit, daß sie keinen Theil an diesem Erwachen hatte, daß sie das Zauberwort nicht besessen, das den Bann gelöst; er riß sich ja mit eigener Kraft empor, was bedurfte es dazu einer fremden Hand!

„Es tut mir leid, daß ich Deinen Spazierritt abkürzen mußte,“ unterbrach Arthur endlich das Schweigen, aber es geschah in jener höflich kühlen Weise, die er stets ihr gegenüber annahm; „der Tag ist herrlich!“

„Ich fürchte, Dir war ein Ritt in’s Freie nothwendiger als mir!“ In den Ton der jungen Frau mischte sich eine vielleicht unbewußte Besorgniß. „Du siehst so bleich aus, Arthur!“

„Ich bin die Arbeit nicht gewohnt!“ sagte er mit einer Art von herbem Spott. „Das kommt von der Verweichlichung! [176] Ich kann nicht einmal leisten, was jeder meiner Beamten täglich leistet.“

„Mir scheint eher, Du treibst Deine Leistungen bis in’s äußerste Extrem,“ entgegnete Eugenie rasch. „Den Tag über verläßt Du kaum mehr Dein Arbeitszimmer, und des Nachts sehe ich dort bis an den Morgen hin Licht brennen.“

Eine schnelle Röthe flog über die Züge des jungen Mannes.

„Seit wann wendest Du denn den Fenstern meines Zimmers eine solche Aufmerksamkeit zu?“ fragte er mit ruhiger, aber tiefer Bitterkeit. „Ich glaubte nicht, daß sie überhaupt für Dich existirten.“

[187] Jetzt war die Reihe des Erröthens an der jungen Frau; aber sie bemeisterte schnell die aufsteigende Gluth und erwiderte fest: „Seit ich weiß, daß die Gefahr, die Du so entschieden ableugnetest, mit jedem Tage näher kommt. Weshalb täuschtest Du mich über die Tragweite dieses Streites und über seine möglichen Folgen?“

„Ich wollte Dich nicht beunruhigen.“

Sie machte eine ungeduldige Bewegung. „Ich bin kein furchtsames Kind, das man mit so ängstlicher Schonung umgeben muß, und wenn uns irgend etwas droht –“

„Uns?“ unterbrach sie Arthur. „Verzeih, aber die Gefahr droht doch höchstens mir allein. Ich habe nie daran gedacht, Dich als Kind zu behandeln; aber ich habe es für meine Pflicht gehalten, Baroneß Windeg nicht mit Dingen zu behelligen, die ihr wohl so gleichgültig sein müssen und in Kurzem so fremd sein werden, wie der Name, den sie jetzt noch trägt.“

Der Ton der Erwiderung war eiskalt, und es war ihr eigener Ton, den sie oft genug ihm gegenüber angewendet hatte, wenn sie es für nöthig fand, ihre Herkunft und das Gezwungene ihrer Vermählung geltend zu machen. Jetzt gab man ihr selber eine Lehre damit. In den dunkeln Augen der jungen Frau blitzte etwas wie Zorn, als sie dieselben auf ihren Gatten richtete.

„Und darauf hin verweigerst Du mir also jede Auskunft über Deine Angelegenheiten?“

„Wenn Du sie wünschest – nein.“

Eugenie schien einige Secunden lang mit sich zu kämpfen. „Du hast Deinen Bergleuten ihre Forderungen verweigert?“ fragte sie endlich.

„Was davon zu bewilligen war und was die Leute aus sich selbst verlangten, habe ich bewilligt. Mit Hartmann’s extremen Forderungen ist überhaupt nicht zu rechten; sie laufen in ihren nothwendigen Consequenzen auf Zerstörung aller Disciplin, auf Anarchie hinaus und sind geradezu beleidigend. Er hätte schwerlich gewagt, sie zu stellen, wüßte er nicht, was in diesem Kampfe für mich auf dem Spiele steht.“

„Und was steht auf dem Spiele?“ fragte Eugenie in athemloser Spannung. „Dein Vermögen?“

„Mehr noch – die Existenz!“

„Und Du wirst nicht nachgeben?“

„Nein!“

Die junge Frau blickte stumm auf ihren Mann, auf diesen Mann, der vor noch nicht drei Monaten keine „Scene“ mit ihr ertragen konnte, weil sie seine „Nerven“ angriff, und der jetzt mit dieser Ruhe einem Kampfe die Stirn bot, in dem es sich um seine Existenz handelte. War er wirklich noch derselbe? Es hatte einen eisernen Klang, dieses Nein, und sie fühlte, daß er es ebenso eisern auch der wildesten Drohung entgegensetzen würde.

„Ich fürchte, Hartmann treibt den Streit bis zum Aeußersten!“ entgegnete sie. „Er haßt Dich.“

Ein verächtliches Lächeln zuckte um Arthur’s Lippen. „Das weiß ich! Diese Empfindung ist durchaus gegenseitig.“

Eugenie dachte an die wild flammenden Augen oben auf der Höhe, als sie den Namen ihres Gatten nannte, und es überkam sie auf einmal eine jähe Angst.

„Du solltest den Haß dieses Mannes nicht unterschätzen Arthur. Er ist furchtbar in seinen Leidenschaften, wie in seiner Energie.“

Arthur richtete einen langen finsteren Blick auf sie. „Kennst Du ihn so genau? Freilich, Dir ist ja dieser Blousenheld von jeher bewundernswerth erschienen! Eine wohlfeile Energie, die auf Unmöglichkeiten trotzt und eher Hunderte mit sich in’s Unglück reißt, ehe sie ein Wort der Vernunft hört! Aber auch Hartmann könnte eine Mauer finden, an der sein starrer Eisenkopf sich vergebens versucht; von mir wenigstens wird er nichts erzwingen, und müßte ich den Kampf durchfechten bis zum eigenen Untergange.“

Er hielt plötzlich sein Pferd an, und Eugenie that in demselben Moment das Gleiche. Der Waldweg durchschnitt hier eine Windung der Fahrstraße, und in derselben sahen sie gerade das, was sie vermeiden wollten, eine Schaar von Bergleuten, die hier Halt gemacht hatte und auf irgend etwas zu warten schien. Arthur runzelte die Stirn.

„Es scheint, die Begegnung soll uns nun einmal nicht erspart bleiben!“

„Wollen wir umkehren?“ fragte Eugenie leise.

„Zu spät! Sie haben uns bereits bemerkt. Ausweichen läßt sich hier nicht und die Umkehr würde Flucht sein. Es ist schlimm, daß wir gerade zu Pferde sind; das wird sie noch mehr reizen, aber wir dürfen hier keine Schwäche zeigen; wir müssen vorwärts.“

„Und doch hast Du dieses Zusammentreffen gefürchtet?“

Arthur sah sie groß an. „Ich? Nur Du solltest ihnen nicht [188] begegnen. Jetzt läßt es sich freilich nicht vermeiden, aber wenigstens bist Du nicht mehr allein. Halte Afra fest im Zügel und bleibe dicht an meiner Seite! Vielleicht geht es dennoch ohne Conflict ab.“

All diese Worte wurden leise und rasch gewechselt, während sie kaum eine Minute lang still hielten. Jetzt ritten sie im langsamen Schritt wieder vorwärts und hinaus auf die Fahrstraße, wo man sie allerdings schon bemerkt hatte.

Arthur hatte Recht. Die Art der Begegnung konnte nicht schlimmer sein. Die Leute waren in aufgeregtem Zustande, erhitzt und erbittert durch die auf den Hütten vorgefallenen Scenen; sie fingen bereits an, schwer unter den Folgen ihres Widerstandes zu leiden, und jetzt sahen sie ihren Chef, der ihren Forderungen durchaus nicht nachgeben wollte, hoch zu Roß, an der Seite seiner vornehmen Gemahlin und, wie sie meinten, von einem Vergnügungsritt zurückkommend, – ein gefährlicher Anblick für Menschen, die bereits mit dem Mangel kämpften! Ein bedenkliches Murren wurde laut. Schon waren halblaute Drohungen, beleidigende Worte gefallen; sie verstummten zwar, als die Beiden die Chaussee erreichten, aber dafür bildete jetzt die ganze Schaar, wie auf Verabredung, eine fest geschlossene Masse, die bereit schien, den Reitern den Durchgang zu wehren.

Arthur’s Lippen zeigten wieder jenes leise nervöse Beben, das bei ihm das einzige äußere Zeichen der Erregung war, aber seine Hand bebte nicht im Geringsten, als er Afra’s Zügel ergriff, um das Thier auf alle Fälle dicht neben sich zu halten.

„Glück auf!“

Der Gruß blieb unbeantwortet. Nicht ein Einziger aus der ganzen Schaar erwiderte ihn. Statt dessen schossen feindselige Blicke von allen Seiten auf die Beiden, und die zunächst Stehenden drängten noch dichter heran.

„Wollt Ihr uns nicht durchlassen?“ fragte Arthur ernst. „Die Pferde werden unruhig, wenn Ihr so herandrängt. Gebt Raum!“

Trotz der Gefahr der Situation, die sie vollkommen begriff, blickte Eugenie doch überrascht auf ihren Gatten. Es war das erste Mal, daß sie diesen Ton von seinen Lippen hörte; er klang sehr ruhig, aber er hatte nichtsdestoweniger die volle Autorität des Herrn seinen Untergebenen gegenüber. Dieses Benehmen Arthur’s war immerhin ein Wagniß in solchem Moment, aber es wäre unbedingt geglückt, wäre die Schaar ohne Führer gewesen; sie hätte diesem Tone nachgegeben. Jetzt dagegen wendeten sich Aller Augen nach einer einzigen Richtung, als erwarteten sie von dort allein das Signal zur Nachgiebigkeit oder zum Widerstande. Dort drüben stand Ulrich Hartmann, der soeben von der Höhe herabgekommen war und den man wahrscheinlich hier erwartet hatte. Er stand unbeweglich, die Arme über einander geschlagen, die Augen fest auf Berkow und dessen Gattin gerichtet, aber es war nichts Gutes, was in diesen Augen geschrieben stand.

Arthur’s Blicke waren denjenigen der Uebrigen gefolgt. Er wandte sich jetzt vollends um.

„Hartmann, Sie sind auch heute der Führer? Nun, so sorgen Sie auch dafür, daß man uns durchläßt! Wir warten.“

Hätte in diesen Worten nur die leiseste Spur eines Befehls oder einer Bitte gelegen, gleichviel welches von beiden, es wäre der Funke im Pulverfaß gewesen, und Ulrich schien in der That nur auf diesen Funken zu warten. Aber dieses kühle Verlangen, er solle hier Ordnung schaffen, das dies als eine selbstverständliche Pflicht Hartmann’s voraussetzte und zugleich seine Autorität anerkannte, frappirte ihn doch, ohne ihn gleichwohl umzustimmen. Er kam langsam heran.

„Ja so, Sie möchten weiter reiten, Herr Berkow.“

„Gewiß! Sie sehen es ja, daß wir nach der anderen Seite hinüber wollen.“

Ein vernichtender Hohn blitzte in Ulrich’s Zügen auf. „Und dazu rufen Sie mich her? Sie sind ja der ‚Herr‘ Ihrer Werke und Ihrer Arbeiter; befehlen Sie doch, daß man Ihnen Platz macht! Oder“ – hier wurde seine Stimme wieder dumpf und drohend – „glauben Sie vielleicht jetzt, daß ich hier Herr bin und daß ich nur ein Wort zu sagen brauche, um Sie – um es Ihnen zu zeigen?“

Eugenie war bleich geworden, während sie ihr Pferd dichter an das ihres Gatten drängte. Sie wußte freilich, daß jene sprühenden Augen nicht sie bedrohten, aber für sich zitterte sie auch nicht. Jetzt fehlte ihr der Muth, die Macht geltend zu machen, der sich Ulrich vorhin gebeugt. Sie ahnte, daß jene Macht ihre Wirkung versagen würde, so lange er sie an der Seite ihres Mannes sah.

„Hundert sind immer Herr gegen Einen!“ sagte Arthur kalt. „Wenn es sich nämlich um ein Niederschlagen handelt, aber das meinten Sie doch wohl nicht, Hartmann? Oder würden Sie sich nicht sicher fühlen, wenn Sie jetzt zufällig allein unter meine Beamten geriethen? Ich denke, ich bin es hier, so gut wie in meinem Hause.“

Ulrich gab keine Antwort; er blickte finster empor zu dem jungen Manne, der mit so vollkommener Ruhe vor ihm hielt und ihn mit den klaren braunen Augen so fest anschaute wie damals, als der Streit zuerst ausbrach. Freilich damals hatte er in seinem Conferenzzimmer gestanden, umgeben und geschützt von seinen Beamten; jetzt befand er sich allein, inmitten einer aufgeregten Menge, die nur auf das Signal wartete, um mit Beleidigungen, vielleicht mit Gewaltthätigkeiten loszubrechen, und doch zuckte keine Muskel dieses Gesichtes, und doch war die Haltung so stolz und sicher, der Blick so furchtlos, als wisse und fühle er sich selbst hier als Herr.

Diese Ruhe und Sicherheit verfehlte nicht ihren Eindruck auf die an’s Gehorchen gewöhnte Menge. Es kam nur darauf an, wem sie diesmal gehorchte. Zum zweiten Male wendeten sich die Blicke fragend auf Ulrich, der noch immer stumm dastand. Er sah wieder empor, dann seitwärts auf das bleiche Antlitz Eugeniens. Auf einmal trat er zurück.

„Macht Platz, daß die Pferde durch können! Dort nach links hin!“

Dem Befehle wurde sofort Folge geleistet, mit einer Eile, daß es den Eindruck machte, als gehorchten die Leute nicht ungern. In weniger als einer Minute war eine breite Gasse geöffnet, durch die Berkow und seine Gattin ungehindert davonritten. Sie bogen jenseits der Chaussee wieder in den Waldweg ein und verschwanden gleich darauf zwischen den Bäumen.

„Höre, Ulrich!“ – Lorenz trat mit einer Art von gutmüthigem Vorwurf an seinen Cameraden heran – „vorhin hast Du mich angefahren, weil ich oben auf den Hütten zur Ruhe sprach – was hast Du denn jetzt gethan?“

Der Angeredete starrte noch immer nach den Bäumen hinüber; jetzt, wo die Persönlichkeit des jungen Chefs nicht mehr wirkte, schien er seine großmüthige Aufwallung schon wieder zu bereuen.

„‚Hundert gegen Einen!‘“ murmelte er bitter, „und ‚Ich bin sicher in Eurer Mitte!‘ Ja wohl, an schönen Redensarten fehlt’s ihnen nie, wenn sie sich fürchten, und Unsereiner beißt auch immer wieder auf den alten Köder.“

„Der sah nicht aus, als ob er sich fürchtete!“ sagte Lorenz bestimmt. „Er ist überhaupt nicht wie sein Vater. Ulrich, wir sollten doch –“

„Was sollten wir?“ unterbrach ihn Ulrich heftig. „Nachgeben, nicht wahr? Damit Ihr nur wieder Ruhe und Frieden habt, und er es nachher ärger treibt, als es der Vater je getrieben, wenn er erst merkt, daß ihm Alles glückt. Wenn ich ihn heute fortließ, so war es, weil er nicht allein war, weil er seine Frau bei sich hatte und weil –“ er brach plötzlich ab. Der stolze verschlossene Mann hätte sich eher die Zunge abgebissen, als seinen Cameraden gegenüber bekannt, welche Macht ihn hier allein zur Schonung gezwungen.

Arthur und Eugenie waren inzwischen schweigend weiter geritten. Ob die gemeinsam überstandene Gefahr sie näher aneinandergekettet, sie ließen, obgleich der nunmehr breitere Weg hinreichenden Raum gewährte, die Pferde noch immer Seite an Seite gehen und noch immer hielt Arthur Afra’s Zügel in der Hand, obwohl jetzt nichts mehr zu fürchten und die weitere Sorgfalt bei einer so kühnen Reiterin gänzlich überflüssig war.

„Begreifst Du jetzt die Gefahr Deines heutigen Ausfluges?“ fragte er endlich.

„Ja! Aber auch die Gefahr Deiner Lage.“

„Ich muß sie tragen. Du hast selbst gesehen, welchen blinden Gehorsam sich dieser Hartmann zu erzwingen weiß. Ein Wort von ihm, und man ließ uns ungehindert vorüberreiten; auch nicht ein Einziger wagte zu murren, und doch warteten sie allesammt nur auf sein Zeichen, um sich gegen uns zu wenden.“

[189] „Aber er gab dieses Zeichen nicht!“ sagte Eugenie, das letzte Wort schwer betonend.

Arthur richtete wieder den seltsam langen und düstern Blick auf sie. „Nein! Heute nicht! Er wird wohl am besten wissen, was ihn zurückhält. Aber er kann es morgen, übermorgen thun, wenn wir wieder einander begegnen; ich bin vollkommen gefaßt darauf.“

Beim Ausgange des Waldes, der jetzt vor ihnen lag, setzten sie die Pferde in schnelleren Trab und hielten eine Viertelstunde später auf der Terrasse des Landhauses. Arthur schwang sich aus dem Sattel – wie leicht und elastisch im Vergleich mit seinen ehemaligen trägen Bewegungen! Er streckte die Hand aus, um auch seiner Gattin herabzuhelfen; aber auf dem Antlitze der jungen Frau lag noch immer eine tiefe Blässe; sie bebte leise zusammen, als er den Arm um sie legte, und das Beben wurde noch heftiger, als dieser Arm sie eine Secunde länger hielt als sonst, wenn er ihr diesen Dienst leistete.

„Hast Du Dich geängstigt?“ fragte er leise, während er ihren Arm nahm, um sie in’s Haus zu führen.

Eugenie gab keine Antwort. Ja wohl, sie hatte Todesangst ausgestanden bei jener Scene; aber sie wollte es eher ertragen, von ihm für feig gehalten zu werden, als ihn ahnen lassen, daß sie um seinetwillen gezittert, und doch schien eine Ahnung davon in ihm aufzudämmern.

„Hast Du Dich geängstigt, Eugenie?“ wiederholte er. Seine Stimme klang so weich, so verschleiert, und dabei zog er ihren Arm fest und fester an seine Brust. Sie hob das Auge zu ihm empor; da war es wieder, das tiefe mächtige Aufleuchten in dem seinigen, aber heißer, verrätherischer, als sie es je gesehen, und er beugte sich tief herab zu ihr, wie um keinen Laut ihrer Antwort zu verlieren.

„Arthur, ich –“

„Der Herr Baron Windeg und der älteste Herr Sohn sind vor einer halben Stunde angekommen!“ rapportirte ein eilig herantretender Diener, und die Meldung war kaum ausgesprochen, als auch schon der junge Baron, der wahrscheinlich vom Fenster aus die Ankommenden gesehen hatte, erschien und mit dem ganzen Feuer seiner achtzehn Jahre die Treppe herabstürzte, um die Schwester zu begrüßen, die er seit ihrer Vermählung noch nicht wieder gesehen hatte.

„Ah, Curt, Du bist es!“ Die junge Frau fühlte fast einen schmerzenden Stich bei dieser sonst so heiß ersehnten Ankunft des Vaters und Bruders. Arthur hatte ihre Hand in dem Moment fallen lassen, wo der Name Windeg genannt wurde. Sie sah, wie es sich eiskalt über seine Züge legte, und hörte, wie es eiskalt aus seiner Stimme klang, als er jetzt höflich fremd den jungen Schwager begrüßte.

„Du begleitest uns nicht hinauf?“ fragte sie, als er am Fuße der Treppe stehen blieb.

„Entschuldige, wenn ich Dich bitte, Deinen Vater vorläufig allein zu empfangen. Ich hatte etwas – vergessen und bin soeben daran erinnert worden. Ich werde möglichst bald dem Herrn Baron meine Aufwartung machen.“

Er trat zurück, während Eugenie und ihr Bruder allein die Stufen hinaufstiegen. Der Letztere schien etwas befremdet zu sein; aber ein Blick auf die bleichen Wangen seiner Schwester hieß ihn die Frage unterdrücken, die ihm bereits auf den Lippen schwebte. Freilich, er wußte ja, wie hier die Dinge standen. Hatte dieser „Parvenu“ sich vielleicht auf dem Spazierritte neue Kränkungen gegen seine Gemahlin erlaubt? Der junge Baron schickte einen drohenden Blick hinunter und wandte sich dann mit aufflammender Zärtlichkeit zu seiner Schwester.

„Eugenie, ich freue mich so sehr, Dich wiederzusehen, und Du –?“

Die junge Frau zwang sich zu einem Lächeln. „Ich freue mich ja auch, Curt, unendlich freue ich mich!“ Sie blickte gleichfalls hinunter in’s Vestibul, aber es war leer. Arthur mußte es bereits verlassen haben. Im beleidigten Stolze richtete sie sich plötzlich hoch auf. „Laß uns zum Vater gehen! Er wartet!“




Unter allen Bewohnern der Berkow’schen Besitzungen befand sich vielleicht nur ein Einziger, der den so jäh und heftig entbrannten Streit zwischen dem Chef und seinen Untergebenen noch von einer andern als der bedrohlichen Seite nahm, und dieser Eine war Herr Wilberg. In dem blonden Kopfe des jungen Beamten steckte so viel überspannte und unklare Romantik, daß er nicht umhin konnte, das Gefährliche der Situation und die dumpfe Gährung, die jeden Augenblick in eine Katastrophe ausbrechen konnte, höchst interessant zu finden. Freilich war seine Bewunderung von Ulrich Hartmann völlig auf den jungen Chef übergesprungen, seit dieser so plötzlich an die Spitze der Verwaltung getreten war und die Zügel mit einer Festigkeit ergriffen hatte, die Niemand dieser schwachen verweichlichten Hand zugetraut; aber die angestrengte Thätigkeit, mit der Arthur es versuchte, sich auf dem ihm fremden Felde heimisch zu machen und sich gegen die von allen Seiten herandrohenden Verluste und Gefahren zu stemmen, forderte höchstens die Theilnahme und Unterstützung der Oberbeamten; die jüngeren Herren des Personals genossen jetzt, wo ihre Functionen größtentheils ruhten, einer unfreiwilligen Muße, und Herr Wilberg seinerseits benutzte diese, um möglichst tief in seine sogenannte Leidenschaft für die gnädige Frau unterzutauchen und sich möglichst unglücklich darin zu fühlen.

Die Wahrheit zu sagen, wurde ihm letzteres etwas schwer, denn er befand sich im Grunde ganz behaglich bei der hoffnungslosen Leidenschaft; um ihm poetisch zu erscheinen, mußte eine Liebe nothgedrungen unglücklich sein; mit einer glücklichen hätte er wirklich nichts anzufangen gewußt. Diese Anbetung aus der Ferne genügte ihm vollkommen, und er fand hinreichende Gelegenheit, sich ihr hinzugeben, da er dem Gegenstande derselben jetzt nur selten oder niemals nahe kam. Seit jenem Tage, wo er die gnädige Frau durch den Park zurückbegleitete, hatte er sie nur ein einziges Mal gesprochen. Eugenie hatte bei einer zufälligen Begegnung von ihm Näheres über die Bedeutung des ausgebrochenen Strikes zu erfahren gesucht. Nun aber war von Seiten Berkow’s die strenge Weisung an sämmtliche Beamte ergangen, seine Gemahlin in keiner Art zu beunruhigen, und Wilberg kam dieser Weisung auch insofern nach, als er Alles verschwieg, was auf die augenblickliche Lage und die Verhältnisse Bezug hatte, dagegen konnte er nicht umhin, der jungen Frau die Scene, die im Conferenzzimmer zwischen ihrem Gemahl und Hartmann gespielt, möglichst getreu zu schildern, und da er nun einmal Alles in’s Romantische hinaufschrauben mußte, so nahm diese Scene in seinem Munde ein so dramatisches Gepräge an, und der junge Chef mit seiner plötzlich aufflammenden Energie wuchs zu einer solchen Heldenhaftigkeit empor, daß es unbegreiflich war, wie die Schilderung so ganz ihre Wirkung verfehlte.

Eugenie hatte zwar mit sichtbarer Spannung zugehört, aber sie war auffallend bleich und ungewöhnlich still dabei geworden, und der Erzähler wartete am Schluß vergebens auf irgend eine Aeußerung von ihren Lippen. Sie hatte ihm, ohne die Sache auch nur mit einen Worte weiter zu berühren, höflich kühl gedankt und ihn dann höflich kühl entlassen, und der junge Mann war davon gegangen, höchst befremdet und etwas beleidigt über diesen Mangel an Theilnahme. Also auch die gnädige Frau hatte kein Verständniß für die Poesie solcher Situationen! Oder hatte sie dieselbe vielleicht nur deshalb nicht, weil ihr Mann der Held derselben war? Ein Anderer würde wahrscheinlich triumphirt haben bei dem Gedanken, aber Wilberg’s Dichterphantasie zeichnete sich gewöhnlich dadurch aus, daß sie natürliche Empfindungen geradezu auf den Kopf stellte. Er fand sich gekränkt, daß der begeisterte Vortrag, sein Vortrag, so ganz die Wirkung verfehlt hatte; er fühlte überhaupt in der Nähe Eugeniens stets etwas von der „Gletscheratmosphäre“, die sie nach der Behauptung des Oberingenieurs umwehte. Sie war stets so fern, so hoch und unerreichbar und war es gerade dann am meisten, wenn sie sich voll Güte herabließ. Es blieb dieser Herablassung gegenüber wirklich keine andere Wahl, als entweder unbedingt anzubeten oder sich schrecklich unbedeutend und nichtig vorzukommen, und Herr Wilberg, dem Letzteres in keinem Falle passiren konnte, zog natürlich das Erstere vor.

In diese und ähnliche Gedanken versenkt, war er bis in die Nähe der Wohnung des Schichtmeisters gekommen, und da er wie gewöhnlich weder rechts noch links sah, traf er auf der Brücke so dicht mit einer jungen Dame zusammen, die eben von drüben herkam, daß diese sich mit einem leisen Schrei und einem Sprunge seitwärts vor dem stürmischen Anprall in Sicherheit brachte. Wilberg sah jetzt erst auf und stotterte eine verlegene Entschuldigung.

[190] „Verzeihen Sie, Fräulein Melanie! Ich sah Sie nicht. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich gar nicht auf den Weg achtete.

Fräulein Melanie war die Tochter des Oberingenieurs, dessen Haus der junge Beamte zuweilen besuchte, aber seine Ideen nahmen bekanntlich einen so hohen Flug, daß er wenig auf ein sechszehnjähriges Mädchen achtete, das allerdings eine zierliche Gestalt, ein allerliebstes Gesicht und ein Paar schelmische Augen, sonst aber gar nichts Romantisches besaß. Dergleichen war ihm lange nicht poetisch genug, und die junge Dame ihrerseits hatte sich bisher auch nicht viel um den blonden Herrn Wilberg bekümmert, der ihr ziemlich langweilig vorkam, der es jetzt aber doch für nothwendig hielt, seine unfreiwillige Unart durch einige höfliche Worte wieder gut zu machen.

„Sie kommen jedenfalls von einem Spaziergange zurück, Fräulein Melanie? Waren Sie weit hinaus?“

„Ach nein, gar nicht weit. Papa hat mir alle größeren Spaziergänge verboten und sieht es überhaupt nicht gern, wenn ich jetzt allein ausgehe. Sagen Sie, Herr Wilberg, ist es denn wirklich so gefährlich mit unseren Bergleuten?“

„Gefährlich? Wie meinen Sie das? fragte Wilberg diplomatisch.

„Nun, ich weiß nicht, aber Papa ist bisweilen so ernst, daß mir angst und bange wird; er hat auch schon davon gesprochen, die Mama und mich zum Besuch in die Stadt zu schicken.“

Der junge Mann legte sein Gesicht in melancholische Falten. „Die Zeiten sind ernst, Fräulein Melanie, furchtbar ernst! Ich kann es Ihrem Herrn Vater nicht verargen, wenn er Gattin und Tochter in Sicherheit wissen will, wo wir Männer stehen und kämpfen müssen bis auf den letzten Mann.“

„Bis auf den letzten Mann?“ schrie die junge Dame entsetzt auf. „Um Gotteswillen! Mein armer Papa!“

„Nun, ich meinte das nur bildlich!“ beruhigte sie Wilberg. „Von einer persönlichen Gefahr ist keine Rede, und sollte es dennoch dazu kommen, so schließen den Herrn Oberingenieur ja seine Jahre, seine Pflichten als Gatte und Vater davon aus. Dann treten wir Jüngeren in die Bresche!“

„Sie auch?“ fragte Melanie mit einem etwas mißtrauischen Blick.

„Gewiß, Fräulein Melanie, ich zuerst!“

Herr Wilberg, der, um der Betheuerung noch mehr Nachdruck zu geben, die Hand feierlich auf die Brust gelegt hatte, machte urplötzlich einen Satz rückwärts und retirirte dann eiligst nach der anderen Seite hinüber, wohin ihm Melanie mit gleicher Schnelligkeit folgte. Dicht hinter ihnen stand die riesige Gestalt Hartmann’s, der unbemerkt über die Brücke gekommen war, und dessen Gesicht jetzt ein verächtliches Lächeln überflog, als er den sichtbaren Schreck der beiden jungen Leute gewahrte.

„Sie brauchen sich nicht so zu fürchten, Herr Wilberg!“ sagte er ruhig. „Ich thue Ihnen nichts zu Leide.“

Der junge Beamte schien doch die Lächerlichkeit seines Zurückweichens zu fühlen und einzusehen, daß er als Begleiter und Beschützer einer jungen Dame nothgedrungen ein anderes Benehmen zeigen müsse. Er raffte deshalb seinen Muth zusammen, stellte sich dicht vor die nicht minder ängstliche Melanie und entgegnete mit ziemlicher Festigkeit:

„Ich traue es Ihnen auch nicht zu, Hartmann, daß Sie uns hier auf offener Straße anfallen werden.“

„Die Herren Beamten scheinen doch so etwas zu glauben!“ spottete Ulrich. „Sie laufen allesammt davon, sobald ich mich nur blicken lasse, als wäre ich ein Straßenräuber. Nur Herr Berkow macht es anders,“ in Hartmann’s Stimme grollte es wieder, als könne er den gehaßten Namen nicht ruhig aussprechen. „Der bietet mir allein die Spitze, und wenn ich die ganze Knappschaft hinter mir habe!“

„Herr Berkow und die gnädige Frau sind auch die Einzigen auf den ganzen Werken, die nichts ahnen – –“ sagte Wilberg unvorsichtig.

„Die was nicht ahnen?“ fragte Ulrich, finster und langsam das Auge auf ihn richtend.

Ob der junge Beamte gereizt war durch den schonungslosen Spott über sich und seine Collegen, ob er es für nothwendig hielt, Melanie gegenüber den Helden zu spielen, genug, er bekam plötzlich einen Anfall von Wuth, wie er furchtsame Naturen nicht selten in’s Extrem treibt, und erwiderte rasch:

„Wir laufen nicht vor Ihnen, Hartmann, weil Sie uns die Leute aufwiegeln und jede Verständigung mit ihnen unmöglich machen, deshalb nicht! Aber wir gehen Ihnen aus dem Wege, weil,“ hier senkte er die Stimme, so daß das junge Mädchen seine Worte nicht verstehen konnte, „weil die Stricke gerissen sind, als Sie damals mit Herrn Berkow anfuhren – wenn Sie es denn doch wissen wollen, warum Ihnen Alles so scheu ausweicht.“

Die Worte waren sehr unbesonnen, sehr keck, zumal für einen Mann wie Wilberg, und er hatte auch in der That keine Ahnung von ihrer Wirkung gehabt. Ulrich zuckte auf, mit einem unterdrückten Wuthschrei, der Alles fürchten ließ, aber in demselben Moment wurde sein Gesicht leichenblaß. Die drohend geballte Faust sank nieder und umklammerte krampfhaft das Eisengitter der Brücke. Mit furchtbar arbeitender Brust, mit zusammengebissen Zähnen stand er da, und sein Blick flammte auf den vor ihm Stehenden nieder, als wolle er ihn zerschmettern.

Das war eine zu harte Probe für den Muth der beiden jungen Leute. Wer eigentlich zuerst davon gelaufen war und wer den Anderen mit sich fortgerissen hatte, das wußten sie nicht, aber sie liefen Beide in möglichster Eile, und erst als mehrere Häuser zwischen ihnen und dem Gefürchteten lagen und sie sich überzeugten, daß er ihnen nicht folge, mäßigten sie aufathmend ihre Schritte.

„Um Gotteswillen, was war das, Herr Wilberg?“ fragte Melanie angstvoll. „Was haben Sie denn dem schrecklichen Menschen, dem Hartmann, gesagt, daß er so auffuhr? Welche Verwegenheit, ihn noch zu reizen!“

Der junge Mann lächelte, wenn auch mit bleichen Lippen. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß ihm der Vorwurf der Verwegenheit gemacht wurde, und er war sich bewußt, ihn im vollsten Maße verdient zu haben. Jetzt erst sah er die ganze Größe seines Wagnisses ein.

„Der beleidigte Stolz!“ sagte er noch etwas athemlos. „Die Pflicht, Sie zu schützen, Fräulein – Sie sehen, er wagte sich trotzdem nicht an uns.“

„Nein, wir liefen noch zu rechter Zeit davon!“ meinte Melanie ganz naiv. „Und es war ein Glück, daß wir es thaten, es wäre uns sonst am Ende an’s Leben gegangen.“

„Ich lief nur um Ihretwillen!“ erklärte Wilberg empfindlich. „Ich allein hätte ihm jedenfalls stand gehalten und hätte es selbst mein Leben gegolten.“

„Das wäre aber doch traurig gewesen!“ bemerkte die junge Dame. „Sie machen so schöne Gedichte.“

Wilberg erröthete in angenehmster Ueberraschung. „Sie kennen meine Gedichte? Ich glaubte nicht, daß in Ihrem Hause – der Herr Oberingenieur ist etwas eingenommen gegen meine poetische Richtung.“

„Papa sprach neulich mit dem Director darüber!“ sagte Fräulein Melanie und stockte dann plötzlich. Sie konnte dem Dichter unmöglich sagen, daß ihr Vater die Verse, die ihrem sechszehnjährigen Geschmack so rührend erschienen, mit beißendem Spott und den allermalitiösesten Commentaren seinem Collegen vorgelesen und das Blatt endlich auf den Tisch geworfen hatte mit den Worten: „Und mit solchem Unsinn bringt der Mensch jetzt seine Zeit hin!“ Das war ihr schon damals höchst ungerecht und grausam gegen den jungen Mann erschienen, der ihr gar nicht mehr langweilig vorkam, seit er eine unglückliche Liebe hatte, wie sich ja sonnenklar aus seinen Gedichten ergab. Das erklärte und entschuldigte alle Absonderlichkeiten seines Wesens. Sie beeilte sich, ihm zu versichern, daß sie ihrerseits seine Verse sehr schön finde, und fing in aufrichtiger Theilnahme an, ihn, wenn auch noch etwas schüchtern, über sein vermeintliches Unglück zu trösten.

Herr Wilberg ließ sich trösten; er fand es so über alle Beschreibung wohlthuend, endlich ein Wesen anzutreffen, das ihn verstand, und noch weit wohlthuender, sich von diesem Wesen bemitleiden zu lassen. Es war ein rechtes Unglück, daß sie bereits die Wohnung des Oberingenieurs erreicht hatten und daß dieser Herr in höchsteigener Person am Fenster stand, mit verwunderten und etwas kritischen Blicken das junge Paar betrachtend; Wilberg hatte keine Lust, die unvermeidlichen Spottreden seines Vorgesetzten auszuhalten, wenn Melanie sich etwa beikommen ließ, die Begegnung mit Hartmann und ihren beiderseitigen Wettlauf zu erzählen. Er verabschiedete sich daher von der jungen Dame mit der Versicherung, daß sie Balsam in sein Herz geträufelt [191] habe, und Fräulein Melanie stieg die Treppe hinauf indem sie sich den Kopf darüber zerbrach, wer denn eigentlich der Gegenstand dieser höchst interessanten unglücklichen Leidenschaft des jungen Beamten sei. –

In der Wohnung des Schichtmeisters Hartmann saß dieser am Tische, den Kopf in die Hand gestützt. Nicht weit von ihm am Fenster standen Lorenz und Martha, als Ulrich die Thür der Wohnstube öffnete. Das Gespräch der Drei verstummte bei seinem Eintritte so jäh und plötzlich, daß der junge Bergmann ohne große Mühe errathen konnte, es sei von ihm die Rede gewesen; indeß er schien nicht darauf zu achten, sondern schloß die Thür hinter sich, schleuderte seinen Hut auf den Tisch und warf sich ohne ein Wort oder einen Gruß in den großen Lehnstuhl am Ofen.

[203] „Glück auf!“ sagte der Schichtmeister, sich langsam nach ihm umwendend. „Hältst Du es nicht einmal mehr der Mühe werth, uns einen Gruß zu sagen? Ich dächte, das wenigstens könntest Du doch beibehalten!“

„Quäle mich nicht, Vater!“ stieß Ulrich ungeduldig hervor, indem er den Kopf noch weiter zurückwarf und die Hand gegen die Stirn preßte.

Der Schichtmeister zuckte die Achseln und wandte sich ab; Martha verließ ihren Platz am Fenster und setzte sich neben den Oheim, um die Arbeit wieder aufzunehmen, die sie vorhin beim Gespräch mit Lorenz hatte liegen lassen. Einige Minuten lang herrschte ein drückendes Schweigen in der Stube; endlich trat der junge Bergmann zu seinem Freunde.

„Steiger Wilms war vorhin da, um Dich zu sprechen, Ulrich; er wird in einer Stunde wiederkommen. Er ist überall herum gewesen auf den Werken der Nachbarschaft.“

Ulrich fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen quälenden Traum wegscheuchen. „Nun, wie ist’s?“ fragte er, aber die Frage klang theilnahmlos, halb mechanisch, als müsse er sich erst besinnen, wovon eigentlich die Rede sei.

„Sie schließen sich uns an!“ berichtete Lorenz. „Unser Vorgehen scheint ihnen Muth gemacht zu haben. Es bricht jetzt überall los. Die Eisenhütten oben fangen an; dann folgen die übrigen Werke, wenn ihnen nicht sofort Alles bewilligt wird – und daran ist nicht zu denken. So feiern in acht Tagen die sämmtlichen Gruben und Hütten im ganzen Bezirk.“

„Endlich!“ Ulrich fuhr wie elektrisirt in die Höhe. Fort waren auf einmal Theilnahmlosigkeit und Träumerei. Die ganze Spannkraft des Mannes war zurückgekehrt. „Endlich!“ wiederholte er tief aufathmend. „Es war auch Zeit; sie haben uns lange genug allein gelassen!“

„Weil wir allein vorgingen.“

„Mag sein! Aber wir konnten nicht warten. Die Sache lag hier anders als auf den übrigen Werken. Jeder Tag Arbeit brachte die Berkows einen Schritt vorwärts und uns einen zurück. Ist Wilms hinüber nach den Dörfern? Er muß es sofort den Cameraden mittheilen. Das wird ihnen Muth geben!“

„Thut auch Noth!“ sagte der Schichtmeister ruhig. „Es sieht nicht mehr allzufrisch aus mit dem Muthe. Seit vierzehn Tagen wird kein Fäustelschlag mehr gethan. Ihr wartet und wartet auf eine Bitte, auf eine Verhandlung wenigstens, die Eurer Meinung nach kommen muß, und drüben rührt sich nichts. Die Beamten gehen Euch aus dem Wege, und der Herr sieht wahrhaftig nicht aus, als wollte er Euch auch nur einen Daumen breit nachgeben. Ich sage Dir, Ulrich, es war hohe Zeit, daß Du Unterstützung bekamst.“

„Warum nicht gar, Vater!“ fuhr der junge Mann auf. „Wir feiern kaum zwei Wochen, und ich hab’ es ihnen vorhergesagt, daß sie sich zur Noth auf zwei Monate gefaßt machen müssen, wenn wir siegen wollen, und siegen müssen wir!“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Zwei Monate! Das hältst Du aus, und ich und der Lorenz halten es aus, aber nicht die, welche Frau und Kinder haben.“

„Sie müssen!“ sagte Ulrich kalt. „Ich habe auch gedacht, daß wir leichter und schneller durchkommen würden. Ich habe mich eben geirrt. Wenn sie es drüben nun einmal bis zum Aeußersten treiben wollen, so wollen wir ihnen dieses Aeußerste auch bis auf den letzten Tropfen zu kosten geben.“

„Oder sie uns!“ warf Lorenz ein. „Wenn der Herr wirklich –“

Ulrich stampfte wüthend mit dem Fuße. „‚Der Herr‘! Und immer nur ‚der Herr‘! Habt Ihr denn gar keine andere Bezeichnung für diesen Berkow? Ihr habt ihn ja doch früher nicht so genannt, aber seit er’s Euch in’s Gesicht gesagt hat, was er ist und sein will, da kennt Ihr gar nichts Anderes. Ich sage Euch, wenn wir durchdringen, sind wir die Herren; dann hat er nur den Namen noch und wir haben die Macht! Er weiß recht gut, daß es darauf hinausläuft. Darum sträubt er sich eben so, und darum eben müssen die ganzen Forderungen durchgesetzt werden – um jeden Preis!“

„Versuch’s!“ sagte der Schichtmeister kurz. „Sieh’ zu, ob Du allein die Welt auf den Kopf stellst! Ich rede schon lange kein Wort mehr darein.“

Lorenz nahm seinen Hut vom Fensterriegel und schickte sich zum Gehen an. „Du mußt am besten wissen, wie weit wir damit kommen. Du bist ja unser Führer.“

Ulrich’s Gesicht verfinsterte sich. „Ja, ich bin’s, aber ich habe es mir leichter gedacht, Euch zusammenzuhalten. Ihr macht mir das Ding schwer genug!“

Der junge Bergmann fuhr gekränkt auf. „Wir? Du kannst doch gewiß nicht über uns klagen; es gehorcht Dir ja Alles auf’s Wort.“

„Gehorchen!“ Ulrich streifte mit einem düster forschenden Blick das Gesicht seines Freundes. „Ja, daran fehlt es nicht [204] und darüber klage ich auch nicht, aber es ist anders geworden zwischen uns, auch zwischen uns Beiden, Karl, ganz anders. Ihr seid Alle so fremd jetzt, so kalt und scheu, und manchmal kommt es mir vor, als fürchtetet Ihr mich nur noch und – weiter nichts.“

„Nein, nein, Ulrich!“ Lorenz erhob sich mit einer Heftigkeit gegen den Vorwurf, die beinahe vermuthen ließ, er habe das Rechte getroffen. „Wir vertrauen Dir ganz, Dir allein. Was Du auch gethan hast, Du hast es für uns gethan, nicht für Dich; das wissen sie Alle; das vergißt Dir Keiner!“

„Was Du auch gethan hast, Du hast es für uns gethan!“ das klang harmlos genug und konnte auch so gemeint sein, und dennoch schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen, und Ulrich schien ihn herauszufühlen, denn er heftete das Auge mit durchbohrendem Ausdruck auf den Sprechenden. Dieser wich dem Blicke aus und sah zu Boden.

Ich muß fort! sagte er hastig. „Ich werde Dir den Wilms herüberschicken. Du bleibst doch hier, daß er Dich sicher findet?“

Ulrich gab keine Antwort. Die glühende Erregung der letzten Minuten war auf einmal wieder der tiefen Blässe gewichen, die sein Antlitz beim Eintreten gezeigt; er neigte nur bejahend den Kopf und wendete sich zum Fenster.

Der junge Bergmann verabschiedete sich von dem Schichtmeister und verließ die Stube; Martha stand auf und ging mit ihm hinaus. Das Mädchen hatte während der ganzen Unterredung kein einziges Wort gesprochen, aber unverwandt die Männer beobachtet. Sie blieb ziemlich lange draußen; indeß das konnte den Zurückbleibenden nicht auffallen. Sie wußten ja, daß ein angehendes Brautpaar manches miteinander zu flüstern hat, und sie schienen sich auch überhaupt nicht viel darum zu kümmern.

Vater und Sohn waren allein, aber das Schweigen, das jetzt zwischen ihnen herrschte, war vielleicht noch beängstigender, als vorhin bei Ulrich’s Eintritt. Dieser stand noch am Fenster, die Stirne gegen die Scheiben gedrückt, und starrte hinaus, ohne irgend etwas zu sehen. Der Schichtmeister hatte seinen Platz nicht verlassen; er saß noch immer am Tische, den Kopf in die Hand gestützt; aber das Gesicht des alten Mannes war seltsam verändert seit den letzten Wochen. Gram- und sorgenvoll war es geworden; die Furchen, die das Alter hinein gegraben, hatten sich noch vertieft, und das Auge blickte so matt und trübe, als sei all die frühere Rüstigkeit und Schlagfertigkeit, mit der er dem Sohne so manche derbe Strafpredigt gehalten, auf immer dahin. Still und gedrückt saß er da und machte keinen Versuch, das Gespräch wieder anzuknüpfen.

Dieses Schweigen wurde endlich für Ulrich unerträglich, und er wandte sich mit einer hastigen Bewegung um.

„Und Du sagst gar nichts, Vater, zu der Nachricht, die Wilms uns bringt? Ist Dir’s denn wirklich ganz gleich, ob wir siegen oder unterliegen?“

Der Schichtmeister hob langsam den Kopf in die Höhe. „Gleich ist mir’s nicht, aber freuen kann ich mich auch nicht, wenn Ihr nun wirklich mit Drohungen und Gewalt losbrecht. Wollen erst abwarten, wen es zuletzt trifft, die Herren oder uns! Freilich, Du fragst nichts danach, Du hast Deinen Willen durchgesetzt! Bist ja jetzt Herr und Gebieter auf den ganzen Werken. Zu Dir kommt Alles; vor Dir bückt sich Alles; Dir gehorcht Alles auf’s Wort – das war es ja, was Du von Anfang an gewollt hast, worauf das Ganze eigentlich angelegt war.“

„Vater!“ fuhr der junge Mann auf.

„Laß nur, laß!“ sagte der Schichtmeister abwehrend, „Du wirst mir’s nicht eingestehen und Dir selber auch nicht, aber es ist doch so. Sie sind Alle mit Dir gegangen, ich hab’s auch gethan, denn ich konnte am Ende nicht allein zurückbleiben. Sieh zu, wohin Du uns führst! Du hast die Verantwortung.“

„Habe ich etwa allein die Sache angefangen?“ fragte Ulrich heftig. „War’s nicht einstimmiger Beschluß, daß es anders werden müßte, und haben wir uns nicht das Wort gegeben, zusammenzustehen, bis es anders würde?“

„Wenn nicht bewilligt würde! Nun ist aber Alles bewilligt, so gut wie Alles, denn was Euch abgeschlagen wurde, das sind nicht die Forderungen unserer Bergleute; das hast Du erst hineingebracht, Ulrich, Du allein, und Du bist’s auch allein, der sie dabei festhält. Ohne Dich arbeiteten sie längst wieder, und wir hätten Ruhe und Frieden auf den Werken.“

Der junge Steiger warf trotzig den Kopf zurück. „Nun ja, von mir ging’s aus, und ich rechne es mir wahrhaftig nicht zur Schande, daß ich weiter sehe und sorge, als die Anderen. Wenn sie zufrieden sind, daß ihnen das alte Elend etwas erträglicher gemacht, das Bischen Leben in den Schachten mehr gesichert wird – ich bin’s nicht zufrieden und die Muthigen unter uns sind’s auch nicht. Wir verlangen viel, das ist wahr, – wir wollen nahezu Alles, und wenn Berkow noch der Millionär wäre, für den ihn alle Welt hält, er würde sich hüten, sich so in unsere Hände zu geben. Er ist’s aber nicht mehr und auf unseren Händen, wenn sie sich jetzt für ihn rühren oder nicht rühren, steht sein ganzes Wohl oder Wehe. Du weißt nicht, Vater, wie es drüben in den Bureaus und in den Conferenzen aussieht, aber ich weiß es und ich sage Dir, er mag sich sträuben, wie er will: nachgeben muß er doch, wenn es erst von allen Seiten auf ihn losstürmt.“

„Und ich sage Dir, er thut es nicht!“ erklärte der Schichtmeister. „Eher schließt er die Werke! Ich kenne den Arthur. Schon als kleiner Bube war er so, ganz anders wie Du. Du gingst immer mit Gewalt darauf los, wolltest mit Gewalt Alles zwingen, ob es nun eine Arbeit, oder ein Gartenzaun, oder ein Camerad war – der griff überhaupt nie gern irgend was an, und es dauerte immer lange, ehe er dazu kam; that er’s aber einmal, dann ließ er auch nicht wieder los, bis er das Ding unter sich hatte. Jetzt ist er aufgewacht, und jetzt wird er Euch Allen zeigen, was in ihm steckt. Nun er die Zügel einmal hat, reißt sie ihm Keiner aus den Händen. Der hat etwas von Deinem eigenen Starrkopf. Denk’ an mich, wenn Du ihn einmal zu fühlen bekommst!“

Ulrich blickte finster vor sich hin; er widersprach nicht mit seiner gewohnten Heftigkeit, aber man sah es ihm an, wie der Groll in ihm wühlte, daß er nicht widersprechen konnte. Vielleicht hatte er den „Starrkopf“ schon einmal gefühlt.

„Und wie die Sache nun auch ausfallen mag,“ fuhr der Vater fort, „meinst Du denn wirklich, daß Du noch Steiger bleiben kannst, daß sie Dich noch auf den Werken dulden nach Allem, was jetzt vorgekommen ist?“

Der junge Mann lachte höhnisch auf. „Nein, wahrhaftig nicht, wenn’s von Denen da drüben abhängt. Die nehmen mich sicher nicht wieder zu Gnaden an! Aber von Gnade soll auch keine Rede sein, dictiren werden wir ihnen unsere Forderungen, und die erste der ganzen Knappschaft ist die, daß ich bleibe.“

„Weißt Du das so gewiß?“

„Vater, beschimpfe mir meine Cameraden nicht!“ brach Ulrich los. „Sie lassen mich nicht im Stich!“

„Auch nicht, wenn die erste Forderung drüben ist, daß Du gehst? Und der Herr stellt sie, verlaß Dich darauf!“

„Nie! das erreicht er nie! Sie wissen Alle, daß ich’s nicht für mich gethan habe; mir ging es nicht schlimm; ich brauchte nicht zu darben und ich finde überall mein Brod. Ihr Elend war es, was ich ändern wollte. – Rede mir nicht davon, Vater! Sie machen mir oft Noth genug, aber wenn es Ernst wird, dann dringe ich durch, dann läßt mich Keiner im Stich. Wo ich sie hinführe, da gehen sie mit, und wo ich stehe, da stehen sie zu mir, und wenn’s in Noth und Tod wäre!“

„Früher – ja! Jetzt nicht mehr!“ Der alte Mann hatte sich erhoben, und jetzt erst, wo er sich dem vollen Lichte zuwendete, sah, man, wie gramvoll die Züge waren, und wie gebückt die noch vor Kurzem so kräftige Haltung war.

„Du hast ja selbst dem Lorenz gesagt, daß es anders geworden ist,“ fuhr er tonlos fort, „und Du weißt auch den Tag und die Stunde, wo es anders wurde. Ich brauche Dir das nicht erst zu sagen, Ulrich, aber mir – mir hat der Tag auch das Bischen Ruhe und Freude gekostet, das ich noch vom Alter hoffte. Jetzt ist’s vorbei damit, auf immer.“

„Vater!“ schrie der junge Mann auf.

Der Schichtmeister machte eine hastig abwehrende Bewegung. „Laß gut sein! Ich weiß ja nichts davon, will nichts davon wissen, denn wenn ich es gar noch klar und deutlich hören müßte, dann wäre es vollends aus. Ich habe genug an dem bloßen Gedanken; schon der hat mich fast um den Verstand gebracht.“

[205] Ulrich’s Augen flammten wieder auf, so drohend wie vorhin bei der Hindeutung seines Freundes.

„Und wenn ich Dir nun sage, Vater, daß die Stricke gerissen sind, wenn ich Dir sage, daß meine Hand nicht dabei war –“

„Sag’ mir lieber nichts!“ unterbrach ihn der Alte bitter. „Ich glaube Dir doch nicht, und die Anderen thun es auch nicht mehr. Du bist immer wild und gewaltthätig gewesen und hättest in der Wuth Deinen besten Freund niedergeschlagen. Probir’s, tritt unter Deine Cameraden und sage ihnen: ‚Es ist ein bloßes Unglück gewesen!‘ – es glaubt Dir Keiner!“

„Keiner!“ wiederholte Ulrich dumpf. „Auch Du nicht, Vater?“

Der Schichtmeister richtete das trübe Auge fest auf seinen Sohn. „Kannst Du mir hier in’s Gesicht behaupten, daß Du keine Schuld an dem Unglück hast, gar keine? daß Du –“ er kam nicht zu Ende mit der Frage, denn Ulrich hielt den Blick nicht aus, seine eben noch flammenden Augen richteten sich scheu auf den Boden; mit einer zuckenden Bewegung wendete er sich ab und – schwieg.

Es war ein langes, banges Schweigen in dem Stübchen; man hörte nur das schwere Athmen des alten Mannes. Seine Hand zitterte, als er sich über die Stirn fuhr, und die Stimme zitterte noch mehr, als er endlich leise sagte:

„Deine Hand war nicht dabei? Ob es nun gerade die Hand war, und wie es überhaupt gekommen ist – sie meinen ja alle, da ließe sich nichts untersuchen und nichts beweisen, Gott sei Dank, wenigstens nichts für die Gerichte. Mach’s mit Dir allein aus, Ulrich, was da unten geschehen ist, aber poche nicht mehr auf Deine Cameraden! Du hast ganz recht gesehen, seitdem fürchten sie Dich bloß noch. Sieh zu, wie lange Du es noch mit der Furcht allein zwingst!“

Er ging. Der Sohn machte eine Bewegung, als wolle er ihm nachstürzen; dann auf einmal blieb er stehen und schlug die geballte Hand vor die Stirn. Der Laut, der sich dabei aus seiner Brust hervorarbeitete, klang fast wie ein unterdrücktes Stöhnen. –

Es mochten wohl zehn Minuten vergangen sein, da wurde die Thür von Neuem geöffnet, und Martha trat wieder ein. Der Oheim war fort, und Ulrich lag im Lehnstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Das schien sie aber nicht weiter zu befremden; sie warf nur einen Blick auf ihn, trat dann an den Tisch und begann ihre Arbeit zusammenzulegen. Ulrich hatte sich bei dem Geräusch ihrer Schritte emporgerichtet. Er stand jetzt langsam auf und kam zu ihr hinüber; sonst pflegte er sich nie viel um das Thun und Lassen des Mädchens zu kümmern, am wenigsten mit ihr darüber zu sprechen. Heute that er beides. Vielleicht war auch für diese starre, verschlossene Natur der Moment gekommen, wo sie sich nach irgend einem Wort, irgend einem Zeichen der Theilnahme sehnte, gerade jetzt, wo alles sie floh, alles vor ihr zurückwich.

„Du und Lorenz, Ihr seid also einig?“ begann er. „Ich habe noch nicht einmal mit Dir darüber gesprochen, Martha. Mir gingen in der letzten Zeit so viel andere Dinge durch den Kopf. Ihr seid ein Brautpaar?“

„Ja!“ war die kurze, halb abweisende Antwort.

„Und wann wird die Hochzeit sein?“

„Damit hat’s noch Zeit.“

Ulrich blickte auf das Mädchen nieder, das mit fliegendem Athem und zuckenden Fingern sich mit der Arbeit beschäftigte, ohne ihn auch nur anzusehen, und ein geheimer Vorwurf schien doch in ihm aufzusteigen.

„Du hast recht gethan, Martha,“ sagte er leise, „ganz recht! Karl ist brav und hat Dich lieb, mehr vielleicht als Andere es hätten thun können. Und doch ließest Du ihn noch einmal fortgehen ohne Bescheid, nach unserer letzten Unterredung? Wann bekam er denn Dein Wort?“

„Heute vor drei Wochen.“

„Heute vor drei Wochen! So! Das war der Tag nach unserem – Schachtunglück. Da also hast Du es ihm gegeben?“

„Ja, da! Bis dahin habe ich’s nicht gekonnt! Erst an dem Tage wußte ich, daß ich seine Frau werden könnte.“

„Martha!“ In der Stimme des jungen Mannes wallte es auf, halb wie Zorn und halb wie Schmerz. Er wollte die Hand auf ihren Arm legen. Sie bebte zusammen und zuckte wie unwillkürlich seitwärts. Ulrich ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück.

„Du auch?“ sagte er dumpf. „Nun freilich, ich hätte es mir denken können!“

„Ulrich!“ brach das Mädchen aus in wildem, verzweiflungsvollem Schmerze. „O mein Gott, was hast Du uns, was hast Du Dir gethan!“

Er stand ihr noch gegenüber. Die Hand, welche er auf den Tisch stützte, zitterte; aber seine Züge hatten einen Ausdruck furchtbarer Härte und Bitterkeit angenommen.

„Was ich mir gethan habe, damit werde ich wohl auch allein fertig werden. Euch –? Nun, es will mich ja Keiner auch nur anhören! Aber nun sage ich Euch auch,“ – hier schwoll seine Stimme wieder drohend an – „jetzt ist’s genug mit den ewigen Andeutungen und Quälereien; ich halte das nicht länger aus. Glaubt, was Ihr wollt und wem Ihr wollt! Mir soll’s künftig gleich sein. Was ich angefangen habe, werde ich durchführen, Euch Allen zum Trotz, und wenn es wirklich vorbei ist mit dem Vertrauen – Gehorsam werde ich mir wohl noch zu erzwingen wissen!“

Er ging. Martha machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten, und es wäre wohl auch umsonst gewesen. Er schmetterte wüthend die Thür hinter sich zu, so daß das ganze kleine Haus davon erbebte; in der nächsten Minute hatte er es bereits verlassen.




Drüben im Berkow’schen Landhause hatte die Ankunft der Gäste wohl einiges Leben, aber keine größere Zusammengehörigkeit in den so kalt getrennten Haushalt der beiden Gatten gebracht. Obgleich die Dauer dieses Besuches nur auf einige Tage festgesetzt war, fand Arthur doch Gelegenheit und Vorwände genug, sich dem öfteren Zusammensein möglichst zu entziehen, eine Aufmerksamkeit, für die ihm sein Schwiegervater sowohl als sein junger Schwager außerordentlich dankbar waren. Der Baron kehrte erst jetzt, nach einem mehrwöchentlichen Aufenthalte auf den Rabenau’schen Gütern, nunmehr den seinigen, nach der Residenz zurück. Er hatte damals bei dem ersten Besuche seine Tochter schon am folgenden Morgen wieder verlassen müssen, und zwar trotz der furchtbaren Katastrophe, die sich gerade während seiner Anwesenheit ereignete, denn eine nähere Verwandtenpflicht rief ihn an den Sarg seines Vetters; aber selbst nachdem dieser Pflicht Genüge geleistet worden war, gab es in dem Nachlasse und auf den Gütern noch so Vieles zu ordnen, was die Gegenwart des neuen Majoratsherrn forderte. Erst jetzt war dieser in Begleitung seines ältesten Sohnes, den er hatte nachkommen lassen, auf der Rückkehr begriffen; natürlich nahm man auch diesmal den kurzen Umweg über die Berkow’schen Besitzungen, und dies um so mehr, als der junge Baron Curt die Schwester noch nicht wiedergesehen hatte.

Es schien sich indessen um mehr als einen bloßen Besuch und ein bloßes Wiedersehen zu handeln bei der Unterredung, welche am Tage nach der Ankunft in dem Salon Eugeniens stattfand und bei der Arthur wie gewöhnlich fehlte. Die junge Frau saß auf dem Sopha und hörte ihrem Vater zu, der, vor ihr stehend, soeben eine längere Auseinandersetzung beendet hatte. Curt lehnte seitwärts an einem Sessel und blickte mit dem Ausdruck gespannter Erwartung zu seiner Schwester hinüber.

Eugenie hatte die Stirn in die Hand gestützt, so daß letztere ihr Gesicht beschattete; sie veränderte ihre Stellung nicht und sah auch nicht auf, als sie leise erwiderte:

„Ich bedarf dieser Winke und Hindeutungen nicht, Papa, um zu errathen, was Du meinst – Du sprichst von einer Trennung!“

„Ja, mein Kind,“ sagte der Baron ernst, „von einer Trennung, gleichviel unter welchem Vorwande und um welchen Preis. Erzwungenes pflegt nur der Zwang zu halten; das hätten die Berkows sich sagen müssen. Jetzt, wo ich wieder Herr meines Handelns bin, wo ich nicht länger ihr Schuldner zu sein brauche, jetzt werde ich Alles daran setzen, Dich den Fesseln wieder zu entreißen, die Du einzig um meinetwillen auf Dich nahmst und die Dich, magst Du es nun leugnen oder nicht, grenzenlos unglücklich machen.“

[206] Eugenie antwortete nicht; der Vater nahm ihre Hand und setzte sich an ihre Seite.

„Der Gedanke ist Dir neu und überraschend? Mir stieg er schon damals auf, als ich die inhaltschwere Nachricht empfing, die unsere Vermögensumstände so unerwartet änderte. Freilich damals war er kaum zu verwirklichen. Was hat dieser Berkow nicht Alles aufgewendet, um die Verbindung mit uns zu erreichen! Die Möglichkeit war gar nicht denkbar, daß er eine Aufhebung zulassen würde, die ihm vollends die Kreise verschließen mußte, in die er sich durch uns Eingang erzwingen wollte, und mit einem Manne, der in seiner Gewissenlosigkeit zu Allem fähig war, ließ sich der Kampf nicht aufnehmen. Sein Tod hat das Alles mit Einem Schlage geändert, und der Widerstand seines Sohnes wird zu brechen sein. Er hat ja von jeher bei der ganzen Angelegenheit nur eine passive Rolle gespielt, sich nur zum Werkzeuge seines Vaters hergegeben; ich hoffe, er weicht einem energischen Auftreten unsererseits.“

„Er wird weichen!“ bestätigte die junge Frau tonlos. „Sei ohne Sorge deshalb!“

„Desto besser!“ erklärte Windeg. „Um so schneller gelangen wir an’s Ziel!“

Er schien rasch genug auf dies Ziel losgehen zu wollen, und so war es auch in der That. Dem armen tiefverschuldeten Baron, der seinen Ruin vor sich sah, war keine andere Wahl geblieben, als das Opfer Eugeniens anzunehmen und damit sich und seinen Söhnen Namen und Stellung zu retten; wie schwer es ihm auch geworden war, er beugte sich der Nothwendigkeit, und die Nothwendigkeit lehrte es ihn ertragen. Der Majoratsherr von Rabenau, der seine volle Selbstständigkeit und sein volles Selbstbewußtsein wiedergewonnen hatte, der mit Leichtigkeit die empfangene Summe zurückerstatten konnte, empfand jenen Zwang als einen brennenden Schimpf und die Ehe seiner Tochter als ein schweres Unrecht, das er ihr angethan und das er wieder gut machen mußte um jeden Preis. Während des ganzen Aufenthaltes auf seinen neuen Gütern hatte er einzig diesem Gedanken nachgehangen, und der Plan lag jetzt fertig und zur Ausführung bereit.

„Es muß in Deinen wie in unseren Wünschen liegen,“ fuhr er fort, „daß diese peinliche Angelegenheit möglichst schnell eingeleitet und beendigt wird. Ich wollte Dir vorschlagen, uns für jetzt unter irgend einem Vorwande nach der Residenz zu begleiten und von dort aus die nöthigen Schritte zu thun. Du weigerst Dich dann einfach, zu Deinem Gatten zurückzukehren, und bestehst auf der Trennung. Wir werden dafür sorgen, daß er seine Ansprüche nicht gewaltsam geltend macht.“

„Ja, bei Gott, das werden wir, Eugenie!“ fiel Curt leidenschaftlich ein. „Wenn er sich jetzt noch weigern sollte, den schmachvollen Handel rückgängig zu machen, so werden ihn die Degen Deiner Brüder dazu zwingen. Jetzt kann er uns ja nicht mehr mit der Schande, mit der öffentlichen Herabsetzung drohen, wie sein Vater es that. Es war das Einzige, wovor die Windegs je gebebt haben, das Einzige, womit man ihnen eine Tochter ihres Hauses abzwingen konnte!“

Die junge Frau machte eine abwehrende Bewegung gegen den Bruder hin. „Laß Deine Drohungen, Curt, und Du, Papa, laß Deine Sorgen fahren! Beides ist hier unnöthig. Das, was Ihr erst erkämpfen und erzwingen zu müssen glaubt, ist zwischen Arthur und mir längst beschlossene Sache.“

Windeg fuhr auf, und Curt trat in stürmischer Ueberraschung einen Schritt näher. Eugenie rang sichtbar danach, ihrer Stimme Festigkeit zu geben, aber es wollte ihr nicht gelingen, die Stimme bebte hörbar, als sie fortfuhr:

„Schon vor dem Tode Berkow’s waren wir einig darin, aber wir wollten das Aufsehen eines zu frühen und zu plötzlichen Bruches vermeiden und legten uns deshalb noch den äußeren Zwang des Zusammenlebens auf –“

„Schon vor dem Tode Berkow’s?“ unterbrach sie der Bruder; „das war ja kurz nach Deiner Vermählung!“

„Also Du selber hast die Sache zur Sprache gebracht?“ fragte der Baron mit gleicher Lebhaftigkeit. „Du bestandest darauf?“

Keiner von Beiden schien die Pein zu verstehen, die sich doch so deutlich auf dem Gesichte der jungen Frau malte; sie raffte augenscheinlich ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen bei der Antwort, aber aus dieser klang auch volle Festigkeit.

„Ich habe diesen Punkt nie berührt! Arthur war es, der mir freiwillig die Trennung anbot.“

Der Baron und sein Sohn sahen einander an, als ginge diese Erklärung über ihre Fassungskraft.

[219] „Darauf war ich in der That nicht gefaßt!“ sagte der Baron endlich langsam. „Er selbst? Das hatte ich nicht erwartet!“

„Gleichviel!“ rief Curt in aufflammender Zärtlichkeit, „wenn er Dich uns nur zurückgiebt, Eugenie! Noch hat Keiner von uns sich des Erbtheils, des Besitzes freuen können, weil wir Dich unglücklich wußten um unsertwillen. Erst wenn Du zu uns zurückkehrst, wird der Vater, werden wir Alle aufathmen können in dem neuen Leben; Du hast uns überall darin gefehlt!“

Er schlang den Arm um die Schwester, und diese verbarg einige Secunden lang das Gesicht an seiner Schulter, aber das schöne Antlitz war so todtenbleich und todtenkalt, wie er es einst am Altar gesehen hatte, und doch sollte sie jetzt in das Vaterhaus zurückkehren, dem sie damals entrissen wurde.

Der Baron blickte mit einiger Befremdung auf seine Tochter, die sich jetzt emporrichtete und mit dem Taschentuche über die Stirn fuhr.

„Verzeihe, Papa, wenn ich Dir heute seltsam erscheine. Ich bin nicht ganz wohl, wenigstens nicht wohl genug zu einem Gespräche über diesen Gegenstand. Du mußt mir erlauben, mich zurückzuziehen, ich –“

„Du hast zu viel gelitten in der letzten Zeit,“ ergänzte der Vater weich; „ich sehe es, mein Kind, auch wenn Du es mir nicht eingestehst. Geh’ und überlass’ Alles meiner Sorge! Ich werde Dich schonen, so viel es nur möglich ist –“

„Das ist doch eigenthümlich, Papa!“ meinte der junge Baron, als die Thür sich hinter seiner Schwester geschlossen hatte. „Begreifst Du diesen Berkow? Ich nicht!“

Windeg machte mit gerunzelter Stirn einen Gang durch das Zimmer. Für ihn mischte sich in das Befremdende dieser Eröffnung noch etwas Beleidigendes. Der stolze Aristokrat hatte es im Grunde ganz erklärlich gefunden, daß ein Emporkömmling, der über Millionen gebot, weder Intriguen noch Opfer scheute und Alles daran setzte, um eine Verwandtschaft mit ihm zu erzwingen, wenn er diesen Zwang auch nur mit Haß und Verachtung lohnte, aber er hatte es seinem bürgerlichen Schwiegersohne nie verziehen, daß dieser die Hand einer Baroneß Windeg mit einer Gleichgültigkeit empfing, als handle es sich um eine ganz gewöhnliche Heirath, daß er sich auch späterhin ebenso unempfindlich gegen diese Ehre zeigte, als sein Vater empfänglich dafür. Und jetzt trat er, trat Arthur Berkow von dieser Verbindung zurück, noch ehe man ihn dazu veranlaßt hatte. Das war zu viel für den Hochmuth eines Windeg, der bereit gewesen war, sich seine Tochter zurückzuerkämpfen, der es aber nicht ertragen konnte, sie von der Großmuth oder der Gleichgültigkeit ihres Gatten zurückzuempfangen.

„Ich werde mit Berkow sprechen,“ sagte er endlich, „und wenn er wirklich einverstanden ist, woran ich trotz Eugeniens Erklärung noch immer zweifle, so muß die Sache unverzüglich in’s Werk gesetzt werden!“

„Unverzüglich?“ fragte Curt. „Sie sind seit kaum drei Monaten vermählt, und ich glaube, sie haben Recht, einen allzu frühen und allzu plötzlichen Bruch zu vermeiden.“

„Gewiß haben sie das, und ich würde ihnen unbedingt beistimmen, hätte ich nicht meinerseits dringende Gründe, die Angelegenheit zu beeilen. Es steht hier auf den Werken nicht Alles, wie es sollte, ich habe von befreundeter Hand einen Wink erhalten, daß die jetzt ausgebrochene Bewegung unter den Arbeitern dem so unermeßlich geglaubten Berkow’schen Vermögen eine tödtliche Wunde versetzen könnte. Bricht es wirklich zusammen, so kann seine Gattin ihn gerade in dem Momente nicht verlassen, der Welt gegenüber kann sie es nicht. Wenn wir auch wahrhaftig ernstere und tiefere Gründe zur Trennung haben, man würde jenen Grund annehmen, und das darf nicht sein! Besser, wir nehmen das Auffallende eines so frühen Bruches auf uns, als daß wir uns die Hände binden, wenn die gefürchtete Katastrophe wirklich eintritt. Ein solches Unternehmen, wie dies hier, fällt nicht in wenig Wochen, dazu gehört ein Jahr mindestens, und in der Hälfte dieser Zeit kann die Scheidung durchgesetzt werden, wenn er uns keine Schwierigkeiten macht. Eugenie muß in unser Haus zurückgekehrt, muß frei sein, ehe man in der Residenz ahnt, wie hier die Verhältnisse liegen.“

„Ich dachte, die Schwester würde unseren Plan weit lebhafter und freudiger erfassen,“ meinte Curt gedankenvoll. „Freilich, wenn sie schon vorher das Gleiche beschlossen hatte, so war ihr die Idee nicht neu, aber trotzdem ist sie so kalt und stumm, als läge ihr das Alles unendlich fern, als handle es sich dabei gar nicht um ihre eigene Freiheit.“

Der Baron zuckte die Achseln. „Sie leidet bei dem Gedanken an das unvermeidliche Aufsehen, an die Weitläufigkeiten und Unannehmlichkeiten des Processes, die ihr nicht erspart werden können! Es ist immer ein bitterer Schritt für eine Frau, solch eine Scheidung, und dennoch muß er gethan werden. Wenigstens haben wir in diesem Falle die ganze Residenz auf unserer Seite! [220] Es war leider kein Geheimniß, weshalb diese Heirath geschlossen wurde; man wird es begreiflich finden, daß wir uns jetzt beeilen, sie zu lösen.“

„Da kommt Berkow!“ sagte Curt halblaut, als die Thür des Nebenzimmers geöffnet wurde. „Du willst mit ihm sprechen, Papa. Soll ich Euch allein lassen?“

Windeg machte eine verneinende Bewegung. „Du bist der älteste Sohn unseres Hauses, und bei solchen Unterredungen pflegt die Gegenwart eines Dritten heilsamen Zwang aufzuerlegen. Du bleibst, Curt!“

Während diese Worte rasch und leise gewechselt wurden, hatte Arthur das Nebenzimmer durchschritten und trat jetzt ein. Die Begrüßung war artig und eisig wie gewöhnlich, und die Unterhaltung begann mit den üblichen Floskeln. Die Gäste bedauerten, so selten der Gesellschaft ihres Wirthes theilhaftig zu werden, und dieser schützte eine Anhäufung von Geschäften vor, die ihn des Vergnügens beraubten – beiderseitige Höflichkeiten, die natürlich beiderseitig nicht geglaubt wurden und hinter die man sich verschanzte, um doch wenigstens etwas zu sagen.

„Ich hoffe, Eugeniens stete Gegenwart entschädigt Sie hinreichend für meine gezwungene Abwesenheit!“ fuhr Arthur fort, indem er durch den Salon einen Blick gleiten ließ, der die junge Frau zu suchen schien.

„Eugenie hat sich eines leichten Unwohlseins wegen zurückgezogen,“ erklärte der Baron, „und ich möchte das benutzen, um Ihnen, Herr Berkow, einen Wunsch vorzutragen, dessen Erfüllung hauptsächlich von Ihnen abhängt.“

„Wenn die Erfüllung von mir abhängt, so befehlen Sie, Herr Baron!“ Der junge Mann nahm seinem Schwiegervater gegenüber Platz, während Curt, der da wußte, was jetzt eingeleitet werden sollte, sich wie zufällig in eine Fensternische zurückzog und scheinbar aufmerksam auf die Terrasse hinausblickte. Windeg’s Haltung zeigte die vollste Gemessenheit und die vollste aristokratische Würde, die ihm zu Gebote stand; er fand es wohl nöthig, dem bürgerlichen Gemahl seiner Tochter damit zu imponiren und jeden etwaigen Widerstand von vornherein zu brechen, denn er hielt die angebotene Trennung von Seiten Arthur’s höchstens für eine Aufwallung nach irgend einer heftigen Scene, ernstlich glaubte er nicht daran.

„Man scheint der Bewegung hier auf Ihren Besitzungen eine größere Tragweite beizulegen, als sie vielleicht in Wirklichkeit hat,“ begann er. „Als ich gestern die Stadt berührte und dabei dem Commandanten der dortigen Garnison, einem Jugendfreunde, einen Besuch abstattete, wurde mir die Stimmung unter Ihren Arbeitern als eine äußerst bedrohliche und der Ausbruch von Unruhen als sehr wahrscheinlich geschildert.“

„Man scheint sich in der Stadt mehr mit meinen Werken und meinen Leuten zu beschäftigen, als ich voraussetzte,“ sagte Arthur kalt. „Jedenfalls habe ich den Herrn Oberst nicht um eventuelle Hülfe ersucht.“

Der Baron verstand die Abweisung. „Ich meinerseits habe natürlich kein Urtheil darüber!“ entgegnete er rasch. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß es nicht passend wäre, Eugenie etwaigen Scenen und Auftritten hier auszusetzen. Ich wünschte sehr, meine Tochter mit mir nach der Residenz zu nehmen, nur auf einige Zeit, bis die Verhältnisse hier sich geklärt haben.“

Eine leichte Bewegung zeigte sich in dem Gesichte des jungen Mannes; er warf einen schnellen Blick hinüber nach der Thür, die zu den Zimmern seiner Gattin führte, als wollte er errathen, ob der Wunsch von dort ausgegangen sei; aber seine Erwiderung klang völlig unbewegt:

„Eugenie ist durchaus Herrin ihres Willens. Wenn sie die Entfernung für nöthig hält – ich lasse ihr vollkommene Freiheit!“

Windeg neigte sehr befriedigt das Haupt. „So begleitet sie uns also morgen! Was die Dauer ihrer Abwesenheit betrifft – wir kommen da auf einen Punkt, den zu berühren uns Beiden wohl gleich peinlich ist; aber ich ziehe es dennoch vor, ihn mündlich zur Sprache zu bringen, um so mehr, als ich weiß, daß in der Hauptsache sich unsere Wünsche begegnen.“

Arthur schien von dem Sessel auffahren zu wollen; aber er bezwang sich und behielt seinen Platz.

„Ah so! Eugenie hat Ihnen bereits Mittheilungen gemacht!“

„Ja! Befremdet Sie das? Dem Vater konnte und mußte sie sich wohl zunächst anvertrauen.“

Die Lippen des jungen Mannes zuckten. „Ich setzte voraus, daß die Sache ein Geheimniß zwischen uns Beiden bliebe, bis die Zeit zum Handeln da wäre. Ich habe mich geirrt, wie ich sehe!“

„Weshalb einen einmal gefaßten Beschluß aufschieben?“ fragte der Baron ruhig. „Die Zeit zur Ausführung ist gerade jetzt günstig. Die augenblicklichen Verhältnisse auf Ihren Gütern geben den besten und unverfänglichsten Vorwand zur Entfernung meiner Tochter. Daß diese Entfernung eine dauernde ist, braucht die Welt ja für’s Erste noch nicht zu erfahren. Jetzt im Sommer, wo Alles die Residenz verläßt, können die vorbereitenden Schritte am unbemerktesten geschehen. Wo sich das Aufsehen nun einmal nicht vermeiden läßt, ist es immer vorzuziehen, der Gesellschaft eine Thatsache gegenüberzustellen; daran pflegt die Klatschsucht sich noch am ehesten zu brechen.“

Es entstand eine kurze Pause; Arthur heftete den Blick wieder, diesmal mit einem räthselhaften Ausdrucke, auf die Thür zu den Zimmern seiner Frau; dann wandte er ihn langsam auf deren Vater.

„Ging der Wunsch nach einer Beschleunigung dieser Angelegenheit von Eugenien selbst aus?“

Der Baron hielt es für passend, diesmal die Wahrheit zu verschweigen; das führte jedenfalls schneller zum Ziele, und jedenfalls war ihm Eugenie dankbar dafür.

„Ich spreche im Namen meiner Tochter!“ erklärte er gemessen.

Arthur erhob sich plötzlich und so heftig, daß der Sessel zurückflog. „Ich willige in Alles, Herr Baron! in Alles! Ich glaubte Ihrer Frau Tochter meine Gründe für einen Aufschub mitgetheilt zu haben; sie wurden zumeist von der Rücksicht auf sie dictirt; ich kam dabei nicht in Betracht. Wenn sie dessenungeachtet doch eine Beschleunigung wünscht – es sei!“

Der Ton dieser Worte war so eigenthümlich, daß Curt, der, obwohl er keine Silbe des Gesprächs verlor, doch immer noch die Terrasse zu beobachten schien, sich auf einmal umwandte und seinen Schwager verwundert ansah. Auch Windeg schien etwas betroffen zu sein; es war doch hier wahrlich kein Grund zur Gereiztheit vorhanden, wo man einen beiden Theilen lästigen Zwang etwas früher aufheben wollte.

„Sie sind also mit der Trennung unbedingt einverstanden?“ fragte er ein wenig unsicher.

„Durchaus!“

Der Baron athmete auf. Also hatte Eugenie doch Recht, als sie die sofortige Einwilligung ihres Gatten voraussetzte. Was nun noch zu erledigen war, bot nach seiner Meinung kaum noch eine Schwierigkeit.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Entgegenkommen,“ sagte er artig; „es wird beiden Theilen den peinlichen Schritt erleichtern. Jetzt bleibt nur noch Eins, das freilich hierauf keinen Bezug hat, aber doch geordnet werden muß. Ihr Herr Vater,“ die Stirn des nunmehrigen Majoratsherrn überflog eine dunkle Röthe bei der Erinnerung, „Ihr Herr Vater hatte die Güte für mich einzutreten, Verpflichtungen gegenüber, denen ich damals nicht gerecht werden konnte. Jetzt bin ich in der Lage, dies zu thun, und ich möchte mich beeilen –“

Er hielt inne, denn Arthur schlug das Auge voll und finster auf, und der Blick verbot die Fortsetzung.

„Sollten wir diesen Punkt nicht besser ruhen lassen? Ich meinerseits bitte darum.“

„Er konnte ruhen, so lange unsere gegenseitigen Beziehungen bestanden,“ erklärte Windeg ernst, „nicht wenn sie sich lösen. Sie werden mich nicht zwingen wollen, Ihr Schuldner zu bleiben!“

„Von einer Schuld im gewöhnlichen Sinne war wohl hier nicht die Rede. Meine Vater vertrat schließlich nur seine eigenen Forderungen, und die betreffenden Documente wurden, so viel ich weiß, vernichtet, als –“ hier brach die furchtbare Gereiztheit des jungen Mannes für einen Augenblick doch durch die erzwungene Ruhe, „als Sie den Preis dafür zahlten!“

Der Baron erhob sich verletzt. „Damals wurde die Verbindung geschlossen,“ erwiderte er kalt, „allerdings auf Wunsch des Herrn Berkow; jetzt soll sie gelöst werden, zumeist auf unseren Wunsch. Die Verhältnisse liegen nunmehr umgekehrt –“

[221] „Ist es durchaus nothwendig, daß wir auch bei der Scheidung den Geschäftsstandpunkt eines Kaufvertrages festhalten?“ unterbrach ihn Arthur mit schneidender Bitterkeit. „Ich hoffe, man wird mich und meine Frau nicht zum zweiten Male zum Gegenstand eines Handels machen wollen. Es war genug an dem ersten!“

Der Baron mißverstand die Worte völlig, wie er die Regung mißverstand, welche sie dictirte; er nahm seine vornehmste Miene an. „Erinnern Sie sich gefälligst, Herr Berkow, daß der Ausdruck ‚Handel‘, den Sie zu brauchen belieben, nur auf eine der beiden Parteien Bezug hat – uns trifft er nicht.“

Arthur trat einen Schritt zurück, aber seine Haltung war so stolz und unnahbar, wie sie der Majoratsherr ihm gegenüber kaum jemals zu zeigen wußte.

„Ich weiß jetzt, wie diese Heirath zu Stande kam, und ich weiß auch, wie diese Verpflichtungen entstanden, die Sie zur Einwilligung zwangen. Sie werden es danach wohl begreifen, wenn ich verlange, daß jene Schuld mit keiner Silbe mehr berührt wird. Ich fordere von Ihnen, Herr Baron, daß Sie einen Sohn nicht zwingen, über das Andenken seines Vaters zu erröthen!“

Windeg war schon einmal seinem Schwiegersohn gegenüber aus der Fassung gekommen, als dieser sich beikommen ließ, das Adelsdiplom auszuschlagen, aber das war doch immer noch in der ruhigen, halb nachlässigen Weise, noch immer in der Art des früheren Arthur Berkow geschehen – dieses Auftreten und diese Haltung versteinerten den Baron förmlich; er sah unwillkürlich zu seinem Sohne hinüber, der aus der Fensternische hervorgetreten war, und dessen jugendliches Gesicht ein grenzenloses Erstaunen ausdrückte, das er sich gar keine Mühe gab, zu verbergen.

„Ich wußte nicht, daß Sie die Sache so auffassen,“ sagte Windeg endlich. „Es war keineswegs meine Absicht, Sie zu beleidigen, aber –“

„Ich setze das voraus. Also übergeben wir diesen Punkt der Vergessenheit! Was die Scheidungsangelegenheit betrifft, so werde ich meinen Rechtsanwalt dahin instruiren, jedem Schritte des Ihrigen entgegenzukommen. Wenn irgend eine Anforderung an mich persönlich gestellt werden sollte, so bitte ich, über mich zu verfügen. Ich werde Alles thun, damit die Sache schnell und schonend beendigt wird.“

Er machte den beiden Herren eine Verbeugung und verließ das Zimmer. In der nächsten Minute war Baron Curt bereits an der Seite seines Vaters.

„Was heißt das Alles, Papa? Was, um Himmelswillen, ist in den drei Monaten aus diesem Arthur geworden! Ich fand ihn zwar schon gestern Abend weit ernster, bestimmter als sonst, aber dieses Auftreten hätte ich ihm doch nun und nimmer zugetraut!“

Der Baron hatte sich noch nicht von seinem Erstaunen erholt. Erst der Ausruf seines Sohnes brachte das zuwege. „Er scheint also wirklich die Rolle nicht gekannt zu haben, die sein Vater bei uns spielte! Das ändert allerdings die Sache,“ meinte er betreten. „Wenn er nur nicht die Zumuthung stellte, daß ich sein Schuldner bleiben soll!“

„Er handelt vollkommen richtig,“ rief Curt auflodernd, „wenn er jetzt den Wucher kennt, mit dem Berkow uns in’s Unglück hetzte! Nicht ein Viertheil jener Summe, die uns nachher so riesengroß gegenüberstand, hat er wirklich dargeliehen und für die aufgekauften Forderungen bezahlt, und nicht einen Pfennig davon darf der Sohn wieder annehmen, wenn er sich nicht auch entehren will. Man sah es ja, wie die Scham über die ganze schmachvolle Geschichte in ihm wühlte, aber es ging eigentlich seltsam mit dieser Unterredung. Er spielte doch ohne Frage darin die schlimmste, die beschämendste Rolle, und schließlich brachte er es dahin, daß wir uns beinahe zu schämen hatten mit unserem Anerbieten.“

Windeg schien die letzte Bemerkung ziemlich ungnädig aufzunehmen, vielleicht weil er sie nicht widerlegen konnte.

„Wenn wir ihm Unrecht thaten, so bin ich bereit, ihm jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,“ sagte er, „ich bin es um so mehr, als wir ihm in der Scheidungsangelegenheit wirklich zum Danke verpflichtet sind. Ich hatte nicht geglaubt, daß sich das so leicht machen werde, trotz der Gleichgültigkeit, die er von jeher gegen diese Heirath zeigte.“

Curt nahm wieder die nachdenkliche Miene an, die ihm sonst gar nicht eigen war. „Ich weiß nicht, Papa, mir kommt die Sache noch gar nicht so ausgemacht vor. Berkow war keineswegs so ruhig, wie er sich den Anschein geben wollte, und Eugenie auch nicht. Die Heftigkeit, mit der er aufzuckte, als Du behauptetest, sie bestehe auf der sofortigen Trennung, hatte nichts von Gleichgültigkeit und das Gesicht, mit dem Eugenie uns verließ, noch weniger. Mir ist dabei eine ganz eigenthümliche Idee aufgestiegen.“

Der Baron lächelte mit großer Ueberlegenheit. „Du bist doch bisweilen ein rechtes Kind, Curt, trotz Deiner zwanzig Jahre und Deiner Epauletten. Meinst Du denn wirklich, der Entschluß, den die Beiden, wie sich jetzt ergiebt, längst gefaßt haben, sei ohne vorhergegangene Scenen und Auftritte entstanden? Eugenie hat jedenfalls schwer darunter gelitten, vielleicht auch Berkow. Was Du so weise bemerkt hast, ist der Nachhall früherer Stürme, weiter nichts. Gott sei Dank, wir sind jetzt beiderseitig im Klaren, und die Stürme haben ein Ende.“

„Oder sie fangen erst an!“ murmelte Curt halblaut, indem er mit dem Vater den Salon verließ.




Es war Abend geworden, und im Hause herrschte eine unruhige Geschäftigkeit. Noch am Nachmittage hatte Baron Windeg eine längere Unterredung mit seiner Tochter gehabt, und unmittelbar darauf erhielt das Kammermädchen die Weisung, die Toilettensachen ihrer Herrin einzupacken. Schon vorher hatte Herr Berkow selbst der Dienerschaft angekündigt, daß seine Gemahlin morgen früh ihren Vater nach der Residenz begleiten und einige Wochen dort verweilen werde, daß also die nöthigen Vorbereitungen zu treffen seien, eine Nachricht, die vom Hause aus natürlich sofort die Runde durch sämmtliche Beamtenwohnungen machte, und dort wie hier weit mehr Besorgniß als Aufsehen erregte. Es war ja sonnenklar, daß der Herr die gnädige Frau nur fortsandte, weil er gleichfalls überzeugt war, daß es nächstens auf den Werken „losgehen“ werde. Er wollte sie in der Residenz in Sicherheit wissen und hatte wahrscheinlich selbst ihren Vater veranlaßt, zu kommen und sie abzuholen.

Windeg hatte Recht, der Vorwand war so wahrscheinlich, daß es Keinem einfiel, daran zu zweifeln. Das eigenthümlich kalte Verhältniß zwischen dem jungen Ehepaar war freilich anfangs in der Colonie viel besprochen und gedeutet worden; jetzt hatte das allmählich aufgehört. Man wußte ja, daß die Heirath nicht aus Neigung geschlossen war, aber da man nie etwas von heftigen Scenen oder bitteren Auftritten hörte, die der Dienerschaft doch wohl nicht entgangen wären, da Berkow immer die Höflichkeit selbst gegen seine Gemahlin und diese die Ruhe selbst ihm gegenüber blieb, so mußten sie sich doch wohl aneinander gewöhnt haben und ganz zufrieden miteinander sein – der gewöhnliche Ausgang solcher aus Berechnung geschlossenen Ehen. Ihre etwas seltsame Art zu leben schien wirklich nur eine Sitte der großen Welt zu sein; man lebte in den vornehmen Kreisen der Residenz wohl meist auf diesem getrennten, höflich kühlen Fuße, und daß Baroneß Windeg und der Sohn des Millionärs Berkow dies auch hier taten, konnte am Ende nicht weiter befremden.

Daß diese Abreise, der ja keine Streitigkeit irgend einer Art vorangegangen war, eine Trennung in sich schloß, das ahnte Niemand, und es fiel auch nicht weiter auf, als die Herrschaften den Abend ganz getrennt zubrachten. Die beiden fremden Herren speisten allein im Eßzimmer, die gnädige Frau hatte sich, da sie nicht wohl war, den Thee in ihr Boudoir bringen lassen, rührte jedoch zur Verwunderung ihres Kammermädchens nichts davon an, und Herr Berkow endlich speiste gar nicht, sondern zog sich „Geschäfte halber“ in sein Arbeitscabinet zurück, nachdem er den Befehl gegeben, ihn unter keiner Bedingung zu stören.

Draußen herrschte bereits völlige Dunkelheit, und hier drinnen warf die auf dem Schreibtisch brennende Lampe ihr Licht auf den Mann, der seit länger als einer Stunde ruhelos auf- und abwanderte, der jetzt endlich hinter geschlossenen Thüren den so lange getragenen Zwang der Gleichgültigkeit abwarf und den Sturm austoben ließ, der in ihm wühlte. Das war freilich nicht der blasirte junge Erbe mehr mit seiner apathischen Schwäche, aber auch nicht der junge Chef mehr, der mit so plötzlich erwachter Energie und Besonnenheit seinen Untergebenen zu imponiren und seinen Beamten Muth einzuflößen wußte. [222] In diesem Antlitz stürmte die ganze Gewalt einer Leidenschaft, deren Größe er wohl selbst nicht gekannt hatte, bis zu dem Momente, wo es sich um das Verlieren handelte. Der Moment war jetzt gekommen, und jetzt forderte sie ihr Recht. Auf dieser bleichen Stirn, in diesen zuckenden Lippen und brennenden Augen stand es deutlich geschrieben, was ihm die heutige Unterredung gekostet, von der Baron Windeg meinte, er habe nicht geglaubt, daß die Sache sich so leicht machen werde.

Also jetzt war sie da, die so lang gefürchtete Stunde der Trennung, und es war gut, daß es so kam, daß ein fremder Wille hier eingriff, wo der eigene sich machtlos erwies. Wie oft während der letzten vierzehn Tage hatte Arthur daran gedacht, selbst den Vorwand zu gebrauchen, den der Baron ihm jetzt in die Hand gab, und damit die Folter dieses Zusammenlebens abzukürzen, denn diese abgemessene Kälte nach außen, welche die Gluth im Innern jeden Augenblick Lügen strafte, ließ sich nicht mehr ertragen; das ging über Menschenkräfte – und dennoch war nichts geschehen. Freilich ist es eine unbestrittene Wahrheit, daß das Unvermeidliche am besten schnell geschieht, aber nicht Jeder, der den Muth besitzt, mit fester Hand das Messer an eine vergiftete Wunde des Körpers zu setzen, hat ihn auch da, wo es sich darum handelt, eine verzehrende Leidenschaft aus dem Herzen zu reißen; mit ihr kommt unabweisbar die Furcht vor dem Verluste. Sie waren ja längst getrennt, diese Beiden, aber er sah doch wenigstens immer noch das schöne blonde Haupt mit den stolzen, jetzt so ernsten Zügen und den sprechenden dunklen Augen, hörte doch wenigstens noch diese Stimme, und dann kamen auch Momente eines blitzähnlich aufflammenden Glückes, die ganze Tage und Wochen voll Bitterkeit aufwogen, wie vorgestern im Walde, wo sie mit so sichtbarer Angst ihr Pferd an das seinige drängte, wo sie in seinen Armen bebte, als er sie herabhob – mochte es Feigheit sein, aber er hatte nicht freiwillig, nicht eher verzichten können, bis man es forderte, wie es jetzt geschah.

Die Thür wurde leise geöffnet und ein Diener erschien zögernd auf der Schwelle.

„Was giebt’s?“ fuhr Arthur auf. „Habe ich nicht befohlen –“

„Um Vergebung, Herr Berkow!“ sagte der Mann schüchtern. „Ich weiß wohl, daß Sie nicht gestört sein wollen – aber da – da die gnädige Frau selbst –“

„Wer?“

„Die gnädige Frau sind selbst hier und wünschen –“

Der Diener hatte keine Zeit zu vollenden und er war auch etwas überrascht von dem Ungestüm, mit dem sein Herr die Thür aufriß und in’s Vorzimmer eilte, wo er wirklich seine Gattin erblickte, die dort zu warten schien. In der nächsten Minute war er an ihrer Seite.

„Du läßt Dich melden? Welche überflüssige Etiquette!“

„Du wolltest Niemand sehen, wie ich höre, und Franz sagte mir, der Befehl gelte für Alle ohne Ausnahme.“

Arthur wandte sich mit finsterer Miene zu dem Bedienten, der entschuldigend sagte: „Ich wußte wirklich nicht, was ich da thun sollte. Es ist ja das erste Mal, daß die gnädige Frau hierher kommt.“

Die Worte enthielten wirklich nur eine verlegene Entschuldigung, weiter nichts, aber Eugenie wendete sich doch rasch ab und die Zurechtweisung, die ihr Gemahl bereits auf den Lippen hatte, unterblieb. Der Mann hatte im Grunde Recht; für einen so ungewöhnlichen Fall, wie das Erscheinen der gnädigen Frau in der Wohnung des Herrn war, reichten seine Instructionen nicht aus; es war in der That das erste Mal, daß sie diese Wohnung betrat. Man hatte sie bisher immer nur im Salon, im Eßzimmer oder in den Gesellschaftsräumen getroffen; so konnte und mußte denn der heutige Besuch die Dienerschaft wohl befremden.

Arthur gab dem Bedienten einen Wink, sich zu entfernen, und trat mit seiner Frau in das Arbeitszimmer. Sie schien auf der Schwelle zu zögern.

„Ich wünschte Dich zu sprechen!“ sagte sie mit unterdrückter Stimme.

„Ich stehe Dir ganz zu Befehl.“

Er schloß die Thür wieder und schob einen Fauteuil heran, indem er sie mit einer Handbewegung einlud, darauf Platz zu nehmen. Die wenigen Minuten hatten genügt, dem jungen Manne wieder die ganze Fassung zurückzugeben, in der er sich in den letzten Wochen hinreichend geübt; Antwort und Bewegung waren so kühl und abgemessen, als ob er der fremdesten Dame in dem fremdesten Salon eine Höflichkeit erweise.

„Willst Du Dich nicht setzen?“

„Ich danke! Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen.“

Es war etwas Scheues, Unsicheres in dem Wesen der jungen Frau, das eigenthümlich mit ihrer sonst so sicheren Haltung contrastirte. Vielleicht fühlte sie sich fremd in diesen Räumen, und vielleicht wurde es ihr auch schwer, den Anfang des Gespräches zu finden. Arthur erleichterte ihr Beides nicht; er sah, wie sie zweimal vergebens nach Worten suchte, ohne sie finden zu können, aber er stand stumm und finster ihr gegenüber am Schreibtische und wartete.

„Mein Vater hat mir sein heutiges Gespräch mit Dir mitgetheilt,“ begann Eugenie endlich, „und auch das Resultat desselben.“

„Das habe ich erwartet, und eben deshalb – verzeih’, Eugenie! – war ich anfangs so überrascht, Dich hier zu sehen. Ich glaubte Dich mit den Vorbereitungen der Abreise beschäftigt.“

Die Worte sollten wohl den Eindruck seiner Bewegung bei ihrem Erscheinen verwischen, und sie schienen es auch zu thun. Es vergingen einige Secunden, ehe die junge Frau antwortete.

„Du hast diese Abreise bereits heute Nachmittag der Dienerschaft angekündigt?“

„Ja! Ich glaubte Deinen Wünschen zuvorzukommen und überdies hielt ich es für besser, wenn der Befehl zu den Vorbereitungen von mir ausging; Du kennst ja den Vorwand, den wir brauchen. Beabsichtigtest Du die Sache anders einzuleiten? Dann bedaure ich, Deine Absichten nicht gekannt zu haben.“

Der Ton war eisig, und es schien auch daraus wie ein Eishauch zu Eugenien herüberzuwehen; sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Ich habe nichts zu erinnern. Es überraschte mich nur, daß der einmal festgesetzte Termin meiner Abreise beschleunigt werden soll. Du hattest doch Deine Gründe, ihn festzuhalten.“

„Ich? Es war Dein Wunsch, Deine Forderung, der ich in diesem Punkte nachkam. Baron Windeg sagte mir wenigstens, daß es so wäre.“

Eugenie fuhr auf. Es schien, als ob mit dem tiefen erleichternden Athemzuge, der jetzt ihre Brust hob, auf einmal alle Scheu und Unsicherheit verschwinde, als ob ihr mit der einen Antwort der ganze Muth zurückgekommen sei.

„Ich ahnte es! Mein Vater ist zu weit gegangen, Arthur; er hat in meinem Namen gesprochen, wo er nur seinen eigenen Wunsch vertrat. Ich bin gekommen, das Mißverständniß zu lösen und Dir zu sagen, daß ich nicht abreisen werde – wenigstens nicht eher, bis ich aus Deinem Munde höre, daß Du es verlangst.“

[235] Eugenie hatte den Blick fest, aber wie in banger, athemloser Erwartung auf Arthur’s Antlitz gerichtet, als wolle und müsse sie jetzt in seinem Auge lesen, aber dieses Auge blieb verschleiert und die Worte brachten überhaupt gar keine Wirkung hervor. Wohl fuhr ein Zucken durch seine Mienen, als sie das „Mißverständniß“ löste, vielleicht war es ihr auch nur so vorgekommen, denn die Bewegung ging so schnell wie sie kam, aber das Gesicht blieb unverändert und die Stimme hatte den alten eisigen Klang, als er nach einer secundenlangen Pause antwortete:

„Du willst nicht abreisen? Und warum nicht?“

Die junge Frau trat mit voller Entschiedenheit vor ihren Gatten hin. „Du hast mir gestern selbst gesagt, daß es sich in dem bevorstehenden Kampfe um Deine Existenz handelt; daß er bis auf’s Aeußerste ausgefochten wird, weiß ich seit der letzten Begegnung mit Hartmann, und Deine Lage ist jedenfalls noch bedrohlicher, als Du mir zugiebst. Ich kann und werde Dich gerade in solchem Momente nicht verlassen, das wäre eine Feigheit und –“

„Du bist sehr großmüthig,“ unterbrach sie Arthur; aber jetzt barg sich hinter der Kälte seines Tones bereits eine schlecht verhehlte Bitterkeit. „Aber um Großmuth ausüben zu können, dazu gehört auch, daß sich jemand findet, der sie annimmt, und ich nehme die Deinige nicht an.“

Eugeniens Hand drückte sich wie im verhaltenen Zorne fest in die sammetüberzogene Lehne des Sessels. „Nicht?“

„Nein! Der Plan ging von Deinem Vater aus – sei es! Er hat ohne Zweifel das Recht, für seine Tochter, die ihm in Kurzem wieder ganz gehören wird, Schutz und Sicherheit vor den Rohheiten und Excessen zu fordern, die aller Wahrscheinlichkeit nach hier vorkommen werden. Ich gebe ihm darin vollkommen Recht und füge mich unbedingt der morgenden Trennung.“

Die junge Frau hob energisch das blonde Haupt. „Und ich fügte mich ihr nur so lange, als ich sie für Deinen Wunsch hielt; dem bloßen Willen meines Vaters weiche ich darin nicht. Ich habe die Pflichten Deiner Gattin nun einmal übernommen, vor der Welt wenigstens; vor ihr werde ich sie auch durchführen, und sie gebieten mir, Dich im Angesichte dessen, was bevorsteht, nicht feig zu verlassen, sondern an Deiner Seite zu bleiben, bis die Katastrophe vorüber und der ursprünglich beschlossene Termin unserer Trennung da ist. Dann werde ich gehen, eher nicht.“

„Auch nicht, wenn ich es ausdrücklich von Dir verlange?“

„Arthur!“

Der junge Mann stand zur Hälfte abgewendet, seine Rechte zerknitterte nervös eins der Papiere seines Schreibtisches, das er mechanisch ergriffen hatte; die so gewaltsam zusammengeraffte Selbstbeherrschung wollte diesem Blicke und Tone gegenüber nicht mehr Stand halten.

„Ich habe Dich schon einmal gebeten, keine Großmuthsscene mit mir zu spielen,“ sagte er bitter. „Ich bin nicht empfänglich dafür. Pflichten! Eine Frau, die ihrem Manne freiwillig Hand und Herz giebt, die hat die Pflicht, in der Gefahr bei ihm auszuhalten und sein Unglück, vielleicht seinen Untergang zu theilen, wie sie sein Glück getheilt hat – das war unser Fall ja wohl nicht. Wir haben keine Pflichten gegen einander, weil wir nie Rechte auf einander gehabt haben. Das Einzige, was ich Dir in dieser erzwungenen Ehe bieten konnte, war die Möglichkeit, sie zu lösen; sie ist gelöst seit dem Augenblicke, wo wir die Trennung beschlossen. Das ist meine Antwort auf Dein Anerbieten.“

Die dunklen Augen Eugeniens hingen noch immer unverwandt an seinen Zügen. Dieses heiße verrätherische Aufleuchten, das jedesmal blitzähnlich eine unbekannte Tiefe zu enthüllen schien, heute kam es nicht, und heute gerade hatte sie es hervorzwingen wollen um jeden Preis. Was sie darin auch gesehen und geahnt haben mochte – und die stolze Frau mußte etwas geahnt haben, ehe sie sich zu diesem Kommen und Anerbieten entschloß – er gönnte ihr nicht den Triumph, es noch einmal zu sehen oder zur Klarheit darüber zu gelangen; er blieb vollkommen Herr über sich und ließ ihr den quälenden Zweifel. Der Instinct des Weibes hatte so laut und untrüglich gesprochen, als ihr gestern auf der Waldhöhe die Blicke Ulrich Hartmann’s entgegenflammten, und mit der Erkenntniß dessen, was dahinter lag, war auch das Grauen davor gekommen. Freilich dort war sie kalt geblieben, mitten in der Gefahr, mit der eine unsinnige Leidenschaft sie bedrohte; hier, wo nichts zu fürchten war, hier bebte ihr ganzes Wesen in fieberhafter Erregung, und ebendeshalb verschleierte sich Alles, wie sich die braunen Augen drüben vor ihr verschleierten; deshalb schwieg die innere Stimme, und doch hätte sie ihr Leben darum gegeben, gerade hier Gewißheit zu haben.

„Du solltest mir das Bleiben nicht so schwer machen.“ Die Stimme Eugeniens hatte etwas von dem quälenden Zweifel ihres [236] Innern; sie schwankte zwischen herbem Stolze und weicher Nachgiebigkeit. „Ich habe Manches überwinden und niederkämpfen müssen, ehe ich hierher kam; Du weißt es, Arthur, also schone es auch.“

Die Worte klangen fast wie eine Bitte; aber Arthur war bereits auf einen Punkt gekommen, wo er das nicht mehr verstand. Die wilde Bitterkeit, die furchtbare Gereiztheit, welche sein ganzes Wesen durchzitterten, gaben auch hier die alleinige Richtung und Auffassung, als er schneidend erwiderte:

„Ich zweifle durchaus nicht daran, daß Baroneß Windeg ein unendliches Opfer bringt, wenn sie sich entschließt, noch drei Monate länger den gehaßten bürgerlichen Namen zu tragen, noch länger an der Seite eines so tief verachteten Mannes zu bleiben, trotzdem man ihr die sofortige Freiheit bietet. Ich habe einst hören müssen, wie furchtbar Dir Beides war; ich kann danach ermessen, was diese Selbstüberwindung Dich kostet.“

„Du wirfst mir das Gespräch am Abende unserer Ankunft vor,“ sagte Eugenie leise. „Ich – hatte es vergessen.“

Jetzt endlich flammten seine Augen auf; aber es war nicht jenes Aufleuchten, welches sie darin gesucht und gehofft; es war etwas Fremdes, Feindseliges, was sich jetzt in ihm emporbäumte.

„Hast Du wirklich? Ob ich es vergessen habe, danach fragst Du nicht? Mit anhören habe ich es damals müssen, das war aber auch die Grenze dessen, was ich ertragen konnte. Meinst Du, ein Mann ließe sich ungestraft so in den Staub treten, wie Du es an jenem Abende thatest, und sich dann ohne Weiteres wieder daraus erheben, wenn es Dir beliebt, Deine Meinung zu ändern? Ich war nicht ganz der elende Weichling, für den Du mich gehalten; seit jener Stunde war ich es nicht mehr; die hat über mich entschieden, aber sie entschied auch über unsere Zukunft. Was mich trifft und treffen kann, werde ich allein tragen. Ich habe ja so Manches gelernt in diesen letzten Wochen; ich werde auch das durchführen, aber“ – hier richtete er sich mit glühendem Stolze in die Höhe – „aber die Frau, die mich am Tage nach unserer Trauung mit so hochmüthiger Verachtung von sich stieß, ohne auch nur zu fragen, ob der Gatte, dem sie doch nun einmal ihre Hand gegeben, auch wirklich so schuldig war, wie sie ihn glaubte, – bei der meine Erklärung, mein Wort darauf, daß sie sich im Irrthume befinde, nur als die Ausflucht eines Lügners galt – die mir auf die Frage, ob sie es nicht wenigstens der Mühe werth halte, den Versuch zur Besserung eines ‚Verlorenen‘ zu machen, dieses verächtliche Nein entgegenschleuderte – diese Frau will ich nicht an meiner Seite haben, wenn ich den Kampf um meine Zukunft ausfechte – ich will allein sein!“

Er wandte sich stürmisch ab. Eugenie stand betreten, wortlos da; so sehr sich auch das Wesen ihres Mannes in der letzten Zeit geändert hatte, leidenschaftlich hatte sie ihn noch nie gesehen, und jetzt war er es in einem Maße, das sie fast erschreckte. An dem Sturme, der ihr hier entgegenfluthete, konnte sie ermessen, was sich damals hinter seiner Gleichgültigkeit barg, die sie so tief empörte, was monatelang in ihm gewühlt hatte, bis es ihn endlich emporriß aus der Apathie, die ihm zur zweiten Natur geworden war. Jawohl,[WS 3] dieses kalte verächtliche Nein – sie wußte am besten, wie unrecht[WS 3] sie ihm damit gethan, und jetzt, wo sie sah, wie tief es ihn getroffen,[WS 3] jetzt hätte diese Stunde vielleicht Alles wieder gut gemacht, was[WS 3] jene andere verschuldet, wären nicht die unseligen letzten Worte gewesen. Die berührten die Hochmuthsader der jungen Frau, und wo ihr Stolz in’s Spiel kam, da war es vorbei mit Einsicht und Ueberlegung, selbst wo sie sich im Unrechte wußte.

„Du willst allein stehen!“ wiederholte sie. „Nun denn, aufdrängen werde ich Dir meine Nähe nicht. Ich kam, um mich zu überzeugen, ob der Plan meines Vaters auch der Deinige sei. Er ist es, wie ich sehe – ich werde also abreisen.“

Sie wandte sich zum Gehen. An der Thür hielt sie noch einmal inne; es war ihr, als sei er in dem Moment, wo sie die Hand an den Drücker legte, emporgeschnellt, als habe er eine Bewegung gemacht, ihr nachzustürzen, doch das mußte wohl Täuschung sein, denn als sie sich umwendete, stand Arthur noch am Schreibtisch, todtenbleich zwar, aber in seiner Haltung, in jedem Zuge seines Gesichts stand das Wort geschrieben, mit dem sie ihn einst von sich gestoßen, ein herbes unbeugsames Nein.

Eugenie raffte ihren letzten Muth zusammen zum Abschied.

„Wir werden uns morgen nur in Gegenwart meines Vaters sehen und dann vielleicht nie wieder, also – leb’ wohl, Arthur!“

„Leb’ wohl!“ sagte er dumpf.

Die Thür schloß sich hinter ihr; sie war verschwunden. Das letzte Alleinsein war unnütz verstrichen, die letzte Brücke zur Verständigung abgebrochen. Keines von Beiden hatte seinen Starrsinn beugen, keines das Wort aussprechen wollen, das hier allein helfen und retten konnte, das eine Wort, das Alles wieder gut gemacht hätte, und wäre zehnfach Schlimmeres geschehen; der Stolz allein redete – und damit war ihr Urtheil gesprochen. –

Grau und trübe kam der nächste Morgen über die Berge, aber im Hause war es trotz der ungewöhnlichen Stunde schon lebendig geworden. Man hatte die Abreise so früh festsetzen müssen, da man rechtzeitig den Anschluß an den Bahnzug erreichen wollte, um heute Abend noch in der Residenz einzutreffen. Vorläufig war freilich nur erst Curt von Windeg im Salon. Der Baron befand sich noch auf seinem Zimmer. Eugenie war gleichfalls noch nicht sichtbar, und der junge Officier schien mit offenbarer Ungeduld irgend etwas zu erwarten. Er hatte bereits mehrere Male den Salon durchmessen, dann am Balcon gestanden, dann auf dem Fauteuil gesessen, von dem er jetzt rasch in die Höhe sprang, als Arthur Berkow eintrat.

„Ah, Sie sind schon hier?“ sagte dieser, seinen jungen Schwager mit jener höflichen Kälte begrüßend, die zwischen ihnen Sitte war.

Curt eilte ihm lebhaft entgegen. „Ich wollte gern noch allein einige Worte mit Ihnen – aber mein Gott, was ist Ihnen? Sind Sie krank?“

„Ich?“ fragte Arthur ruhig. „Was fällt Ihnen ein? Ich befinde mich vollkommen wohl!“

„So?“ meinte Curt mit einem Blick auf das bleiche, überwachte und abgespannte Antlitz seines Schwagers, „ich hätte eher das Gegentheil angenommen.“

Arthur zuckte etwas ungeduldig die Achseln. „Ich bin das frühe Aufstehen nicht gewohnt; da sieht man immer überwacht aus. Uebrigens fürchte ich, Sie werden heute eine schlechte Fahrt haben; es ist ein abscheulicher Nebelmorgen.“

Er trat an’s Fenster, wie um nach dem Wetter zu sehen, in Wahrheit aber wohl nur, um sich den unbequemen physiognomischen Beobachtungen zu entziehen, mit denen Curt ihm lästig fiel. Dieser ließ sich aber so leicht nicht abweisen; er trat dicht an seine Seite.

„Ich wollte der Erste hier sein,“ begann er ein wenig stockend, „weil ich gern noch eine Unterredung unter vier Augen mit Ihnen haben möchte, Arthur!“

Der Angeredete wendete sich um, eben so sehr verwundert über dieses Verlangen, als über die Art der Anrede. Curt hatte ihn während der ganzen Verwandtschaft kaum einmal beim Vornamen genannt. Er pflegte sonst stets dem Beispiel seines Vaters zu folgen und das steife „Herr Berkow“ zu gebrauchen.

„Nun?“ fragte dieser befremdet zwar, aber freundlich.

In den Zügen des jungen Officiers kämpften sichtbar Unsicherheit und Verlegenheit mit anderen Empfindungen, plötzlich aber hob er sein hübsches, offenes Gesicht zu dem Schwager empor und sah ihn treuherzig an.

„Wir haben Ihnen Unrecht gethan, Arthur, und ich vielleicht am meisten! Ich war empört über die Heirath, über den Zwang, der uns geschah, und – daß ich es Ihnen nur ehrlich gestehe – ich habe Sie rechtschaffen gehaßt von dem Augenblick an, da Sie mein Schwager wurden. Seit gestern weiß ich, daß wir uns in Ihnen geirrt haben, und seitdem ist es auch aus mit dem Hasse. Es thut mir leid, sehr leid, und das – das war es, was ich Ihnen sagen wollte! Nehmen Sie es an, Arthur?“

Er streckte ihm warm und herzlich die Hand hin. Arthur ergriff sie.

„Ich danke Ihnen, Curt!“ sagte er einfach.

„Gott sei Dank! jetzt ist’s herunter; es hat mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen,“ versicherte Curt aufathmend. „Und glauben Sie mir, auch mein Vater läßt Ihnen jetzt Gerechtigkeit widerfahren. Zugestehen wird er Ihnen dies freilich nicht, aber ich weiß, daß er so denkt.“

Ein flüchtiges Lächeln zog über Berkow’s Gesicht; freilich die Stirn wurde nicht heller davon und das Auge nicht klarer; [237] auf beiden lag noch der schwere Schatten, als er ruhig antwortete: „Das ist mir lieb. So scheiden wir wenigstens nicht als Feinde.“

„Ja, was die Abreise betrifft,“ fiel Curt rasch ein, „Papa ist noch oben in seinem Zimmer und Eugenie augenblicklich ganz allein in dem ihrigen – wollen Sie sie nicht noch einmal sprechen?“

„Wozu?“ fragte Arthur betroffen. „Der Herr Baron kann jeden Augenblick erscheinen, und Eugenie wird schwerlich –“

„Ich stelle mich vor die Thür und lasse Niemand hinein!“ versicherte Curt eifrig. „Ich werde den Papa schon so lange hier aufzuhalten wissen, bis Ihr drinnen fertig seid.“

Eine schnelle Röthe bedeckte einen Moment lang Arthur’s Stirn, als er dem gespannt forschenden Blick seines Schwagers begegnete, aber er schüttelte ernst den Kopf.

„Nein, Curt, das ist unnöthig! Ich habe gestern Abend bereits noch einmal und ausführlich mit Ihrer Schwester gesprochen.“

„Auch über die Abreise?“

„Auch über die Abreise!“

Der junge Officier sah etwas enttäuscht aus, übrigens blieb ihm keine Zeit zu weiteren Vorschlägen, denn man hörte bereits draußen den Schritt des Barons, der gleich darauf eintrat. Curt zog sich mit einer halb trotzigen Bewegung mehr in den Hintergrund des Zimmers zurück, während er vor sich hinmurmelte: „Und richtig ist die Sache doch nicht!“

Das unumgänglich nöthige Beisammensein während des Frühstücks war vorüber. Die abgemessene Förmlichkeit des Barons und die stete Gegenwart der Diener hatten darüber hinweg geholfen; jetzt fuhr der Wagen unten auf der Terrasse vor. Die Herren nahmen ihre Mäntel um, und das Kammermädchen brachte Eugenien Hut und Shawl. Arthur bot seiner Frau den Arm, um sie hinunter zu führen. Der Schein eines vollkommenen Einverständnisses sollte ja bis zum letzten Augenblick aufrecht erhalten bleiben.

Grau und trübe war der Morgen über die Berge gekommen; grau und trübe stieg er jetzt in’s Thal hernieder, vor den Fenstern wogte ein Nebelmeer, und hier drinnen gab das frostig kalte Morgenlicht, das die Räume bereits erfüllte, ihnen etwas gespenstig Oedes und Unheimliches; es schien, als ob all die reiche Pracht, die sie schmückte, auf einmal Glanz und Farbe verloren hätte, und sie sollten ja auch jetzt leer werden, ganz leer – die junge Herrin verließ sie, um nicht wiederzukehren.

Curt machte im Stillen die Bemerkung, daß auch seine Schwester dasselbe Aussehen zeigte, das ihn vorhin an Arthur so erschreckt hatte, aber sonst konnte auch er in der Haltung Beider nichts Außergewöhnliches entdecken. Sie wußten die einmal übernommenen Rollen durchzuführen, wenn ihre Züge auch verriethen, daß es ihnen eine schlaflose Nacht gekostet, und vielleicht war diese starre kalte Fassung nicht einmal eine Rolle. Wenn der Sturm ausgetobt hat, dann folgt jene Ruhe, die uns so oft im Leben gerade über das Schwerste, das am meisten Gefürchtete verhältnißmäßig leicht hinweghilft, weil es wie ein Schleier auf der Seele liegt, der sie nicht zum klaren Bewußtsein des entscheidenden Momentes kommen läßt, weil all das frühere Kämpfen und Ringen untergeht in einem dumpfen Wehgefühl, durch das nur hin und wieder ein jäher stechender Schmerz zuckt, bei dem man sich erst besinnen muß, warum man denn eigentlich leidet. Am Arme ihres Mannes schritt Eugenie die Treppen hinunter, ohne eigentlich zu wissen, daß und wohin sie gingen. Wie im Traume sah sie die teppichbelegten Stufen, auf denen ihr Kleid rauschte; die hohen Oleanderbäume, mit denen das Vestibül geschmückt war, die Gesichter der Diener, die sich vor der gnädigen Frau verneigten, das Alles glitt undeutlich, schattenhaft vorüber – dann plötzlich berührte etwas scharf und beinahe schmerzend ihre Stirn; es war die kalte Morgenluft, in der sie zusammenschauerte, und vor sich sah sie den Wagen, der sie fortführen sollte, ihn allein, denn Terrasse, Blumenanlagen und Fontainen, das Alles verschwand in Dämmerung und Nebelgeriesel. Noch einmal begegneten sich die Augen der beiden Gatten, aber sie sagten einander nichts. Der Schleier lag schwer und dicht auch zwischen ihnen. Dann fühlte die junge Frau, wie eine Hand sich feucht und eiskalt in die ihrige legte, und hörte einige fremd und höflich klingende Abschiedsworte, die sie nicht verstand, aber es war doch Arthur’s Stimme, die sie sprach, und dabei fuhr wieder der stechende Schmerz heiß durch den dumpfen Traum – dann Hufestampfen und Räderrollen, und vorwärts ging es, hinein in das Nebelgrauen, das ringsum wallte und wogte, wie damals, als die Trennung beschlossen ward, oben auf der Waldhöhe in jener Frühlingsstunde – und was sich da trennt, das trennt sich für alle Ewigkeit!




„Wie ich Ihnen sage,“ versicherte der Oberingenieur dem Director, während sie gemeinschaftlich nach ihren beiderseitigen Wohnungen gingen, „jetzt wird’s Ernst! Der Herr Führer scheint die Angriffsparole ausgegeben zu haben, aber wir sollen ihnen den Vorwand dazu liefern. Man fordert uns ja förmlich heraus, und die Insulten sind an der Tagesordnung. Sie haben uns richtig den ganzen Bezirk aufgewiegelt; auf allen Werken ist die Geschichte jetzt erklärt; wir hatten nur die Ehre gehabt, anzufangen. Das ist Wasser auf Hartmann’s Mühle. Er trägt den Kopf noch einmal so hoch wie sonst!“

„Herr Berkow scheint auf Alles gefaßt zu sein,“ meinte der Director. „Er hat schleunigst die gnädige Frau in Sicherheit gebracht; das beweist am besten, was er von seinen eigenen Leuten fürchtet.“

„Bah, unsere Leute!“ fiel der College ein. „Mit denen wollten wir schon fertig werden, wenn nur der Eine nicht wäre! Aber so lange Der befiehlt, ist an Ruhe und Frieden nicht zu denken. Nur acht Tage lang den Hartmann fort von den Werken – und ich wollte für den Ausgleich bürgen!“

„Ich habe schon daran gedacht,“ der Director sah sich vorsichtig um und senkte dann die Stimme, „ich habe schon daran gedacht, ob man nicht den Verdacht gegen ihn benutzen könnte, den ja hier Jeder hegt und mit dem ihm wohl Keiner Unrecht thut. Was meinen Sie dazu?“

„Das geht nicht! Verdacht haben wir genug, aber wo bleiben die Beweise? An der Maschine und den Stricken hat sich nichts weiter finden lassen, als daß sie eben gerissen sind, die Herren vom Gericht haben das eingehend genug untersucht. Wie es kam und was da unten in der Tiefe vorgegangen ist, das kann eben nur Hartmann wissen, und der steht seinen Mann, auch im Leugnen. Man würde ihn ohne Resultat wieder frei geben müssen.“

„Aber eine Criminaluntersuchung würde ihn vorläufig unschädlich machen. Wenn man denuncirte, einige Wochen Haft –“

Der Oberingenieur runzelte die Stirn „Wollen Sie die Wuth unserer Leute auf sich nehmen, wenn man ihren Führer angreift? Ich nicht! Sie stürmen uns das Haus, sage ich Ihnen, wenn sie das Manöver durchschauen, und das geschieht sicher.“

„Das wäre noch die Frage. Er hat nicht mehr die alte Liebe unter ihnen.“

„Aber die alte Furcht noch! Mit der regiert er sie despotischer als je, und dann – Sie thun unserer Knappschaft Unrecht, wenn Sie glauben, sie würde den Cameraden, den Führer auf einen bloßen Verdacht hin im Stiche lassen. Scheuen mögen sie ihn, sich ihm auch entfremden mit der Zeit, aber in dem Momente, wo wir die Hand an ihn legen, da schaart sich Alles um ihn und schützt ihn auf jede Gefahr hin. Nein, nein, das geht nicht! Was wir gerade vermeiden wollen, ein blutiger Conflict, wäre dann unausbleiblich und überdies bin ich überzeugt, Herr Berkow würde dazu die Hand nicht bieten.“

„Ahnt er noch immer nichts von dem Verdachte?“ fragte der Director.

„Nein! Ihm gegenüber wagt natürlich Niemand eine Hindeutung darauf, und ich glaube, es ist besser, wir ersparen es ihm auch ferner. Er hat so schon genug zu tragen.“

„Jawohl, übergenug, und die Hiobsposten der letzten Wochen und Schäffer’s Briefe aus der Residenz scheinen doch nicht ohne Wirkung zu bleiben. Ich glaube, er denkt ernstlich an’s Nachgeben.“

„Warum nicht gar!“ fuhr der Ober-Ingenieur auf, „dazu ist es jetzt zu spät. Vor der Antwort, die er den Leuten gab, da blieb ihm allenfalls noch die Wahl, ob er sein Geld riskiren, oder die Fuchtel auf sich nehmen wollte, die es dem Herrn Hartmann beliebte uns aufzuerlegen; nach der Art, wie er ihm damals gegenübertrat, kann gar keine Rede mehr davon sein. Jede Spur von Autorität ist unwiederbringlich dahin, wenn [238] er nicht fest bleibt. Er muß vorwärts, und vorwärts zu müssen, das ist immer ein Vortheil im Kampfe.“

„Aber wenn es sich um das Vermögen handelt!“

„Aber wenn es sich um die Ehre handelt!“

Die beiden Herren geriethen wieder in eine jener hitzigen und fruchtlosen Debatten, deren Resultat gewöhnlich war, daß ein Jeder bei seiner Meinung blieb, und so geschah es auch diesmal, als sie sich kurz darauf trennten.

„Es ist doch etwas Schönes um die Neutralität,“ grollte der Ober-Ingenieur dem Collegen nach, indem er in sein Haus trat. „Nur immer hübsch ängstlich, immer hübsch vorsichtig, es nur ja mit keiner Partei verderben, weil man nie wissen kann, welche einmal an’s Ruder kommt. Ich wollte, all die Hasenfüße – Wilberg, was zum Kukuk haben Sie denn da mit meiner Tochter zu schaffen?“

Die beiden jungen Leute, denen diese Anrede galt, fuhren erschrocken auseinander, als seien sie auf einem Verbrechen ertappt worden, obgleich es in Wirklichkeit nur ein ganz harmloser Handkuß war, den sich Herr Wilberg erlaubt hatte, aber er sah dabei so gefühlvoll, und Melanie ihrerseits so gerührt aus, daß ihr Vater, durch das vorhergehende Gespräch mit dem Director schon geärgert und gereizt, wie ein Ungewitter dazwischen fuhr.

„Ich bitte ganz außerordentlich um Entschuldigung!“ stammelte der junge Beamte, während Fräulein Melanie, in dem Bewußtsein, daß ein Handkuß unter keinen Umständen etwas Schlimmes sei, ziemlich keck dreinschaute.

„Ich bitte ganz ordentlich um eine Erklärung!“ rief der Ober-Ingenieur zornig. „Was haben Sie hier unten auf dem Hausflur zu thun? Warum gehen Sie nicht, wie es sich gehört, in das Visitenzimmer?“

Die geforderte Erklärung ließ sich nun wirklich nicht in drei Worten geben, obgleich die jungen Leute unschuldig genug an diesem Zusammentreffen waren. Wilberg war in das Haus seines Vorgesetzten gekommen, einen Auftrag Herrn Berkow’s im Kopfe und tiefe Schwermuth im Herzen. Letztere galt natürlich der Abreise der gnädigen Frau, die er bereits am Abende vorher erfahren, aber an dem betreffenden Morgen glücklich verschlafen hatte. Der junge Beamte war kein Frühaufsteher und hätte nie den Leichtsinn begangen, sich der neblig kalten Morgenluft auszusetzen, in der man sich den Rheumatismus holen konnte. Er war es nicht gewesen, der damals beim Tagesgrauen unter den Tannen gestanden, dort, wo die Chaussee in den Wald einbog, geduldig wartend, trotz Nebel und Kälte, um der einen Minute willen, in welcher der Wagen vorüberrollte, um des einen Blickes willen, der im Innern desselben ein Antlitz suchte, das er nicht fand, denn dies Antlitz lag mit geschlossenen Augen in den Polstern vergraben. Als jener Andere heimkehrend unter seinem Fenster vorüberging und in das Haus des Schichtmeisters trat, schlief Herr Wilberg noch in ungestörter Ruhe, was ihn aber nicht hinderte, sich beim Erwachen grenzenlos unglücklich zu fühlen und die ganze Woche hindurch eine so melancholische Miene zur Schau zu tragen, daß Fräulein Melanie, die ihm zufällig im Hausflur begegnete, nicht umhin konnte, theilnehmend zu fragen, was ihm denn fehle.

Der junge Dichter war gerade in der Stimmung, seinen Schmerz irgend einem mitfühlenden Wesen auszuströmen; er seufzte daher verschiedene Male, machte Andeutungen und schüttete zuletzt natürlich sein ganzes Herz aus, um ebenso natürlich ein noch weit größeres Mitleid dafür in Empfang zu nehmen. War die junge Dame vorhin neugierig gewesen, so wurde sie jetzt über alle Maßen gerührt. Sie fand die Sache hochromantisch, den armen Wilberg ihrer tiefsten Theilnahme würdig, und nahm es daher auch ganz unbefangen hin, als er am Ende all dieser Mittheilungen und Tröstungen ihre Hand ergriff, um einen dankbaren Kuß darauf zu drücken; es war ja nicht die geringste Gefahr dabei, da er eine Andere liebte.

In diese rührende Scene nun fuhr der Herr Oberingenieur mit der ganzen Prosa seiner väterlichen Autorität und verlangte zu wissen, warum diese Herzensergießungen hier unten im Hausflur und nicht oben in der Visitenstube vor sich gingen, wo ihnen die Gegenwart der Mama selbstverständlich einige Schranken auferlegt hätte. Herr Wilberg, im Bewußtsein des großen Unrechts, das ihm hier geschah, raffte sich zusammen.

„Ich habe einen Auftrag von Herrn Berkow,“ erklärte er.

„So? Das ist etwas Anderes! Geh’ hinauf, Melanie! Du hörst ja, daß es sich um Geschäftssachen handelt.“

Melanie gehorchte, während ihr Vater am Fuße der Treppe stehen blieb, ohne den jungen Beamten, wie sonst, in seine Wohnung einzuladen, so daß dieser genöthigt war, sich hier seines Auftrages zu entledigen.

„Es ist gut,“ sagte der Oberingenieur ruhig. „Die betreffenden Zeichnungen stehen Herrn Berkow zur Disposition; ich werde sie ihm selbst bringen. Und nun ein Wort zu Ihnen, Wilberg! Ich habe Ihnen trotz einer gewissen gegenseitigen Antipathie doch immer Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Herr Wilberg verneigte sich. „Ich halte Sie sogar für einen ganz tüchtigen Beamten.“ Herr Wilberg verneigte sich zum zweiten Male. „Aber auch für etwas verrückt.“

Der junge Mann, der soeben im Begriffe war, die dritte Verbeugung zu machen, fuhr in die Höhe und starrte ganz fassungslos seinen Vorgesetzten an, der mit unverwüstlicher Gemüthsruhe fortfuhr:

„Was nämlich Ihre Manie zum Dichten betrifft. Das ginge mich nichts an, meinen Sie? Ich will das auch hoffen. Sie haben nacheinander den Hartmann, die gnädige Frau und Herrn Berkow angesungen. Das können Sie thun, wenn es Ihnen Vergnügen macht, aber lassen Sie sich nicht etwa einfallen, meine Melanie anzusingen – das verbitte ich mir. Ich will nicht, daß dem Kinde dergleichen Unsinn in den Kopf gesetzt wird. Wenn Sie durchaus einen neuen Gegenstand für Ihre poetischen Gefühle brauchen, so nehmen Sie mich oder den Director; wir stehen Ihnen zu Diensten.“

„Ich glaube, ich werde das unterlassen,“ sagte Wilberg im höchsten Grade pikirt.

„Wie es Ihnen beliebt, aber merken Sie sich: meine Tochter bleibt aus dem Spiele. Wenn mir eines Tages einmal ein Gedicht ‚An Melanie‘ unter die Hände kommt, dann fahre ich zwischen Ihre Jamben und Alexandriner, oder wie das Zeug sonst heißt. Das war es, was ich Ihnen sagen wollte. Adieu!“

Damit ließ der rücksichtslose Vorgesetzte den in seinen heiligsten Gefühlen gekränkten Dichter stehen und stieg die Treppe hinauf. Oben in der Wohnung kam ihm seine Tochter entgegen.

„O Papa, wie kannst Du so hart und ungerecht gegen den armen Wilberg sein! Er ist so unglücklich!“

Der Oberingenieur lachte laut auf. „Unglücklich? Der? Ein verunglückter Dichter ist er; schauderhafte Verse schreibt er zusammen, aber je mehr man versucht, ihm das begreiflich zu machen, desto toller reimt er darauf los. Was übrigens den Handkuß betrifft –“

„Mein Gott, Papa, da bist Du ganz und gar im Irrthum!“ unterbrach ihn Melanie sehr entschieden. „Es war nur Dankbarkeit. Er liebt ja die gnädige Frau, hat sie vom ersten Momente an geliebt, natürlich hoffnungslos, da sie bereits verheirathet ist, aber es ist doch begreiflich, daß er sich darüber grämt und daß ihre Abreise ihn vollends in Verzweiflung stürzt.“

„Also einzig aus Gram und Verzweiflung hat er Dir die Hand geküßt? Merkwürdig! Uebrigens woher weißt Du denn das Alles, Melanie? Du scheinst mir ja ganz außerordentlich bewandert in den Herzensgeschichten dieses blonden Schäfers!“

[253] Die junge Dame hob mit unverkennbarer Genugthuung den Kopf. „Ich bin seine Vertraute; mir hat er sein ganzes Herz ausgeschüttet. Ich habe ihn auch trösten wollen, aber er mag keinen Trost; er ist zu unglücklich.“

„Das ist ja eine allerliebste Geschichte!“ brach der Oberingenieur zornig los. „Also bis zum Trösten und Herzausschütten seid Ihr schon gekommen? Ich hätte den Wilberg gar nicht für so gescheidt gehalten. Wer bei Euch Frauen erst auf das Mitleid speculirt – aber der Sache wollen wir denn doch bei Zeiten ein Ende machen. Du wirst künftig nicht wieder solche unpassende Vertraulichkeiten entgegennehmen, Melanie, und die Tröstungsgeschichte verbitte ich mir ein- für allemal. Ich werde sorgen, daß er für’s Erste nicht wieder in’s Haus kommt, und damit Punctum!“

Melanie wendete sich schmollend ab, ihr Herr Papa bewies aber keine sehr große Menschenkenntniß, wenn er mit diesem dictatorischen Punctum die Sache nun auch wirklich beendet und das Schreckbild gebannt glaubte, das in Gestalt eines dichtenden und Guitarre spielenden Schwiegersohnes urplötzlich vor ihm aufgetaucht war. Er hätte doch wissen müssen, daß Fräulein Melanie sich erst recht vornahm, den armen, so arg verkannten Wilberg zu trösten, wo und wie es nur anging, und daß Herr Wilberg sich noch denselben Abend hinsetzte, um ein Gedicht „an Melanie“ zu verfassen; dergleichen ließ sich mit einem bloßen Punctum wirklich nicht verbieten.

Der Tag neigte sich zu Ende. Im Sinken brach die Sonne noch einmal roth durch das sie umgebende Gewölk und ließ Wald und Berge aufglühen in kurzer vergänglicher Pracht. Nur wenige Minuten lang, dann sank der rothe Feuerball langsam am Horizonte nieder und mit ihm verschwanden der Glanz und die Farben, die er einen flüchtigen Moment lang der Erde geliehen.

Arthur Berkow hatte soeben das Gitter am Ausgange des Parkes geöffnet und war hinausgetreten; hier blieb er stehen, unwillkürlich gefesselt von dem Schauspiel, und schaute mit einem langen düsteren Blicke dem scheidenden Gestirne nach. Sein Antlitz trug jetzt den Ausdruck vollkommen erstrittener Ruhe, aber es war nicht jene Fassung, mit der ein Mann sich emporrafft, wenn er eine siegreich überwundene Schwäche von sich wirft, um in neue Bahnen einzulenken. Wenn man allein zurückbleibt auf dem sinkenden Schiffe, und sieht in der Ferne das Boot verschwinden, das die besten Güter und Schätze der sicheren Küste zuführt, während das Schiff selbst unaufhaltsam der Klippe entgegentreibt, an der es zerschellen muß, da hält der Mannesmuth wohl auch noch aus, aber freudig ist er nicht mehr. Wenn die letzte Hoffnung gegangen ist, dann kommt die Ruhe, die im Stande und bereit ist, Allem zu trotzen; sie lag jetzt auch auf Arthur’s Zügen; der Traum war ausgeträumt und die nächste Zukunft forderte wahrlich ein volles ganzes Erwachen.

Er schritt über die Wiese hin und schlug die Richtung ein, die nach den Wohnungen seiner Oberbeamten führte. Der breite Wassergraben, der am oberen Ende des Parkes entlang lief, durchschnitt auch hier den Wiesengrund, aber während dort eine zierliche Brücke den Uebergang bildete, mußte hier ein einfaches Brett, derb und sicher, aber so schmal, daß nur Einer es passiren konnte, denselben Dienst leisten. Arthur betrat es rasch, ohne zu bemerken, daß ein Anderer zugleich von drüben herkam, und bereits hatte er einige Schritte gethan, als er plötzlich vor Ulrich Hartmann stand, der ihn gleichfalls erst in diesem Augenblicke zu erkennen schien. Der junge Chef blieb stehen, in der Voraussetzung, daß sein Untersteiger zurückgehen und ihn hinüberlassen werde, aber es mußte doch etwas an dem „Provociren“ sein, das der Oberingenieur bemerkt haben wollte; ob Jener wirklich einen Conflict suchte, oder aber nur seiner eigenen trotzigen Natur gehorchte, genug, er blieb unbeweglich stehen und machte keine Miene zu weichen.

„Nun, Hartmann, wollen wir so stehen bleiben?“ sagte Arthur ruhig, nachdem er einige Secunden lang vergebens gewartet. „Das Brett ist zu schmal für Zwei; Einer muß zurück.“

„Muß ich der Eine sein?“ fragte Ulrich scharf.

„Ich dächte doch wohl!“

Hartmann schien eine herausfordernde Antwort auf den Lippen zu haben; aber auf einmal besann er sich. „Ja so, wir sind auf Ihrem Grund und Boden! Das hatte ich vergessen!“

Er ging zurück und ließ Berkow hinüber; als dieser jenseit des Grabens war, hielt er seinen Schritt an.

„Hartmann!“

Der Angeredete, der eben im Begriff war, das Brett zu betreten, wandte sich um.

„Ich hätte Sie in diesen Tagen rufen lassen, hätte ich nicht befürchten müssen, zu Mißdeutungen Anlaß zu geben. Da wir aber einmal hier zusammentreffen – ich möchte Sie sprechen.“

Ein Blick des Triumphes schoß über Ulrich’s Züge hin. Dann nahmen sie wieder ihren gewöhnlichen verschlossenen Ausdruck an.

[254] „Hier auf der Wiese?“

„Der Ort ist gleich; wir sind auch hier allein.“

Ulrich kam langsam näher und stellte sich seinem Chef gegenüber, der an einer der Weiden lehnte, die den Rand des Grabens säumten. Auf der Wiese fingen die Abendnebel an emporzusteigen, und drüben über dem Walde, da wo die Sonne gesunken war, glühte jetzt das Abendroth auf.

Es war ein eigenthümlicher Contrast, die Beiden: – die schlanke, fast zarte Gestalt des vornehm aussehenden jungen Mannes mit dem bleichen Antlitz voll stiller Ruhe, den großen ernsten Augen, aus denen jetzt jenes Leuchten geschwunden war, das sie räthselhaft anziehend machen konnte, und die riesige Figur des Arbeiters, mit dem stolz getragenen blonden Kopfe, mit dem Gesicht, eisern wie seine Muskeln und Sehnen, dem flammenden Blick, der sich mit einer Art wilder Genugthuung in die bleichen Züge seines Gegners bohrte; er ahnte, was dahinter verborgen lag. Der Instinct der Eifersucht hatte ihn sehen und deuten gelehrt, wo sonst Niemand etwas sah, und wenn alle Welt behauptete, daß Arthur Berkow fremd und kalt an seiner schönen Gemahlin vorübergehe und nie das mindeste Interesse für sie gehegt habe, Ulrich wußte, daß man nicht gleichgültig bleiben konnte, wenn man ein Wesen, wie Eugenie Windeg, die Seine nannte, wußte, was es heißt, ein solches Wesen zu verlieren, seit jenem Morgen, wo er unter den Tannen stand und dem davon rollenden Wagen nachsah. Aber mitten durch das Weh der Trennung rang sich in ihm ein stolzer Triumph empor. Eine Frau, die ihren Mann liebt, verläßt ihn nicht in dem Momente, wo Alles um ihn her wankt und bricht, und sie ging von ihm, ging im sicheren Schutze ihres Vaters und Bruders und ließ ihn allein zurück, Allem preisgegeben. Das hatte ihn denn doch getroffen, den stolzen Berkow, der sonst nicht zu treffen war mit Haß und Drohungen, mit der Furcht vor Gewalt und Empörung, vor seinem Ruin selbst, und wenn er seine ganze Umgebung täuschte mit dieser ruhigen Stirn, den Feind konnte er damit nicht täuschen; der Schlag war bis an’s Herz gegangen.

„Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, was in der letzten Zeit vorgegangen ist,“ begann Arthur, „Sie werden ebenso gut und noch besser darüber unterrichtet sein, als ich es bin. Die übrigen Werke sind Ihrem Beispiele gefolgt; wir gehen allem Anschein nach längeren Conflicten entgegen. Sind Sie Ihrer Cameraden sicher?“

Ulrich stutzte bei der letzten Frage. „Wie meinen Sie das, Herr Berkow?“

„Ich meine, ob wir hier unter uns allein fertig werden können, ohne fremde Einmischung. Auf den anderen Werken können sie es nicht. Von den Eisenhütten hat man sich bereits mit der Bitte um Hülfe nach der Stadt gewendet; Sie sind den dortigen Tumulten ja wohl nicht fremd, also werden Sie wohl am besten wissen, wie nothwendig das war. Ich freilich würde nur im Fall der äußersten Nothwehr zu einem solchen Mittel greifen, aber auch der Fall kann eintreten. Bereits sind mehrere meiner Beamten insultirt worden; man war neulich im Walde nahe daran, auch mich zu insultiren; bauen Sie nicht auf meine Geduld oder auf meine Schwäche! So sehr ich das Aeußerste zu vermeiden wünsche, der Gewalt werde ich mit Gewalt antworten.“

Ulrich hatte schon bei den ersten Worten mit finsterer Ueberraschung aufgeblickt. Er mochte wohl etwas Anderes erwartet haben, als eine solche Erklärung, aber die Ruhe, mit der sie gegeben wurde, nahm ihr alles Herausfordernde und zwang auch den Gegner zur Mäßigung; es klang nur ein leiser Hohn in seiner Stimme, als er erwiderte:

„Das ist mir nichts Neues. Gewalt gegen Gewalt! Ich wußte es von vorn herein, daß wir eines Tages dahin kommen würden.“

Arthur sah ihn fest an. „Und wer trägt die Schuld, wenn wir dahin kommen, der Widerstand der Menge oder der Starrsinn eines Einzigen?“

„Der Starrsinn eines Einzigen! ganz recht, Herr Berkow! Sie wissen, daß es Sie nur ein Wort kostet – und morgen arbeiten Ihre Werke wieder.“

„Und Sie wissen, daß ich dieses Wort nicht sprechen kann, weil es Unmögliches einschließt. An Euch ist es jetzt nachzugeben; ich biete Euch noch einmal die Hand dazu.“

„Wirklich?“ rief der junge Bergmann, diesmal mit ausbrechendem Hohne. „Wohl weil es jetzt überall in der ganzen Provinz losbricht und wir einen Schutz und Hinterhalt an unseren Cameraden haben?“

Berkow richtete sich mit einer raschen Bewegung empor, und jetzt flammte auch sein Auge. „Weil man Euch mit den Waffen zu der Ordnung zwingen wird, die Ihr mit Füßen tretet, und weil ich meinen Leuten das Schicksal ersparen möchte. Lassen Sie den Hohn, Hartmann, an den Sie selbst nicht glauben! Was auch zwischen uns geschehen ist und vielleicht noch geschehen wird, von dem Vorwurfe der Feigheit, denke ich, sprechen wir uns wohl gegenseitig frei.“

Es war wieder jener Ton und Blick wie damals im Conferenzzimmer. Ulrich schaute mit einem Gemisch von Groll und Bewunderung auf seinen jungen Chef, der in solcher Stunde so mit ihm zu sprechen wagte, und er mußte es doch von der Scene im Walde her wissen, was bei ähnlichen Begegnungen zu fürchten war; seine Worte bewiesen ja auch, daß er es sehr gut wußte, und dennoch hatte er heute freiwillig dieses Alleinsein gesucht. Der Park war völlig leer, auf der Wiese kein menschliches Wesen zu erblicken, und die Häuser lagen noch eine ganze Strecke weit entfernt. Keiner von den Beamten hätte es gewagt, mit dem gefürchteten Hartmann so unter vier Augen eine Unterredung zu haben, die leicht verfänglich werden konnte, selbst der kecke Oberingenieur nicht; nur der einst so verachtete Weichling wagte es; ja wohl, von dem Verdachte der Feigheit hatte sein Gegner ihn längst schon freigesprochen.

Arthur schien den Eindruck zu fühlen, den seine Haltung hervorbrachte; er trat einen Schritt näher.

„Sehen Sie denn nicht ein, Hartmann, daß Sie sich für die Zukunft unmöglich machen mit diesem Benehmen?“ fragte er ernst. „Sie glauben vielleicht, daß bei dem endlichen Ausgleiche Ihre Cameraden einen Druck auf mich üben werden? Ich lasse mir keinen Zwang anthun, mein Wort darauf; aber ich achte in Ihnen die tüchtige, wenn auch mißleitete Kraft. Sie hat sich bisher nur zu meinem Schaden kundgegeben, und gerade daran habe ich gesehen, was sie wirken kann, wenn sie sich einst nicht mehr feindselig gegen mich wendet. Geben Sie jetzt der Stimme der Vernunft Gehör, begnügen Sie sich mit der Erreichung des Möglichen – und ich biete Ihnen freiwillig das Bleiben auf den Werken und freie Bahn zum Emporsteigen. Ich weiß, was ich damit wage, wenn ich ein Element wie Sie unter meinen Arbeitern behalte; aber ich werde es wagen, wenn meinem Vertrauen das gleiche entgegenkommt.“

Das Anerbieten selbst war vielleicht schon gewagt genug, einem Manne gegenüber, der gewohnt war, jede Mäßigung als Schwäche aufzufassen; aber Berkow schien sich gerade hier nicht verrechnet zu haben. Zwar antwortete Ulrich nicht; er verrieth auch keine Nachgiebigkeit, aber für eine Natur wie die seinige war es schon genug, daß das Gebotene nicht sofort mit finsterm Mißtrauen zurückgestoßen wurde.

„Vertrauen freilich habe ich bisher vergebens von Euch gefordert,“ fuhr Arthur fort. „Ihr habt es mir bis auf diese Stunde verweigert. Ich bin fremd hier eingetreten; wenn auch nicht dem Orte selbst, meinen Werken und Euch war ich ein Fremder. Ihr seid mir mit einer Kriegserklärung entgegengekommen, ohne auch nur zu fragen, was ich freiwillig ändern oder bessern wolle; Ihr habt mich als Feind empfangen und behandelt und wußtet noch nicht einmal, ob ich Euer Feind sein wollte.“

„Wir sind im Kriege!“ sagte Ulrich kurz. „Da gilt jeder Vortheil.“

Arthur hob das vorhin so blasse Antlitz, das jetzt überfluthet war von dem flammenden Purpur des Abendrothes, dessen Wiederschein sie Beide umleuchtete.

Muß denn Krieg sein zwischen uns? Ich meine nicht den jetzigen Streit, der früher oder später sein Ende erreichen wird; ich meine den geheimen erbitterten Krieg, den Härte und Zwang von der einen Seite und Groll und Haß von der andern endlos schüren und endlos fortspinnen. So ist es gewesen all die Jahre lang, ich weiß es, und so wird es wieder sein, wenn der Zwang allein Euch niederwirft. Wir sollten Frieden machen, ehe sich beide Theile daran verbluten; noch können wir es, noch ist nichts geschehen, was den Riß unheilbar erweitert; in wenig Tagen ist es vielleicht zu spät.“

[255] Die Stimme des jungen Chefs hatte in all ihrer Ruhe etwas mächtig Ergreifendes, und man sah an der heftigen Bewegung in Hartmann’s Zügen, daß er nicht unempfindlich dagegen blieb. Der trotzige Bergmann, der, je mehr er gewohnt war, seines Gleichen zu beherrschen, um so tiefer den verletzenden Hochmuth oder die schlecht verhehlte Furcht von Höherstehenden empfand, sah sich hier auf eine Stufe gestellt, die ihm noch Niemand angewiesen. Er wußte sehr gut, daß Arthur mit keinem seiner Untergebenen, vielleicht mit keinem seiner Beamten so gesprochen hätte, daß er diese Art der Verhandlung einzig seiner Persönlichkeit dankte. Der Chef sprach zu ihm wie der Mann zum Manne, in einer Angelegenheit, von der das Wohl und Wehe Beider abhängt, und er hätte wohl auch gesiegt damit, wäre er nur nicht gerade Arthur Berkow gewesen. Ulrich war eine viel zu unbändige, viel zu leidenschaftliche Natur, um da Gerechtigkeit üben zu können, wo er mit ganzer Seele haßte.

„Es ist uns schwer genug gemacht worden mit dem Vertrauen,“ sagte er bitter. „Ihr Vater hat uns so viel davon genommen all die Jahre lang, daß für den Sohn nichts mehr übrig ist. Ich glaube Ihnen, Herr Berkow, daß Ihr Anerbieten nicht von der Furcht herkam; bei einem Andern würde ich das nicht glauben; Ihnen glaube ich es! Aber da wir einmal dabei sind, uns allein zu helfen, so denke ich, wir fechten es auch aus bis zuletzt. So oder so – Einer muß am Ende Recht behalten.“

„Und Ihre Cameraden? Wollen Sie all die Sorge, all den Mangel, all das Unglück vielleicht auf sich nehmen, das dies ‚Ausfechten bis zuletzt‘ mit sich führt?“

„Ich kann’s nicht ändern! Für sie geschieht es.“

„Nein, für sie geschieht es nicht!“ sagte Arthur fest, „sondern einzig für den Ehrgeiz ihres Führers, der die Herrschaft an sich reißen möchte, um ihnen dann ein schlimmerer Despot zu werden, als die gehaßten Herren es je gewesen sind. Wenn Sie noch an Ihre sogenannte Mission glauben, Hartmann, mich täuschen Sie nicht mehr damit, seit ich sehe, daß Sie Alles, wozu ich mich bereit erkläre, um die Lage Ihrer Cameraden zu bessern, als werthlos bei Seite werfen, um des einen Zieles willen, das ich nur zu gut kenne. Sie wollen mich und die Beamten künftig machtlos wissen, Beschlüssen und Auflehnungen gegenüber, die Sie allein dictiren würden; Sie wollen, sobald Sie im Namen einer blind gehorchenden Menge sprechen, alle Rechte des Herrn sich anmaßen und mir mit dem Namen nur die Pflichten desselben lassen; Sie wollen nicht Anerkennung Ihrer Partei, sondern Unterdrückung jeder anderen; das ist’s, warum Sie Alles auf’s Spiel setzen – Sie werden es verlieren!“

Die Sprache war kühn genug einem solchen Manne gegenüber, und Ulrich fuhr auch dabei in gereizter Wuth auf.

„Nun, wenn Sie es denn so genau wissen, Herr Berkow, meinetwegen! Sie haben ganz Recht, es handelt sich nicht blos um den höheren Lohn, um das Bischen Sicherheit in den Schachten. Das mag für die genug sein, die sich nur für Weib und Kinder quälen, und nichts weiter kennen ihr Lebelang; die Muthigen unter uns wollen mehr. Die Zügel wollen wir in Händen haben; respectiren soll man uns als Gleichberechtigte! Das mag sich freilich schlecht genug lernen für die unumschränkten Herren, aber jetzt sind wir an der Reihe. Wir haben endlich begriffen, daß unsere Hände es sind, die Euch Alles erringen, wovon Ihr allein die Früchte genießt. Ihr habt unsere Arme lange genug zur Sclavenarbeit gebraucht; jetzt sollt Ihr sie fühlen lernen!“

Die Worte wurden mit einer so furchtbaren Heftigkeit herausgeschleudert, als sei jedes derselben schon eine Waffe, zum Treffen und Tödten bestimmt. Die ganze maßlose Leidenschaftlichkeit Ulrich’s brach wieder hervor, und die Wuth, die einer ganzen Classe galt, wendete sich im Augenblick gegen den Einen, der gerade vor ihm stand. Die Lage dieses Einen war bedenklich genug, diesem Manne gegenüber, der mit geschwollenen Stirnadern und geballten Fäusten bereit schien, seinen Worten die That folgen zu lassen.

Aber Arthur zuckte nicht einmal mit der Wimper und wich auch keinen Schritt aus der gefährlichen Nähe. Er stand wieder da mit jener Haltung kalter, stolzer Ruhe, das große Auge fest auf den Gegner gerichtet, als habe er mit diesem Auge allein die Macht, ihn zu zwingen.

„Ich glaube, Hartmann, Sie werden vorläufig die Zügel noch den Händen lassen müssen, die gewohnt und im Stande sind, sie zu regieren. Auch das will gelernt sein! Mit roher Gewalt stiftet man Empörungen an und reißt Schöpfungen nieder, aber man erbaut keine neuen damit. Versucht es, die Werke hier mit Euern Händen allein zu leiten, wenn das so sehr gehaßte Element fehlt, das diesen Händen die Richtung, das den Maschinen die Triebkraft und der Arbeit den Geist giebt und das für jetzt noch uns gehört. Stellt Euch dem ebenbürtig an die Seite und man wird Euch die Gleichberechtigung nicht länger versagen. Was Ihr jetzt in die Wagschale zu werfen, habt, die Massen allein, das sichert Euch noch nicht die Herrschaft!“

Ulrich wollte antworten, aber noch erstickte die Leidenschaft seine Stimme. Arthur warf einen Blick nach dem Walde hinüber, wo die Röthe jetzt dunkler und dunkler glühte, und wandte sich dann zum Gehen.

„Hätte ich vorher gewußt, daß jedes Wort der Versöhnung vergebens sein würde, ich hätte diese Unterredung nicht gesucht. Ich bot Ihnen den Frieden und das Bleiben auf den Werken; das Opfer hätte vielleicht kein Anderer gebracht und ich habe mich schwer genug dazu zwingen müssen. Auch das wird mit Haß und Hohn zurückgestoßen. Sie wollen mein Feind sein – nun so seien Sie es denn, aber nehmen Sie auch die Verantwortung für Alles, was jetzt geschieht, ich habe umsonst versucht, es zu hemmen! Wie der Streit selbst auch jetzt ausfallen mag – wir Beide sind zu Ende mit einander.“

„Glück auf!“ rief ihm Hartmann dumpf nach. Es klang wie schneidender Hohn, und das war es wohl auch in diesem Augenblick. Der junge Chef schien es nicht mehr zu hören. Er war bereits einige Schritte fort und schlug jetzt die Richtung nach den Häusern ein.

Ulrich blieb zurück; über seinem Haupte schwankten die Weidenzweige im Abendwinde auf und nieder. Auf der Wiese wallte weißer Duft, und drüben über den Tannen glänzte es noch einmal auf, unheimlich und roth wie Blut, um dann langsam zu verblassen. Der junge Bergmann starrte unbeweglich in den flammenden Abendhimmel; der unheimliche Schein lag auch auf seinem Antlitz.

„Wir sind zu Ende? Nicht doch, Herr Arthur Berkow, wir fangen jetzt erst an! Ich habe nur die Feigheit nicht eingestehen wollen, die mich immer noch zurückhielt; ich wagte mich nicht an ihn, so lange sie an seiner Seite war. Jetzt ist die Bahn frei – jetzt wollen wir abrechnen!“




In der Residenz wogte das ganze buntbewegte Treiben eines Sommernachmittages. In den Hauptstraßen drängte sich die Menge der Spaziergänger, Geschäftsleute und Arbeiter in ewig wechselndem Gewühl; dazwischen tönte endloser Lärm und endloses Wagengerassel; von allen Seiten wirbelte der Staub auf, und die heißen Strahlen der Nachmittagssonne, die schon anfingen etwas schräg zu fallen, beleuchteten das Ganze.

Von den Fenstern des Windeg’schen Hauses, das in einer dieser Hauptstraßen lag, schaute eine junge Dame hinab auf dieses Getümmel, das ihr beinahe fremd geworden war in der Einsamkeit ihrer Waldberge. Eugenie war in das väterliche Haus zurückgekehrt, und damit schien die kurze Zeit ihrer Ehe ausgelöscht und vergessen. Im Familienkreise wurde dieser Punkt nur höchst selten und nur dann berührt, wenn von der bevorstehenden Scheidung die Rede war. Die Söhne folgten darin dem Beispiel ihres Vaters, der sich einfach vorgenommen zu haben schien, jene Erinnerung todtzuschweigen, in seinem Hause wenigstens, während er zugleich in der Stille die nöthigen Schritte zur Einleitung des gerichtlichen Scheidungsprocesses that. Bis dahin sollte die Sache der Welt gegenüber noch nicht berührt werden. Die Dienerschaft und die wenigen um diese Zeit noch in der Residenz anwesenden Bekannten wußten nur von einem vorübergehenden Besuche der jungen Frau bei den Ihrigen, der durch die Verhältnisse auf den Gütern ihres Mannes veranlaßt und geboten war.

Eugenie bewohnte wieder die Zimmer, die sie vor ihrer Vermählung inne gehabt hatte; in der Einrichtung derselben war nichts verändert worden, und wenn sie wie früher am Erkerfenster stand, so begegnete ihr Blick auch draußen den allbekannten [256] Gegenständen, als sei sie nie fort gewesen. Die letzten drei Monate sollten und konnten für sie ja auch nichts Anderes sein, als ein schwerer banger Traum, aus dem sie jetzt erwachte zu der alten Freiheit ihrer Mädchenjahre, und zu einer besseren, als die ehemalige, denn jetzt lauerte das Gespenst der Sorge nicht mehr drohend auf jedem Schritte, den sie und die Ihrigen thaten; jetzt brachte nicht jeder neue Tag wieder neue Demüthigungen und neue Opfer; jetzt wurde nicht jede Stunde des Familienlebens vergiftet durch die Furcht vor der vielleicht morgen schon drohenden Schande des Ruins und vor all seinen furchtbaren Folgen. Das alte edle Geschlecht der Windeg konnte wieder auftreten im vollen Glanze der Macht und des Reichthums. Wer die Rabenau’schen Güter besaß, war reich genug, alle früheren Verluste damit zu decken und sich und den Seinen eine glänzende Zukunft zu bereiten.

Freilich ein Schatten blieb noch immer zurück in all dem neuen Sonnenschein, der dem Baron und auch einst Eugenien so sehr verhaßte bürgerliche Name; aber auch das konnte nur eine Frage der Zeit sein. Das schöne, geistvolle Mädchen hatte schon in ihren eigenen Kreisen manchen Verehrer gefunden, der wohl früher oder später zum Bewerber geworden wäre, trotz der offenkundigen Verhältnisse ihres Vaters. Eugenie Windeg war ganz danach, es einen Mann vergessen zu lassen, daß er die Tochter einer armen und verschuldeten Familie in sein Haus führte. Der alte Berkow hatte damals mit roher Hand in all jene Pläne und Anknüpfungen gegriffen und den Preis seinem eigenen Sohne zugewandt. Er hatte die Macht, zu fordern, wo Andere erst werben mußten, und wußte sie zu gebrauchen. Jetzt aber wurde Eugenie wieder frei; der nunmehrige Majoratsherr konnte ihr eine reiche Mitgift sichern; er kannte mehr als einen Standesgenossen, der gern, und nicht blos aus Berechnung, bereit war, die einst zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen und mit dem Namen auch die letzte Erinnerung an jene Heirath zu verwischen, indem er durch eine ebenbürtige Vermählung die junge Baroneß wieder auf die gleiche, wenn nicht noch auf eine höhere Stufe erhob, als die war, auf welche die Geburt sie gestellt hatte. Dann war der letzte Flecken getilgt von dem Wappenschilde der Windeg und es strahlte wieder im hellsten Glanze.

Aber die junge Frau sah gar nicht so ruhig und hoffnungsfreudig aus, wie man es nach all diesem Sonnenschein des Glückes doch hätte erwarten sollen. Schon wochenlang war sie im väterlichen Hause, und noch immer wollte die Farbe nicht auf ihre Wangen zurückkehren und der Mund das Lächeln nicht wieder lernen. Sie blieb hier, umgeben von all der Liebe und Sorgfalt der Ihrigen, so bleich und still, wie sie nur je an der Seite des ihr aufgedrungenen Gatten gewesen, und auch jetzt schaute sie hinunter auf das Gewühl zu ihren Füßen, ohne daß es auch nur einer der wechselnden Gestalten in der auf- und abfluthenden Menge gelang, ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln. Es war jener leere, träumende Blick, dem die nächste Umgebung völlig verschwindet, und der statt dessen etwas ganz Anderes an einem ganz anderen Orte sieht. „In Eurer Residenz verlernt man ja Alles, sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit!“ Das schien hier nicht zuzutreffen. Eugenie sah aus, als sehne sie sich recht schmerzlich danach.

Der Baron pflegte vor dem Spazierritt, den er gewöhnlich gegen Abend unternahm, stets auf eine halbe Stunde zu seiner Tochter zu kommen; auch heute geschah das, aber heut war seine Miene wichtiger als sonst und er hielt ein Papier in der Hand.

„Ich muß Dich diesmal mit etwas Geschäftlichem behelligen, mein Kind,“ begann er nach kurzer Begrüßung. „Ich habe soeben eine Conferenz mit unserem Rechtsanwalt gehabt, die über Erwarten befriedigend ausgefallen ist. Der Vertreter der Gegenpartei ist in der That bevollmächtigt, all unseren Wünschen entgegenzukommen; die Herren haben sich bereits über die nothwendigen Schritte geeinigt, und die ganze Angelegenheit wird sich voraussichtlich weit schneller und leichter erledigen lassen, als wir zu hoffen wagten. Ich bitte Dich, dies Blatt zu unterschreiben.“

Er hielt ihr das Papier hin; die junge Frau schien hastig danach greifen zu wollen, aber auf einmal ließ sie die ausgestreckte Hand wieder sinken.

„Ich soll –?“

„Nun, Deinen Namen unter diese Schrift setzen, weiter nichts,“ sagte der Baron ruhig, indem er das Blatt auf den Schreibtisch legte und ihr einen Sessel heranschob. Eugenie zögerte.

„Es ist ein Actenstück – soll ich es nicht zuvor durchlesen?“

Windeg lächelte ein wenig. „Wenn es ein Document von Wichtigkeit wäre, so hätten wir es Dir selbstverständlich zur Durchsicht vorgelegt; es handelt sich hier aber nur um den Scheidungsantrag, den der Justizrath in Deinem Namen stellen wird und wozu er Deiner Unterschrift bedarf – eine bloße Förmlichkeit zur Einleitung des Processes. Die Details folgen erst später. Wenn Du indessen den Wortlaut kennen zu lernen wünschest –“

„Nein, nein!“ unterbrach ihn die junge Frau abwehrend, „dessen bedarf es nicht. Ich werde unterschreiben; aber es muß doch wohl nicht gerade jetzt in dieser Stunde sein; ich bin augenblicklich nicht in der Stimmung dazu.“

Der Baron sah sie höchst befremdet an. „Stimmung? Es handelt sich hier nur um eine Namensunterschrift; sie wird in einer Minute vollzogen sein, und ich habe dem Justizrathe versprochen, ihm das Blatt noch heute wieder zuzusenden, da er es morgen einzureichen beabsichtigt.“

„Nun denn, so werde ich es Dir heute Abend noch mit meiner Unterschrift bringen. Nur in diesem Augenblicke nicht; ich kann es nicht.“

Der Ton der jungen Frau war seltsam gepreßt, beinahe angstvoll. Ihr Vater schüttelte etwas unwillig das Haupt.

„Das ist eine seltsame Laune, Eugenie, die ich nicht begreife. Warum willst Du diesen einfachen Federzug nicht gleich jetzt in meiner Gegenwart thun? Indessen, wenn Du darauf bestehst – ich rechne darauf, daß Du mir heute Abend beim Thee das Blatt zurückgiebst; es ist dann noch Zeit genug, es fortzusenden.“

Er bemerkte nicht das tiefe, erleichternde Aufathmen seiner Tochter bei den letzten Worten, sondern trat an den Erker und blickte gleichfalls hinunter auf die Straße.

„Wird Curt nicht zu mir kommen?“ fragte Eugenie nach einer augenblicklichen Pause. „Ich habe ihn nur erst heute Mittag bei Tische gesehen.“

„Er wird noch müde sein von seiner Reise und wohl etwas ausgeruht haben. – Ah, da bist Du ja, Curt, soeben sprechen wir von Dir.“

Der junge Baron, der in diesem Augenblicke eintrat, mußte wohl darauf gerechnet haben, die Schwester allein zu finden, denn er sagte mit offenbarer und nicht ganz angenehmer Ueberraschung:

„Du hier, Papa? Ich hörte doch, Du hättest drüben in der Bibliothek eine Conferenz mit unserem Rechtsanwalte.“

„Wir sind bereits zu Ende, wie Du siehst.“

Curt schien der besagten Conferenz fast eine längere Dauer gewünscht zu haben, indeß er erwiderte nichts, sondern ging zu seiner Schwester und nahm vertraulich an ihrer Seite Platz. Er war in der That erst heute Mittag aus der Provinz eingetroffen; ein eigenthümlicher, dem Baron im höchsten Grade fataler Zufall hatte es gewollt, daß das Regiment, bei welchem sein ältester Sohn stand, gerade jetzt in die Stadt verlegt wurde, die den Berkow’schen Besitzungen zunächst lag, gerade jetzt, wo man alle Beziehungen dort abgebrochen hatte! Von einem längeren Urlaube des jungen Officiers konnte nicht die Rede sein, da die soeben ausbrechende Bewegung der Arbeiter in dortiger Gegend die ganze Provinz in Aufregung versetzte. Es standen Unruhen und demzufolge das Einschreiten des Militärs zu erwarten – da konnte sich Curt dem Dienste nicht entziehen. Er reiste also ab, mit der gemessenen Weisung des Vaters, in seiner neuen Garnison, wo man natürlich Berkow sehr genau kannte, die bevorstehende Scheidung für jetzt noch zu verschweigen. Der Baron hielt an der Taktik fest, der Welt erst die Thatsache gegenüberzustellen, und im Uebrigen hegte er die stillschweigende Voraussetzung, daß sein Sohn jede persönliche Berührung mit dem einstigen Verwandten möglichst vermeiden werde.

[269] Die Voraussetzung schien auch einzutreffen, wenigstens wurde Arthur’s Name in den Briefen nie genannt und die Verhältnisse auf seinen Besitzungen nur sehr beiläufig erwähnt, bis Curt in einer dienstlichen Angelegenheit nach der Residenz beordert wurde. Während der wenigen Stunden seines Hierseins hatte man sich nicht aussprechen können. Bei Tische hatte die Gegenwart einiger Gäste der Familie Zwang auferlegt; jetzt aber, wo durch die geforderte Unterschrift Eugeniens der sonst streng vermiedene Punkt einmal berührt war, erkundigte sich der Baron auch mit jener Gleichgültigkeit, mit der man nach dem Ergehen eines sehr entfernten Bekannten fragt, wie es denn eigentlich auf den Berkow’schen Gütern stände.

„Schlimm, Papa, sehr schlimm!“ sagte Curt, indem er sich dem Vater zuwandte, ohne jedoch seinen Platz neben der Schwester aufzugeben. „Arthur wehrt sich wie ein Mann gegen das Unglück, das von allen Seiten auf ihn einstürmt, aber ich fürchte, er wird ihm doch zuletzt unterliegen. Er hat es zehnfach schlimmer als seine Collegen auf den übrigen Werken; all’ die Sünden, die sein Vater mit einer zwanzigjährigen Tyrannei und Ausbeutung, mit den unsinnigsten Speculationen der letzten Zeit aufgehäuft hat, muß er jetzt büßen. Ich begreife nicht, wie er sich in dem Kampfe noch überhaupt aufrecht erhält. Ein Anderer wäre längst unterlegen.“

„Wenn die Bewegung ihm über den Kopf wächst, so wundert es mich, daß er noch nicht militärische Hülfe in Anspruch genommen hat,“ meinte der Baron ziemlich kühl.

„Das ist’s ja eben, daß er in dem Punkte keine Vernunft annehmen will! Ich“ – hier brach die ganze aristokratische Rücksichtslosigkeit des jungen Erben von Windeg durch – „ich hätte längst unter die Kerle schießen lassen und mir mit Gewalt Ruhe geschafft! Anlaß dazu haben sie ihm wahrhaftig genug gegeben, und wenn ihr Rädelsführer so weiter hetzt, wie er es jetzt Tag für Tag thut, so werden sie ihm noch nächstens das Haus über dem Kopfe anzünden – aber das hilft Alles nichts. ‚Nein und abermals nein‘, und ‚so lange ich mich noch allein wehren kann, setzt kein Fremder den Fuß auf meine Werke!‘ Da helfen weder Bitten noch Vorstellungen. Und, offen gestanden, Papa, man sieht es im Regimente sehr gern, wenn unsere Hülfe nicht verlangt wird, wir haben sie nur zu oft leisten müssen in den letzten Wochen. Auf den anderen Werken war es nicht halb so schlimm wie auf den Berkow’schen, und doch hatten die Herren nichts Eiligeres zu thun, als nach Schutz und Soldaten zu rufen und sich mit ihren eigenen Leuten auf den Kriegsfuß zu stellen. Es sind da häßliche Scenen vorgekommen, und wir fahren am schlimmsten dabei. Mit Härte vorgehen soll man nicht, wo es sich nur irgend vermeiden läßt; seiner Autorität etwas vergeben soll man auch nicht, und doch die Verantwortung tragen für Alles, was geschieht. Darum rechnen es auch der Oberst und die Cameraden dem Arthur hoch an, daß er bis jetzt noch ganz allein mit seinen Rebellen fertig geworden ist und auch ferner mit ihnen fertig werden will, obgleich es gerade bei ihm am ärgsten zugeht.“

Eugenie hörte in athemloser Spannung dem Bruder zu, der sie für ganz unbetheiligt bei der Sache zu halten schien, denn er wandte sich mit der Erzählung ausschließlich an seinen Vater. Dieser dagegen, der schon mit steigendem Mißfallen das wiederholte „Arthur“ bemerkt hatte, dessen sein Sohn sich bediente, sagte jetzt mit zurechtweisender Kälte:

„Du und Deine Cameraden, Ihr scheint ja sehr genau über Alles unterrichtet zu sein, was da draußen bei Berkow vorgeht.“

„Die ganze Stadt spricht davon!“ versicherte Curt unbefangen. „Was mich betrifft, ich war allerdings ziemlich oft draußen.“

Der Baron fuhr fast in die Höhe bei diesem Geständniß. „Du warst bei ihm auf seinen Gütern? Und das sogar öfter?“

Ob der junge Officier die innere Bewegung bemerkt hatte, die sich bei seinen letzten Worten in den Zügen Eugeniens bemerkbar machte, er schloß ihre Hand auf einmal fest in die seinige, während er seinen unbefangenen Ton beibehielt.

„Nun ja, Papa! Du befahlst mir ja über die bewußte Angelegenheit noch zu schweigen, und da wäre es doch aufgefallen, wenn ich meinen Schwager völlig ignorirt hätte, zumal in seiner augenblicklichen Lage; das Hinausfahren war mir ja nicht verboten.“

„Weil ich glaubte, Dein eigenes Tactgefühl würde Dir dergleichen verbieten,“ rief Windeg im höchsten Grade gereizt. „Ich setzte voraus, daß Du diese Beziehungen meiden würdest; statt dessen hast Du sie geradezu aufgesucht, wie es scheint, ohne mir auch nur ein Wort davon zu schreiben. Wahrhaftig, Curt, das ist stark!“

Curt hätte, um die Wahrheit zu sagen, bekennen müssen, daß er ein directes Verbot gefürchtet und es deshalb wohlweislich vorgezogen hatte, das ganze Vergehen, brieflich wenigstens, zu verschweigen. Er hegte sonst einen unbedingten Respect vor [270] dem zornigen Stirnrunzeln seines Vaters; heute aber schien die Gegenwart Eugeniens diesem Respect das Gleichgewicht zu halten. Sein Auge begegnete dem ihrigen, und was er darin sah, mußte ihm wohl die väterlichen Vorwürfe erträglicher machen, denn er lächelte sogar, als er ganz unbekümmert erwiderte:

„Ja, Papa, ich kann doch nicht dafür, daß ich Arthur so lieb gewonnen habe! Du hättest es auch gethan an meiner Stelle. Ich versichere Dir, er kann von einer ganz hinreißenden Liebenswürdigkeit sein, wenn er nur nicht immer so furchtbar ernst wäre, aber freilich, das steht ihm ganz ausgezeichnet. Ich habe ihm noch gestern beim Abschiede gesagt: ‚Arthur, wenn ich Dich früher so gekannt hätte –‘“

„‚Dich?‘“ unterbrach ihn der Baron mit seiner allerschärfsten Betonung.

Der junge Officier warf ziemlich trotzig den Kopf zurück. „Nun ja, wir sind Du und Du geworden! Das heißt, ich bat ihn darum, und ich sehe auch nicht ein, warum wir einander nicht so nennen sollen. Er ist ja doch mein Schwager.“

„Die Schwagerschaft hat ein Ende!“ sagte der Baron kalt, nach dem Schreibtisch zeigend, „dort liegt der Scheidungsantrag.“

Curt warf einen nicht allzu zärtlichen Blick auf das bezeichnete Blatt. „Ja so, die Scheidung! Hat Eugenie schon unterschrieben?“

„Sie ist eben im Begriff, es zu thun.“

Der junge Mann sah wieder seine Schwester an, deren Hand jetzt in der seinigen bebte und deren Lippen zuckten, wie in mühsam verhaltener innerer Qual.

„Nun, ich dächte, Papa, gerade in dem Punkte hätte sich Arthur so benommen, daß jeder Vorwurf und jede Bitterkeit gegen ihn ausgeschlossen ist. Es wäre kleinlich, ihm jetzt nicht volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich habe nie geglaubt, daß ein Mann sich mit solcher Energie aus seiner Schlaffheit emporraffen kann, wie ich es jetzt an ihm sehe. Was er alles geleistet hat in diesen letzten Wochen, wie er überall zu rechter Zeit und am rechten Orte eingreift, was er schon für entsetzliche Scenen und Conflicte verhindert hat, er allein, mitten unter der rebellischen Menge, blos durch sein Erscheinen und die Macht seiner Persönlichkeit, das muß man sehen, um es zu glauben. Er ist geradezu zum Helden geworden – das sagen der Oberst und die Cameraden, das sagt überhaupt die ganze Stadt. Die Beamten benehmen sich ausgezeichnet, weil er sie überall anführt; auch nicht ein Einziger ist von den Werken gewichen, aber als ich abreiste, da schienen sie mir denn doch an der Grenze des Möglichen angekommen zu sein. Das Unglück ist nur, daß Arthur sich in den Kopf gesetzt hat, es solle kein Fremder zwischen ihn und seine Leute treten, und daß er das mit eiserner Consequenz durchführt. Ich glaube, wenn es zum Aeußersten kommt, so ist er im Stande, sich mit dem ganzen Beamtenpersonal im Hause zu verschanzen und sich dort bis auf den letzten Mann zu wehren, ehe er uns zu Hülfe ruft. Das sieht ihm ganz ähnlich!“

Hier zog Eugenie heftig ihre Hand aus der des Bruders. Sie stand plötzlich auf und ging an’s Fenster, der Baron dagegen erhob sich mit dem Ausdruck des lebhaftesten Unwillens.

„Ich weiß nicht, Curt, wie Du dazu kommst, eine einfache Frage nach dem Stande der Dinge auf Berkow’s Gütern mit einem so überschwenglichen Lobliede auf ihn zu beantworten. Es ist das eine Schonungslosigkeit gegen Deine Schwester, die ich gerade Dir, der sie stets mit so besonderer Zärtlichkeit zu lieben behauptete, am wenigsten zugetraut hätte. Wie Du Dich mit Deiner excentrischen Bewunderung für diesen Mann, die Du in Deiner Garnison ganz offen zur Schau zu tragen scheinst, später dort abfinden willst, wenn die Scheidung bekannt wird, überlasse ich Dir selber. Für jetzt bitte ich, daß dieses Gespräch ein Ende nimmt. Du siehst, wie peinlich es Eugenien berührt. Du wirst mich begleiten.“

„Nur einige Minuten noch laß mir Curt hier, Papa,“ bat die junge Frau leise. „Ich möchte ihn etwas fragen.“

Der Baron zuckte die Achseln. „Nun, dann wird er wenigstens die Güte haben, diesen Punkt nicht weiter zu berühren und Dich nicht noch mehr aufzuregen. In zehn Minuten stehen die Pferde unten, Curt; ich erwarte Dich dann bestimmt. Auf Wiedersehen!“

Die Thür hatte sich kaum geschlossen, als der junge Officier an’s Fenster zu seiner Schwester eilte und mit unverkennbarer, wenn auch etwas stürmischer Zärtlichkeit den Arm um sie legte.

„Bist Du mir auch böse, Eugenie?“ fragte er. „War ich wirklich schonungslos?“

Die junge Frau hob in leidenschaftlicher Spannung das Auge zu ihm empor. „Du bist bei Arthur gewesen – Du hast ihn öfter gesprochen, erst gestern noch beim Abschiede – hat er Dir nichts, gar nichts aufgetragen?“

Curt sah zu Boden. „Er läßt sich Dir und dem Papa empfehlen,“ sagte er etwas kleinlaut.

„In welcher Art? Was sagte er Dir?“

„Er rief mir nach, als ich schon im Wagen saß: ‚Empfiehl mich dem Herrn Baron und Deiner Schwester!‘“

„Und das war Alles?“

„Alles!“

Eugenie wandte sich ab; sie wollte dem Bruder die bittere Enttäuschung nicht zeigen, die sich in ihren Zügen malte, aber Curt hielt sie fest. Er hatte die schönen dunklen Augen seiner Schwester; nur war der Ausdruck bei ihm kecker, lebenslustiger, aber in diesem Augenblick – er beugte sich tief zu ihr hinab – verschwand dies Alles vor einem ungewohnten Ernst.

„Du mußt ihm wohl einmal sehr wehe gethan haben, Eugenie, und das in einer Weise, die er noch immer nicht verwinden kann. Ich hätte Dir so gern eine Zeile, ein Abschiedswort gebracht, aber das war von ihm nicht zu erlangen. Er wollte mir nie Rede stehen, so oft ich Deinen Namen nannte, aber todtenbleich wurde er jedesmal dabei und wandte sich ab und zog fast mit Gewalt ein anderes Thema herbei, um nur nichts mehr davon zu hören, gerade so, wie Du es machst, wenn ich Dir von ihm spreche. – Mein Gott, haßt Ihr Euch denn so sehr?“

Eugenie riß sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung aus seinen Armen. „Laß mich, Curt! um Gotteswillen, laß mich! ich ertrage das nicht länger.“

Ein Ausdruck halben Triumphs flog über das Gesicht des jungen Officiers und es klang fast wie ein mühsam unterdrückter Jubel aus seiner Stimme.

„Nun, ich will mich ja nicht in Eure Geheimnisse drängen! Ich muß jetzt fort. Papa wird sonst ungeduldig; er ist so schon heut’ übler Laune. Ich soll Dich wohl jetzt allein lassen, Eugenie. Du mußt ja noch den – den Scheidungsantrag unterschreiben! Bis wir zurückkommen, wird es wohl geschehen sein. Leb’ wohl!“

Er eilte fort. Die Pferde standen in der That bereits unten im Hofe, und der Baron sah ungeduldig nach den Fenstern hinauf. Der Spazierritt gehörte diesmal nicht zu den angenehmsten, denn sowohl der älteste Sohn, als die beiden jüngeren hatten dabei die üble Laune des Vaters zu empfinden. Baron Windeg konnte es nun einmal nicht ertragen, wenn irgend etwas, das den Namen Berkow trug, in seiner Gegenwart gelobt wurde, und da er natürlich bei seiner Tochter das Gleiche voraussetzte, so fand er sie und sich beleidigt, und Curt bekam noch Verschiedenes über seine „Tactlosigkeit“ und „Rücksichtslosigkeit“ zu hören. Dieser ließ das aber sehr ruhig über sich ergehen und schien leider nicht die geringste Reue zu empfinden, dagegen bekundete er ein lebhaftes Interesse an dem Ritte selbst, oder vielmehr an der Dauer desselben. Er war so lange nicht in der Residenz gewesen, fand die äußerst belebte Promenade so unterhaltend, und brachte es denn auch wirklich dahin, die Partie so weit auszudehnen, daß die vier Herren erst mit dem Einbruch der Dunkelheit in die Stadt zurückkehrten.

Eugenie war inzwischen allein zurückgeblieben. Die Thür war abgeschlossen – sie konnte und wollte jetzt Niemand in ihrer Nähe dulden. Die Wände ihres Zimmers und die alten Familienbilder, die sie schmückten, hatten schon manche Thräne, manche bittere Stunde gesehen, damals, als es sich um die Vermählung der jungen Frau handelte, aber doch keine so schwere wie heute, denn heute galt es den Kampf mit sich selber, und der Gegner war nicht leicht zu überwinden.

Dort auf dem Schreibtisch lag das Blatt, in welchem eine Frau die gesetzliche Trennung von ihrem Manne forderte; nur die Unterschrift fehlte noch daran. War die vollzogen, so war [271] es auch die Scheidung, denn die Einwilligung ihres Gatten, der Einfluß und die Verbindungen des Barons sicherten der Angelegenheit ein schnelles und erwünschtes Ende. Sie hatte vorhin, in Gegenwart des Vaters, den verhängnißvollen Federzug nicht thun wollen, gethan mußte er doch jetzt werden. Was half der Aufschub einer einzigen Stunde? Es galt ja gleich, ob das Unabänderliche früher oder später geschah. Aber gerade in dieser einen Stunde war Curt gekommen und hatte mit seiner Erzählung die Wunde wieder aufgerissen, die freilich noch niemals aufgehört zu bluten.

Und doch hatte ihr Bruder kein Wort, nicht einmal einen Gruß bringen können. „Empfiehl mich dem Herrn Baron und Deiner Schwester!“ das war das Ganze. Warum nicht lieber „Empfiehl mich der gnädigen Frau“? Das wäre noch eisiger, noch passender gewesen. Eugenie war an den Schreibtisch getreten, und ihr Auge irrte über die Worte des Schriftstückes hin. Auch dort klang Alles so kalt, so förmlich, und doch wurde damit der Stab gebrochen über die Zukunft zweier Menschen. Aber Arthur hatte es ja nicht anders gewollt. Er war es, der zuerst das Wort der Trennung aussprach, er, der sich zuerst und rückhaltslos in die Beschleunigung fügte, und als sie zu ihm gekommen war und sich bereit erklärte, noch zu bleiben, da hatte er sich abgewandt und sie gehen heißen. Das Blut stieg wieder heiß empor zu den Schläfen der jungen Frau, und ihre Hand griff nach der Feder. Sie war denn doch Weib genug, um zu wissen, wie ihn diese Unterschrift traf, wenn er auch darauf gefaßt sein mußte; sie verstand es denn doch, auch Blicke zu deuten und unbewachte Momente, in denen er sich verrathen hatte; aber daß er Herr über diese Schwäche geblieben war bis zum letzten Augenblick, daß er den Wink nicht verstehen wollte, mit dem sie ihm die Möglichkeit einer Versöhnung gezeigt, daß er Stolz gegen Stolz, Schroffheit gegen Schroffheit setzte, das sollte er jetzt büßen und wenn sie selbst zehnfach mitbüßte. – Lieber zwei Menschen unglücklich machen, als bekennen, daß man einmal Unrecht gehabt.

Der Dämon des Stolzes bäumte sich wieder in ihr empor mit seiner ganzen verderblichen Macht. Wie oft schon hatte er allen besseren Regungen zum Trotz das Feld behauptet, wenn auch nicht immer zum Segen für sie und Andere. Aber heute mischte sich seine Stimme doch mit einer anderen. „Arthur wehrt sich wie ein Mann gegen das Unglück, das von allen Seiten auf ihn einstürmt, aber er wird ihm doch zuletzt unterliegen!“ Und wenn er unterlag, so erlag er allein, allein wie er in dem ganzen Kampfe gestanden, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten, nicht einen einzigen. Wie sehr ihm auch die Beamten ergeben sein mochten, wie sehr die Fremden ihn jetzt bewunderten, nahe stand ihm Keiner; ein Herz hatte Keiner für ihn, und die Gattin, deren Platz jetzt an seiner Seite war, sie unterschrieb in diesem Augenblicke das Blatt, in dem sie in möglichster Eile nun auch die Trennung von dem Manne verlangte, den sie bereits verlassen hatte und der jetzt Tag für Tag mit dem Untergange rang.

Eugenie ließ die Feder fallen und trat vom Schreibtische zurück. Was war denn am Ende Arthur’s Schuld gewesen? Er hatte sich gleichgültig, nachlässig gegen eine Frau gezeigt, von der er geglaubt, daß nur die Aussicht auf seinen Reichthum sie zu dieser Convenienzehe verlockte, und als diese Frau ihn aus seinem Irrthum riß, da trat sie ihm auch zugleich mit einer Verachtung entgegen, die kein Mann erträgt, wenn noch ein Funken von Ehre in ihm ist. Er büßte auch hier die Sünden seines Vaters und hatte sie reichlich gebüßt in dieser kurzen Ehe. Seit jener Unterredung war ihr nichts weiter geschehen, als daß ihr Gatte sich fremd und kalt von ihr zurückzog, aber ihm? Eugenie kannte am besten den wahren Inhalt dieser drei Monate, die ihrer Umgebung nur die ruhige Oberfläche der Gleichgültigkeit gezeigt und die doch Stacheln in sich bargen, genug, um einen Mann bis auf’s Aeußerste zu treiben; man kann mit jedem Blicke, mit jedem Athemzuge beleidigen, und das war hier geschehen. Mit dem ganzen Hochmuth ihrer Geburt und ihres Standes hatte sie immer wieder versucht, ihn in die Nichtigkeit und Erbärmlichkeit herabzudrücken, wohin er ihrer Meinung nach gehörte. Tag für Tag hatte sie ihre Waffen gebraucht, und nur um so schonungsloser gebraucht, als sie erst sah, daß er verwundbar war, hatte ihm sein Haus zu einer Folter, seine Ehe zu einem Fluche gemacht, um sich an ihm dafür zu rächen, daß sein Vater gewissenlos an ihrer Familie gehandelt. Sie hatte ihn mit vollster Absichtlichkeit dahin getrieben, daß er zuletzt selbst die Trennung verlangte, weil er das Leben an ihrer Seite nicht mehr ertragen konnte – wenn er sich nun endlich aufbäumte und die Hand von sich stieß, die ihn so oft gequält und gepeinigt, wer war da im Unrecht?

Die junge Frau sprang auf von dem Sessel, auf den sie sich geworfen, und schritt in furchtbarer Erregung auf und nieder, wie um ihren eigenen Gedanken zu entfliehen. Sie wußte nur zu gut, was sie von ihr wollten, wohin sie sie drängten; es gab nur eins, was hier helfen und retten konnte, aber das war ja unmöglich, das konnte ja nicht sein. Und wenn sie das ungeheure Opfer ihres ganzen Stolzes brachte, und es wurde nicht so voll und ganz genommen, wie sie es gab: konnte sie sich nicht getäuscht, nicht falsch gelesen haben in diesen Augen, die sich ihr immer nur auf Augenblicke, und auch dann nur widerstrebend, entschleierten? Wenn er ihr nun wieder entgegentrat mit jenem Eisesblick, der nach ihrer Berechtigung fragte, da, wo jede andere Frau nur ihre Pflicht erfüllte, wenn er ihr auf’s Neue sagte, daß er allein stehen und fallen wolle, wenn er sie zum zweiten Male gehen hieß – nun und nimmermehr! Eher die Trennung, eher ein ganzes Leben voll Qual und Elend auf sich nehmen, als die Möglichkeit einer solchen Demüthigung!

Die Abendsonne, die die Wipfel der Bäume drüben vergoldete, war längst gesunken; die Dämmerung senkte sich herab, freilich ohne den heißen menschenvollen Straßen Stille und Kühlung zu bringen. Da draußen in der schwülen Abendluft summte und wogte es noch immer; unaufhörlich fluthete die Menge auf und nieder und Stimmengeräusch und Wagengerassel drang noch immer im wirren Durcheinander hinauf zu den Fenstern. Aber durch das Alles hindurch tönte jetzt etwas Anderes, erst nur fern, undeutlich, dann immer näher, immer lauter. War es von den grünen Waldbergen hergeflogen und hatte sich seinen Weg gebahnt mitten durch das Brausen der großen, ewig bewegten Residenzwoge bis hin zu der jungen Frau? Was es war, wußte sie nicht, aber es klang wie das Wehen der Tannenzweige, wie das Waldesrauschen mit seinen geheimnißvollen Accorden, und damit erstand in ihr auch wieder das ganze Frühlingsahnen, das ganze schmerzlich-süße Weh jener unter solchen Tannenzweigen verlebten Minuten. Der Nebel wallte wieder, und der Sturm brauste, und die Bäche rauschten, und aus den grauen Schleiern hervor trat klar und deutlich nur die eine Gestalt, die seitdem nicht wieder von ihr gewichen war im Wachen und Träumen, und schaute sie so ernst und vorwurfsvoll an mit den großen braunen Augen. Wer nur einmal einen Kampf durchgekämpft hat, wo sich alle Seelenkräfte anspannen im Ringen eines werdenden Entschlusses, der kennt auch solche Erinnerungen, die auf einmal kommen und da sind, ohne irgend eine äußere Beziehung oder Anregung, aber mit einer Allmacht, der nichts widersteht. Auch Eugenie fühlte sich jetzt umweht von ihnen, fühlte, wie ihr eine Waffe nach der anderen aus der Hand, ein Stachel nach dem anderen aus dem Herzen gewunden wurde, bis zuletzt Nichts mehr zurückblieb, nichts als die Macht jener Stunde, in der sie zum ersten Male empfunden, daß der Haß zu Ende war und an seiner Stelle etwas Neues auflebte, gegen das sie gestritten hatte auf Leben und Tod, und dem sie jetzt dennoch erlag.

Es war ein kurzer letzter Kampf zwischen dem alten Dämon, dem herben Stolz, der die einmal empfangene Abweisung nicht verzeihen konnte, und dem Herzen einer Frau, die sich trotz alledem geliebt wußte; aber die Waldesstimme hatte diesmal nicht umsonst gesprochen; sie behielt doch zuletzt den Sieg. Das Blatt, das zwei Menschen trennen sollte, die geschworen hatten, einander auf ewig anzugehören, lag zerrissen am Boden, und die junge Frau lag auf den Knieen, das von heißen Thränen überströmte Antlitz emporgerichtet.

„Ich kann nicht! Ich kann ihm und mir das nicht anthun; es trifft uns Beide – komme was da will, Arthur, ich bleibe bei Dir!“ – – –

„Wo ist Eugenie?“ fragte der Baron, als er eine Stunde darauf in den erleuchteten Salon trat, wo sich seine Söhne bereits befanden. „Hat man der gnädigen Frau nicht gemeldet, daß wir sie erwarten?“ fuhr er, zum Diener gewendet, fort, [272] der soeben den Theetisch in Bereitschaft gesetzt hatte und jetzt im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen.

Curt kam der Antwort zuvor. „Eugenie ist nicht zu Hause, Papa,“ sagte er, indem er dem Bedienten winkte, sich zu entfernen.

„Nicht zu Hause?“ wiederholte der Baron erstaunt. „So spät noch ausgefahren und wohin?“

Curt zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht. Ich war unmittelbar, nachdem ich vom Pferde gestiegen, in ihren Zimmern, fand sie aber nicht mehr dort; dagegen fand ich das auf dem Fußboden.“

Er zog ein Blatt hervor, und um die Lippen des jungen Officiers zuckte es ganz eigenthümlich, während er sich anscheinend mit dem größten Ernste bemühte, die beiden Hälften möglichst genau zusammengepaßt vor den Vater hinzulegen, der darauf niedersah, ohne irgend etwas zu begreifen.

„Das ist ja der Entwurf des Scheidungsantrages von der Hand des Justizrathes, das Blatt, das ich Eugenie zur Unterschrift übergab; sie fehlt aber noch immer, wie ich sehe.“

„Nein, unterschrieben ist das Ding nicht,“ meinte Curt mit der unschuldigsten Miene von der Welt, „aber mitten durchgerissen. Merkwürdig! Sieh nur her, Papa!“

„Was soll das heißen?“ fragte Windeg im höchsten Grade befremdet. „Wo kann Eugenie sein? Ich werde die Diener fragen; wenn sie wirklich ausgefahren ist, so müssen sie doch wissen, wohin der Wagen beordert wurde.“

Er wollte die Hand an die Klingel legen, aber schnell ergriff sein Sohn das Wort. „Ich glaube, Papa, sie ist zu ihrem Manne gegangen!“ sagte er sehr ruhig.

„Bist Du von Sinnen, Curt?“ fuhr der Baron auf. „Eugenie zu ihrem Manne?“

„Nun, ich vermuthe das nur so, und wir werden wohl auch bald Gewißheit darüber erhalten, denn auf ihrem Schreibtische lag dieses Billet, an Dich adressirt. Ich habe es mit herübergenommen; es enthält jedenfalls eine Benachrichtigung.“

Windeg riß das Couvert ab und bemerkte in seiner Hast gar nicht, wie Curt die Etiquette so weit verletzte, daß er sich erlaubte, hinter ihn zu treten und über seine Schulter weg mitzulesen. Die Züge des jungen Officiers zeigten dabei aber einen so unverkennbaren Triumph, daß seine beiden jüngeren Brüder, die nichts von der Scene verstanden, erschreckt und fragend bald auf ihn, bald auf den Vater blickten.

Das Billet enthielt nur wenige Zeilen: „Ich gehe zu meinem Manne! Verzeih’, Papa, daß ich so plötzlich, so heimlich abreise, aber ich will keine Stunde verlieren und ich will nicht erst Deinen Widerstand herausfordern, den ich doch brechen müßte; denn mein Entschluß steht fest. Thue keinen Schritt weiter in der Scheidungsangelegenheit, widerrufe die schon geschehenen! Ich versage meine Einwilligung dazu, ich verlasse Arthur nicht! Eugenie.“

„Ist so etwas je erhört worden?“ brach der Baron jetzt aus, indem er den Brief sinken ließ. „Ein Widerruf, eine förmliche Flucht aus meinem Hause, und das wagt meine Tochter mir zu bieten! So entreißt sie sich meinem Schutze, all’ meinen Plänen und Zukunftshoffnungen für sie und kehrt zu diesem Berkow zurück, jetzt, wo er nahe am Ruine steht, geht zu ihm, mitten unter die empörten Arbeiter, unter die Anarchie auf seinen Gütern; das grenzt ja nahezu an Wahnsinn! Was ist da vorgefallen? Ich muß es wissen, aber zuerst muß dieser unsinnige Entschluß vereitelt werden, so lange es noch Zeit ist. Ich werde augenblicklich –“

„Der Courierzug nach M. ist schon seit einer halben Stunde fort, Papa,“ unterbrach ihn Curt lakonisch. „Und eben scheint auch der Wagen vom Bahnhofe zurückzukommen. Es ist jedenfalls zu spät.“

In der That hörte man soeben den Wagen, dessen sich die junge Frau ohne Zweifel bedient hatte, unten in das Portal einfahren. Der Baron sah jetzt auch ein, daß es zu spät war, und nun wendete sich sein ganzer Zorn gegen seinen Sohn. Er warf ihm vor, allein an Allem schuld zu sein; er habe durch seine thörichte Bewunderung für den Schwager, durch seine übertriebenen Berichte von dessen Lage Eugeniens Gewissen aufgestachelt, bis ein falsches Pflichtgefühl sie antrieb, an die Seite ihres Gatten zu eilen, nur weil sie ihn unglücklich glaubte, und war sie erst dort, wer konnte da wissen, ob es nicht am Ende zu einer vollständigen Aussöhnung kam, wenn Berkow egoistisch genug war, das ihm gebotene Opfer anzunehmen. Aber Windeg vermaß sich hoch und theuer, die Scheidung trotz alledem doch durchzusetzen. Die Sache war einmal eingeleitet, der Justizrath hatte sie bereits in Händen, und Eugenie sollte und mußte zur Vernunft zurückkehren. Er, der Baron, wollte doch einmal sehen, ob er seine väterliche Autorität nicht mehr geltend machen könne, wenn auch zwei seiner Kinder – hier traf ein niederschmetternder Blick den armen Curt, der augenblicklich allein zur Stelle war – sie so gänzlich zu mißachten schienen.

Curt ließ den ganzen Sturm über sich ergehen, ohne sich mit einer Silbe zu vertheidigen; er wußte aus Erfahrung, daß dies das beste Mittel sei. Mit tiefgesenktem Kopfe und niedergeschlagenem Blicke schien er in der That außerordentliche Reue zu empfinden über seinen Leichtsinn und über das Unheil, das er damit angerichtet. Als aber der Baron, noch immer ganz außer sich, den Salon verließ, um in seinen eigenen Zimmern über die unerhörte Geschichte weiter zu grollen, schnellte der junge Officier muthig in die Höhe, und der übermüthige Ausdruck seines hübschen Gesichtes, die lachenden Augen gaben leider den Beweis, wie wenig ihm der väterliche Zorn zu Herzen gegangen war.

„Morgen früh ist Eugenie bei ihrem Manne!“ sagte er zu seinen beiden Brüdern, die jetzt mit Fragen und Vorwürfen auf ihn einstürmten. „Und da soll Papa es einmal versuchen, mit seiner väterlichen Autorität und seinem Rechtsanwalt dazwischen zu kommen! Arthur wird sich seine Frau schon sichern, wenn er nur erst weiß, daß sie ihm gehört, bisher wußte er das noch nicht. Wir freilich“ – hier warf Curt einen etwas bedenklichen Blick auf die Thür, hinter der sein Vater verschwunden war –, „wir werden wohl noch acht Tage lang Sturm haben, und der allerärgste kommt noch, wenn Papa erst merkt, wie es eigentlich zwischen den Beiden steht, und daß da von ganz etwas Anderem die Rede ist als blos von Gewissen und Pflichtgefühl; aber dafür bekommt Arthur jetzt vollen Sonnenschein, und damit und mit Eugenie an der Seite wird er sich schon durchschlagen. Den Scheidungsproceß sind wir nun Gott sei Dank los, inclusive Gerichte und Justizräthe – und wer von Euch mir jetzt noch ein einziges Wort gegen meinen Schwager sagt, dem werde ich darauf antworten!“




Es war in den ersten Vormittagsstunden des nächsten Tages, als die Postchaise, die soeben den Weg von M. nach den Berkow’schen Besitzungen zurückgelegt hatte, am Eingange des Thales Halt machte, in dem die Werke lagen, deren erste Häuser man bereits in unmittelbarer Entfernung vor sich sah.

„Thun Sie das nicht, gnädige Frau!“ sagte der Kutscher, in das Innere des Wagens hineinsprechend. „Kehren Sie lieber um mit mir, wie ich Sie schon auf der letzten Station bat. Schon dort habe ich’s gehört, und der Bauer, der uns soeben begegnete, sagt es auch. Es giebt heute Mord und Todtschlag da drüben auf den Werken; von den Arbeiterdörfern sind sie heute schon in aller Frühe hinübergezogen, und nun geht es drunter und drüber. Ich kann Sie beim besten Willen nicht nach Hause fahren; ich riskire Pferde und Wagen dabei. Wenn die drüben einmal im Revoltiren sind, dann schonen sie nicht Freund, nicht Feind. Sie werden doch nicht just heute hinüber müssen; warten Sie doch bis morgen!“

Die junge Dame, welche ganz allein im Wagen saß, öffnete statt aller Antwort den Schlag und stieg aus.

„Ich kann nicht warten,“ sagte sie ernst; „aber ich will Sie und Ihr Fuhrwerk auch nicht in Gefahr bringen. Die Viertelstunde werde ich wohl zu Fuß zurücklegen können. Kehren Sie um!“

Der Kutscher erschöpfte sich noch einmal in Warnungen und Vorstellungen; er fand es gar zu seltsam, daß die fremde, vornehm aussehende Dame, die ihn mit einem überreichlichen Trinkgelde zu möglichst schneller Fahrt bewogen hatte, sich so ganz allein in den Tumult wagen wollte; aber er erreichte nichts damit, als einen etwas ungeduldigen Abschiedswink, und mußte sich endlich achselzuckend zur Umkehr entschließen.

Eugenie hatte einen Fußpfad betreten, der, ohne die Werke selbst zu berühren, über die Wiesen nach dem Ausgange des [274] Parkes führte und der voraussichtlich noch sicher war. Im schlimmsten Falle fand sie in den nach jener Richtung hin gelegenen Beamtenwohnungen Schutz und Begleitung. Wie nothwendig hier Beides war, hatte sie freilich nicht gewußt, als sie, nur der Eingebung des Augenblickes folgend, ganz allein die Reise und die Fahrt hierher unternahm, und auch jetzt kannte sie noch nicht den ganzen Umfang der Gefahr, der sie sich mit diesem Gange aussetzte. Die Möglichkeit einer Gefahr war es nicht, die ihren Wangen diese erhöhte Farbe, ihren Augen dieses unruhige Leuchten gab und ihre Brust so heftig pochen machte, daß sie bisweilen stehen bleiben mußte, um Athem zu schöpfen; es war die Furcht vor der Entscheidung. Der schwere Traum, der sich auf sie niedergesenkt, als sie das Haus ihres Gatten verließ, er hatte nicht weichen wollen während der ganzen Zeit der Trennung. Nicht die Heimath und die Liebe der Ihrigen, nicht all’ die Stimmen eines neuen Lebens und Glückes hatten sie daraus erwecken können; der Traum war geblieben mit seinem dumpfen Schmerz und seinem dunklen Sehnen. Jetzt endlich sollte das Erwachen kommen, und alle Empfindungen, alle Gedanken der jungen Frau drängten sich zusammen in der einen Frage: „Wie wird er Dich empfangen?“

Sie hatte soeben ein kleines einzelnstehendes Haus erreicht, das gleichsam den äußersten Vorposten der Werke bildete, als ihr von dort her eilig ein Mann entgegenkam, der bei ihrem Anblick mit dem Ausdrucke sichtbaren Schreckens zurückfuhr.

„Gnädige Frau! Um Gotteswillen, wie kommen Sie hierher, und das gerade heute?“

„Ah, Schichtmeister Hartmann, Sie sind es!“ sagte Eugenie ihm entgegentretend. „Gott sei Dank, daß ich gerade Ihnen begegne! Es sind Unruhen auf den Werken ausgebrochen, wie ich höre. Ich habe meinen Wagen dort drüben gelassen; der Kutscher wagte nicht weiter zu fahren. Ich will jetzt zu Fuß hinüber nach dem Hause.“

Der Schichtmeister machte eine heftig abwehrende Bewegung.

„Das können Sie nicht, gnädige Frau; das geht jetzt nicht. Vielleicht morgen, vielleicht gegen Abend, nur jetzt nicht.“

„Weshalb nicht?“ fuhr Eugenie erbleichend auf. „Ist unser Haus bedroht? Mein Gatte –“

„Nein, nein, Herrn Berkow gilt es heute nicht; der ist im Hause mit den Beamten. Diesmal ist’s unter uns selber losgebrochen. Ein Theil der Knappschaft hat heute Morgen die Arbeit wieder aufnehmen wollen; mein Sohn –“ hier zuckte es schmerzlich über das Gesicht des alten Mannes, „nun, Sie werden ja am Ende auch wissen, wie er zu der Geschichte steht – Ulrich wüthet darüber. Er und sein Anhang haben die Leute mit Gewalt zurückgetrieben und halten nun die Schachte besetzt. Die Anderen wollen sich das nicht gefallen lassen und rotten sich nun auch zusammen; die ganzen Werke sind in Revolte, ein Camerad ist gegen den andern! O du barmherziger Gott, was wird das noch geben!“

Der Schichtmeister rang die Hände. Die junge Frau vernahm jetzt von drüben her wüstes Lärmen und Toben, das trotz der Entfernung deutlich zu ihr herüberdrang.

[285] „Ich beabsichtige auch die Werke zu vermeiden,“ entgegnete Eugenie. „Ich wollte über die Wiesen nach dem Parke zu gelangen suchen und von dort –“

„Um Himmelswillen, nur da nicht!“ fiel der Alte ein. „Da ist der Ulrich mit seiner ganzen Partei; sie halten Rath auf der Wiese. Ich wollte eben hinüber und ihn noch einmal bitten, doch endlich Vernunft anzunehmen und wenigstens die Schachte freizugeben; es geht ja jetzt gegen unser eigenes Fleisch und Blut; aber er hört und sieht nichts mehr in seiner Wildheit. Nur den Weg nicht, gnädige Frau! Der ist der schlimmste.“

„Nach dem Hause muß ich,“ erklärte Eugenie entschlossen, „koste es, was es wolle! Gehen Sie mit mir, Hartmann, nur bis zu den Beamtenwohnungen! Im schlimmsten Falle bleibe ich dort, bis der Weg wieder frei ist, und an Ihrer Seite werde ich doch wohl vor thätlichen Angriffen sicher sein.“

Der alte Mann schüttelte mit bekümmerter Miene den Kopf. „Ich kann Ihnen da nicht helfen, gnädige Frau. Heute, wo Einer gegen den Andern steht, bin ich kaum selbst meines Lebens sicher in all’ dem Toben, und wenn Sie nun gar erkannt werden, dann nützt es wenig, wenn ich an Ihrer Seite. bin. Jetzt giebt es nur Einen, der sich allenfalls noch Respect verschaffen kann, dem sie zur Noth noch gehorchen, meinen Ulrich, und der haßt[WS 4] Herrn Berkow bis auf’s Blut und haßt Sie, weil Sie seine Frau sind. – Gerechter Gott, da kommt er!“ unterbrach er sich auf einmal. „Es hat wieder etwas Arges gegeben; ich sehe es an seinem Gesichte. Gehen Sie ihm aus den Augen, nur jetzt, ich bitte Sie!“

Er drängte die junge Frau in die halb offene Flur des Häuschens, und in der That ließen sich auch schon in unmittelbarer Nähe Schritte und laute heftige Stimmen vernehmen. Von Lorenz und einigen anderen Bergleuten begleitet, kam Ulrich heran, ohne den Vater zu bemerken. Sein Gesicht war flammend[WS 4] geröthet; auf seiner Stirn lag wieder die Wetterwolke, die jeden[WS 4] Augenblick loszubrechen drohte, und seine Stimme klang in[WS 4] wildester Erregung.

„Und wenn es unsere Cameraden und wenn es unsere[WS 4] Brüder sind – nieder mit ihnen, sobald sie zu Verräthern an[WS 4] uns werden! Wir haben uns das Wort gegeben, zusammenzustehen Einer für den Andern, und jetzt kriechen sie feig zum Kreuze und geben uns und die ganze Sache preis! Das soll ihnen vergolten werden. Habt Ihr die Schachte besetzt?“

„Ja, aber –“

„Kein Aber!“ herrschte der junge Führer dem Bergmanne zu, der sich den Einwand erlaubt hatte. „Das fehlte noch, Verrath in unseren eigenen Reihen, jetzt, wo wir nahe dem Siege stehen! Sie werden mit Gewalt zurückgetrieben, sage ich Euch, sobald sie es noch einmal versuchen, anzufahren. Sie sollen begreifen, wo jetzt ihr Platz und ihre Pflicht ist, und müßten sie es auch mit blutigen Köpfen lernen!“

„Es sind aber ihrer Zweihundert,“ sagte Lorenz ernst. „Morgen werden es Vierhundert sein, und wenn sich der Herr erst einmischt und zu ihnen redet – Du weißt doch, wie das wirkt. Wir haben es oft genug erfahren in der letzten Zeit.“

„Und wären es Vierhundert,“ brauste Ulrich auf, „und wäre es die Hälfte der ganzen Knappschaft, wir zwingen sie mit der andern Hälfte. Ich will doch sehen, ob ich mir nicht mehr Gehorsam schaffen kann; aber jetzt vorwärts! Karl, Du mußt nach den Werken hinüber; bringe mir Nachricht, ob Berkow sich nicht etwa einmischt, ob er mit seiner verdammten Art zu reden uns nicht wieder Hunderte abtrünnig macht. Ihr Anderen zurück nach den Schachten! Seht zu, ob sie hinreichend abgesperrt sind, und laßt Keinen heran, der nicht zu uns gehört; ich komme gleich selbst nach – fort!“

Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Die Bergleute eilten in den angewiesenen Richtungen davon, und Ulrich, der jetzt erst seines Vaters ansichtig ward, ging hastig auf denselben zu.

„Du hier, Vater? Du solltest doch lieber –“ er hielt plötzlich inne. Der Fuß wurzelte am Boden; das eben noch so heiß geröthete Gesicht wurde weiß, als sei jeder Blutstropfen daraus gewichen,[WS 5] und die Augen öffneten sich so weit und starr, als sehe er[WS 5] ein Gespenst vor sich. Eugenie war aus der Hausflur hervorgetreten und stand ihm gerade gegenüber.

In dem Kopfe der jungen Frau war ein Gedanke aufgeblitzt, der[WS 5] auch in demselben Moment schon ausgeführt wurde. Sie dachte[WS 5] nicht an die Kühnheit, ja an die Gefahr ihres Wagnisses; sie wollte[WS 5] zu ihrem Gatten um jeden Preis, und da galt es, das Grauen[WS 5] zu überwinden, das sie vor jenem Manne dort empfand, seit sie[WS 5] wußte, worauf sich ihre Macht über ihn gründete; da galt es[WS 5] einzig diese Macht zu gebrauchen, deren Wirkung sie so oft schon erprobt hatte.

„Ich bin es, Hartmann,“ sagte sie, ein unwillkürliches Beben bemeisternd und anscheinend mit vollkommener Ruhe. „Ihr Vater [286] warnte mich soeben den Weg allein fortzusetzen, und doch muß ich vorwärts.“

Erst bei dem Klange ihrer Stimme schien Ulrich zu begreifen, daß es wirklich Eugenie Berkow war, die da vor ihm stand, und nicht blos ein Gebilde seiner erhitzten Phantasie. Er that stürmisch einige Schritte gegen sie; aber Eugeniens Ton und Blick übten doch noch die alte Gewalt über ihn aus; es legte sich wie ein Schimmer von Ruhe und Milde über seine Züge.

„Was wollen Sie hier, gnädige Frau?“ fragte er unruhig; aber der eben noch so herrisch rauhe Ton war verändert. Er hatte fast einen Anflug von Weichheit. „Es geht heute schlimm zu bei uns; das ist nichts für Frauen, am wenigsten für Sie. Sie dürfen hier nicht bleiben.“

„Ich will zu meinem Manne!“ sagte Eugenie rasch.

„Zu – Ihrem Manne?“ wiederholte Ulrich. „So?“

Es war das erste Mal, daß die junge Frau diese Bezeichnung gebrauchte; sie hatte sonst immer nur von Herrn Berkow oder ihrem Gemahl gesprochen, und Ulrich schien zu ahnen, was in diesem einen Worte lag. In der ersten Ueberraschung hatte er wohl nicht daran gedacht, wie sie so plötzlich hierher kam und weshalb es möglicher Weise geschehe; jetzt warf er einen schnellen Blick auf ihre Reisekleidung und einen zweiten umher, wie um den Wagen oder die Begleitung zu suchen.

„Ich bin allein,“ erklärte Eugenie, die diesen Blick auffing, „und eben das verbietet mir die Fortsetzung des Weges. Ich fürchte nicht die Gefahren, wohl aber die Beleidigungen, denen ich ausgesetzt sein könnte. Sie haben mir einst Ihren Schutz und Ihre Begleitung angeboten, Hartmann, wo ich dessen nicht bedurfte; jetzt nehme ich Beides in Anspruch. Führen Sie mich sicher nach dem Hause gegenüber! Sie können es.“

Der Schichtmeister hatte bisher angstvoll bei Seite gestanden; er erwartete jeden Augenblick ein Attentat seines Sohnes gegen die Gemahlin des so sehr gehaßten jungen Chefs und war bereit, sich im Nothfalle dazwischen zu werfen. Er konnte die Ruhe und Sicherheit der jungen Frau einem Manne gegenüber nicht begreifen, den sie doch so gut wie alle Welt als den eigentlichen Anstifter des ganzen Aufruhrs kannte; als sie nun aber gar dies Verlangen an ihn stellte, sich seinem Schutze anvertrauen wollte, da verließ den alten Mann die Fassungskraft; er schaute förmlich entsetzt auf sie hin.

Aber auch Ulrich war furchtbar gereizt durch diese Zumuthung. Der flüchtige Schimmer von Milde und Nachgiebigkeit war bereits wieder verschwunden und der alte herrische Trotz zurückgekommen.

Ich soll Sie hinüberführen?“ fragte er mit dumpfer Stimme. „Und von mir verlangen Sie das, gnädige Frau, von mir?“

„Von Ihnen!“ Eugenie ließ das Auge nicht von seinem Gesichte. Sie wußte, daß darin ihre ganze Macht lag, aber hier schien sie denn doch an der Grenze derselben zu stehen. Ulrich fuhr auf wie ein Rasender.

„Nun und nimmermehr! Eher lasse ich das Haus stürmen, lasse Alles in Grund und Boden reißen, ehe ich Sie hinüberbringe. Er da drüben soll wohl Muth bekommen zum äußersten Widerstande, wenn er Sie erst an der Seite hat? Er soll wohl triumphiren, wenn er sieht, daß Sie ganz allein aus der Residenz herreisen und mitten durch die Revolte zu ihm wollen, nur um ihn nicht allein zu lassen? Aber dazu suchen Sie sich doch einen anderen Führer, und fände sich der andere,“ hier streifte ein drohender Seitenblick den Vater, „er käme nicht weit mit Ihnen; dafür sorge ich.“

„Ulrich, um Gotteswillen bezähme Dich, es ist eine Frau!“ rief der Schichtmeister, in Todesangst dazwischen tretend. Er sah in dieser Scene natürlich nur den Ausbruch einer schonungslosen Feindseligkeit, die sein Sohn schon lange gegen die ganze Berkow’sche Familie genährt, und deshalb stellte er sich wie zum Schutze gegen die junge Frau, die ihn leise, aber entschieden zurückdrängte.“

„Sie wollen mich also nicht begleiten, Hartmann?“

„Nein und zehnmal nein!“

„Nun denn, so gehe ich allein!“

Sie wandte sich nach der Richtung des Parkes hin; aber mit zwei Schritten hatte Ulrich sie erreicht und stellte sich ihr in den Weg.

„Zurück, gnädige Frau! Sie kommen nicht durch, sage ich Ihnen, am wenigsten da, wo meine Cameraden sind. Ob Frau oder nicht, das gilt ihnen jetzt gleich. Sie heißen Berkow und das genügt ihnen. Sobald Sie erkannt werden, stürzt sich Alles gegen Sie. Hinüber können Sie jetzt nicht und hinüber sollen Sie auch nicht. Sie bleiben hier!“

Es war ein drohender Befehl, den er ihr mit den letzten Worten zuschleuderte, aber Eugenie war nicht gewohnt, sich befehlen zu lassen, und die fast wahnsinnige Heftigkeit, mit der er sich bemühte, sie von Arthur fern zu halten, rief eine namenlose Angst in ihr wach, es könne schlimmer um ihn stehen, als man sie errathen ließ.

„Ich will zu meinem Manne!“ wiederholte sie mit voller Energie. „Ich will doch sehen, ob man mir mit Gewalt den Weg zu ihm versperrt. Lassen Sie Ihre Cameraden sich an einer Frau vergreifen! Geben Sie selbst das Zeichen zum Angriff, wenn Sie die Heldenthat auf sich nehmen wollen! Ich gehe!“

Und sie ging wirklich; sie eilte an ihm vorüber und betrat den Wiesenpfad. Hartmann stand da und sah ihr mit glühenden Augen nach, ohne auf die Bitten und Vorstellungen seines Vaters zu hören; er wußte besser als dieser, was die junge Frau mit diesem Wagniß beabsichtigte, wozu sie ihn damit zwingen wollte, aber er wollte diesmal dem Zwange nicht weichen. Und wenn sie zu Grunde ging an der Schwelle ihres Hauses, im Angesichte ihres Gatten, ehe er sie selbst in die Arme des Gehaßten führte, ehe – da erschien drüben eine Schaar von Bergleuten, die lärmend und tobend ihrem Führer nachzogen. Die Vordersten waren nur noch einige Hundert Schritte weit entfernt; schon fiel die einzelne Frauengestalt ihnen auf; in der nächsten Minute mußte sie erkannt werden, und er selbst hatte die Leute noch vor einer halben Stunde bis zur blinden Wuth aufgestachelt gegen Alles, was den Namen Berkow trug. Eugenie ging vorwärts, gerade der Gefahr entgegen, ohne auch nur das Gesicht zu verbergen – wie außer sich stampfte Ulrich mit dem Fuße; dann auf einmal riß er sich los vom Vater und war im nächsten Augenblick an ihrer Seite.

„Lassen Sie den Schleier herunter!“ gebot er, und dabei legte sich seine Hand mit eisernem Druck um die ihrige.

Eugenie gehorchte tiefaufathmend; jetzt war sie sicher. Sie wußte, daß er die Hand nicht wieder loslassen werde, und wenn die ganze Knappschaft der Werke jetzt gegen sie anstürmte. Mit vollem Bewußtsein war sie der Gefahr entgegen gegangen, aber auch in der vollen Ueberzeugung, daß nur diese augenscheinliche Gefahr, in die sie sich begab, ihr den versagten Schutz erzwingen konnte. Sie hatte gesiegt, aber es war auch die höchste Zeit gewesen.

Sie erreichten jetzt die Schaar, die sofort Miene machte, ihren Führer zu umringen und in die Mitte zu nehmen; aber ein kurzer, doch mit vollem Nachdruck gegebener Befehl desselben hieß sie Platz machen und wies sie gleichfalls nach den Schachten hinüber. Wie vorhin ihre Cameraden, gehorchten auch sie sofort, und Ulrich, der nicht einen Augenblick Halt gemacht hatte, zog seine Begleiterin mit sich fort, die jetzt erst sah, wie unmöglich es gewesen wäre, hier allein durchzukommen, oder auch nur mit einem anderen Schutze als dem, den sie an der Seite hatte.

Die ganzen sonst so stillen Wiesenflächen waren heute der Schauplatz eines wogenden Tumultes, obgleich der eigentliche Streit darüber bei den Schachten stattgefunden hatte. Die Bergleute zogen in hellen Haufen umher oder standen dicht geschaart bei einander – überall wildbewegte Gruppen, überall zornige Gesichter, drohende Geberden, überall Geschrei, Toben und Lärmen. Die wilde Aufregung schien nur nach einem Gegenstande zu suchen, um sich sofort in rohen Gewaltthätigkeiten Luft zu machen. Der Fußweg führte zum Glücke am Rande der Wiese entlang, wo der Tumult verhältnißmäßig schwächer war, aber auch hier war Ulrich, sobald er sich nur zeigte, sofort Gegenstand und Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Aller. Doch in die lärmenden Rufe, mit denen man ihn überall begrüßte, mischte sich diesmal ein eigenthümliches Befremden. Ein Heer von erstaunten, mißtrauischen, argwöhnischen Blicken richtete sich auf die Frauengestalt an seiner Seite. In dem dunklen Reisemantel und hinter dem dichten Schleier erkannte freilich Niemand die Gemahlin des Chefs, und hätte Einer auch den Gang oder die Haltung erkannt, die Vermuthung wäre mit Hohnlachen [287] zurückgewiesen worden. Es war ja Ulrich Hartmann, der sie schützend führte, und der schützte sicher nichts, was zum Berkow’schen Hause gehörte; aber es war doch immer eine Dame, die da neben ihm ging, neben dem schroffen, wilden Sohne des Schichtmeisters, der sich sonst nie um Frauen kümmerte, nicht einmal um Martha Ewers, um die sich doch jeder Ledige auf den Werken zu kümmern pflegte. Ulrich, der die Frauen seiner eigenen Cameraden bei solchen Gelegenheiten, wie die heutige, als eine überflüssige Last betrachtete und behandelte, die man so viel als möglich abschütteln müsse, er geleitete diese Fremde mit einem Ausdruck im Gesichte, als werde er Jeden niederschlagen, der ihr auch nur einen Schritt zu nahe komme. Wer war das? und was sollte das heißen?

Der kurze, kaum zehn Minuten dauernde Gang war ein Wagniß selbst für den jungen Führer, aber er zeigte, daß er hier wenigstens noch unumschränkter Herr war und seine Herrschaft zu gebrauchen wußte. Bald sprengte er hier mit einigen gebieterischen Worten eine Gruppe, die ihm im Wege stand, bald warf er dort Befehle oder Anordnungen in einen hervordrängenden Haufen, der diesem sofort eine andere Richtung gab; dann wieder herrschte er Einzelnen, die ihm mit Fragen oder Berichten nahen wollten, ein „Später“ oder „Ich komme wieder“ zu und dabei zog er die junge Frau unaufhaltsam und so schnell mit sich fort, daß bei diesem Vorübereilen jede Entdeckung und jeder Aufenthalt ausgeschlossen wurde. Endlich hatten sie den Park erreicht, der hier an seinem Ausgange nur durch eine hölzerne Gitterthür geschlossen war. Ulrich stieß sie auf und trat mit ihr in den Schutz dieser Bäume.

„Jetzt ist’s genug!“ sagte er, ihre Hand loslassend. „Der Park ist noch sicher, und in fünf Minuten sind Sie am Hause.

Eugenie bebte noch leise von der überstandenen Gefahr und ihre Hand schmerzte noch von dem eisernen Drucke der seinigen; langsam schlug sie den Schleier zurück.

„Machen Sie nur schnell, gnädige Frau!“ fuhr der junge Bergmann mit bitterem Hohne fort. „Ich habe ja redlich dazu mit geholfen, daß Sie Ihren Mann wiedersehen. Sie werden ihn doch nicht warten lassen?“

Eugenie sah auf zu ihm. Sein Gesicht verrieth, welche Folter sie ihm auferlegt hatte, als sie ihm nur die Wahl ließ, entweder einen Angriff auf sie zu dulden, oder sie selbst ihrem Gatten zuzuführen. Die junge Frau hatte nicht den Muth, zu danken; sie streckte ihm nur wortlos die Hand hin.

Aber Ulrich stieß die Hand fast zurück. „Sie haben mir viel zugemuthet, gnädige Frau, so viel, daß es um ein Haar mißglückt wäre. Jetzt haben Sie Ihren Willen, aber versuchen Sie es nicht, mich noch einmal so zu zwingen wie heute, am wenigsten wenn Er dabei ist – dann – dann – bei Gott, dann gebe ich Euch Beide preis!“ –

Auf der vorderen Terrasse standen die beiden Diener Franz und Anton, mit ängstlichen und doch zugleich neugierigen Gesichtern nach den Werken hinüber schauend, aber sie fuhren nicht weniger erschreckt zurück, wie vorhin der Schichtmeister, als ihre gnädige Frau, die doch in der Residenz sein mußte, urplötzlich vor ihnen stand, ohne daß sie auch nur einen Wagen gehört hatten, oder das Kammermädchen oder sonst Jemand in ihrer Begleitung sahen. Durch die Werke konnte die junge Herrin doch unmöglich gekommen sein, noch weniger durch den Park, denn dort hinten auf den Wiesen ging es ja fast noch ärger zu, und doch war sie jetzt hier. Die beiden Leute waren so bestürzt, daß sie kaum auf die ihnen hastig vorgelegte Frage antworten konnten, indeß erfuhr Eugenie doch, daß Herr Berkow sich augenblicklich noch im Hause befand, und nun eilte sie rasch die Treppe hinauf. Franz, der ihr gefolgt war, fand noch mehr Gelegenheit, sich über die gnädige Frau zu wundern, denn diese duldete es kaum, daß er ihr oben im Vorzimmer Hut und Mantel abnahm, befahl ihm zu bleiben, als er mit der Meldung ihrer Ankunft nach dem Flügel hinüber eilen wollte, den der Herr bewohnte, und erklärte, sie werde selbst sofort ihren Gemahl aufsuchen. Der Diener stand da, den Mantel noch in den Händen, und sah ihr mit offenem Munde nach. Das ging ja Alles wie im Sturmwinde, was konnte es denn nur in der Residenz gegeben haben?

Eugenie hatte rasch den Saal und die beiden vorderen Gemächer durchschritten, als sie plötzlich inne hielt; denn aus dem nebenan liegenden Arbeitszimmer Arthur’s tönten ihr Stimmen entgegen. Die junge Frau hatte so sicher darauf gerechnet, ihren Gatten allein zu finden; unerwartet und unangemeldet hatte sie zu ihm eintreten wollen, und nun traf sie ihn in Gesellschaft eines Anderen. Nur nicht dieses Wiedersehen in Gegenwart Fremder! Eugenie zögerte unentschlossen, ob sie umkehren oder bleiben solle. Endlich trat sie lautlos zurück hinter die Portière, deren Falten sie zum größten Theil verbargen.

„Es ist unmöglich, Herr Berkow!“ sagte die klare scharfe Stimme des Oberingenieurs. „Wenn Sie noch länger die Schonung walten lassen, so wendet es sich gegen Die, die da anfangen, zur Ordnung zurückzukehren. Sie haben diesmal noch das Feld geräumt, weil sie die Schwächeren waren, aber die Scenen werden sich schlimmer, blutiger wiederholen als heute Morgen, wo es mit einem bloßen Handgemenge abging. Hartmann hat gezeigt, daß er die eigenen Cameraden nicht schont, wenn sie sich gegen seinen Terrorismus auflehnen. Er läßt Feind und Freund bluten, sobald es sich um sein starres Princip handelt.

Die offene Thür ließ Eugenie den Einblick in das Zimmer frei. Arthur stand ihr gerade gegenüber am offenen Fenster, und das volle Licht fiel auf sein Antlitz, das um so Vieles düsterer geworden war, seit sie es nicht gesehen. Der Schatten der Sorge, der freilich damals schon auf der Stirn lag, die noch so wenig gewohnt war, ihn zu tragen, hatte sich jetzt in zwei tiefen Falten dort eingegraben, die vielleicht nichts mehr verwischen konnte. Jede einzelne Linie des Gesichts war schärfer, strenger geworden; der Zug von Energie, der damals erst aufdämmerte und nur in Momenten der Erregung zur vollsten Geltung kam, herrschte jetzt auch in der Ruhe unbedingt vor und hatte den ehemaligen träumenden Ausdruck völlig zurückgedrängt; auch die Haltung und Stimme verrieth eine gleiche Festigkeit und Bestimmtheit – man sah es, der junge Chef hatte in wenigen Wochen Das gelernt, wozu Andere Jahre brauchen.

„Ich bin gewiß der Letzte, der einer fremden Hülfe das Wort redet, „fuhr der Oberingenieur fort, „aber ich dächte, wir Alle, unser Chef voran, hätten nun genug gethan, sie abzuhalten. Man kann und wird uns wahrhaftig keinen Vorwurf machen, wenn wir endlich auch zu Dem greifen, was die Nachbarwerke längst gethan haben, und zwar ohne solche dringende Nothwendigkeit wie die unsrige.“

Arthur schüttelte düster das Haupt. „Die anderen Werke können für uns keinen Maßstab geben; dort ist es mit einigen Verhaftungen und Verwundungen abgegangen, dort genügten fünfzig Mann und ein paar Schüsse in die Luft, um die ganze Revolte zu unterdrücken. Hier steht Hartmann an der Spitze, und wir wissen Alle, was das heißen will. Der weicht selbst einem Bajonnetangriff nicht, und mit ihm steht und fällt auch sein ganzer Anhang. Sie würden das Aeußerste herausfordern – bei uns geht der Friede nur über Leichen.“

Der Beamte schwieg, aber sein bedeutsames Achselzucken zeigte, daß er die Befürchtung seines Chefs theilte.

„Wenn aber der Friede nicht anders zu erreichen ist –“ begann er wieder.

Wenn er zu erreichen ist! Er ist es aber nicht, und die Opfer fallen umsonst. Ich zwinge die Empörung für den Augenblick nieder, damit sie sich im nächsten Jahr, in den nächsten Monaten vielleicht schon von Neuem erhebt, und Sie wissen so gut wie ich, daß mir das die letzte Möglichkeit nimmt, die Werke zu behaupten. Anderswo geben sich doch wenigstens noch Regungen der Gerechtigkeit, des Vertrauens kund, anderswo fangen die Leute doch endlich an, zur Besinnung zurückzukehren; bei uns ist das nicht zu hoffen; das Jahre lang gesäete Mißtrauen läßt sich nicht überwinden. Haß und Feindschaft war die Parole, die gegen mich ausgegeben wurde, als ich hier eintrat; sie ist es noch heute, und wenn ich nun noch das Blut zwischen sie und mich stelle, dann ist es vollends aus. Hartmann freilich darf es wagen, die Seinen im offenen Kampfe zum Gehorsam zu treiben, ihnen gewaltsam, vielleicht blutig seinen Willen aufzuzwingen; er bleibt ihnen doch der Messias, von dem sie allein ihr Heil erwarten. Wenn ich nur einen Schuß thun lasse, wenn ich mich nur zur eigenen Nothwehr bewaffne, so bin ich der Tyrann, der sie kaltblütig morden läßt, der Unterdrücker, der [288] seine Freude hat an ihrem Verderben. Der alte Schichtmeister hat es mir damals nicht umsonst gesagt: ‚Wenn es einmal bei uns losbricht, dann gnade uns ‚Gott!‘“

Es lag keine Klage, nicht einmal eine Muthlosigkeit in diesen Worten, nur die tiefe Bitterkeit eines Mannes, der sich endlich doch an den Rand des Abgrundes gerissen sieht, dem fern zu bleiben, er vergebens alle Kräfte aufgeboten. Vielleicht hätte der junge Chef auch zu keinem Anderen so gesprochen, aber der Oberingenieur war der Einzige, der ihm in der letzten Zeit näher getreten war, weil er bei allen Gefahren und Maßregeln fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden; er war auch der Einzige, der bisweilen etwas anderes aus seinem Munde hörte, als die Befehle oder Ermuthigungen, die er allein für die übrigen Beamten hatte.

„Ein Theil der Leute hat aber doch bereits die Arbeit wieder aufnehmen wollen,“ meinte er.

Arthur richtete sich hastig empor. „Und gerade das wird mich zwingen, den Uebrigen den Krieg zu erklären! Mit Hartmann ist keine Versöhnung zu hoffen – ich habe es vergebens noch einmal versucht!“

„Mit wem? Was haben Sie versucht, Herr Berkow?“ fragte der Beamte mit einem solchen Ausdruck des Erschreckens, daß der junge Chef ihn befremdet ansah.

„Eine Verständigung mit Hartmann. Es geschah allerdings nicht officiell. Das hätte man als Schwäche auslegen können; es war bei einer zufälligen Begegnung zwischen uns Beiden allein, wo ich ihm noch einmal die Hand bot.“

„Das durften Sie nicht!“ fiel Jener fast leidenschaftlich ein. „Ihre Hand diesem Manne! Mein Gott – freilich, Sie wissen ja noch nichts.“

„Ich durfte nicht?“ wiederholte Arthur etwas scharf. „Wie meinen Sie das, Herr Oberingenieur? Sein Sie überzeugt, daß ich meine Stellung hinreichend zu wahren weiß, selbst bei solchen Gelegenheiten.“

Der Beamte hatte sich bereits wieder gefaßt. „Verzeihen Sie, Herr Berkow! Der Ausdruck sollte keine Maßregel meines Chefs kritisiren; es galt einzig dem Sohne, der freilich keine Ahnung hat von den Gerüchten, die sich an die Todesstunde seines Vaters knüpfen. Wir hatten einander das Wort gegeben, darüber gegen Sie zu schweigen; es geschah in der besten Absicht. Jetzt aber sehe ich doch ein, daß wir Unrecht thaten, daß Sie es wissen müssen. Sie wollten dem Hartmann Ihre Hand bieten, und das, ich wiederhole es, durfte nicht sein.“

Arthur sah ihn starr an. Sein Gesicht war auf einmal farblos geworden, und die Lippen bebten.

„Sie sprechen von Hartmann und von der Todesstunde meines Vaters! Es existirt also ein Zusammenhang zwischen beiden?“

„Ich fürchte es; wir fürchten es Alle. Der allgemeine Verdacht klagt den Steiger an und nicht bei uns allein, auch bei seinen Cameraden.“

„Damals im Fahrschacht?“ stieß Arthur in furchtbarer Bewegung hervor. „Ein meuchlerischer Ueberfall gegen einen Wehrlosen? Das glaube ich von Hartmann nicht!“

„Er haßte den Verstorbenen,“ sagte der Oberingenieur bedeutsam, „und er hat diesen Haß nie geleugnet. Herr Berkow mag ihn durch ein Wort, durch einen Befehl gereizt haben. Ob die Seile wirklich durch bloßen Zufall gerissen sind und er den Moment der Gefahr benutzte, um sich zu retten und den Anderen in die Tiefe zu schleudern, ob das Ganze ein vorbedachter Plan war, darüber freilich liegt ein räthselhaftes Dunkel, aber schuldlos ist er nicht, dafür möchte ich bürgen.“

Man sah es dem jungen Chef an, wie diese Enthüllung ihn erregte; er stützte sich schwer auf den Tisch. „Die Untersuchung hat ein Unglück ergeben,“ entgegnete er mit schwankender Stimme.

„Die Untersuchung ergab nichts! Deshalb nahm man ein Unglück an und ließ es als ein solches gelten. Eine laute Anklage wagte Niemand; es fehlte jeder Beweis, und es hätte zu unabsehbaren Conflicten mit unseren Leuten geführt, hätte man den Verdacht benutzt, um ihnen den Führer zu nehmen, der aller Wahrscheinlichkeit nach doch frei ausgegangen wäre. Wir wußten, Herr Berkow, daß, wie die Verhältnisse nun einmal lagen, Sie den Kampf mit diesem Gegner nicht vermeiden konnten; wir wollten Ihnen wenigstens die Bitterkeit ersparen, zu wissen, mit wem Sie kämpften. Das war der Grund unseres Schweigens.“

Arthur fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. „Das ahnte ich nicht! Das nicht! Und wenn es auch nur ein Verdacht ist – Sie haben Recht, dem Manne durfte ich meine Hand nicht bieten.“

„Und dieser Mann,“ fiel der Beamte energisch ein, „hat an der Spitze seiner Cameraden das ganze Unglück über Sie und uns gebracht; dieser Mann hat den Streit endlos geschürt und verlängert und versucht es jetzt, wo seine Macht im Sinken ist, den Riß unheilbar, die Versöhnung unmöglich zu machen. Können und wollen Sie ihn jetzt noch schonen?“

„Ihn? Nein! Mit ihm war ich bereits zu Ende, als er mein Entgegenkommen so schroff zurückwies, aber auch die Anderen kann ich nicht mehr schonen nach den heutigen Scenen, sie treiben mich zum Aeußersten. Die Zweihundert von heute Morgen wollten arbeiten und sie haben am Ende das Recht, Schutz für ihre Arbeit zu verlangen. Die Schachte müssen gesichert werden um jeden Preis; ich allein kann es nicht mehr, also –“

„Also – wir erwarten Ihre Befehle, Herr Berkow.“

Es trat eine secundenlange Pause ein, aber der sichtbare Kampf in Arthur’s Zügen wich allmählich dem Ausdruck einer finsteren Entschlossenheit.

„Ich werden nach M. schreiben! Der Brief soll noch heute dorthin – es muß sein!“

„Endlich!“ sagte der Oberingenieur halblaut und wie mit halbem Vorwurf. „Es war auch hohe Zeit.“

Arthur wandte sich zu seinem Schreibtische. „Gehen Sie jetzt und sorgen Sie dafür, daß der Director und die übrigen Herren auf den Posten bleiben, die ich ihnen angewiesen habe, als ich vorhin auf den Werken war. Sie sollen sich nicht rühren, bis ich selbst komme. Heute Morgen wäre es nutzlos gewesen, in das Toben dort einzugreifen; vielleicht ist das jetzt möglich. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Fällt inzwischen etwas Besonderes vor, so senden Sie mir sofort Nachricht herüber!“

Der Beamte, im Begriff sich zu entfernen, trat noch einmal an die Seite seines Chefs. „Ich weiß, was der Entschluß Sie kostet, Herr Berkow,“ sagte er ernst, „und leicht nimmt gewiß Keiner von uns die Sache, aber man braucht doch nicht immer das Aergste zu fürchten. Vielleicht geht es dennoch ab ohne Blutvergießen.“

Der Oberingenieur war, als er mit kurzem Gruße das Zimmer verließ, viel zu eilig und hatte den Kopf zu voll von anderen Dingen, als daß er die junge Frau hätte bemerken sollen, die sich bei seinem Nahen noch tiefer in den Schutz der Portière flüchtete. Ohne auch nur einen Blick seitwärts zu werfen, durchschritt er das anstoßende Gemach und schloß die Thür hinter sich. Die beiden Gatten waren allein.

Arthur hatte nur ein bitteres Lächeln gehabt für die letzten Worte seines Beamten. „Es ist zu spät!“ sagte er jetzt dumpf vor sich hin. „Sie werden nicht weichen ohne Blut – ich werde ernten müssen, was mein Vater gesäet hat!“

Er warf sich auf den Sessel nieder und stützte den Kopf in die Hand. Jetzt, wo er nicht mehr den fremden Augen Rede zu stehen, wo er nicht mehr den Chef zu vertreten hatte, von dessen Entschlossenheit die aller Uebrigen abhing, jetzt wich die Energie aus seinen Zügen, um dem Ausdruck jener tödtlichen Erschöpfung Platz zu machen, der auch der Stärkste unterliegt, wenn er wochenlang all seine Geistes- und Körperkräfte bis an die äußerste Grenze des Möglichen hin angespannt und überreizt hat. Es war ein Augenblick tiefer verzweifelter Muthlosigkeit, wie sie wohl einem Manne nahen konnte, der immer und immer wieder vergebens ankämpft gegen den Fluch einer Vergangenheit, gegen die er nichts verschuldet, als ein gleichgültiges Fernhalten von ihren Aufgaben, und deren verhängnißvolles Erbe doch mit seiner ganzen erdrückenden Last auf ihn allein fällt. Die schwere Anklage gegen den Vater, die sich unwillkürlich seinen Lippen entwand, verstummte zwar in dem gleichen Augenblick vor den furchtbaren Andeutungen, die er soeben über die Todesstunde dieses Vaters erhalten hatte, und doch hatte der allein es verschuldet, wenn der Sohn jetzt nach all dem verzweifelten Ringen doch endlich der letzten schrecklichen Nothwendigkeit gegenüberstand, [290] wenn er, seinen Ruin vor Augen, verlassen von seinem Weibe, aufgegeben von all seinen ehemaligen Freunden, zum letzten Mittel griff, um sich und das, was er für den Augenblick noch sein nannte, vor einem Hasse zu sichern, der, jahrelang gesäet und genährt, ihm jetzt seine volle bittere Frucht zu kosten gab. Arthur schloß wie todtmüde die Augen und lehnte den Kopf an die Lehne des Armsessels – er konnte nicht mehr.

Eugenie hatte leise ihr Versteck verlassen und war auf die Schwelle getreten. Vergessen war die vorhin überstandene Gefahr, vergessen die Anklage des Beamten, die sie eben noch mit solchem Entsetzen durchschauert, vergessen auch Der, dem sie galt, und Alles, was sich an ihn knüpfte; jetzt, wo sie ihrem Gatten nahte, sah und dachte sie nichts weiter, als nur ihn allein. Der Schleier, der so lang und dicht zwischen ihnen Beiden gelegen, sollte jetzt endlich zerreißen. Es mußte klar werden, und doch bebte sie vor der Entscheidung, als solle ihr Todesurtheil damit gesprochen werden. Wenn sie sich täuschte, wenn sie nicht so empfangen wurde, wie sie empfangen werden wollte und mußte nach diesem Opfer, das sie ihrem Stolze abgerungen – das Blut drängte mit stürmischer Gewalt zum Herzen der jungen Frau, und dieses Herz pochte in namenloser Angst – an der nächsten Minute hing für sie Alles.

„Arthur!“ sagte sie leise.

[301] Arthur fuhr auf, als habe eine Geisterstimme sein Ohr berührt, und blickte um sich. Dort auf der Schwelle, wo sie ihm Lebewohl gesagt für immer, stand sein Weib und in dem Moment, wo er sie erkannte, schwand Besinnung und Ueberlegung. Er machte eine Bewegung, ihr entgegen zu stürzen, und der Aufschrei des Glückes, der sich seinen Lippen entrang, das Aufleuchten seiner Augen verrieth alles, was eine mondenlange Selbstbeherrschung ihr bis auf diese Stunde abgeleugnet.

„Eugenie!“

Die junge Frau athmete auf, als sei eine Bergeslast von ihrer Brust gesunken. Der Blick, der Ton, mit dem er ihren Namen rief, gaben ihr endlich die so lang bezweifelte Gewißheit, und wenn er auch mitten in seiner stürmischen Bewegung inne hielt, wenn er wie zum Schutze gegen sich selbst die alte Maske wieder vorzunehmen strebte und den verrätherischen Blick verschleierte, es war zu spät, sie hatte zu viel gesehen!

„Wo kommst Du her?“ fragte er endlich, sich mühsam fassend, „so plötzlich – so unerwartet – und wie gelangtest Du in’s Haus? Die Werke sind noch in vollem Aufruhr. Du kannst sie unmöglich passirt haben.“

Eugenie näherte sich langsam. „Ich bin erst vor wenigen Minuten angekommen. Den Zugang habe ich mir freilich erst erzwingen müssen; frage mich jetzt nicht wie – genug daß ich ihn erzwang. Ich wollte zu Dir, ehe die Gefahr Dich erreichte.“

Arthur machte einen Versuch, sich abzuwenden. „Was soll das, Eugenie? Was willst Du mit diesem Tone? Curt wird Dich geängstigt haben mit seinen Berichten, trotz meiner Bitte, trotz meines ausdrücklichen Verbotes. Ich will kein Opfer der Pflicht und Großmuth. Du weißt es.“

„Ja, ich weiß es!“ entgegnete die junge Frau fest. „Du hast mich ja schon einmal damit von Dir gewiesen. Du konntest es mir nicht verzeihen, daß ich Dir einmal Unrecht gethan, und der Rache dafür hättest Du beinahe mich und Dich geopfert. Arthur, wer war der Schroffste, der Härteste von uns beiden?“

„Es war keine Rache,“ sagte er leise. „Ich gab Dich frei – Du hast es selbst gewollt.“

Eugenie stand jetzt dicht vor ihm; das Wort, das einst um keinen Preis der Welt seinen Weg über ihre Lippen gefunden hätte, es wurde ihr jetzt so leicht, seit sie sich geliebt wußte. Sie hob das dunkle thränenfeuchte Auge voll zu ihm empor.

„Und wenn ich nun meinem Manne sage, daß ich die Freiheit nicht will ohne ihn, daß ich zurückgekommen bin, um alles mit ihm zu theilen, was uns auch treffen mag, daß ich ihn – lieben gelernt habe: wird er mich dann zum zweiten Male gehen heißen?“

Sie erhielt keine Antwort, wenigstens in Worten nicht, aber sie lag bereits in seinen Armen, und in diesen Armen, die sie so heiß und fest umschlossen, als wollten sie das endlich Errungene nie wieder von sich lassen, unter den leidenschaftlichen Liebkosungen, mit denen er sie überströmte, fühlte Eugenie, wie tief ihn einst ihr Verlust getroffen und was ihre Rückkehr ihm war in solchem Augenblick. Sie sah das Aufstrahlen der großen braunen Augen in einem Glanze, wie sie ihn trotz alles blitzähnlichen Leuchtens darin doch noch nie gesehen. Die gebannte, versunkene Welt war herauf gestiegen aus ihrer Tiefe zum hellsten Sonnenlicht, und die junge Frau mußte doch wohl eine Ahnung haben von all den Schätzen, die sie ihr verhieß, denn sie legte mit dem Ausdruck des hingebendsten Vertrauens ihr Haupt an die Brust des Gatten, als er sich zu ihr herabbeugend leise sagte:

„Mein Weib! Mein Alles.“

Durch das offene Fenster wehte es herein wie ein Rauschen und Grüßen von den grünen Waldbergen drüben. Die Stimme mußte doch auch mitflüstern in dem neu erstandenen Glück; sie hatte es ja mit erbauen helfen. Sie hatte die Beiden längst erkannt, als sie sich selbst noch nicht kannten, als sie noch im herben Trotz und Kampf gegen einander standen und das Trennungswort aussprachen, gerade da, wo ihre Herzen sich fanden. Aber es nützt nichts, dieses Kämpfen und Trotzen der Menschenkinder, wenn sie mit ihrem Lieben und Hoffen in den Bann gerathen, den der Berggeist über sein Reich legt im wallenden Nebel der ersten Frühlingsstunde – und was sich da findet, das gehört zusammen für immer!




Der Tag, der für die Berkow’sche Colonie so stürmisch begonnen hatte, ging verhältnißmäßig ruhiger zu Ende, als man es nach den Scenen vom Morgen hätte erwarten sollen. Ein mit den Verhältnissen Unbekannter hätte vielleicht die Ruhe, die gegen Abend über den Werken lag, für den tiefsten Frieden halten können, und doch war es nur die Ruhe des Sturmes, der einen Augenblick inne hält, um dann mit erneuter Wuth wieder loszubrechen.

Auch in der Wohnung des Schichtmeisters herrschte jene [302] dumpfe, drückende Stille, die so viel Unheil in ihrem Schoße barg. Der Schichtmeister saß stumm in seinem Lehnstuhl am Ofen; Martha machte sich hier und da in der Stube zu schaffen und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf Ulrich, der mit verschränkten Armen schweigend, aber unaufhörlich in dem kleinen Raume auf und nieder ging. Niemand sprach zu ihm und er zu Niemand; das ehemalige Vertrautsein, das bei dem unbändigen Charakter des jungen Steigers zwar oft genug zu heftigen Scenen und Auftritten, aber ebenso oft auch wieder zur Versöhnung geführt hatte, war längst geschwunden. Ulrich herrschte jetzt im Hause so unbedingt, wie draußen bei seinen Cameraden; selbst der Vater wagte es nicht mehr, sich gegen seine Beschlüsse und Unternehmungen aufzulehnen; aber hier wie dort war es nur die Furcht noch, die ihm das erzwang; von Liebe und Vertrauen war nicht die Rede mehr.

Das Schweigen dauerte bereits eine geraume Zeit und hätte vielleicht noch länger gewährt, wäre nicht Lorenz eingetreten; Martha, die durch’s Fenster ihn kommen sah, ging ihm entgegen und öffnete die Thür. Es war doch ein eigenthümlich kaltes Verhältniß zwischen den Brautleuten; trotz des Ernstes dieser Tage, die wenig zu Zärtlichkeiten herausforderten, hätte der Gruß des Mädchens wärmer sein können, hätte vielleicht grade deswegen wärmer sein müssen, und der junge Bergmann schien das zu fühlen, denn seine Miene nahm den Ausdruck der Kränkung an, und er hielt mitten in seiner herzlichen Begrüßung inne, aber Martha bemerke beides nicht einmal, und mit einer raschen Bewegung wandte er sich zu Ulrich.

„Nun?“ fragte dieser, in seinem Gange innehaltend.

Lorenz zuckte die Achseln. „Wie ich’s Dir vorher gesagt habe! Morgen werden sich vierhundert zur Arbeit melden, ebenso viele zögern und schwanken noch. Du bist kaum mehr der Hälfte sicher.“

Diesmal fuhr Ulrich nicht auf, wie wohl sonst bei einer ähnlichen Gelegenheit; die wilde Gereiztheit, die er heute Morgen gezeigt, wo es sich doch um einen verhältnißmäßig viel geringeren Abfall seiner Cameraden gehandelt, stach seltsam ab gegen die fast unnatürliche Ruhe, mit der er jetzt wiederholte:

„Kaum mehr die Hälfte! Und wie lange wird die noch aushalten?“

Lorenz umging die Antwort. „Es ist die ganze jüngere Knappschaft! Die hat von Anfang an zu Dir gestanden und die hält auch bei Dir aus, selbst wenn es morgen wieder etwas an den Schachten geben sollte. Ulrich, willst Du es denn wirklich dahin treiben?“

„Er wird es so lange treiben,“ sagte der Schichtmeister aufstehend, „bis sie alle von ihm abfallen, einer nach dem anderen, bis er zuletzt ganz allein bleibt. Ich hab’s Euch gesagt, Ihr kommt nicht durch mit Euren unsinnigen Forderungen und Eurem unsinnigen Hasse, der bei dem Vater am Platze gewesen wäre, den aber der Sohn wahrhaftig nicht verdient hat. Es war genug, was er Euch bot, das weiß ich, der ich doch am Ende auch in den Schachten gearbeitet habe, und auch ein Herz habe für meines Gleichen, und die Meisten hätten es gern genommen, was ihnen geboten wurde, aber sie wurden ja niedergeschrieen und niedergedroht, bis sich Keiner mehr zu rühren wagte, weil sich der Ulrich in den Kopf gesetzt hatte, Unmögliches zu verlangen. Jetzt ist’s wochenlang gegangen, all das Elend, all die Sorge und die Noth, und ist doch umsonst gewesen. Es kommt doch endlich auch einmal der Tag, wo Weib und Kinder mit ihrem Hunger allem vorangehen, und so weit sind wir jetzt. Du hast’s dahin gebracht, Ulrich, Du allein; jetzt mach’ auch ein Ende damit!“

Der alte Mann war aufgestanden und blickte seinen Sohn beinahe drohend an, aber Ulrich blieb selbst diesem stummen Vorwurf gegenüber, der zu einer anderen Zeit wohl seinen ganzen Trotz herausgefordert hätte, in seiner düsteren Gelassenheit.

„Mit Dir ist nicht zu streiten, Vater,“ entgegnete er kalt, „das weiß ich längst! Du bist zufrieden, wenn Du Dein hartes Brod in Ruhe essen kannst, und was darüber hinausliegt, heißt Dir Thorheit oder Verbrechen. Ich habe Alles an Alles gesetzt! Ich dachte es durchzuführen und hätte es auch gethan, wäre dieser Berkow nicht auf einmal aufgestanden und hätte uns eine Stirn gezeigt wie von Eisen. Wenn’s jetzt mißglückt – nun, ich bin ja noch der Hälfte meiner Cameraden sicher, wie Karl sagt, und mit der werde ich es ihm zeigen, was es heißt, wenn wir unterliegen. Er soll den Sieg theuer genug bezahlen!“

Der Schichtmeister sah auf Lorenz, der mit gesenktem Kopfe dastand, ohne sich an dem Gespräche zu betheiligen, und dann wieder auf seinen Sohn.

„Sieh erst zu, ob die Hälfte Dir treu bleibt, wenn der Herr wieder so dazwischen tritt, wie heut Mittag! Das hat Dir die andere Hälfte gekostet, Ulrich. Meinst Du, es hat nicht gewirkt, wie er sich benahm, vom ersten Tage an, als Ihr anfinget, ihm zu drohen? Meinst Du, sie fühlten nicht Alle, daß er Dir und ihnen gewachsen ist und sie jetzt zur Noth allein zügeln kann, wenn Du einmal aufhörst, ihr Herr zu sein? Heut Morgen haben die Ersten die Arbeit wieder aufgenommen; schon vor drei Wochen hätten sie es gethan, wenn sie es nur gewagt hätten. Jetzt ist einmal der Anfang gemacht, jetzt ist auch kein Haltens mehr!“

„Da magst Recht haben, Vater,“ sagte Ulrich tonlos; „es ist kein Haltens mehr! Ich habe auf sie gebaut wie auf Felsen, und nun ist’s elender Sand, der mir unter den Händen zerrinnt. Berkow hat es gelernt, wie er die Feiglinge an sich zieht, mit seinen Reden, mit seiner verdammten Manier, mitten unter sie zu treten, als ob es gar keine Steine gäbe, die ihm an die Stirn fliegen könnten, gar keine Schlägel, die zur Noth auch einmal den hochgeehrten Herrn Chef treffen, und darum eben wagt sich Keiner an ihn. Ich weiß es, warum er heut auf einmal den Kopf so hoch trug, warum er mitten in das Toben hineinfuhr mit einer Miene, als könnte ihm der Sieg und das Glück jetzt gar nicht mehr fehlen, und ich weiß auch, daß es ihm jetzt zurückkommt – habe ich’s ihm doch selbst in die Arme geführt heut Morgen!“

Die letzten Worte verhallten in dem Zuwerfen der Thür, die er inzwischen geöffnet hatte, es verstand sie Keiner von den Anwesenden. Ulrich trat hinaus in’s Freie und warf sich auf die Bank nieder; es war eine unnatürliche und unheimliche Ruhe, die heut auf seinem ganzen Wesen lag; sie erschien fast beängstigend bei einem Manne, der sonst immer gewohnt war, seiner wilden Leidenschaftlichkeit den Zügel schießen zu lassen. Ob der Abfall seiner Cameraden ihn so tief getroffen, ob es etwas Anderes war, was seit dem heutigen Morgen in ihm wühlte, die stolze Siegesgewißheit, die er noch in jenen Stunden gezeigt, schien jetzt gelähmt, wenn nicht gebrochen.

An dem Gärtchen vorüber floß der breite Bach, der weiter unten die Räderwerke trieb, die freilich jetzt stille standen. Es war ein wildes heimtückisches Gewässer, dieser Bach; er hatte nichts von dem murmelnden silberhellen Blinken seiner Genossen oben im Gebirge, und doch kam auch er aus der Tiefe der Berge, gerade dort, wo die Schachte lagen. Wie oft schon hatte er versucht, harmlos spielende Kinder in seinen Strudel zu ziehen und wenigstens zu schrecken und zu quälen, wo er nicht verletzen und tödten durfte, um sich dafür zu rächen, daß man ihn dem Menschenwerke und Menschenantriebe dienstbar gemacht! Die trüben, reißenden Fluthen erschienen so unheimlich, wie sie im letzten Abendschein dahinschossen, und noch unheimlicher klang ihr Rauschen. Es zischte und murmelte darin, so höhnisch und schadenfroh, als hätten sie dort in der Tiefe dem Erdgeiste all die Tücken und Ränke abgelernt, mit denen er die Menschen umspann, die es immer wieder versuchten, ihm seine Schätze zu entreißen, mit denen er schon so manches junge warme Leben eingefordert und da unten begraben hatte in ewiger Nacht. Es war nichts Gutes, was in diesem Murmeln und Rauschen klang, und es war auch keine gute Stunde, in der es zu dem Ohr des jungen Bergmannes heraufdrang, der unbeweglich hinabstarrte, als lausche er einer geheimnißvollen Stimme.

Eine ganze Weile mochte er so gesessen haben, als ein Schritt dicht hinter ihm ertönte, und gleich darauf stand Martha vor ihm.

„Was willst Du?“ fragte Ulrich, ohne den Blick von der Fluth abzuwenden.

„Ich wollte sehen, wo Du bliebst, Ulrich!“ Es klang wie verhaltene Angst aus der Stimme des Mädchens; er zuckte die Achseln.

„Wo ich blieb? Dort drinnen ist Dein Bräutigam; um den kannst Du Dich sorgen. Mich laß’, wo ich bin!“

„Karl ist schon wieder fort!“ sagte Martha hastig, „und [303] er weiß am besten, daß ihm nichts zu nahe geschieht, wenn ich mit Dir rede.“

Ulrich wandte sich um und sah sie an; es war, als wolle er sich losreißen von den Gedanken, die das Rauschen da unten in ihm aufweckte.

„Höre, Martha, was sich Karl von Dir bieten läßt, das läßt sich so leicht kein Anderer bieten. Ich litte es nicht, daß Du mir so begegnetest. Du hättest nicht Ja sagen sollen, wenn Du nun einmal kein Herz für ihn hast.“

Das junge Mädchen wandte sich mit einer beinahe trotzigen Bewegung ab. „Er weiß, daß ich keins für ihn habe; ich habe es ihm gesagt damals, als wir uns miteinander versprachen. Er bestand doch darauf; ich kann’s nicht ändern, wenigstens jetzt noch nicht; vielleicht lerne ich’s nach der Hochzeit.“

„Vielleicht!“ sagte Ulrich mit einer Bitterkeit, die zu tief und schneidend war, um nur diesen Worten zu gelten. „Es lernt sich ja so Manches nach der Hochzeit, bei Anderen wenigstens, warum nicht auch bei Dir!“

Er schaute wieder hinab in das dunkle reißende Wasser, als könne er sich nicht davon losreißen. Da unten klang und rauschte es wieder, als flüstere es ihm böse, böse Gedanken zu. Martha stand noch immer einige Schritte von ihm entfernt; die scheue Furcht, die seit dem „Schachtunglück“ seine ganze Umgebung bannte, hielt auch sie gefesselt. Wochenlang hatte sie jedes Alleinsein, jede Annäherung vermieden; aber heute war die alte Neigung mächtig wieder aufgewacht und zog sie fast gewaltsam in seine Nähe; diese seltsame Ruhe täuschte sie nicht; sie ahnte, was sich dahinter barg.

„Du kannst den Abfall der Cameraden nicht verwinden?“ fragte sie leise. „Noch steht die Hälfte ja zu Dir, und Karl hält bei Dir aus bis zur letzten Minute.“

Ulrich lächelte verächtlich. „Heute ist’s noch die Hälfte; morgen wird’s ein Viertheil sein, und übermorgen – laß gut sein, Martha! Und was den Lorenz betrifft, der ist von jeher nur mit halbem Herzen dabei gewesen. Er hat zu mir gestanden und nicht zu der Sache, weil ich sein Freund war, und mit der Freundschaft wird es auch bald zu Ende sein. Dazu hat er Dich viel zu tief im Herzen, um mich jetzt noch ehrlich zu lieben.“

Das Mädchen machte eine heftige Bewegung. „Ulrich!“

„Nun, das kann Dich doch nicht mehr kränken! Du hast ja nicht gewollt, als ich Dich bat, meine Frau zu werden. Hättest Du es gethan, es wäre Vieles besser geworden.“

„Es wäre nicht besser geworden!“ sagte Martha entschieden. „Ich bin nicht dazu gemacht, auszuhalten, was Karl Tag für Tag so geduldig trägt, und so wie zwischen ihm und mir wäre es auch zwischen uns Beiden gegangen; nur wäre ich’s da gewesen, die es tragen mußte. Ich hatte ja nicht einmal ein Stück von Deinem Herzen; Deine Liebe war ganz wo anders.“

Es lag ein bitterer Vorwurf in den Worten; aber selbst diese Hindeutung vermochte Ulrich heute nicht zu reizen. Er war aufgestanden und blickte nach dem dämmernden Parke hinüber, als suche er dort etwas zwischen den Bäumen.

„Du meinst, ich hätte das näher und besser haben können, wenn ich’s nur gesucht hätte, und da hast Du Recht. Aber so etwas sucht man nicht, Martha; es packt Einen plötzlich und läßt dann nicht wieder los, so lange noch ein Athemzug in der Brust ist. Ich hab’s erfahren! – Ich habe Dir wehe gethan, Mädchen, wie wehe, das weiß ich jetzt erst; aber glaube mir, es ist kein Segen bei solch einer Liebe; man trägt oft schwerer daran als an dem bittersten Hasse!“

Sie klang seltsam, diese halbe Bitte um Verzeihung in dem Munde Ulrich Hartmann’s, der sonst wenig danach fragte, ob er Jemandem wehe that oder nicht, und es war überhaupt etwas in den Worten, das seinem Charakter sonst unendlich fern lag, eine dumpfe Resignation, ein Schmerz, der nichts Wildes und Leidenschaftliches mehr hatte, aber eben deshalb um so erschütternder wirkte. Martha vergaß Scheu und Furcht; sie trat dicht an seine Seite.

„Was hast Du, Ulrich? Du bist so seltsam heut, wie ich Dich noch nie gesehen habe. Was fehlt Dir?“

Er strich mit der Hand das blonde Haar von den Schläfen und stützte sich auf das Holzgitter.

„Ich weiß nicht! Es liegt etwas auf mir, schon den ganzen Tag lang, was ich nicht los werden kann, was mir alle Kraft nimmt. Ich brauche sie doch wahrhaftig zu morgen, aber sobald ich daran denken will, ist Alles schwarz und finster, als gäbe es gar nichts mehr, was über dieses ‚morgen‘ hinaus läge, als wäre mit diesem ‚morgen‘ Alles zu Ende, Alles!“ Ulrich fuhr plötzlich mit einem Anfluge seines alten Trotzes in die Höhe. „Alberne Gedanken! Ich glaube, das Wasser da unten hat es mir angethan mit seinem verwünschten Rauschen. Ich habe auch gerade Zeit, darauf zu hören. Leb’ wohl!“

Er wollte gehen, das Mädchen hielt ihn angstvoll zurück. „Wohin willst Du? Zu den Cameraden?“

„Nein, ich muß noch einen Gang allein thun. Leb’ wohl!“

„Ulrich, ich bitte Dich, bleib!“

Die kurze Weichheit des jungen Bergmanns war schon wieder vorüber; er riß sich ungeduldig los.

„Laß mich! Ich habe nicht Zeit zum Reden – ein andermal!“ Er stieß die Gartenthür auf und verschwand kurz darauf in der Dämmerung nach der Richtung des Parkes hin.

Martha stand mit gefalteten Händen da und sah ihm nach. Kränkung und bitterer Schmerz stritten sich in ihren Zügen, aber der Schmerz behielt doch die Oberhand. „Es ist kein Segen bei einer solchen Liebe!“ die Worte hallten noch in ihrem Herzen wieder – sie fühlte, es war auch kein Segen bei der ihrigen. –

Inzwischen befand sich Eugenie Berkow allein im Arbeitszimmer ihres Mannes. Es blieb den beiden Gatten nicht viel Zeit, sich dem neu errungenen Liebes- und Lebensglück hinzugeben. Schon zweimal hatte Arthur von ihrer Seite fortgemußt, heut Mittag, wo er sich mitten in die Empörung geworfen und sie für den Augenblick auch bewältigt hatte, und jetzt wieder, wo eine Conferenz mit den Beamten ihn abrief. Aber trotz der Angst um ihn und trotz der Sorge um die noch so finster drohende Gegenwart strahlte das Antlitz der jungen Frau doch von dem Widerschein eines tief innerlichen Glückes, das, nach so langen Kämpfen endlich errungen, vor keinen äußeren Stürmen mehr bebte. Sie war bei ihrem Manne, an seiner Seite, in seinem Schutze, und Arthur schien es nur zu gut zu verstehen, sein Weib alles Andere vergessen zu machen außer diesem Einen.

Da wurde eine Thür geöffnet, und Schritte ertönten im Nebengemach. Eugenie erhob sich, um dem Kommenden entgegen zu eilen, den sie natürlich für ihren Gatten hielt, aber ihr anfängliches Erstaunen beim Anblick der fremden Gestalt wich dem Schrecken, als sie in dem Eintretenden Ulrich Hartmann erkannte. Auch er stutzte und blieb betroffen stehen, als er sie gewahrte.

„Sie sind es, gnädige Frau? Ich suchte Herrn Berkow.“

„Er ist nicht hier. Ich erwarte ihn soeben,“ entgegnete Eugenie rasch, aber mit bebender Stimme. Sie wußte, welch’ eine Gefahr dieser Mann für Arthur war, welche Rolle er hier auf den Werken spielte; dennoch hatte sie nicht gezögert, sich seinem Schutze anzuvertrauen, als ihr heut Morgen keine andere Wahl blieb; aber zwischen diesem Morgen und dem Abend lag jene Stunde, in der sie Zeuge der Beschuldigungen geworden war, die der Oberingenieur ausgesprochen. Es war nur ein Verdacht; aber selbst der Verdacht eines feigen hinterlistigen Meuchelmordes, an einem Wehrlosen begangen, ist etwas Furchtbares; es hatte die junge Frau im vollsten Entsetzen dabei durchschauert. Dem offenen rücksichtslosen Feinde ihres Gatten hatte sie sich noch anvertraut; aber sie bebte zurück vor der Hand, die vielleicht von dem Blute seines Vaters geröthet war.

Ulrich bemerkte die Bewegung nur zu gut. Er blieb auf der Schwelle stehen, aber seine Stimme klang in unverkennbarem Hohne.

„Ich habe Sie wohl erschreckt mit meinem Kommen? Es war nicht meine Schuld, dast ich mich nicht anmelden lassen konnte. Sie sind schlecht bedient, gnädige Frau. Weder auf der Treppe noch auf den Corridoren fand ich einen von Ihren Lakaien. Ich hätte sie zwar sehr wahrscheinlich zur Seite geworfen, wenn sie mir den Eingang gewehrt hätten; aber der Lärm dabei wäre doch immer eine Art von Anmeldung gewesen.“

Eugenie wußte, daß er ungehindert hatte eintreten können; die beiden Diener befanden sich auf Arthur’s ausdrücklichen [304] [317] Hartmann schwieg. Eugenie blickte mit einem Gemisch von Grauen und Mitleid auf ihn hin. Sie wußte nur zu gut, daß die Anklagen gerecht waren, die er gegen den Todten schleuderte, und wenn auch sie im Augenblick der Gefahr selbst dem gehaßten Berkow die Hand zur Rettung geboten hätte, der Mann ihr gegenüber hatte kein Verzeihen und kein Vergessen gelernt; er ließ den Feind ruhig vor seinen Augen verderben.

„Sie haben mir die volle Wahrheit gesagt, Hartmann? Auf Ihr Wort und Ihre Ehre?“

„Auf mein Wort und meine Ehre, gnädige Frau!“

Sein Auge begegnete finster aber fest dem ihrigen; die junge Frau hegte keinen Zweifel mehr, als sie vorwurfsvoll entgegnete: „Und warum lösten Sie den Irrthum nicht? Warum sprachen Sie nicht zu den Anderen, wie jetzt eben zu mir?“

Ein Ausdruck herber Verachtung überflog seine Züge. „Weil es mir Keiner geglaubt hätte! Nicht ein Einziger, auch mein Vater nicht. Er hat ganz recht: ich bin maßlos wild und unbändig gewesen mein Lebenlang, habe Alles niedergeworfen, was mir im Wege stand, und mich nie darum gekümmert, was Andere von mir sagten; das habe ich jetzt büßen müssen. Sie wußten Alle, daß ich den Todten haßte, und nun das Unglück passirte, als ich dabei war, nun mußte ich es auch angerichtet haben. Da war gar kein Zweifel. Der eigene Vater hat es mir in’s Gesicht gesagt, und als ich nicht Ja sagen konnte, als er mich fragte, ob ich ganz unschuldig wäre an jenem Tode – ich brauchte ja blos den Arm auszustrecken, um ihn zu retten, und ich hatte es doch nicht gethan – als ich nicht Ja sagen konnte, da wollte er mich gar nicht weiter anhören. Er hätte mir auch nicht geglaubt, und wenn ich es ihm zugeschworen hätte. Dann habe ich es noch hier und da versucht bei den Cameraden, und wenn sie mir auch nicht widersprachen, so sah ich es doch an ihren Gesichtern, daß sie mich nun noch dazu für einen Lügner hielten. Betteln um ihren Glauben mochte ich nicht; so ließ ich es denn gehen, wie es gehen wollte; ich hatte ohnedies genug von ihrer Freundschaft und Cameradschaft. Wäre man mir mit den Gerichten zu Leibe gegangen, dann freilich hätte ich gesprochen; aber es wäre noch die Frage gewesen, ob mir auch da Einer geglaubt hätte.“

Eugenie schüttelte leise den Kopf. „Sie mußten sich den Glauben erzwingen, Hartmann, und Sie hätten es auch gekonnt, wenn Sie nur ernstlich gewollt hätten; aber Ihr Stolz und Trotz litten das nicht. Sie begegneten dem Argwohn mit Verachtung, und gerade das hat ihn bestärkt. Jetzt sind Sie verfehmt auf den ganzen Werken, bei den Beamten, bei meinem Gatten –“

„Was frage ich nach Herrn Berkow!“ fiel er rauh ein, „was nach all den Uebrigen! Ob sie mich verdammen oder nicht, mir gilt’s gleich. Von Ihnen, gnädige Frau, habe ich es nicht ertragen können, daß Sie sich mit Furcht, mit Verachtung von mir wandten, von Ihnen allein nicht, und Sie glauben mir jetzt, ich sehe es an Ihren Augen – das Uebrige ist mir Alles Eins!“

„Ich glaube Ihnen!“ sagte Eugenie ernst. „Und ich werde Sie meinem Gatten gegenüber wenigstens von dem schlimmsten Verdachte reinigen. Daß Sie nicht retteten, wo Sie retten konnten und mußten, darüber dürfen wir nicht mit Ihnen rechten. Das verantworten Sie vor Ihrem eigenen Gewissen! Aber Arthur soll nicht mehr glauben, daß der Mörder seines Vaters ihm gegenübersteht. Zur Versöhnung ist es freilich zu spät. Sie haben es zu weit getrieben. Ich weiß erst seit wenigen Stunden, was Alles geschehen ist und was vielleicht noch geschehen wird, wenn sich morgen der Angriff gegen die Schachte erneuert. Hartmann“ – die junge Frau beging die Unvorsichtigkeit, ganz nahe an ihn heranzutreten und bittend die Hand auf seinen Arm zu legen – „Hartmann, wir stehen an einer furchtbaren Katastrophe. Sie haben meinen Gemahl gezwungen, sich und die Seinigen auf jede Gefahr hin zu schützen, und er ist entschlossen, es zu thun. Wenn morgen Blut fließt, fließen muß, bedenken Sie, auf wen es fällt!“

Ihre Nähe, die Hand, die auf seinem Arme lag, verfehlten ihre Wirkung nicht auf Ulrich; aber die Wirkung war diesmal keine heilbringende. Seine Stimme verlor mehr und mehr die dumpfe Ruhe, indem er antwortete:

„Auf mich, meinen Sie? Nehmen Sie sich in Acht, gnädige Frau! Es könnte auch auf Sie fallen, wenn es zum Beispiel Jemanden träfe, den Sie lieben. Herr Berkow bleibt sicher nicht hier im Hause, wenn draußen gekämpft wird; das weiß ich, und ich weiß auch, wen ich mir zuerst suche, wenn der Kampf einmal los ist!“

Eugeniens Hand war schon längst zurückgezuckt, als sie selbst von ihm zurückwich. Sie hörte diesen Ton und sah zugleich einen Blick, der sie warnte; es war immer nur der gebändigte Tiger, der in der einen Minute noch ihrer Stimme gehorchte, um sich vielleicht in der nächsten schon mit seiner ganzen [318] fürchterlichen Wildheit gegen sie zu erheben, und die Minute schien jetzt gekommen zu sein; der Blick drohte auch ihr.

„Hartmann, Sie sprechen mit der Gattin Ihres Chefs,“ rief sie mit einem vergeblichen Versuche, ihn zur Besinnung zu bringen; „wenn Sie ihn hassen –“

„Den Chef?“ unterbrach er sie mit wildem Hohne. „Dem gilt’s hier nicht; mit dem habe ich nur zu thun an der Spitze meiner Cameraden. Arthur Berkow ist’s, den ich hasse, weil Sie seine Frau sind, weil Sie ihn lieben, und ich, ich liebe Sie, Eugenie, mehr als sonst Jemand auf der ganzen weiten Welt. Entsetzen Sie sich doch nicht so davor! Sie mußten es ja längst wissen; ich konnte ja nicht Herr darüber bleiben, sobald ich Ihnen nur nahe kam. Ich habe es niedertreten und niederzwingen wollen mit Gewalt – es ging nicht; es geht auch heute nicht, wenn ich auch erst heute wieder die alte Geschichte erlebt habe, daß nur Gleich und Gleich sich zusammenfindet und daß für Unsereins nur ein vornehmes Achselzucken übrigbleibt, wenn man sein Leben auch in die Schanze geschlagen hat. Aber wenn jetzt wieder ein Leben zu verlieren ist, dann bin ich es nicht, der sich wieder so unsinnig opfert wie damals bei Ihrer Hochzeitsfahrt unter den Hufen Ihrer Pferde; dann gilt es ein anderes als das meinige. Ich habe schon einmal einen Berkow gehaßt bis auf’s Blut; ich glaubte damals, ich könnte keinen Menschen ärger hassen auf Erden. Jetzt freilich weiß ich das besser. Zum Mörder bin ich doch nicht an ihm geworden; aber Einen giebt’s, an dem ich das werden könnte, einen Einzigen! Der Vater war es nicht; aber wenn ich einmal so an den Sohn gerathe, dann heißt es: er oder ich, oder – wir Beide!“

Er war furchtbar, der Augenblick, wo die fast bis zum Wahnsinn gesteigerte Leidenschaft dieses Mannes ihre Schranken durchbrach, ein losgelassener verheerender Strom, den nichts mehr dämmen oder aufhalten konnte. Eugenie sah, daß hier jedes Wort, jeder Ruf zu spät kam, und begriff, daß ihre Macht zu Ende war. Sie konnte nicht fliehen; er hatte ihr den Weg zur Thür vertreten, aber sie eilte zum Klingelzuge und riß mit aller Gewalt daran. Die Diener befanden sich freilich drüben auf der andern Seite, aber es war doch immerhin möglich, daß die Glocke ihr Ohr erreichte.

Hartmann war ihr gefolgt. Er wollte ihre Hand wegreißen von der Klingelschnur, aber in dem gleichen Moment wurde er selbst zurückgerissen von einem Arme, dem die Empörung jetzt Kraft genug lieh, die riesenhafte Gestalt wie ein Kind zur Seite zu schleudern. Arthur war es, der zwischen ihnen stand, und mit einem Aufschrei der Freude, aber auch zugleich der Todesangst flüchtete Eugenie zu ihrem Gatten; sie wußte, was jetzt kam.

Ulrich hatte sich aufgerafft, ohne einen Laut von sich zu geben, aber mit einem von der Wuth bis zur Unkenntlichkeit entstellten Antlitze. Was da in seinem Auge aufflammte, als er den Gegner erkannte, das verhieß unabwendbares Verderben; aber Arthur hatte bereits mit schneller Geistesgegenwart eine der Pistolen herabgerissen, die über seinem Schreibtische hingen, und den linken Arm um seine Frau legend, hielt er mit der Rechten dem Eindringlinge die tödtliche Waffe entgegen.

„Zurück, Hartmann! Wagen Sie es nicht, sich noch einmal zu nahen! Noch einen Schritt gegen meine Gattin, einen einzigen, und Sie liegen am Boden!“

Der Bedrohte hielt inne; trotz der Wuth, mit der er sich vorwärts stürzen wollte, sah er doch, daß die Mündung des Geschosses fest und sicher auf ihn gerichtet war und daß die Hand nicht bebte, die ihm diese Richtung gab; schon beim zweiten Schritte mußte die Kugel ihn treffen, und der Gegner blieb Sieger; er ballte die Faust, der die gleiche Waffe fehlte.

„Ich habe keine Pistolen,“ sagte er knirschend, „hätte ich sie, dann ständen wir gleich auf gleich, Herr Chef, aber freilich, so standen wir ja nie. Sie haben sich besser vorgesehen als ich; ich habe nur meine Fäuste gegen Ihre Kugel zu setzen, und da freilich ist’s kein Zweifel, wer den Kürzern zieht.“

Arthur ließ ihn nicht aus den Augen. „Sie haben dafür gesorgt, Hartmann, daß man jetzt die geladenen Waffen immer zur Hand hat. Mein Haus und mein Weib wenigstens werde ich vor Ihnen schützen, und wenn es auch eine Kugel kostet. Zurück, sage ich noch einmal!“

Es war wieder jenes secundenlange athemlose Anschauen der Beiden, wie damals bei der ersten verhängnißvollen Begegnung, wo sie ihre Kräfte zu messen schienen, und wie damals blieb der junge Chef Sieger, wenn es auch jetzt so weit gekommen war, daß er einer andern Waffe bedurfte, als blos seines Auges. Er stand noch immer unbeweglich da, den Finger am gespannten Hahne der Pistole und mit dem Blicke jeder Bewegung seines Gegners folgend, bis dieser zurückwich.

„Ich habe mein Leben nie viel geachtet,“ entgegnete Ulrich trotzig, „ich dächte, das hättet Ihr Beide hinreichend erfahren, aber ich mag mich doch nicht auf Eurer Schwelle niederschießen lassen; ich habe noch abzurechnen mit Euch. Zittern Sie doch nicht so, gnädige Frau! Sie sind ja in seinen Armen, und er ist ja sicher; jetzt ist er’s noch, aber wir sind noch nicht am Ende. Und wenn Ihr auch Beide dasteht, als könnte Euch nichts mehr auseinanderreißen, als wäret Ihr Eins in’s Andere gekettet für alle Ewigkeit, es wird auch einmal die Stunde für mich kommen, und dann, dann sollt Ihr an mich denken!“

Er ging. Der schwere Schritt tönte erst im Nebengemach, dann im Vorzimmer; zuletzt verhallte er draußen. Die junge Frau schmiegte sich fester in die Arme ihres Mannes; sie hatte es jetzt erprobt, wie sie zu schützen wußten.

„Du kamst zu rechter Zeit, Arthur,“ sagte sie, noch bebend von dem Schrecken jener Scene. „Ich hatte meine Zimmer verlassen, trotz Deiner Warnung; es war eine Unvorsichtigkeit, ich weiß es; aber ich wollte Dich hier erwarten, und im Hause wenigstens glaubte ich noch sicher zu sein.“

Arthur ließ die Waffe sinken und zog sie näher an sich. „Du warst es aber nicht, das haben wir soeben erfahren! Was wollte Hartmann hier in meinem Arbeitszimmer?“

„Ich weiß es nicht. Er suchte Dich, jedenfalls in keiner guten Absicht.“

„Ich bin von dieser Seite her auf Alles gefaßt,“ entgegnete er ruhig, die Pistole auf den Schreibtisch legend. „Du siehst, ich hatte mich bereits für ähnliche Fälle vorgesehen, aber ich fürchte, das war nur ein Vorspiel zu morgen, wo erst das eigentliche Drama beginnt. Zitterst Du davor, Eugenie? Die erbetene Hülfe kann erst gegen Abend hier sein; wir haben noch den ganzen Tag allein mit den Empörern auszuhalten.“

„An Deiner Seite zittere ich vor nichts mehr! Nur, Arthur,“ ihre Stimme nahm den Ausdruck flehender Angst an, „nur gehe mir nicht wieder allein hinaus in das Toben, wie heut Mittag! Er ist dort, und er hat Dir den Tod geschworen.“

Arthur richtete sanft das Haupt seiner jungen Gattin empor und sah ihr tief und fest in’s Auge. „Leben und Tod steht doch wohl nicht in Hartmann’s Hand allein; darüber hat doch noch ein Anderer zu entscheiden. Sei ruhig, Eugenie! Ich werde meine Pflicht thun, aber ich thue sie anders, als all die Tage vorher; weiß ich doch jetzt, daß mein Weib sich um mich ängstigt; das vergißt sich nicht so leicht!“

Draußen auf der Terrasse stand Ulrich Hartmann. Die Dämmerung war tiefer hereingebrochen; man konnte nicht mehr unterscheiden, was seine Züge aussprachen, als er zu den Fenstern des Hauses hinaufblickte, das er soeben verlassen; aber die Stimme verrieth es, mit der er halblaut, wie zum Schwur, die Drohung wiederholte, die er vorhin gegen Arthur Berkow geschleudert: „Er oder ich, oder, wenn’s sein muß – wir Beide!“




Der nächste Morgen! Das war ein Gedanke, der nicht blos Arthur und seine Gattin allein, sondern Alles, was überhaupt zum Berkow’schen Hause stand, mit schwerer Sorge erfüllte. Nun war er gekommen, dieser so gefürchtete Morgen, und schien in der That all die Befürchtungen verwirklicht zu haben, die man ihm entgegentrug. Trotz der frühen Stunde befanden sich die sämmtlichen Beamten bereits im Hause ihres Chefs. Ob sie zu einer Berathung versammelt waren, ob sie sich dorthin geflüchtet hatten – es sah fast aus, als sei das letztere der Fall, denn die Gesichter der Herren waren bleich, aufgeregt, verstört, und Reden und Gegenreden, Vorschläge, Sorgen und Befürchtungen schwirrten bunt durcheinander.

„Ich bleibe dabei, es war ein Fehler, die drei Leute in Verhaft zu nehmen!“ behauptete Schäffer, zum Director gewendet. „Das hätte man allenfalls wagen können, wenn die militärische Hülfe schon da wäre, aber nun und nimmermehr auf eigene [319] Hand. Jetzt stürmen sie uns das Haus, um die Gefangenen zu befreien; wir werden sie herausgeben müssen.“

„Erlauben Sie, das werden wir nicht!“ rief der Oberingenieur, der sich wie gewöhnlich in vollster Opposition seinen beiden Collegen gegenüber befand. „Wir werden den Sturm aushalten und uns nöthigenfalls hier im Hause vertheidigen; Herr Berkow ist durchaus entschlossen dazu.“

„Nun, Sie freilich müssen seine Beschlüsse am besten kennen. Sie sind ja sein ausschließlicher Berather!“ meinte etwas pikirt der Director, der sich allerdings einer gleichen Intimität mit dem jungen Chef nicht rühmen konnte, obgleich seine Stellung ihn vielleicht eher dazu berechtigte.

„Herr Berkow pflegt seine Beschlüsse gewöhnlich allein zu fassen,“ entgegnete der Oberingenieur trocken. „Ich befinde mich nur, wie gewöhnlich, auch diesmal in dem Falle, ihm vollkommen beizustimmen. Es wäre wider Recht und Gewissen, es wäre eine erbärmliche Feigheit gewesen, die drei Uebelthäter laufen zu lassen. Sie hatten die eingestandene Absicht, uns die Maschinen zu zerstören.“

„Auf Hartmann’s Befehl!“ warf Schäffer ein.

„Gleichviel, sie gaben sich doch zur Ausführung her. Der Herr kam gerade recht, um das Bubenstück noch zu verhindern, und ich möchte Den sehen, der da Ruhe genug gehabt hätte, die Anstifter straflos ausgehen zu lassen. Er ließ sie festnehmen, und daran that er recht. Hartmann war freilich nicht dabei; er befand sich noch bei den Schachten, wo der Lärm gerade im vollen Gange war und wo er doch schließlich die Einfahrt nicht hindern konnte, weil der eigene Vater sich ihm entgegenstellte.“

„Ja, es war ein Glück, daß der Schichtmeister uns zu Hülfe kam!“ sagte der Director. „Er muß wohl eingesehen haben, daß ihm kein anderes Mittel mehr übrig blieb, um das Aeußerste zu verhüten, als er sich heute Morgen aus freien Stücken erbot, die Leute zur Schicht zu führen, obgleich es gar nicht sein Amt ist. Er wußte am Ende, daß sich der Sohn an ihn nicht wagen würde, und von den Uebrigen rührte Keiner die Hand gegen die Cameraden, als sie den Führer zurückweichen sahen. Dem Alten allein danken wir es, daß die Einfahrt wirklich erzwungen wurde.“

„Ich sage es ja,“ beharrte Schäffer, „die Einfahrt wurde erzwungen, mehr als die Hälfte der Knappschaft verhielt sich bereits neutral dabei, und hätte man sie nicht durch die Festnahme ihrer Cameraden gereizt, so wäre die ganze Sache in Ruhe und Frieden verlaufen.“

„In Ruhe und Frieden, so lange Hartmann befiehlt?“ lachte der Oberingenieur bitter auf; „da täuschen Sie sich ganz und gar. Er suchte einen Vorwand zum Angriffe, gleichviel, welchen, und hätte ihn schlimmsten Falles auch ohne Vorwand unternommen. Der heutige Morgen hat ihm doch wohl gezeigt, daß es mit seiner Macht reißend schnell zu Ende geht, daß er vielleicht nur heute noch über seinen Anhang gebietet, und da wagt er das Letzte. Der Mensch weiß jetzt, daß er verloren ist, und reißt rücksichtslos mit sich in’s Unglück, was ihm noch aus Furcht oder Gewohnheit folgt. Er hat nichts mehr zu schonen, und uns schont er da am wenigsten.“

Sie wurden durch Herrn Wilberg unterbrochen, der mit bleicher Miene vom Fenster zurückkam, wo er während der letzten zehn Minuten Posto gefaßt hatte.

„Der Lärm wird immer ärger,“ berichtete er zaghaft. „Es ist kein Zweifel mehr, daß sie einen Angriff gegen das Haus beabsichtigen, wenn Herr Berkow nicht nachgiebt. Das Parkgitter ist schon nieder; die ganzen Anlagen sind zerstampft und zertreten. Ach, und der herrliche Rosenflor auf den Terrassen –“

„Bleiben Sie uns mit Ihrer Sentimentalität vom Leibe!“ fuhr der Oberingenieur auf, während der Director und Schäffer zum Fenster eilten. „Jetzt, wo die Empörer uns das Haus stürmen, denken Sie an zertretene Rosenstöcke. Wollen Sie sich nicht lieber gleich hinsetzen und den Rosenjammer in Verse bringen? Ich dächte, es wäre gerade die rechte Stimmung für einen Poeten.“

„Ich habe seit einiger Zeit das Unglück, daß Alles, was ich sage und thue, den Unwillen des Herrn Oberingenieurs erregt,“ entgegnete Herr Wilberg gekränkt, aber doch mit einer Miene geheimen Selbstbewußtseins, die den Grimm seines Vorgesetzten noch zu steigern schien.

„Weil Sie nichts Vernünftiges sagen oder thun!“ grollte er, ihm den Rücken wendend und seinen Collegen folgend, die vom Fenster aus den immer mehr anwachsenden Tumult beobachteten.

„Das wird Ernst!“ sagte der Director unruhig, „sie bedrohen den Eingang. Man wird den Herrn benachrichtigen müssen.“

„Lassen Sie ihn doch wenigstens für den Augenblick in Ruhe!“ fiel der Oberingenieur ein. „Ich dächte, er wäre seit Tagesanbruch so ununterbrochen auf dem Posten gewesen, daß wir ihm die fünf Minuten bei seiner Frau gönnen dürfen. Die nothwendigsten Maßregeln sind ja alle getroffen, und wenn die Gefahr da ist, wird er auch da sein; das wissen Sie doch.“

Der Beamte hatte Recht. Arthur, seit den ersten Morgenstunden mit Befehlen, Anordnungen und persönlichem Eingreifen in ununterbrochener Thätigkeit begriffen, war bisher seiner Gattin kaum zu Gesicht gekommen und hatte sich jetzt erst mit ihr auf einige Minuten in eines der Nebengemächer zurückgezogen. Er mußte ihr dort wohl den ganzen Stand der Dinge mitgetheilt haben, denn die Arme der jungen Frau waren in angstvoller Erregung um seinen Hals geschlungen.

„Du darfst nicht hinaus, Arthur; es ist ein tollkühnes, ein verzweifeltes Wagniß! Was willst Du, der Einzelne, gegen die tobende Menge ausrichten? Gestern waren sie unter sich selber im Streite, als Du dazwischen tratest; heute wendet sich Alles gegen Dich allein. Du wirst die Kühnheit büßen müssen; ich lasse Dich nicht hinaus!“

Arthur machte sich sanft, aber entschieden los aus ihren Armen. „Ich muß, Eugenie! Es ist die einzige Möglichkeit, den Sturm noch aufzuhalten, und es ist ja nicht das erste Mal, daß ich solchen Scenen Stand halten muß. Was thatest Du denn gestern bei Deiner Ankunft?“

„Ich wollte zu Dir!“ sagte Eugenie in einem Tone, als sei damit jedes Wagniß gerechtfertigt. „Aber Du willst Dich von mir losreißen, um Dich der blinden Wuth dieses Hartmann entgegenzuwerfen. Denke an den Auftritt gestern Abend, an seine Drohungen! Wenn Du hinaus mußt, wenn es keine Wahl giebt, so laß mich wenigstens mit Dir gehen. Ich bin nicht furchtsam; ich bebe vor der Gefahr nur, sobald ich Dich allein darin weiß.“

Er beugte sich ernst, aber liebevoll zu ihr nieder. „Ich weiß, daß Du Muth hast, meine Eugenie, aber ich würde feig sein der Menge gegenüber, wüßte ich, daß ein Stein aus ihrer Mitte auch Dich treffen könnte. Ich brauche heute meinen vollen Muth, und den habe ich nicht, wenn ich Dich neben mir bedroht sehe, ohne Dich schützen zu können. Ich weiß, warum Du mich begleiten willst: Du glaubst mich sicher vor einem Arme, so lange Du an meiner Seite stehst. Täusche Dich nicht! Das ist vorbei seit gestern Abend; seitdem hast Du Antheil an dem Hasse, mit dem er mich verfolgt, und auch wenn das nicht wäre,“ hier verlor seine Stimme den zärtlich weichen Klang und die Stirne faltete sich, „ich will meine Sicherheit nicht einem Gefühl verdanken, das eine Beleidigung ist für Dich wie für mich und das schon allein die Entfernung jenes Mannes forderte, auch wenn sein sonstiges Benehmen es nicht thäte.“

Die junge Frau mußte wohl die Wahrheit dieser Worte fühlen – sie senkte in stummer Resignation das Haupt. Arthur fuhr auf:

„Da bricht das Toben von Neuem los! Ich muß fort! Unser Wiedersehen wird sich heute nur auf Minuten beschränken, und auch die werden angstvoll genug sein für Dich, mein armes Weib. Du hättest zu keiner schlimmeren Zeit zurückkehren können.“

„Möchtest Du den Sturm lieber allein aushalten, ohne mich?“ fragte Eugenie leise.

Ein Ausdruck leidenschaftlicher Zärtlichkeit erhellte die umdüsterten Züge des jungen Mannes. „Ohne Dich? Ich habe bisher ausgehalten wie der Soldat auf einem verlorenen Posten. Erst seit gestern weiß ich, daß auch der Kampf etwas werth sein kann, wenn man ein Lebensglück und eine Zukunft dabei zu gewinnen hat. Du hast mir Beides zurückgebracht, und wenn es jetzt von allen Seiten noch ärger auf uns einstürmte, ich glaube wieder an den Sieg, seit ich Dich wieder habe.“ –

Die noch immer in größter Aufregung geführten Debatten [320] der Beamten verstummten, als Berkow mit seiner Gemahlin eintrat, aber die Bewegung, welche sich dabei von allen Seiten kund gab, war mehr als die bloße Rücksicht für das Erscheinen des Chefs. All die ernsten, besorgten, ängstlichen Blicke hefteten sich auf sein Gesicht, als wollten sie Hoffnungen oder Befürchtungen daraus lesen. Alle drängten sich um ihn, wie um einen Mittelpunkt, an dem sie Halt und Stütze suchten; Alles athmete auf bei seinem Eintritt, als sei damit allein schon ein Theil der Gefahr beseitigt. Diese Bewegung, unwillkürlich wie sie war, zeigte Eugenien doch hinreichend, welche Stellung ihr Gatte sich bei seiner Umgebung errungen hatte und die Art, wie er in ihre Mitte trat, zeigte noch mehr, daß er sie zu behaupten wußte. Sein Antlitz, das die junge Frau noch vor wenig Augenblicken so schwer umdüstert gesehen hatte, verrieth jetzt, wo es all den besorgten Gesichtern begegnete, nur einen ruhigen Ernst, nichts weiter, und seine Haltung war von einer Sicherheit, die auch dem Zaghaftesten Muth einflößen mußte.

„Nun, meine Herren, es sieht ziemlich feindselig und bedrohlich aus da draußen. Wir werden uns auf eine Art von Belagerung, vielleicht sogar auf einen Angriff gefaßt machen müssen. Meinen Sie nicht?“

„Man will die Gefangenen heraus haben,“ sagte der Director, indem er einen Unterstützung fordernden Blick auf Schäffer warf, der jetzt gleichfalls herantrat.

„Ja wohl, Herr Berkow, und ich fürchte, wir werden uns hier nicht behaupten können gegen den Aufruhr. Die Festnahme der drei Bergleute ist im Augenblick freilich der alleinige Grund oder Vorwand dazu; wenn man ihnen den nähme –“

„So würden sie einen anderen finden,“ schnitt ihm Arthur das Wort ab, „und die verrathene Schwäche würde sie vollends entfesseln. Wir dürfen jetzt weder Schwanken noch Furcht zeigen, oder wir verlieren das Spiel noch im letzten Augenblick. Ich sah die Folgen voraus, als ich die drei Unheilstifter festnehmen ließ, aber diesem Attentat gegenüber blieb nur die vollste Strenge übrig. Die Gefangenen bleiben in Haft, bis das Militär eintrifft.“

Der Director trat zurück, und Schäffer zuckte die Achseln; sie hatten ihren jungen Chef nun nachgerade genug kennen gelernt, um zu wissen, daß es diesem Tone gegenüber keinen Widerspruch gab.

„Ich vermisse Hartmann unter der Menge,“ wandte sich Arthur an den Oberingenieur. „Er pflegt doch sonst überall der Erste zu sein, wo es Lärm und Tumult giebt; heute aber scheint er die Schaar nur zum Angriff gehetzt und sie dann allein gelassen zu haben. Er ist nirgends sichtbar.“

„Auch ich vermisse ihn schon seit einer Viertelstunde, entgegnete der Gefragte bedenklich. „Wenn er nur nicht wieder irgend ein neues Unheil anstiftet. Sie befahlen die Posten von den Maschinenhäusern zurückzuziehen, Herr Berkow.“

„Gewiß! Wir brauchen die wenigen Leute, über die wir verfügen können, nothwendiger hier im Hause, und seit die Einfahrt erzwungen wurde, sind die Schachte wie die Maschinen vollkommen sicher. Sie können nichts dagegen unternehmen, ohne ihre eigenen Cameraden da unten zu gefährden.“

„Ob das bei einem solchen Führer in Betracht kommt?“ meinte der Beamte zweifelnd.

Die Stirn Arthur’s umwölkte sich. „Ich dächte doch! Hartmann ist ein Unbändiger, ein Wütherich sogar, wenn er gereizt wird, ein Schurke ist er nicht, und das, was Sie da andeuten, wäre Schurkerei. Er hat die Maschinen zerstören wollen, um die Anfahrt zu hindern, und als er sie nicht mehr hindern konnte, weshalb glauben Sie denn, daß er sich da so unsinnig nach den Häusern stürzte? Es geschah wohl nicht, um den Vater und die Cameraden dem Verderben preiszugeben. Er wollte seine früheren Befehle rückgängig machen und erst als er sah, daß wir ihm bereits zuvorgekommen waren, brach er in der Wuth über den gescheiterten Plan gegen uns los. Die Anfahrt allein hat uns die Maschinen gerettet. Es hebt Keiner die Hand dagegen, so lange der Schichtmeister und die Uebrigen in den Schachten sind, aber dafür richtet sich der Sturm jetzt gegen das Haus. Ich werde hinausgehen und einen Versuch machen, ihn zu beschwichtigen.“

Die Beamten waren es seit den letzten Wochen gewohnt, daß ihr Chef mit der vollsten Kühnheit und ohne alle Rücksicht auf seine Person vorging, wenn es sich um ähnliche Scenen handelte, heute aber wurden doch von allen Seiten Bitten und Abmahnungen laut; sogar der Oberingenieur schloß sich diesmal den Vorstellungen an, während Schäffer, der wohl wußte, von welcher Seite ein Widerspruch allein nützen konnte, sich zu Eugenien wandte, die noch an der Seite ihres Gemahls stand.

„Lassen Sie es nicht zu, gnädige Frau! Heute nicht – heute ist es gefährlicher als all’ die Tage vorher. Die Leute sind furchtbar gereizt, und Hartmann spielt diesmal va banque gegen uns. Halten Sie den Herrn zurück!“

Die junge Frau wurde todtenbleich bei dieser Mahnung, die ihre eigenen Befürchtungen nur zu sehr bestätigte, aber sie behauptete ihre Fassung; ein Theil der Ruhe Arthur’s schien auch auf sie übergegangen zu sein.

„Mein Gatte hat mir erklärt, er müsse den Versuch machen,“ entgegnete sie fest, „und er soll nicht sagen, daß ich ihn mit Thränen und Klagen von dem zurückgehalten habe, was er für seine Pflicht hält. Lassen Sie ihn hinaus!“

Arthur hielt ihre Hand noch immer fest in der seinigen; er dankte ihr nur mit einem Blick.

„Nun, meine Herren, nehmen Sie sich ein Beispiel an dem Muthe meiner Frau! Sie hat doch wohl am meisten zu zittern. Ich wiederhole es Ihnen, der Versuch muß gemacht werden! Lassen Sie die Eingangsthür öffnen.“

„Wir gehen alle mit!“ rief der Oberingenieur. „Fürchten Sie nichts, gnädige Frau! Ich weiche dem Herrn nicht von der Seite.“

Arthur wies ihn ruhig, aber entschieden zurück. „Ich danke Ihnen, aber Sie bleiben hier und die übrigen Herren gleichfalls – ich gehe allein. In solchem Falle ist höchstens der Einzelne der Menge gegenüber sicher. Ihr gesammtes Erscheinen könnte als eine Herausforderung gelten. Halten Sie sich nur bereit, mir, wenn es zum Aeußersten kommen sollte, den Rückzug in’s Haus zu decken! Leb’ wohl, Eugenie!“

Er ging, von dem Oberingenieur und einem Theil der Beamten bis zur Treppe begleitet. Es machte Keiner mehr den Versuch, ihn zurückzuhalten; sie wußten Alle, daß in seinem Erscheinen draußen die einzige Möglichkeit lag, eine Gefahr abzuwenden, gegen die noch stundenlang sich hier im Hause zu behaupten schwer, wenn nicht unmöglich erschien.

Eugenie eilte an’s Fenster. Sie sah nicht, daß die noch Anwesenden sich in ängstlicher Spannung an die übrigen Fenster drängten, hörte nicht die halblauten Bemerkungen, die der Director und Schäffer, die unmittelbar hinter ihr standen, mit einander austauschten; sie sah nur die wild empörte Menge, die, Kopf an Kopf gedrängt, das Haus umwogte und mit wüthendem Geschrei die Freilassung der Gefangenen verlangte, diese Menge, der sich ihr Gatte jetzt allein entgegenwerfen wollte und die im nächsten Augenblick vielleicht sein Leben bedrohte. Das freilich mehr zierliche als feste Eisengitter des Parks war dem Ansturm bereits gewichen; es lag zertrümmert am Boden; die kostbaren, so sorgfältig gepflegten Gartenanlagen bildeten, von Hunderten von Fußtritten zerstampft, nur noch ein wüstes Chaos von Erde, Blumenscherben und zertretenen Gesträuchen. Schon waren die Ersten bis an die Terrasse und damit bis in die unmittelbare Nähe des Hauses vorgedrungen; schon zeigten sich die Fäuste Einzelner mit Steinen bewehrt, bereit, sie gegen die Fenster zu schleudern. Geschrei, Drohungen, Rufe aller Art tönten wild durcheinander; das Toben stieg von Minute zu Minute und steigerte sich bisweilen zu einem secundenlang andauernden Geheul, das nichts Menschliches mehr zu haben schien.

[333] Da auf einmal tiefe athemlose Stille! Der Lärm brach so jäh ab, als habe ein Machtwort von oben ihm Schweigen geboten; die wildbewegten Gruppen hielten inne; die Menge wogte zurück, als habe sie plötzlich einen Widerstand gefunden, und alle Augen, alle Gesichter wandten sich nach einer Richtung – die Eingangsthür war geöffnet worden, und der junge Chef auf die Terrasse getreten.

Die Stille dauerte nur wenige Secunden; dann wich die augenblickliche Ueberraschung einem erneuten Wuthausbruch, furchtbarer als der erste, und jetzt hatte er ein besseres Ziel vor Augen. All’ dieses tobende Geschrei, all’ diese wuthverzerrten Gesichter und erhobenen Arme, die vorhin das Haus und dessen Insassen bedrohten, wendeten sich jetzt gegen einen Einzigen; aber dieser Eine war der Chef, der Herr der Werke, und was der Vater mit seinem industriellen Genie, mit seiner zähen Ausdauer und tyrannischen Willkür in Jahrzehnten nicht erringen konnte, das hatte der Sohn in wenigen Wochen erzwungen: die unbedingte Autorität seiner Persönlichkeit; sie wirkte selbst hier noch, wo alle Bande der Ordnung gelöst waren. Er ließ den Sturm ruhig austoben; die schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, das große Auge fest und klar auf die Menge gewendet, aus der jeder Einzelne ihm an Kraft überlegen war, und vor der ihn nichts schützte, als nur diese Autorität, stand er ihr allein und waffenlos gegenüber; aber er stand da, als müsse sich die brandende Woge der Empörung an ihm brechen.

Und sie brach sich wirklich. Das Toben verstummte allmählich; es ward zum Rufen, dann zum Murren; endlich legte sich auch dieses, und nun erhob sich Berkow’s Stimme, anfangs noch unverständlich in der ihn umfluthenden Bewegung, noch öfter unterbrochen durch den Tumult, der stoßweise immer wieder von Neuem anschwoll; aber ebenso oft sank er auch machtlos wieder zusammen, und endlich schwieg er ganz und man hörte nur die Stimme des jungen Chefs noch, die klar, laut und deutlich herübertönte und auch den am fernsten Stehenden vernehmbar blieb.

„Gott sei Dank!“ murmelte Schäffer, indem er sich die Stirn mit dem Taschentuche trocknete, „jetzt hat er sie im Zügel. Das knirscht noch und bäumt sich, aber es gehorcht! Sehen Sie nur, gnädige Frau, wie die Bewegung sich legt, wie Alles zurückweicht. Sie geben wahrhaftig die Terrasse frei – und da fallen auch die Steine zu Boden. Wenn der Himmel uns jetzt nur den Hartmann fernhält, so ist die Gefahr beseitigt.“

Er wußte nicht, mit welcher Todesangst Eugenie den Wunsch im Innern wiederholte. Bisher hatte sie immer noch in der Menge vergebens die eine gefürchtete Gestalt gesucht, und so lange die nicht sichtbar war, hielt sich ihr Muth noch aufrecht, so lange glaubte sie Arthur noch sicher; aber jetzt war es vorbei mit der Sicherheit und mit der Hoffnung. Ob das plötzliche Aufhören des Tobens, das er selbst mit vollster Absicht entfesselt, den Vermißten hergerufen, ob eine Ahnung dessen, was geschah, ihn im entscheidenden Augenblick herbeizog – wie aus der Erde emporgestiegen, stand Ulrich Hartmann plötzlich hinten am Parkgitter, und ein einziger Blick zeigte ihm, wie die Sache stand.

„Feiglinge, die Ihr seid!“ donnerte er seinen Cameraden zu, während er sich, von Lorenz und dem Steiger Wilms gefolgt, einen Weg durch die dicht geschlossenen Massen bahnte. „Ahnte ich’s doch beinahe, daß Ihr Euch hier wieder in seinen Netzen fangen laßt, während wir erkunden, wohin sie die Gefangenen gebracht haben. Wir haben es jetzt heraus! Dort im rechten Erker sind sie im Erdgeschoß, dicht hinter dem großen Saale; dorthin muß sich der Angriff richten. Schlagt die Spiegelfenster ein! so brauchen wir nicht erst die Thür zu stürmen.“

Noch gehorchte Niemand der Aufforderung, aber wirkungslos blieb sie nicht. Es giebt nichts Wankelmüthigeres, Willenloseres als eine aufgeregte Menge, die gewohnt ist, sich von der Entschlossenheit eines Mannes leiten zu lassen. In all’ dem Toben und Lärmen vorhin war doch eine gewisse Planlosigkeit und Unentschiedenheit gewesen, die es nicht zum directen Angriffe kommen ließ. Das Auge, der Arm des Führers hatte gefehlt; jetzt war er da, und in dem Augenblicke, wo seine Hand die Zügel wieder ergriff, gab er ihnen auch eine bestimmte Richtung. Man wußte jetzt, wo die Gefangenen sich befanden; man kannte den Weg zu ihnen – das weckte die kaum überwundene Gefahr auf’s Neue.

Ulrich kümmerte sich zwar im Augenblick nicht viel darum, ob seinem Befehle Folge geleistet wurde. Er hatte sich Bahn gebrochen bis zur Terrasse und stand jetzt dicht vor dem jungen Chef, mit dem ganzen Trotz und Stolz seiner unbändigen Natur, mit seiner riesenhaften Gestalt fast um Kopfeslänge hinausragend über alle die Anderen. Es war der geborene Führer der Massen, dessen wilde Energie, dessen despotischer Wille sie in blindem Gehorsam mit sich fortriß und der trotz Allem, was geschehen war und vielleicht noch geschah, doch für den Augenblick unumschränkt über sie gebot. Der ganze Sieg, den Arthur errungen hatte, war in Frage gestellt, wenn nicht vernichtet, durch das bloße Erscheinen dieses Mannes, dessen Persönlichkeit mindestens ebenso mächtig wirkte, wie die seinige.

[334] „Wo sind unsere Cameraden?“ fragte Hartmann drohend, indem er noch dichter heran trat. „Wir wollen sie heraus haben, auf der Stelle! Wir leiden keine Gewaltthat gegen die Unserigen!“

„Und ich leide keine Zerstörung meiner Maschinen!“ unterbrach ihn Arthur mit kalter Ruhe. „Ich habe die Leute festnehmen lassen, obgleich sie nur das Werkzeug in fremder Hand waren. Wer befahl den Angriff auf die Maschinen?“

In Ulrich’s Augen blitzte es auf, furchtbar aber triumphirend; er hatte diese Festigkeit vorhergesehen und seinen Plan darauf gebaut. Er freilich brauchte keinen Vorwand mehr zum Angriffe, wo er seinen Haß um jeden Preis kühlen wollte, aber sein Anhang, der bereits wankte und fahnenflüchtig zu werden drohte, brauchte einen solchen; da galt es, die Schwankenden von Neuem aufzustacheln, und der Gegner war kühn und stolz genug, ihm den Anlaß dazu zu liefern.

„Ich brauche Ihnen nicht Rede zu stehen!“ rief er höhnisch, „und ich lasse mich überhaupt nicht mit dieser Gebietermiene verhören. Noch einmal: geben Sie die Gefangenen heraus! Die Knappschaft verlangt es, oder –“ sein Blick vollendete die Drohung.

„Die Gefangenen bleiben in Haft!“ erklärte Arthur unerschütterlich, „und Sie, Hartmann, haben überhaupt nicht mehr das Recht, im Namen der gesammten Knappschaft zu sprechen: mehr als die Hälfte hat sich bereits von Ihnen gewandt. Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden!“

„Aber ich mit Ihnen!“ schrie Ulrich außer sich. „Zu unseren Cameraden!“ wandte er sich an die empörte Menge, „schlagt nieder, was sich Euch in den Weg stellt! Vorwärts!“

Er wollte sich als der Erste auf Berkow stürzen und damit das Zeichen zum Angriffe geben, aber noch ehe er Das vermochte, noch ehe es entschieden war, ob die Menge ihm Gehorsam leisten oder ihm denselben versagen würde, ertönte ein fremdartiger Laut, der den ganzen Umkreis erzittern machte und den wilden Führer entsetzt inne halten ließ, während er die Uebrigen in athemlosem Lauschen bannte. Es war wie ein ferner dumpfer Schlag, der aus den Tiefen der Erde zu kommen schien, und dem ein secundenlanges unterirdisches Rollen folgte; dann wurde es todtenstill, und Hunderte von schreckensbleichen Gesichtern wandten sich zu den Werken hinüber.

„Gott im Himmel! Das kam von den Schachten her; da ist etwas passirt!“ rief Lorenz auffahrend.

„Das war eine Explosion!“ tönte die Stimme des Oberingenieurs, der sich während der letzten kritischen Minuten bereits unten im Vestibül an die Spitze der jüngeren Beamten und der ganzen verfügbaren Dienerschaft gestellt hatte, um dem Chef zu Hülfe zu eilen. „In den Schachten ist ein Unglück geschehen, Herr Berkow! Wir müssen hinüber!“

Einen Augenblick lang schien der Schrecken noch Alles ringsum zu lähmen. Niemand rührte sich; die Mahnung war auch zu furchtbar. Gerade in dem Momente, wo die eine Partei sich verderbenbringend auf die andere werfen wollte, erreichte ein anderes Verderben ihre Brüder in der Tiefe da unten und rief sie gebieterisch vom Angriffe fort zur Rettung. Arthur war der Erste, der sich emporraffte.

„Nach den Schachten!“ rief er den Beamten zu, die jetzt aus dem Hause hervorstürzend ihn umringten, und gab selbst das Beispiel, indem er Allen voran nach den Werken hinüber eilte.

„Nach den Schachten!“ donnerte jetzt auch Ulrich den Bergleuten zu, aber der Befehl war nicht mehr nothwendig; schon stürzte die ganze Masse in wilder Hast nach der gleichen Richtung hin, an ihrer Spitze der Führer; er und Berkow waren die Ersten, die fast gleichzeitig die Werke erreichten.

Dort gab sich äußerlich noch nichts kund von der Wirkung des zerstörenden Elementes, nur die dichte Rauchsäule, die aus den Schachten empor quoll, verkündete, was geschehen war, aber sie sagte genug. In weniger als zehn Minuten war der ganze Umkreis gefüllt mit Menschen, deren anfänglich stummes Entsetzen jetzt den lauten Ausbrüchen der Angst, des Schreckens, der Verzweiflung wich. Es ist etwas Erschütterndes und doch zugleich etwas Erhebendes um solch ein großes Unglück, das nicht von Menschenhand kommt, denn es rettet fast immer die Ehre der Menschennatur und reinigt sie von all’ den schlimmen Leidenschaften, welche sie sonst entstellen und verdunkeln. Der Umschlag in der allgemeinen Stimmung vollzog sich hier so plötzlich, so blitzähnlich, daß es nicht mehr dieselbe Menge zu sein schien, die noch vor wenigen Minuten das Haus umtobt und mit Wuth und Zerstörung, vielleicht mit Mord gedroht hatte, weil ihrem wilden Verlangen nicht nachgegeben wurde. Streit, Feindschaft, mondenlang genährter Haß, das Alles ging jetzt unter in dem einen Gedanken der Rettung; zu dieser Rettung drängten sich Bergleute und Beamte, Freund und Feind heran, und gerade die wildesten der Empörer waren die Ersten voran. Vor einer Stunde noch hatten sie ihre Cameraden bedroht, angegriffen, und hätten sie niedergeschlagen, wäre es nicht gerade der Vater ihres Führers gewesen, der die Schicht leitete, und jetzt, wo eben diese Cameraden in Todesgefahr schwebten, jetzt hätte ein Jeder sein Leben eingesetzt, um ihnen Hülfe zu bringen – die furchtbare Mahnung hatte gefruchtet.

„Zurück!“ trat Arthur gebietend den wild und planlos Anstürmenden entgegen. „Ihr könnt jetzt noch nicht helfen. Ihr hindert nur die Anfahrt der Beamten. Es muß erst festgestellt werden, wo und wie wir eindringen können. Laßt die Ingenieure vor!“

„Laßt die Ingenieure vor!“ wiederholten die Vordersten; der Ruf pflanzte sich fort durch die Reihen und in der dichtgekeilten Menge öffnete sich sofort eine Gasse für den Oberingenieur, der mit seinen Untergebenen bereits zur Stelle war; sie kamen von der entgegengesetzten Richtung her.

„Da drüben ist das Eindringen eine Unmöglichkeit,“ sagte der Beamte zu Arthur, indem er nach dem unteren Schachte hinüber zeigte, der mit dem oberen in Verbindung stand und aus dessen Oeffnung Rauch und Qualm in mächtigen Säulen empor stiegen. „Wir haben nicht einmal den Versuch wagen können, denn in dem Höllenbrodem da drinnen vermag nichts Menschliches zu athmen. Hartmann wagte es, aber nach sechs Schritten schon mußte er halb erstickt wieder zurück und konnte gerade noch den Lorenz mit herausreißen, der ihm gefolgt, aber schon am Eingange niedergestürzt war. Unsere einzige Hoffnung bleibt der obere Förderschacht, vielleicht haben sie sich dorthin gerettet. Setzt die Maschine in Gang! Wir müssen dort hinunter.“

Der Maschinenmeister, an den die letzten Worte gerichtet waren, und der bleich und verstört daneben stand, machte keine Anstalt, zu gehorchen.

„Die Maschine versagt den Dienst!“ berichtete er angstvoll, „schon seit fast einer Stunde. Ich habe es hinüber melden wollen; denn die Herren waren ja alle drüben im Hause – aber mein Bote konnte durch den Tumult nicht hindurch, und ich dachte, im schlimmsten Falle bliebe den Schichtleuten ja noch der Ausgang durch den unteren Schacht. Wir mühen uns schon lange vergebens ab mit der Maschine, sie ist nicht vom Flecke zu bringen.“

„Himmel und Erde! das fehlte uns nur noch,“ rief der Oberingenieur, in das Schachtgebäude stürzend.

„Aber der Fahrschacht!“ wandte sich Arthur hastig an den Director, „können wir nicht dort hinunter?“

Der Gefragte schüttelte den Kopf. „Der Fahrschacht ist unzugänglich seit heute Morgen. Sie wissen es ja, Herr Berkow, Hartmann hat all die oberen Leitern zertrümmern lassen, weil er um jeden Preis die Anfahrt hindern wollte. Es gelang ihm nicht; die Leute gingen im Förderschacht hinunter, und das ist augenblicklich unser einziger Zugang zu der Tiefe.“

Jetzt erschien auch Ulrich mit Wilms und mehreren seiner gewöhnlichen Begleiter. „Dort unten geht’s nicht,“ rief er seinen Cameraden zu, während er sich Bahn durch ihre Reihen machte. „Wir opfern nutzlos das Leben, und wir brauchen es nothwendiger zur Hülfe. Vielleicht ist’s hier oben möglich. Warum arbeitet die Maschine nicht? Wir müssen mit der Förderschale hinunter.“

Er wollte stürmisch zum Schachtgebäude vordringen und stand plötzlich vor dem jungen Chef, der ihm finster entgegentrat.

„Die Maschine versagt den Dienst,“ sagte er laut und scharf, „schon seit einer Stunde, und vor zehn Minuten erst ist das Unglück geschehen. Das steht in keiner Beziehung miteinander, aber gerade vor einer Stunde war es, wo wir Ihre drei Abgeschickten ergriffen. Was ist da vorgegangen, Hartmann?“

Ulrich taumelte zurück, als habe er einen Schlag empfangen. „Ich hab’ es widerrufen,“ stieß er hervor, „im Augenblick, als mein Vater drunten war und die Uebrigen folgten. Ich kam [335] selbst, es zu hindern – da hatten sie es schon gethan. Das habe ich nicht gewollt; bei Gott, das nicht!“

Arthur wandte sich von ihm und zu einem der eben heraustretenden Ingenieure. „Nun, wie steht es?“ fragte er hastig.

Der Beamte zuckte die Achseln. „Die Maschine weigert sich, zu gehorchen. Noch haben wir nicht herausfinden können, woran es liegt, an der Explosion sicher nicht; sie kam fast eine Stunde später und die Schachtgebäude sind ganz unberührt davon. Die Beschädigung kam von Menschenhand; wir müssen heute Morgen trotz der sofortigen Untersuchung irgend etwas übersehen haben. Glückt es nicht, das Werk wieder in Gang zu bringen, so ist der sofortige Zugang in die Tiefe uns verschlossen, und die da unten sind rettungslos verloren, der Schichtmeister Hartmann mit!“

Er hatte bei den letzten Worten die Stimme erhoben und das Auge auf Ulrich gerichtet, der, Leichenblässe im Gesicht, stumm und regungslos dastand; jetzt aber zuckte er zusammen und machte eine heftige Bewegung vorwärts. Arthur vertrat ihm den Weg.

„Wohin?“

„Ich muß hinauf,“ keuchte der junge Steiger, „ich muß helfen. Lassen Sie mich los, Herr Berkow! Ich muß, sage ich Ihnen.“

„Sie können nicht helfen,“ unterbrach ihn Arthur bitter. „Mit den bloßen Armen ist hier nichts gethan. Zerstören konntet Ihr und uns die Gefahr verzehnfachen. Das Wiederherstellen überlaßt den Beamten! Sie allein können uns die Rettung ermöglichen und sie dürfen in ihrer Arbeit weder gestört noch gehindert werden. Lassen Sie den Raum absperren, Herr Director, und Sie, Herr Wilberg, schaffen Sie sofort die drei Gefangenen zur Stelle! Die Leute müssen doch wissen, wo sie Hand angelegt haben. Vielleicht können sie den Ingenieuren einen Fingerzeig geben. Eilen Sie!“

Wilberg gehorchte, und auch der Director machte Anstalt, die befohlene Maßregel auszuführen. Er fand keinen Widerstand dabei. Die Menge wußte, was jetzt von der Thätigkeit der Beamten abhing; sie gehorchte willig. Sie fühlten Alle etwas von der Wahrheit jener Worte, die Arthur einst der trotzigen Herausforderung ihres Führers entgegengeschleudert: „Versucht’s, wenn Euch das so sehr gehaßte Element fehlt, das Eueren Armen die Richtung, Eueren Maschinen die Triebkraft, Euerer Arbeit den Geist giebt!“ Hier waren Hunderte von Armen, Hunderte von Kräften zum Helfen bereit, und Keiner konnte den Arm heben, Keiner die Kraft einsetzen; die ganze Macht, die ganze Möglichkeit der Rettung lag in den Händen der Wenigen, die auch hier wieder den Geist herleihen mußten, um vielleicht noch Hülfe zu bringen, wo die Menge mitsammt ihrem Anführer nichts konnte als sich höchstens blind in einen gewissen Tod stürzen. Diese so gehaßten, so oft geschmähten Beamten! An ihnen hingen jetzt alle Blicke, um sie drängte sich Alles, wenn einer von ihnen sichtbar wurde; man hätte sie und ihre Arbeit jetzt geschützt um jeden Preis, wenn sie des Schutzes bedurft hätten.

Minute auf Minute verrann in ängstlichem, qualvollem Harren. Wilberg war längst mit den drei Gefangenen zurück, die man drüben im Hause in einem der Räume des Erdgeschosses eingeschlossen hatte. Die Leute wußten, was geschehen war; sie kamen in athemloser Hast, wie all die übrigen, um wie diese rathlos und verzweifelt dazustehen. Man bedurfte ihrer nicht mehr; denn der Grund der Stockung in der Maschine war bereits gefunden. Die Beschädigung erwies sich als unbedeutend und die sofortige Herstellung als möglich. Die Ingenieure unter Leitung ihres Vorgesetzten boten alle Kräfte dazu auf, während man draußen den Rettungsplan organisirte und Vorkehrungen zur Ausführung traf, während man immer wieder von Neuem und immer wieder vergebens versuchte, sich von der anderen Seite her einen Zugang in die Schachte zu schaffen. Die Gefahr hatte wie mit einem Schlage die gelösten Bande der Disciplin wieder fest geknüpft. Alles gehorchte und gehorchte besser und schneller, als je vor dem Ausbruche des Streites.

Aber mehr als alle Uebrigen leistete der Chef selbst. Ueberall war sein Auge, seine Stimme; überall wußte er einzugreifen, anzufeuern. Arthur besaß wenig oder nichts von den Kenntnissen und Erfahrungen, die gerade hier am Platze gewesen wären; man hatte den jungen Erben der Werke in der vollsten Unwissenheit dessen erzogen, was ihm am meisten zu wissen nöthig war; aber Eins besaß er, was sich nun freilich nicht erziehen und nicht erlernen läßt, das Genie des Befehlens, und das that hier gerade noth, wo der einzige Energische der Beamten, der Oberingenieur, drinnen bei den Maschinen festgehalten wurde und der Director und die Uebrigen, halb betäubt von dem schnellen Wechsel der Verhältnisse und von der Katastrophe selber, ungeachtet ihrer Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten doch alle Geistesgegenwart verloren hatten. Arthur war es, der sie ihnen zurückgab, der mit schnellem Ueberblick Jeden auf den richtigen Platz stellte und ihn dort anspornte, das Aeußerste zu leisten, dessen er überhaupt fähig war, der mit seiner Energie Alles fortriß und entflammte. Der so lange von seiner Umgebung und von ihm selbst am meisten verkannte Charakter des jungen Mannes hatte sich nie so glänzend bewährt wie in diesen Stunden der Gefahr.

Da endlich ertönte das schwer ächzende Geräusch, mit dem die Maschine zur Arbeit einsetzte; dann folgte ihr Schnauben und Stöhnen, anfangs noch stoßweise und unterbrochen, dann in regelmäßigen Zwischenräumen; das Werk hob und senkte sich mit dem alten Gehorsam. Der Oberingenieur trat zu Berkow; aber sein Gesicht war nicht heller geworden.

„Die Maschine gehorcht wieder,“ sagte er ernst; „aber ich fürchte, es ist zu spät oder zu früh zur Anfahrt. Der Dampf quillt jetzt auch hier empor; die Wetter müssen weiter vorgedrungen sein. Wir werden warten müssen.“

Arthur machte eine heftige Bewegung. „Warten? Wir haben schon eine volle Stunde gewartet, und an jeder Minute kann das Leben der Verunglückten hängen. Halten Sie es für möglich, den Förderschacht überhaupt zu passiren?“

„Möglich ist’s vielleicht; es scheint nur Dampf zu sein, der da aufsteigt; aber es riskirt Jeder sein Leben, der jetzt schon hinunter will. Ich würde es nicht wagen.“

„Aber ich!“ tönte Ulrich’s Stimme mit finsterer Entschlossenheit. Er war in dem Moment, wo die Maschine zu arbeiten begann, gewaltsam vorwärts gedrungen und stand jetzt bereits an der Förderschale.

„Ich fahre an!“ wiederholte er, „aber Einer nützt nichts da unten. Ich muß Hülfe haben. Wer geht mit?“

Niemand antwortete; Jeder schien zurückzubeben vor der Fahrt in den dampfenden Schlund hinab. Sie hatten es Alle gesehen, wie die Muthigen, die auf den anderen Zugängen einzudringen versuchten, zurücktaumelten oder niederstürzten, Lorenz lag noch besinnungslos da von einem Wagniß, das sein stärkerer Gefährte ohne Schaden überstanden hatte; aber diesem Gefährten jetzt auf einem Wege zu folgen, wo Umkehr und Rückzug fast unmöglich waren, die Kühnheit besaß Keiner.

„Niemand?“ fragte Ulrich nach einer Pause. „Gut denn, so gehe ich allein! Gebt das Zeichen!“

Er sprang in das Gefäß; aber plötzlich legte sich eine schmale weiße Hand auf den geschwärzten Rand desselben, und eine klare Stimme sagte fest: „Warten Sie, Hartmann! Ich begleite Sie.“

Ein Schrei des Entsetzens von den Lippen der sämmtlichen anwesenden Beamten beantwortete den Entschluß; von allen Seiten gab sich eine stürmische Opposition kund.

„Um Gotteswillen, Herr Berkow! Sie opfern nutzlos Ihr Leben. Sie können nichts helfen.“ So tönte es durcheinander in allen Tonarten des Schreckens und der Angst.

Arthur richtete sich empor; das volle mächtige Selbstbewußtsein des Herrn und Gebieters leuchtete aus seinen Zügen.

„Es geschieht nicht der Hülfe, es geschieht des Beispiels wegen. Wenn ich anfahre, folgt Alles. Sichern Sie uns hier oben nach Kräften die Rettung, Herr Oberingenieur; der Director mag draußen für die Ordnung sorgen. Ich kann für den Augenblick nichts weiter als den Leuten Muth geben, und das denke ich zu thun.“

„Aber nicht allein und nicht mit Hartmann,“ rief der Oberingenieur, ihn fast zurückreißend. „Wahren Sie sich, Herr Berkow! Es ist dasselbe Werk und dieselbe Begleitung, die Ihrem Vater tödtlich wurde – auch Ihnen könnte da unten mehr drohen, als nur die empörten Wetter.“

Es war das erste Mal, daß die Beschuldigung offen und laut vor all den Zeugen hingeschleudert wurde, und wenn sich auch Keiner von Diesen ihr anzuschließen wagte, ihre Gesichter verriethen, daß sie dieselbe im vollsten Maße theilten. Ulrich stand noch an seinem Platze, ohne Laut, ohne Bewegung; er widersprach nicht und vertheidigte sich nicht; nur das Auge hatte er [336] starr und unverwandt auf den jungen Chef gerichtet, als erwarte er aus dessen Munde allein Lossprechung oder Verdammung.

Arthur’s Blick begegnete dem seinigen – nur eine Secunde lang, dann wand er sich los von den kräftigen Armen, die ihn zurückhalten wollten.

„Da unten in der Tiefe sind mehr als Hundert verloren, wenn wir nicht Hülfe bringen, und da, denke ich, wird sich wohl keine Hand anders heben, als zur Rettung. Geben Sie das Zeichen! Ihren Arm, Hartmann! Sie müssen mir helfen!“

Mit einer zuckenden Bewegung streckte Ulrich den Arm aus, um die gebotene Hülfe zu leisten. In der nächsten Minute stand Arthur bereits an seiner Seite.

„Sobald wir glücklich unten sind, senden Sie uns nach, was folgen will und kann. Glück auf!“

„Glück auf!“ wiederholte Ulrich dumpf, aber mit der gleichen Festigkeit. Er klang schaurig, fast geisterhaft, dieser Gruß, den die beiden Männer der Tiefe entgegenriefen, welche sie jetzt aufnahm. Die Maschine setzte ein, und die Förderschale sank langsam. Die Obenstehenden sahen nur noch, wie der junge Chef, schwindelnd von der ungewohnten Fahrt, betäubt von dem zum Glück nur schwach aufsteigenden Dampfe, seitwärts schwankte und wie Hartmann mit einer raschen Bewegung den Arm um ihn legte und ihn kraftvoll aufrecht hielt – dann verschwanden Beide in dem dampfenden Schlunde.

Arthur hatte Recht; sein Vorgehen entschied Alles, wo das Ulrich’s wirkungslos blieb. Man war es gewohnt, daß der Steiger Hartmann um viel geringerer Veranlassung willen sein Leben tollkühn in die Schanze schlug und es stets unverletzt davontrug, so daß sich bei seinen Cameraden bereits eine Art von Aberglauben gebildet hatte, es könne ihm keine Gefahr etwas anhaben. Er war es, der den Fahrschacht unzugänglich gemacht, der durch sein Attentat auf die Maschinen die Hülfe um mehr als eine Stunde verzögert hatte, und sein Vater war drunten mit den Uebrigen, vielleicht durch ihn verloren – da war es selbstverständlich, daß er sich ohne Zögern in ein Wagniß stürzte, das wohl Keiner theilen wollte. Aber als der Chef das Beispiel dazu gab, der verwöhnte, vornehme Mann, der seine Schachte nie betreten hatte, als sie verhältnißmäßig sicher waren, und der jetzt eindrang, wo sie Jedem Verderben drohten, als der voranging, da folgte Alles. Die Nächsten waren die drei Bergleute, die heut Morgen Hand an die Maschinen gelegt hatten und die jetzt unter Leitung eines der Ingenieure anfuhren. Dann kamen neue und immer neue Helfer; es bedurfte keines Aufrufs, keiner Aufforderung. Der Oberingenieur mußte bald genug die Andrängenden abwehren, weil nur ein Theil der Leute zu den Rettungsarbeiten zugelassen werden konnte.

Stunde auf Stunde verging; die Sonne hatte längst die Mittagshöhe erreicht, längst sie wieder verlassen – und noch immer rang da unten im Schoße der Erde Menschengeist und Menschenwille mit den empörten Elementen, um ihnen ihre Opfer zu entreißen. Es war ein Kampf, furchtbarer als je einer im Lichte des Tages ausgefochten wurde: jeder Fuß breit mußte erst erobert, jeder Schritt erst der Todesgefahr abgerungen werden, um das Vordringen zu ermöglichen, aber man drang dennoch vor, und es schien, als sollten die unerhörten Anstrengungen auch unerhört belohnt werden. Man hatte bereits Fühlung mit den Verunglückten; man hoffte sie zu retten; denn noch lebten sie, oder doch wenigstens ein Theil von ihnen. Ein glücklicher Zufall, das Auffinden zweier in der Hast des Forteilens verlorener oder weggeworfener Blenden, hatte auf die richtige Spur geleitet. Die Explosion schien den oberen Schacht nur theilweise berührt und die Bergleute schienen sich noch zeitig genug in einen der sicheren Seitenstollen geflüchtet zu haben, wo die Wetter sie nicht erreichten, wo aber ein theilweiser Einsturz der vorderen Strecke sie verschüttet und von den Ausgängen abgeschnitten hatte. Es galt jetzt, sich bis zu ihnen hindurchzuarbeiten, auf einem Wege, der den Rettern wenigstens die Möglichkeit des Athmens ließ, und zur Ausführung des schnell und umsichtig entworfenen Rettungsplanes wurden jetzt alle Kräfte aufgeboten.

„Und wenn die ganze Erde drauf läge, wir müssen zu ihnen!“ hatte Ulrich ausgerufen, als man die erste Spur fand, und das war das Losungswort geworden, das sich Jeder wiederholte. Da war auch nicht Einer, der zurückwich, nicht Einer, der sich der gefährlichen Pflicht entzog, wohin man ihn auch stellte, und doch hielt bei Vielen die Kraft nicht gleichen Schritt mit dem Eifer, doch mußte Mancher, erschöpft und halbbetäubt, zurückgesandt und durch neue Helfer ersetzt werden, wollte man die Zahl der Opfer nicht noch vermehren. Nur Zwei waren es, die nichts rührte und nichts ermüdete, Ulrich Hartmann mit seinem eisernen Körper und Arthur Berkow mit seinem eisernen Willen, der dem verwöhnten zartgebauten Manne heute Nerven wie von Stahl lieh, und ihn ausdauern ließ in Umgebungen und Gefahren, denen sich so viele Stärkere nicht gewachsen zeigten. Die Beiden hielten aus; Seite an Seite drangen sie vor, immer voran, immer die Ersten. Wo Ulrich’s Riesenkraft das fast Unglaubliche leistete und Hindernisse bewältigte, die für Menschenhände unüberwindlich schienen, da genügte es bei dem „Herrn“ schon, daß er an der Spitze stand, daß er überhaupt da war. Er konnte in der That nicht viel mehr thun, als den Arbeitern Muth geben zu ihrem Werke, aber er gab genug damit, mehr als seine Arme hätten leisten können. Schon dreimal hatte die Hand seines kundigeren Gefährten ihn zurückgerissen, wenn er, unbekannt mit den Gefahren der Schachte, sich zu unvorsichtig aussetzte; schon oft hatten ihn die Ingenieure gebeten, umzukehren, jetzt wo Leute genug zur Hülfe und Beamte genug zur Leitung da waren; Arthur verweigerte es jedes Mal mit vollster Entschiedenheit. Er fühlte, was von seinem Bleiben unter diesen Menschen abhing, die von Aufruhr und Empörung zur Rettung fortgeeilt waren. Sie sahen Alle auf ihren Chef, der, seit er überhaupt zur Selbstständigkeit erwacht war, nur immer gegen sie gestanden hatte, und der heute zum ersten Mal mit ihnen stand in Noth und Tod, der gleich dem Geringsten von ihnen sein Leben aussetzte, gleich ihnen ein junges Weib da oben in Todesangst zurückließ. In diesen Stunden gemeinsamer Arbeit und Gefahr, da wurde es endlich erzwungen, was man dem Sohne und Erben eines Berkow so lange und so hartnäckig verweigert, das Vertrauen. Da unten in der Tiefe der Felsenschachte wurde der alte Haß und die alte Zwietracht begraben, da endigte der Streit. Arthur wußte, daß es sich hier für ihn um mehr handelte, als nur um ein Wagniß, das jeder Andere an seiner Stelle leisten konnte, wußte, daß er sich mit diesem Ausharren die Zukunft seiner Werke und seine eigene Zukunft erkämpfte, und um diesen Preis ließ er Eugenien oben in ihrer Angst allein und blieb.

So ging es fort mit unermüdeter Thatkraft und unermüdeter Ausdauer; man drang vor, langsam, Schritt für Schritt, aber man drang vor, und endlich beugten sich die tückischen Gewalten der Tiefe dem Menschenwillen, der sich Bahn gebrochen zu seinen Brüdern dort unten. Als die Sonne sich droben zum Untergange neigte, da war der Weg gefunden, da wurden die Geretteten emporgehoben zum Lichte des Tages, zwar verletzt, halb erstickt, betäubt von Schrecken und Todesangst, aber doch lebend, und ihnen folgten, gleichfalls zum Tode erschöpft, die Retter. Die beiden Ersten bei dem kühnen Unternehmen, der Chef und Hartmann, sie waren die Letzten beim Rückzuge, sie wollten nicht eher weichen, bis sich Alles in Sicherheit befand.

„Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, daß der Herr und Hartmann noch immer da unten zögern,“ sagte der Oberingenieur unruhig zu den ihn umgebenden Beamten. „Sie waren doch bereits am Ausgange, als die Letzten zu Tage fuhren, und Hartmann kennt doch wahrlich die Gefahren der Schachte hinreichend, um auch nur einen Augenblick länger zu verweilen, als die Nothwendigkeit gebietet. Noch immer wartet die Förderschale dort unten; sie geben kein Zeichen, beantworten keins unserer Signale – was soll das heißen?“

„Wenn nur nicht im letzten Moment noch irgend ein Unglück geschehen ist!“ meinte Wilberg ängstlich. „Es klang mir vorhin so seltsam im Schachte, gerade als die Letzten hier oben ankamen. Die Entfernung war zu groß und das Geräusch der Maschine zu laut, um es mich deutlich unterscheiden zu lassen, aber das ganze Erdreich ist erschüttert – wenn da nur nicht irgend ein Nachsturz erfolgt ist!“

„Um Gotteswillen, da könnten Sie Recht haben!“ rief der Oberingenieur. „Gebt noch einmal mit vollster Kraft die Signale! Bleiben die unbeantwortet, so müssen wir wieder hinunter und nachsehen, was da passirt ist.“

[357] Aber noch ehe er oder die Anderen diesen Entschluß ausführen konnten, wurde drunten rasch und heftig das Zeichen zum Heraufziehen gegeben. Die Obenstehenden athmeten auf und traten näher an die Oeffnung heran, in der auch nach kurzem Harren die Förderschale erschien. Ulrich stand in derselben, das Antlitz entstellt und geschwärzt vom Schweiß und Staub der furchtbaren Arbeit in den Schachten, die Kleidung zerfetzt, zerrissen, bedeckt mit Erde und Steintrümmern, während ihm von Stirn und Schläfen das Blut niederrieselte. Wie bei der Einfahrt hielt er den jungen Chef umfaßt, aber diesmal stützte er nicht blos einen Wankenden; Arthur’s Haupt lag todtenbleich mit geschlossenen Augen auf seiner Schulter, und seine Gestalt hing unbeweglich und leblos in den Armen, welche sie mit Anstrengung aller Kräfte aufrecht erhielten.

Ein Ruf des Schreckens tönte von allen Seiten. Man wartete kaum, bis die Maschine still stand. Mehr als zwanzig Arme streckten sich aus, den Besinnungslosen in Empfang zu nehmen und ihn zu seiner Gattin zu tragen, die, gleich all’ den Uebrigen, während der ganzen Zeit nicht von der Stätte des Unglücks gewichen war. Alles umdrängte die Beiden. Man rief nach Hülfe, nach dem Arzte, und Niemand achtete in der allgemeinen Verwirrung auf Ulrich, der es seltsam still und willenlos hatte geschehen lassen, daß man die Last aus seinen Armen nahm. Er sprang nicht mit seinen gewohnten raschen und energischen Bewegungen aus der Förderschale; langsam, mühsam stieg er aus und mußte sich zweimal an den Ketten festhalten, um nicht umzusinken. Er gab auch jetzt noch keinen Laut von sich, aber die Zähne des jungen Bergmanns waren wie in wüthendem Schmerze aufeinander gebissen, und das Blut strömte stärker, wenn man auch unter der dicken Staubschicht nicht sehen konnte, daß sein Gesicht an Leichenblässe dem des jungen Chefs nichts nachgab. Er ging schwankend noch einige Schritte vorwärts, bis in die Nähe der Gruppe, die sich um Arthur drängte, dann hielt er plötzlich inne und umfaßte krampfhaft mit beiden Armen einen der beiden Pfeiler des Gebäudes, um sich daran aufrecht zu erhalten.

„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau! Es ist ja nur eine Ohnmacht,“ tröstete der Arzt, der, bei den Verunglückten beschäftigt, sofort hergeeilt war. „Ich finde nicht die geringste Verletzung an dem Herrn; er wird sich erholen.“

Eugenie hörte nicht auf den Trost; sie sah nur das bleiche Antlitz mit den geschlossenen Augen, nur die hingestreckte Gestalt, die kein Lebenszeichen von sich gab. Es hatte eine Zeit gegeben, wo die junge Frau als Neuvermählte, wenige Stunden nach ihrer Trauung, als eine fremde Hand sie der Gefahr entriß und sie noch in Ungewißheit über das Schicksal ihres Gatten schwebte, mit kühler Besonnenheit und Ruhe zu ihrem Retter gesagt hatte: „Sehen Sie nach Herrn Berkow!“ Was Kälte und Verachtung damals gesündigt, das freilich war mehr als gesühnt durch die Qual dieser letzten Stunden, in denen sie erfahren hatte, was es heißt, für das Geliebte zu zittern, ohne ihm helfen zu können, ohne ihm auch nur nahe zu sein. Jetzt sandte und ließ sie keinen Anderen an seine Seite; jetzt lag sie auf den Knieen neben ihm und rief wie jede andere Frau in Todesangst den Namen ihres Mannes:

„Arthur!“

Es war ein Schrei der leidenschaftlichsten Liebe, der vollsten Verzweiflung, und bei diesem Aufschrei ging ein leises schmerzliches Zucken durch die Gestalt des jungen Bergmannes, der noch immer am Pfeiler lehnte, und der sich aufrichtete bei diesem Ton. Noch einmal wandten sich die finsteren blauen Augen hinüber zu den Beiden, aber es lag nichts mehr von dem alten Trotz und Haß darin, nur ein stummes tiefes Weh; dann umschleierte sich der Blick; die Hand hob sich, nicht nach der blutenden Stirn, sondern nach der Brust, wo doch keine Verletzung war, aber sie preßte sich so fest darauf, als wühle dort der schlimmere Schmerz, und in demselben Augenblicke, wo Arthur in den Armen seines Weibes das Auge aufschlug, stürzte Ulrich hinter ihnen zusammen. – – –

Obgleich jetzt auch die Letzten dem Schachte entstiegen waren, blieb es doch seltsam still und bang in der versammelten Menge. Kein Jubel, keine Freudenbezeigungen gaben sich kund; der Anblick der Geretteten verbot sie. Man wußte ja noch nicht, wer von ihnen wirklich dem Leben erhalten blieb, und ob der Tod nicht noch die ihm mühsam entrissenen Opfer zurückverlangte. Der junge Chef hatte sich schneller von seiner Ohnmacht erholt, als man geglaubt. Es war in der That ein Nachsturz des schwer erschütterten Erdreiches gewesen, der ihn und seinen Gefährten noch im letzten Augenblick getroffen, aber wunderbarer Weise hatte Arthur nicht die geringste Verletzung davon getragen; er stand bereits wieder aufrecht, wenn auch noch matt und bleich, auf den Arm seiner Gattin gestützt, und bemühte sich, seine Erinnerungen zu sammeln, um Eugeniens angstvolle Fragen zu beantworten.

„Wir befanden uns bereits am Ausgange des Schachtes. Hartmann war einige Schritte vorauf und somit schon in Sicherheit; da muß er irgend ein Anzeichen der Gefahr bemerkt haben. Ich sah ihn plötzlich zu mir zurückstürzen und meinen Arm ergreifen, aber es war zu spät; schon wankte Alles um und über uns. Ich fühlte nur noch, wie er mich zu Boden riß und sich über mich warf, fühlte, wie er mich mit seinem eigenen Körper gegen die herabstürzenden Trümmer deckte – dann vergingen mir die Sinne.“

Eugenie gab keine Antwort; sie hatte die Nähe dieses Mannes so unendlich gefürchtet, hatte so namenlos gezittert, als sie hörte, daß Arthur in seiner Begleitung das Wagniß unternommen, und jetzt dankte sie es dieser Nähe allein, daß sie den Gatten lebend und gerettet in ihren Armen hielt.

Der Oberingenieur näherte sich den Beiden. Sein Gesicht war sehr ernst, und auch seine Stimme hatte einen tiefernsten Klang, als er sagte: „Der Arzt meint, sie würden Alle gerettet werden, nur der eine, der Hartmann nicht – bei dem ist jede Hülfe umsonst! Was er heute da unten in den Schachten geleistet, das war zu viel, selbst für seine Riesennatur, und die [358] Wunde hat dann noch das Uebrige gethan. Wie er es möglich gemacht hat, trotz dieser schweren Verwundung sich und Sie, Herr Berkow, aus den Trümmern emporzuarbeiten, Sie in die Förderschale zu heben und festzuhalten, bis Sie in Sicherheit waren, das ist fast nicht zu begreifen, und war eben auch nur ihm möglich. Er hat es gethan, aber er wird es auch mit dem Leben bezahlen!“

Arthur sah seine Gattin an; ihre Blicke begegneten und verstanden sich. Er raffte sich trotz seiner Erschöpfung empor und die Hand Eugeniens ergreifend, zog er sie fort nach dem Platze, wo den Verunglückten die erste, reichlich gebotene Hülfe zu Theil ward. Nur einen, den letzten, hatte man abseits getragen. Ulrich lag auf dem Boden ausgestreckt; sein Vater war noch nicht wieder zur Besinnung zurückgekehrt und wußte nichts von dem Schicksal des Sohnes, aber dieser war deshalb nicht allein oder nur von fremder Hülfe umgeben; an seiner Seite kniete ein junges Mädchen, das den Kopf des Sterbenden in ihren Armen hielt und mit dem Ausdruck herzzerreißender Angst in seine Züge blickte, ohne auf ihren Bräutigam zu achten, der an der andern Seite stand und die erkaltende Hand des Freundes gefaßt hatte. Ulrich sah beide nicht, wußte vielleicht gar nicht mehr, daß sie bei ihm waren; sein Auge war groß und starr auf den flammenden Abendhimmel, auf die sinkende Sonne gerichtet, als wolle es noch einen Strahl des ewigen Lichtes einsaugen und mit hinübernehmen in die lange düstere Nacht.

Arthur hatte eine halblaute Frage an den gleichfalls anwesenden Arzt gerichtet; dieser antwortete mit einem stummen Achselzucken – der junge Chef wußte genug. Die Hand seiner Gattin loslassend, flüsterte er ihr einige Worte in’s Ohr und trat dann zurück, während Eugenie sich zu Ulrich niederbeugte und seinen Namen nannte.

Da flammte es noch einmal mitten durch den Nebel des Todes mächtig auf; die ganze Gluth und Leidenschaft des Lebens drängte sich für einen Moment nochmals zusammen in diesem Blick, den er mit dem Ausdruck des vollsten Bewußtseins auf die junge Frau richtete, deren Lippen jetzt eine bange leise Frage aussprachen:

„Hartmann! Sind Sie schwer verwundet?“

Das Weh von vorhin zuckte wieder über sein Antlitz; die Stimme klang dumpf, gebrochen, aber ruhig. „Was fragen Sie nach mir? Sie haben ihn ja wieder. Was brauche ich da noch zu leben! – Ich hab’s Ihnen ja vorher gesagt: Er oder ich! Ich meinte es freilich anders, aber das war’s doch, was mir durch den Kopf fuhr, als die Wand stürzte. Da dachte ich an Sie und Ihren Jammer, und dachte daran, daß er mir da oben die Hand gereicht hatte, als sonst Niemand sie wollte, und da – da warf ich mich über ihn!“

Er sank zurück; der aufflammende Funke erlosch schnell in der Anstrengung des Sprechens, aber dieses wilde glühende Leben verblutete sich im Tode ruhig, ohne Kampf und Qual. Der Mann, dessen ganzes Dasein nur Haß und Kampf war gegen die, die das Schicksal über ihn gestellt, er hatte in der Rettung des Gehaßten sein Ende gefunden. Die Ahnung war zur Wahrheit geworden, die das Wasser ihm gestern zurauschte; es hatte aus der Tiefe der Schachte hervor dem Opfer den Todesgruß gebracht. Er brauchte nicht mehr über dieses „morgen“ hinauszublicken, das sich so dicht vor ihm verschleierte; es war Alles zu Ende für ihn mit diesem „morgen“ – Alles!

Drüben von der Landstraße her tönte der tactmäßige Schritt einer vorrückenden Menge, tönten Commandoworte und Waffenklirren; die aus der Stadt erbetene und erwartete Hülfe gegen den Aufruhr war eingetroffen. Schon beim Betreten der Colonie hatte der befehlshabende Officier erfahren, was hier geschehen war; er ließ seine Leute drüben auf der Chaussee Halt machen und kam, nur von einigen begleitet, hinüber auf den Schauplatz des Unglücks, wo er den Chef zu sprechen verlangte. Arthur trat ihm entgegen.

„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ sagte er mit ruhigem Ernste. „Aber Sie kommen zu spät; ich bedarf Ihrer Hülfe nicht gegen meine Leute. In einem gemeinsamen zehnstündigen Kampfe um das Leben der Unsrigen haben wir Frieden miteinander gemacht – hoffentlich für immer!“




Wieder war es Sommer geworden; wieder lag Sonnenschein und Sommerpracht auf den Waldbergen und Thälern und über der Berkow’schen Colonie, wo sich das Leben so rührig und rüstig regte, wie nur je vorher, aber freier, freudiger war es geworden. Es wehte jetzt wie ein Athem von Freiheit und Glück durch diese Werke, die an Großartigkeit nichts eingebüßt hatten, wo sie doch Alles gewannen, was ihnen einst fehlte. Freilich war das nicht in Wochen und Monaten geschehen; es hatte Jahre dazu gebraucht, und sie waren nicht leicht gewesen, diese Jahre, die der Katastrophe folgten. Damals, als die Arbeit auf den Werken wieder aufgenommen wurde, lag noch eine schwere Last auf den Schultern des jungen Chefs, der zwar Frieden gemacht hatte mit seinen Leuten, aber auch beinahe am Ruine stand. Jene Zeit der Gefahr, wo es sich darum handelte, mit persönlichem Muthe und persönlicher Aufopferung den Excessen einer rebellischen Menge gegenüberzutreten, war vorüber; aber nun kam das Andere, Schwerere, die Zeit der Sorge, der steten mühseligen Arbeit, des oft verzweiflungsvollen Ringens mit der Macht der Verhältnisse, die Arthur fast zu Boden drückten. Doch er hatte in dem ersten Kampfe seine Kräfte kennen und erproben gelernt; er wußte sie in dem zweiten zu gebrauchen. Länger als ein Jahr war es zweifelhaft gewesen, ob die Werke überhaupt ihrer Bestimmung und ihrem Besitzer erhalten blieben, und auch nachdem diese erste, gefährlichste Krisis überstanden war, gab es noch immer genug der Gefahren und Verluste, denen man die Stirn bieten mußte. Schon während der letzten Lebenszeit des alten Berkow hatten gewagte Speculationen, maßlose Verschwendung und vor Allem das gewissenlose, nur auf den augenblicklichen Gewinn berechnete System der Unternehmungen, dessen verhängnißvolle Folgen doch schließlich auf den Unternehmer zurückfielen, die Stellung und das Vermögen desselben schwer erschüttert. Der Stillstand der Werke, die fast einen Monat lang feierten, das Unglück in den Schachten, zu deren Herstellung die bedeutendsten Mittel nöthig waren, drohten das schon halb Verlorene vollends zu vernichten. Mehr als einmal schien es unmöglich, die Werke zu behaupten; mehr als einmal schienen die Wunden, welche die Vergangenheit und vor Allem der letzte Streit ihnen geschlagen, unheilbar zu sein; aber der so spät erwachte Charakter Arthur’s stählte und entwickelte sich vollends in dieser Schule ununterbrochener angestrengter Thätigkeit.

Es wankte Alles und drohte zusammenzustürzen, als der junge Chef vor Jahren an die schwere Aufgabe gegangen war, aus einem wahren Chaos von Geschäften, Verpflichtungen und Anforderungen, die er vor allen Dingen zu bewältigen hatte, eine neue Ordnung der Dinge zu gestalten; aber er hatte Vertrauen auf sich selbst gelernt; er hatte sein Weib zur Seite, und es galt, für Eugenien und für sich selber die Zukunft und das Lebensglück zu erringen. Das war es, was ihm Muth gab, wo vielleicht jeder Andere muthlos und verzweifelt zurückgewichen wäre; das war es, was ihn aufrecht erhielt, wenn die Aufgabe doch bisweilen über seine Kräfte ging, das war es, was ihm endlich den Sieg zuwandte. Jetzt waren die letzten Nachwehen jener Katastrophe überwunden und das alte Glück zurückgezwungen zu all den Unternehmungen, die sich an den Namen Berkow knüpften; aber dieser Name hatte abgestreift, was ihm einst Schlimmes anhaftete; er stand jetzt rein und ehrenvoll da vor aller Welt. Die Werke mit ihrer riesigen Ausdehnung und ihrem großartigen Betriebe waren fester und sicherer gegründet, als je zuvor, und mit ihnen war es auch der Reichthum des Besitzers. Dieser Reichthum, der dem jungen verwöhnten Erben einst so verderblich zu werden drohte und zum Theil schon geworden war, weil das Glück ihn mühelos zu seinen Füßen niedergelegt hatte, auf den er eben deshalb mit so verächtlicher Gleichgültigkeit herabblickte, jetzt, wo er ihn in jahrelangem Kampfe zurückerobern mußte, wo er in seiner Hand zum Segen für so Viele wurde, jetzt war er ihm auch werth geworden.

Es war gegen Mittag, als der Director und der Oberingenieur, von den Werken kommend, nach ihren Wohnungen gingen. Die Beiden waren wohl älter geworden im Laufe der Jahre, verändert hatten sie sich nicht. Der Eine hatte seine Gutmüthigkeit und der Andere seine Malice behalten, die gerade jetzt wieder aus seiner Stimme klang, als er das vorhin angefangene Gespräch fortsetzte:

„Der Herr Baron von Windeg haben sich schon wieder [359] durch den ältesten Sohn anmelden lassen. Es scheint, man prahlt jetzt einigermaßen mit einer Verwandtschaft, zu der man anfangs nur mit Widerwillen herabzusteigen geruhte. Seit unserem Betriebe und unseren Einrichtungen von Seiten der Regierung eine so außerordentlich schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu Theil wird und man sich sogar höheren Orts dafür interessirt, sind die Werke ‚courfähig‘ geworden in den Augen des alten Aristokraten. Sein Schwiegersohn freilich war es schon längst, und ich dächte, der könnte sich auch jetzt mindestens in eine Reihe stellen mit den Windegs. Die ganze Rabenauer Majoratsherrlichkeit reicht nicht zur Hälfte an die Berkow’schen Besitzungen und den Einfluß ihres Chefs. Der Baron sieht nachgerade ein, daß er mit seinen Gütern sich in der Menge der anderen verliert, während wir eine Macht in der Provinz geworden sind, der Niemand die Anerkennung mehr versagt.“

„Es wird bei uns aber auch mehr geleistet als anderswo,“ sagte der Director. „Sie studiren jetzt überall herum an unseren Einrichtungen und Verbesserungen; nachgemacht hat es uns freilich noch Keiner.“

„Ja wohl, und wenn das so fortgeht, werden wir wohl bald bei der ‚philanthropischen Musteranstalt‘ angelangt sein, gegen die der selige Herr Berkow einst so entrüstet protestirte. Nun, Gott sei Dank!“ – der Oberingenieur hob mit großem Selbstgefühl den Kopf – „wir können’s ja jetzt! Uns kommt es ja jetzt gar nicht mehr darauf an, Summen, die Andere ängstlich in die Tasche stecken müssen, auf unsere Leute zu wenden, und die Summen sind nicht klein. Und doch ist es noch nicht allzulange her, wo wir nicht um Vermögen oder Einfluß, sondern allein um die Existenz der Werke kämpften, und nicht einmal die gerettet hätten, wären uns nicht gerade in der entscheidenden Krisis ein paar Glücksfälle zu Hülfe gekommen.“

„Und hätten sich unsere Leute nicht so ausgezeichnet benommen,“ setzte der Director ernst hinzu. „Es war keine Kleinigkeit für sie, ruhig zu bleiben, während die Wühlereien und Hetzereien in der ganzen Umgegend nicht aufhören wollten. Das Unglück in den Schachten hat Geldopfer genug gekostet, gerade damals, wo uns noch jedes Tausend schwer wurde, aber ich glaube, der Herr hat es nicht zu theuer bezahlt mit Dem, was er dabei an seinen Leuten gewann. Die Stunden der Angst und Gefahr, die er da unten mit ihnen getheilt, um ihre Cameraden zu retten, die vergißt ihm noch heute Keiner und wird ihm auch Keiner vergessen; so etwas kittet zusammen für die ganze Lebenszeit. Seit dem Tage haben sie ihm getraut, als er ihnen sein Wort gab, Alles wieder gut zu machen, wenn man ihm nur Zeit ließe, sich erst selbst Luft zu schaffen; sie haben redlich gewartet, und da ist es am Ende kein Wunder, wenn er jetzt mehr thut, als er verheißen hat.“

„Meinetwegen!“ sagte der College trocken. „Er kann sich jetzt immerhin einigen Luxus darin erlauben. Uebrigens ist es tröstlich zu sehen, daß man unter Umständen auch mit der Philanthropie glänzende Geschäfte macht, wie unsere Jahresabschlüsse beweisen. Sie sind weitaus bedeutender als unter dem früheren Regimente, dem man eine besondere Menschenliebe nun gerade nicht zum Vorwurf machen konnte, und doch wurde da herausgepreßt, was nur aus den Werken herauszupressen war.“

„Sie sind ein unverbesserlicher Spötter!“ zürnte der Director. „Sie wissen doch am besten, daß sich Herr Berkow nicht von solchen Rücksichten leiten läßt.“

„Nein, dazu ist er doch noch zu sehr Idealist!“ meinte der Oberingenieur, den Vorwurf sehr gleichmüthig hinnehmend. „Glücklicher Weise ist er es nicht mehr, als sich mit der Praxis verträgt, und er hat eine zu bittere Schule durchgemacht, um nicht zu wissen, daß die Praxis doch am Ende Grundlage und Hauptbedingung all’ solcher Bestrebungen bleiben muß. Ich meinestheils bin gar nicht für den Idealismus, das wissen Sie ja.“

Der Andere lächelte ein wenig boshaft. „Ja, das wissen wir Alle, aber sollte es sich nicht einigermaßen ändern, wenn ein so durchaus idealistisches Element wie unser Herr Wilberg in Ihre Familie eintritt? Das steht ja wohl nächstens bevor, Herr College?“

Der Director schien mit dieser Hindeutung dem Herrn Collegen einen kleinen Hieb versetzt zu haben, denn Jener verzog das Gesicht und fuhr ärgerlich auf.

„Reden Sie mir nicht auch noch davon! Ich höre es schon zu Hause genug. Das muß mir passiren, mir, der ich nichts so sehr verabscheue als Sentimentalität und Ueberspanntheit! Gerade mir hat das Schicksal einen Schwiegersohn aufgehoben, der Gedichte macht und Guitarre spielt! Der Mensch ist nicht wegzubringen mit seiner Bewerbung und seinem Geseufze, und Melanie will keine Vernunft annehmen. Aber ich habe noch nicht Ja gesagt, und es ist noch sehr die Frage, ob ich es thue.“

[374] „Nun, dafür wollen wir Fräulein Melanie sorgen lassen!“ lachte der Director. „Sie hat in manchen Dingen den Kopf ihres Vaters und versteht ihren Willen durchzusetzen. Ich kann Ihnen versichern, daß Wilberg bereits mit sehr siegesgewisser Miene umher geht und alle etwaigen Gratulationen mit einem vielsagenden ‚Noch nicht!‘ ablehnt. Die beiden jungen Leute werden ihrer Sache wohl bereits sicher sein. Adieu, lieber College! Sie melden mir doch zuerst das frohe Familienereigniß?“

Diesmal war die Malice auf Seiten des Herrn Directors, und sie schien zu wirken, denn der Oberingenieur stieg mit sehr verstimmter Miene die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, wo seine Tochter ihm bereits entgegenkam. Fräulein Melanie war heute von einer außerordentlichen Zärtlichkeit gegen den Vater; sie begrüßte ihn, nahm ihm Hut und Handschuhe ab, schmeichelte ein wenig und hielt es nach diesen Präliminarien an der Zeit, mit einer Bitte hervorzukommen.

„Papa, es ist Jemand da, der Dich zu sprechen wünscht, sogleich und dringend zu sprechen. Er ist drinnen bei der Mama. Darf ich ihn herführen?“

„Ich bin nicht zu sprechen!“ grollte der Gefragte, der bereits ahnte, was ihm bevorstand, die junge Dame nahm aber nicht die geringste Notiz von der Weigerung. Sie verschwand im Nebenzimmer, um in der nächsten Minute den „Jemand“ hereinzuschieben, nachdem sie ihm noch schnell einige ermuthigende Worte in’s Ohr geflüstert.

Letztere schienen auch nothwendig zu sein, denn Herr Wilberg, der sich, das blonde Haar sorgfältig gescheitelt, im Frack und überhaupt in der ganzen Erscheinung eines officiellen Freiers präsentirte, stand da, als sei er unversehens in eine Löwengrube geworfen. Er hatte sich jedenfalls für diese wichtige Stunde eine zierliche, wohlgesetzte Rede ausgearbeitet, aber die grimmige Miene seines Vorgesetzten, der in durchaus nicht ermuthigendem Tone fragte, was er denn eigentlich wolle, brachte ihn gänzlich aus dem Concept.

„Meine Wünsche und Hoffnungen –“ stotterte er. „Ermuthigt durch die Neigung von Fräulein Melanie – das höchste Glück, sie die Meine nennen zu dürfen –“

„Dachte ich’s doch! Nicht einmal einen vernünftigen Antrag kann der Mensch machen,“ brummte der Oberingenieur, ohne daran zu denken, daß sein Empfang ganz danach war, jeden Bewerber aus der Fassung zu bringen; als aber der junge Mann in immer größere Verlegenheit gerieth und sich in seiner Rede immer mehr verwickelte, schnitt er ihm kurz das Wort ab.

„Nun, schweigen Sie nur! Es ist mir gerade kein Geheimniß mehr, was Sie wünschen und hoffen. Sie wollen mich zum Schwiegervater?“

Wilberg sah aus, als ob diese letztere allerdings unvermeidliche Zugabe zu seiner künftigen Ehe ihm gerade kein besonderes Entzücken einflöße. „Ich bitte um Entschuldigung; ich wünschte zuvörderst Fräulein Melanie zur Frau,“ bemerkte er schüchtern.

„So? Und mich nehmen Sie wohl sehr ungern mit in den Kauf?“ fragte der gereizte Schwiegervater in spe. „Ich begreife übrigens gar nicht, wie Sie mir mit einem solchen Antrage zu kommen wagen. Haben Sie nicht die gnädige Frau geliebt? Haben Sie nicht Gedichte an sie gemacht, bogenlang? Warum schwärmen Sie da nicht platonisch weiter?“

„Mein Gott, das war vor Jahren,“ vertheidigte sich der junge Beamte. „Melanie weiß das längst, und gerade das war es, was uns zuerst zusammenführte. Es giebt zwei Arten von Liebe, Herr Oberingenieur, eine Jugendschwärmerei, die ihre Ideale in unerreichbarer Höhe sucht, und eine andere dauerndere Neigung, die auf Erden allein findet, was sie wahrhaft beglückt.“

„So, und für diese zweite Liebe, die irdische, hausbackene, ist Ihnen meine Tochter gut genug! Hol’ Sie der Kukuk!“ rief der Oberingenieur wüthend.

„Sie wollen mich nicht verstehen,“ sagte Wilberg tief gekränkt, aber doch mit einigem Selbstbewußtsein; er wußte, welch’ einen mächtigen Rückhalt er im Nebenzimmer hatte. „Melanie versteht mich; sie hat mir bereits Hand und Herz gegeben –“

„Das ist ja allerliebst,“ grollte der erbitterte Vater. „Wenn die Töchter so ohne Weiteres Hand und Herz verschenken, dann möchte ich wissen, wozu die Väter überhaupt noch da sind. Wilberg,“ sein Gesicht und seine Stimme wurden hier etwas milder, „ich lasse Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren, daß Sie in den letzten Jahren etwas vernünftiger geworden sind, etwas, aber noch lange nicht genug. Das Dichten können Sie zum Beispiel noch immer nicht lassen. Ich wette, Sie tragen da wieder irgend etwas Lyrisches mit sich herum.“

Er schielte argwöhnisch nach der Fracktasche des jungen Mannes, der ein wenig erröthete.

„Als Bräutigam wäre ich ja wohl dazu legitimirt?“ bemerkte er, wie mit einer schüchternen Frage.

„Ja wohl und auch zu den Serenaden – das wird ein schöner Sommer werden!“ murmelte der Oberingenieur verzweiflungsvoll. „Sehen Sie, Wilberg, wenn ich nicht wüßte, daß Melanie meine Natur hat und Ihnen die romantischen Grillen austreiben wird, so würde ich nein sagen, absolut nein! Aber ich glaube, Sie brauchen eine vernünftige Frau und vor allen Dingen einen vernünftigen Schwiegervater, der Ihnen von Zeit zu Zeit den Kopf zurechtsetzt, und da es durchaus einmal nicht anders geht, so sollen Sie beides haben.“

[375] Ob der letzte ihm in Aussicht gestellte Gewinn Herrn Wilberg wirklich so beneidenswerth dünkte, mochte dahingestellt bleiben, aber im Entzücken über den ersten vergaß er alles Andere, und eilte den neuen Schwiegervater zu umarmen, der diese Formalität ziemlich kurz abmachte.

„Nur keine Rührung!“ sagte er sehr entschieden. „Ich kann das nicht leiden, und wir brauchen uns damit nicht aufzuhalten. Jetzt kommen Sie mit zu Melanie! Ihr habt die Geschichte ja doch längst hinter meinem Rücken abgekartet, aber das sage ich Ihnen, finde ich Sie einmal beim Versemachen und mein Kind mit rothgeweinten Augen, dann gnade Ihnen Gott!“ – –

Während sich der Herr Oberingenieur auf diese Weise in ein unabwendbares Geschick ergab, standen drüben auf der Terrasse des Landhauses Arthur Berkow und Curt von Windeg. Der Letztere, der bereits von seiner Schwester Abschied genommen hatte, wartete auf das Vorführen seines Pferdes.

Die tiefe und mächtige Umwandlung, die Arthur’s Inneres erfahren, gab sich zum Theil auch in seinem Aeußeren kund. Er war nicht der zarte, schlanke und blasse junge Mann mehr, dessen beste Jugendkraft und Jugendfrische im Residenzleben zu Grunde zu gehen drohte, seine Erscheinung entsprach jetzt völlig dem Bilde, das man sich von dem Chef machte, der ein solches Unternehmen mit einer solchen Energie zu leiten wußte. Die Linien freilich, welche schon einst auf seiner Stirn standen und welche die Jahre der Sorge und Arbeit noch tiefer dort eingegraben hatten, waren nicht verwischt worden durch das jetzt sicher und dauernd gegründete Lebensglück. Solche Spuren weichen nicht wieder, wenn sie erst einmal da sind, aber sie kleideten diese Stirn und diese Züge nicht schlecht, wo Alles erstarkt war zu fester ernster Männlichkeit. Curt war der junge übermüthige Officier geblieben, dessen muntere Augen und frische Lippen von ihrer Heiterkeit und Lebenslust nichts eingebüßt hatten.

„Und ich sage Dir, Arthur,“ versicherte er eifrig, „Du thust dem Papa Unrecht, wenn Du bei ihm noch irgend ein Vorurtheil in Bezug auf Dich voraussetzest. Ich wollte, Du hättest es mit angehört, wie er neulich dem alten Fürsten Waldstein antwortete, als dieser meinte, die Bergherren hätten bei den jetzigen Arbeitsverhältnissen und Bewegungen gerade keine beneidenswerthe Stellung. ‚Auf meinen Schwiegersohn findet das keine Anwendung, Durchlaucht!‘ sagte Papa mit vollem Aplomb. ‚Er steht zu fest in seiner Stellung und hat eine zu unbedingte Autorität bei seinen Leuten, die mit förmlicher Begeisterung an ihm hängen – und mein Schwiegersohn ist überhaupt jedem Conflict gewachsen!‘ Deshalb aber vergiebt er es Dir noch immer nicht, daß Du ihm damals das Adelsdiplom ausgeschlagen hast, und er kann es durchaus nicht verwinden, daß sein Enkel einfach bürgerlich Berkow heißt.“

Arthur lächelte ein wenig spöttisch. „Nun, ich denke, der Name soll ihm gerade keine Schande machen, wenn er einst damit in’s Leben tritt, und hoffentlich erlebt es Dein Vater noch, ihm einen Windeg an die Seite gesetzt zu sehen – wie steht es denn mit Deiner Verlobung, Curt?“

Der junge Officier verzog das Gesicht. „Nun, die wird wohl nächstens erfolgen,“ versetzte er etwas gedehnt, „wahrscheinlich, wenn wir wieder in Rabenau sind. Graf Berning’s Güter grenzen ja an die unsrigen und Comteß Alma ist im Frühlinge achtzehn Jahre alt geworden. Papa meint, es wäre für mich in meiner Eigenschaft als Stammhalter und künftiger Majoratsherr jetzt Zeit, ernstlich an’s Heirathen zu denken. Er hat mir befohlen, mich noch in diesem Sommer der Comteß zu erklären.“

„Befohlen!“ lachte Arthur. „Du heirathest also auf Befehl!“

„Nun, was thatest Du denn bei Deiner Vermählung?“ fragte Curt etwas ärgerlich.

„Ja freilich, da hast Du Recht. Aber bei uns war das auch ein Ausnahmefall.“

„Bei uns gar nicht,“ meinte Curt gleichmüthig. „Das ist gewöhnlich so in unseren Kreisen. Papa will mich durchaus bald und standesgemäß verheirathet wissen und er leidet keinen Widerspruch, ausgenommen etwa von Dir. Du hast ihm so imponirt, daß er sich von Dir schlechterdings Alles gefallen läßt. Ich habe übrigens im Grunde gar nichts gegen die Heirath, nur wäre ich gern noch länger frei geblieben.“

Berkow schüttelte den Kopf. „Ich glaube, Curt, Du thust in diesem Falle ganz gut daran, Dich dem Plane des Vaters zu fügen. Alma Berning ist, so viel ich bei unserem letzten Besuche in Rabenau bemerken konnte, ein liebenswürdiges Mädchen, und für Dich ist es wirklich an der Zeit, den künftigen Majoratsherrn etwas mehr herauszukehren und dem jungen wilden Lieutenant den Abschied zu geben. Er hat etwas tolle Streiche gemacht, dieser Herr Lieutenant.“

Curt warf schmollend den Kopf zurück. „Ja wohl! Und sein Herr Schwager wurde ihm bei solchen Gelegenheiten immer von väterlicher Seite zum Muster aufgestellt und zwar mit so überschwänglichen Lobeserhebungen, daß meine ganze Vorliebe für Dich dazu gehörte, das gepriesene Muster nicht gründlich zu verabscheuen. Daher stammt überhaupt der ganze Heirathsplan. Ich habe mich einmal bei einer solchen Gerichtsscene verleiten lassen zu sagen: ‚Arthur hat es früher weit ärger getrieben; er ist erst als Ehemann so äußerst vortrefflich geworden,‘ und da ist Papa schleunigst auf die Idee gekommen, auch einen solchen aus mir zu machen. Meinetwegen! Ich habe eigentlich nichts gegen Alma einzuwenden und im Uebrigen werde ich mir ein Beispiel an Dir und Eugenien nehmen. Ihr seid mit völliger Gleichgültigkeit, ja mit einem förmlichen Haß gegen einander in die Ehe gegangen und habt sie schließlich zu einem Roman gestaltet, der noch heute nicht zu Ende ist. Vielleicht glückt es auch bei uns so.“

Ein unverkennbarer Ausdruck von Spott zuckte um Arthur’s Lippen. „Daran zweifle ich, lieber Curt; Du scheinst mir ganz und gar nicht zu einem Roman nach der Trauung geschaffen, und vor allen Dingen bedenke: es ist nicht jede Frau eine Eugenie.“

Der junge Baron lachte laut auf. „Dachte ich’s doch, daß wieder so etwas herauskommen würde. Genau derselbe Ton, mit dem mir Eugenie heute Morgen, als wir über ein ähnliches Thema sprachen, sagte: ‚Du wirst Arthur doch nicht in eine Reihe mit anderen Männern stellen wollen?‘ Ihr dehnt die Flitterwochen wirklich etwas lange aus.“

„Wir haben sie zu Anfang entbehren müssen, und das Versäumte pflegt man stets doppelt nachzuholen. – Du kannst also wirklich nicht bleiben?“

„Mein Urlaub reicht nur bis zum Abend. Ich kam ja auch hauptsächlich, um Euch den Papa und die Brüder anzukündigen. Auf Wiedersehen, Arthur!“

Er schwang sich auf das inzwischen herbeigeführte Pferd, warf dem Schwager noch einen Gruß zu und sprengte davon. Arthur war im Begriff, in das Haus zurückzukehren, als ein alter Bergmann auf der Terrasse erschien und vor seinem Chef den Hut zog.

„Ah, Schichtmeister Hartmann!“ sagte Berkow freundlich. „Wollten Sie zu mir?“

Der Schichtmeister näherte sich ehrfurchtsvoll, aber doch zutraulich. „Mit Verlaub, ja, Herr Berkow. Ich war gerade drüben beim Bestellen, und sah, wie Sie dem jungen Baron das Geleite gaben. Da möchte ich mich denn gleich bedanken dafür, daß Sie den Lorenz zum Steiger gemacht haben. Das hat große Freude gegeben in unserm Hause.“

„Der Lorenz hat sich in den letzten Jahren so tüchtig bewiesen, daß er den Posten verdient hat, und er kann ihn brauchen bei seiner immer mehr anwachsenden Familie.“

„Nun, er hatte genug für Frau und Kinder; dafür sorge ich schon,“ meinte der Schichtmeister gutmüthig. „Es war ein gescheidter Gedanke von der Martha, daß sie ihm die Bedingung stellte, zu mir in’s Haus zu ziehen; so bin ich doch nicht so ganz allein auf meine alten Tage und habe die Freude an ihren Kindern. Sonst habe ich ja auch nichts mehr auf der ganzen Welt.“

Das Gesicht des alten Mannes hatte sich bei den letzten Worten umdüstert, und die Augen wurden ihm feucht. Arthur sah mitleidig auf ihn nieder.

„Können Sie denn Das immer noch nicht verwinden, Hartmann?“

Der Schichtmeister schüttelte den Kopf: „Ich kann nicht, Herr Berkow. Er ist mein Einziger gewesen, und wenn er mir auch oft mehr Kummer als Freude gemacht hat, wenn er mir zuletzt mit seinem unbändigen Wesen ganz und gar über den [376] Kopf gewachsen war – vergessen kann ich den Ulrich nicht. Lieber Gott, warum mußte ich alter Mann denn auch gerettet werden mit all’ den Uebrigen, um Das zu erleben! Mit dem Einen ist mir ja doch Alles zu Grabe gegangen.“

„So sollten Sie nicht sprechen, Hartmann,“ sagte Arthur sanft verweisend. „Sie haben ja noch eine wackere Stütze an der Martha und ihrem Manne.“

Der Alte seufzte. „Ja, die Martha! Die kann’s auch nicht verwinden wie ich, obwohl sie Mann und Kinder hat und einen guten Mann obendrein. Ich sehe noch manchmal, wie ihr um’s Herz ist. Es ist ein eigenes Ding mit manchen Menschen, Herr Berkow; sie können Einem Kummer und Elend machen, können Einem wehe thun bis in’s innerste Herz hinein, und man liebt sie doch mehr als die Bravsten und Besten, die uns nie eine trübe Stunde gemacht haben; man kann nicht los von ihnen und ihrem Andenken. So Einer ist mein Ulrich gewesen. Was er bei seinen Cameraden war, ehe der unglückliche Streit ausbrach, das ist ihnen vorher und nachher Keiner wieder gewesen, und wenn’s ihnen auch nicht zum Segen gerieth, daß er sie führte, vergessen haben sie ihn heute noch nicht.“

Der alte Mann wischte sich die bitteren Thränen aus den Augen, als er die mit schweigender Theilnahme dargebotene Hand Berkow’s ergriff, und ging dann still von dannen. Eugenie, die schon während der letzten Minuten in der Thür erschienen war, ohne die Unterredung stören zu wollen, trat jetzt zu ihrem Manne.

„Kann sich Hartmann immer noch nicht zufrieden geben?“ fragte sie leise. „Ich glaubte nie, daß er so tief und leidenschaftlich an dem Sohne gehangen hätte.“

Arthur blickte dem sich Entfernenden nach. „Ich begreife das,“ sagte er ernst, „wie ich die blinde Anhänglichkeit seiner Cameraden begriffen habe. Es lag etwas mächtig Zwingendes in der Natur, in der ganzen Persönlichkeit dieses Mannes. Habe ich das doch erfahren, der mit ihm kämpfen mußte auf Leben und Tod, wie viel mehr Die, für die er kämpfte. Was hätte dieser Ulrich sich und den Seinigen werden können, wenn er seine Aufgabe anders erfaßt und verstanden hätte, als nur in Haß und Zerstörung gegen alles Bestehende!“

Die junge Frau sah wie mit einem halben Vorwurfe zu ihrem Gatten empor. „Uns hat er doch gezeigt, daß er mehr konnte, als blos hassen. Er ist Dein Feind gewesen, und als es sich um die Rettung Eines von Euch Beiden handelte, da riß er Dich aus der Gefahr und stürzte sich in den Tod.“

Arthur’s Züge überflog ein Schatten; er galt wohl der Erinnerung an jene Zeit. „Ich habe unter Allen am wenigsten das Recht, ihn anzuklagen, und habe es nie gethan, seit seine Hand mich dem Verderben entriß. Aber glaube mir, Eugenie, eine volle Versöhnung wäre nie möglich gewesen mit einem solchen Elemente. Es hätte ewig die Zukunft meiner Werke gefährdet, den Frieden mit meinen Leuten gestört, ewig mir die Herrschaft streitig gemacht, und es war zu weit gekommen zwischen uns, um ihn ganz straflos ausgehen zu lassen. Wo ich nicht angeklagt und gerichtet hätte, da hätten es Andere gethan – das ist ihm und uns erspart worden!“

Eugenie lehnte den Kopf an die Schulter ihres Gatten. Es war noch immer das schöne blonde Haupt mit den dunkeln Augen, aber es erschien rosiger und frischer als früher. Die einstige Blässe und Marmorkälte waren jenem Ausdrucke gewichen, den nur das Glück zu geben vermag.

„Es war eine schlimme Zeit, Arthur, die jener Katastrophe folgte,“ sagte sie mit einem leisen Beben der Stimme. „Du hast Dich schwer durchkämpfen müssen, so schwer, daß oft auch mein Muth zu sinken drohte, wenn ich Deine Stirn immer finsterer umwölkt, Dein Auge immer trüber sah, und ich konnte doch nichts thun, als Dir zur Seite bleiben.“

Er beugte sich mit vollster Zärtlichkeit zu ihr nieder. „Und thatest Du damit nicht genug? In jenem Kampfe habe ich die Wirkung der beiden Worte erprobt, die ja allein Muth und Freudigkeit zum Schaffen geben, und die ich mir so oft wiederholte, wenn die Wogen über mich zusammenzuschlagen drohten – sie haben mir endlich zum Siege verholfen: Mein Weib und mein Kind!“ –

Die Sonne stand hoch am klaren Sommerhimmel und warf ihre Strahlen auf das Landhaus mit seinen Gärten und Blumenterrassen, auf die Werke drüben, wo sich all’ das tausendfältige Leben und Regen so mächtig und vielgestaltig entfaltete, daß es wahrlich nichts Kleines erschien, der Gebieter einer solchen Welt zu heißen, und auf die Berge, die ringsum aufragten, mit ihren Waldkronen auf den Häuptern und mit dem dunkeln geheimnißvollen Leben, das sich tief in ihrem Schooße barg. Dieses düstere Reich, das die Felsenarme auf ewig verschließen wollten vor jedem irdischen Blicke, es hatte sich doch dem Menschengeiste öffnen müssen, der sich Bahn gebrochen durch Klüfte und Abgründe, um der Erde die Schätze zu entreißen, die sie da unten gefangen hielt in ewiger Nacht, und die jetzt emporstiegen zum Lichte des Tages, gelöst durch das uralte Zauberwort der Berge:

Glück auf!





Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Vertraulichlichkeit
  2. Vorlage: vom
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  4. a b c d e f Wort in der Vorlage nicht erkennbar, übernommen von Google
  5. a b c d e f g h Wort in der Vorlage nicht erkennbar, übernommen von Google