Schwänke und Streiche aus Westpreussen I

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Textdaten
Autor: Alexander Treichel
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Titel: Schwänke und Streiche aus Westpreussen I
Untertitel:
aus: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 427–429
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Alfred Dörffel
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Edmund Veckenstedt
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[427]
Schwänke und Streiche aus Westpreussen.
Von
A. Treichel.
I. Tuschkauerstreiche.
Die Mutter von Tuschkau.

In der Gegend von Tuschkau geht das Gerede, dass die Mutter von Tuschkau auf der Grenze der Flur begraben liegt, man weiss aber nicht wo. Andere erzählen aber auch, dass die Tuschkauer die Mutter von Tuschkau in den Sarg gelegt und zum Begräbnis hätten fahren wollen. Als sie mit dem Wagen auf eine Brücke gekommen wären, sei der Sarg mit der Leiche von dem Wagen und der Brücke hinab in das Wasser gefallen und davongeschwommen. Es sei den Tuschkauern nicht geglückt, des Sarges wieder habhaft zu werden, und so sei es gekommen, dass dieselben nicht wüssten, wo die Mutter von Tuschkau geblieben sei.


Die lebendig gewordenen Gänse.

Der Gastwirt von Tuschkau hatte acht Gänse auf dem Hofe. Da geschah es eines Tages, dass die Gänse plötzlich umfielen, so dass man sie für tot hielt. Die Gänse, welche auf so unnatürliche Weise gestorben waren, mochte man nicht essen, aber es schien allen schade, dass die Federn auch [428] verloren sein sollten; deshalb machten sich die Frauensleute in der Wirtschaft darüber her und rissen den toten Gänsen die Federn aus, dann schmissen sie die Toten auf den Mist.

Es währte aber kaum einige Stunden, da wurden die Toten wieder lebendig, denn die Gänse waren nicht tot, sondern nur betrunken gewesen. Die Trunkenheit war aber davon gekommen, dass die Gänse Spiritus aufgeschnattert hatten, denn der Wirt hatte an dem Tage solchen im Hofe abgezogen und dabei war es gekommen, dass die Gänse sich über die Trippe hergemacht hatten.

Also die Gänse waren wieder lebendig geworden, aber da sie ihre Federn verloren hatten, so kannte eine Gans die andere nicht mehr, sie hielten sich gegenseitig für fremde Eindringlinge in dem Gehöft. Wie nun die Gänse bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, erhoben die Wiedererwachten ein gewaltiges Geschrei; eine schnatterte die andere immer lauter an als die erste, so dass sich auf dem Hofe ein Höllenlärm erhob.

Nun war es an dem Tage gerade sehr kalt. Der Wirt ärgerte sich wohl über den Lärm, welchen die Gänse vollführten; mehr aber dauerte ihn noch, dass die armen Tiere nun keine Federn mehr hätten und frieren müssten. Deshalb liess er sogleich acht Hammel schlachten und jeder Gans ein Hammelfell umlegen. Also waren dieselben durch die Klugheit des Wirtes von Tuschkau vor der Kälte geschützt.


Die Kuh im Roggen.

Einstmals hatte sich auf der Feldflur von Tuschkau eine Kuh im Roggen verlaufen. Die Leute hätten die Kuh wohl gern wieder aus dem Roggen herausgetrieben, aber sie fürchteten, dass der, welcher dies unternähme, zu viel Getreide zertreten würde. Da ordnete der Ortsvorsteher an, dass eine Tragbahre geholt werde. Sobald dieselbe zur Stelle war, setzte man den Hirten darauf, mit der Peitsche bewaffnet; vier Mann hoben die Bahre mit der Last auf und trugen den Hirten im Korn nach der Stelle zu, wo sich die Kuh befand. So gelang es dem Hirten, die Kuh aus dem Roggen zu treiben, ohne dass er einen Halm zertreten hatte.


Der Sichelwurm.

Eines Tages fuhr ein Plunderfahrer die Feldflur der Tuschkauer entlang. Wie solche Leute das zu thun pflegen, welche sich Gras und Getreide von den Wiesen und Feldern abschneiden, wo es ihnen bequem ist, wenn sie nur niemand sieht, so erspähte auch hier unser Plunderfahrer die Gelegenheit, und als er weit und breit niemand im Felde erblickte, schnitt er von dem nächsten Felde soviel Roggen ab, als er in seinem Wagen unterbringen konnte als Futter für sein Pferd, hatte aber doch über aller Arbeit vergessen, die Sichel wieder mit in den Wagen zu nehmen, vielmehr auf dem Felde liegen lassen.

[429] Nun geschah es, dass nach einer Weile ein Bauer daherkam. Als dieser sah, dass von dem Roggenstück Getreide fehlte, ging er hin zu sehen, wie das gekommen sei. Da sah er am Roggen die Sichel liegen. Ein solches Ding war ihm unbekannt; er hielt sie vielmehr nach ihrer krummen Schneide für ein Tier. Eiligst lief er nach Tuschkau zurück und erzählte dort, draussen auf dem Felde liege bei dem Roggen ein grosser Wurm, welcher schon eine ganze Strecke von dem Roggen aufgefressen habe.

Als die Bauern das hörten, bewaffneten sie sich mit Sensen, Forken und Knütteln, und zogen aus, den bösen Wurm zu bekämpfen. Auf dem Felde sahen sie auch den Wurm ruhig bei dem Roggen liegen; es war augenscheinlich, dass er sich satt gefressen hatte und nun sonnte.

Die Tuschkauer umstanden das Tier erst ratlos, dann fasste sich endlich einer von ihnen ein Herz und wollte dem Untier mit aller Macht seine Forke in den Leib rennen, aber als die Forke auf den Wurm traf, da klang es, wie wenn Eisen auf Eisen schlägt, die Sichel aber sprang in einem Bogen davon. Da sahen alle, wie das Tier sich bewegte, und als es nicht auf sie zugefahren, sondern davongeflogen war, so meinten die Tuschkauer, der Wurm sei feige. Jetzt wurden auch die Feigen beherzt und einer nach dem andern stach und schlug auf den Wurm los, welcher nach jedem Schlag bald hierhin flog, bald dorthin sprang. Plötzlich aber geschah etwas Furchtbares: eben hatte nämlich der Wurm wieder einen heftigen schräg geführten Schlag bekommen, da sprang er einem der Helden an den Hals und biss sich dort so fest, dass das Blut nur so aus der Wunde spritzte. In seiner Angst lief der Tuschkauer in den nahen Fluss, weil er hoffte, das Tier werde im Wasser von ihm lassen, aber es kam anders; mochte der Gebissene zu viel Blut verloren haben oder in eine zu tiefe Stelle geraten sein – man weiss es nicht, genug Bauer und Wurm kamen im Wasser um, also dass niemand mehr von ihnen etwas gesehen hat.


Die Tuschkauer kaufen eine Katze.

Die hier mitgeteilte Überlieferung berichtet, dass die Tuschkauer, welche nur polnisch sprechen, von einem Deutschen eine Katze kaufen und zwar gegen die Mäuseplage. Sie haben bei dem Kauf vergessen zu fragen, was die Katze frisst und laufen nun dem abziehenden Fremden nach. Dieser versteht die polnisch Redenden nicht und fragt: „Was?“ Was heisst aber polnisch „Euch.“ In ihrer Furcht greifen die Tuschkauer zu Knüppel und Forke, das Tier zu erschlagen oder zu erstechen und zünden endlich das Haus an, in welches die Katze geflüchtet ist. Das Feuer greift um sich, Tuschkau geht in Flammen auf.

Wir haben somit in allen wesentlichen Beziehungen in Tuschkau die Überlieferung der Mazuren, welche uns früher Heft 4, 5 – Sagen und Märchen aus Ostgalizien und der Bukowina – gebracht hat.


[427] Anmerkung. Wie in den Bemerkungen zu den Schwänken und Streichen des Till Eulenspiegel in Westpreussen, so erlaubt sich der Unterzeichnete auch hier die Bitte auszusprechen, den entsprechenden Schöpfungen des Volksgeistes in bezug auf das Sammeln derselben erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen und zwar

  1. nach Seite der Städte und Dörfer, deren Bewohner den Spott zu tragen haben – Herr A. Treichel zählt folgende Ortschaften ausser Tuschkau auf: Abdera. Chelbun. Damaskus. Baudry. Neuenburg. Beleschdorf. Schilda. Schöppenstädt. Krähwinkel. Teterow. Kremp. Büsam. Domnau. Mölln. Posemuckel. Meseritz. Tirschtiegel. Bomst. Schönlanke. Krojanke. Filehne. Zanow. Darsekow. Rummelsburg. Zelasen. Lauenburg. Kauernick. Gollub. Dobrogosz. (Gosch.) Bütow. – und hier ist stets der Versuch zu machen, festzustellen, ob Ortschaft und Umgebung früher dieselbe oder verschiedene Sprachen gehabt haben –
  2. nach Seite der Kulturverhältnisse, welche in den Streichen und Schwänken verspottet werden
    1. in bezug auf den Landbau und seine Geräte,
    2. in bezug auf das Handwerk, die Bauten u. s. w.

wie entsprechende Überlieferungen in den Schildbürgerstreichen hervortreten, sowie in den von mir gefundenen und veröffentlichten Wenden- und Žamaitenstreichen.

Schwänke und Streiche, welche sich mit dem Geschlechtlichen und Lüsternen abgeben, bitte ich mir nicht zu senden, ausser wo dieselben von besonderer Bedeutung sind, da sonst für Überlieferungen entsprechender Art die Κρυπτάδια da sind.

Edm. Veckenstedt.