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Kultur. Die Gestalt Japans, eines langgestreckten, vielgegliederten Inselreichs, ist wohl bekannt. Marokko erscheint dagegen an der nordwestlichen Ecke Afrikas abgerundet und schwer zugängig, wie der ganze Erdteil. Ein ansehnlicher Teil der Gebirge und isolierten Kuppen, ja selbst der Ackerkrume der Ebenen, bekundet gleich zahlreichen Solfataren und häufigen Erdbeben die weitverbreitete vulkanische Thätigkeit in Nippon, während deren Spuren in Marokko noch nicht beobachtet wurden. Jenes hat infolge reicher Niederschläge, zumal im Sommer, Wasser in Überfluß und eine üppige Vegetation mit einer Menge der verschiedenartigsten wertvollen Holzgewächse, während in Marokko das auf den Winter beschränkte bescheidene Regenmaß sich an mancherlei Erscheinungen erkennen läßt. Das Land nimmt eben Teil am Charakter der Mittelmeerregion, wie im Klima so in der Flora und Fauna und vielen seiner Erzeugnisse. Es weist dementsprechend vielerlei aromatische Kräuter, zumal Labiaten, mit Filz- oder Borstenbedeckung und starkbewehrte Sträucher, nirgends aber, außer bei künstlicher Bewässerung, tropische Fülle und holzreiche Wälder auf. Viehzucht ist in ihm hervorragender Erwerbs- und Nährquell, während dieselbe in Japan bisher nur untergeordnete Bedeutung hatte; Milch, Butter und Wolle gar nicht gewonnen und Fleisch nur wenig genossen wurde. In Marokko wechseln Berge mit Buschwald und Ebenen von steppenartigem oder Wüsten-Charakter mit weiten Strecken von größter Fruchtbarkeit ab; aber auch in diesen ist der Ackerbau vernachlässigt und erzeugt nicht viel über den Bedarf der dünnen Bevölkerung. In Nippon giebt es viele Gebirge mit Wald- und Ödland, das der gewohnten Kultur nicht fähig ist; aber die kleinen Ebenen, die Thalsohlen und ihre sanfteren Gehänge hat man mit der Sorgfalt und dem Geschick gelernter Gärtner bebaut und entlockt ihnen jahraus jahrein mehr als genügend Nahrung für die sehr dichte Bevölkerung.

Der mongolische Japaner besitzt nur selten eine stattliche, ansprechende Gestalt, während die Araber und Mauren Marokkos oft dem Typus kaukasischer Schönheit nahekommen, mit einem Ebenmaß und einer Gelenkigkeit des kräftigen Körpers, welche uns in hohem Grade gefallen. Aber in diesen schönen Menschen wohnt kein thätiger Geist; Ignoranz und religiöser Fanatismus beherrschen Jugend und Alter, und von Fortschritt, von nationaler Entwickelung zeigt sich keine Spur.

Wie ganz anders erscheint der unscheinbare Japaner, der Heide! Welche hervorragenden Leistungen weist er nicht auf, im Feld- und Gartenbau, in mancherlei Zweigen des Kunstgewerbes, welche Bildungsfähigkeit, welches Streben! Kaum wurde er in der Neuzeit mit den

Empfohlene Zitierweise:
Johannes Justus Rein: Über Marokko. Dietrich Reimer, Berlin 1887, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_Marokko.pdf/8&oldid=- (Version vom 1.8.2018)