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Liste.png Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus

Der zwoten Erklärung kann ich ebenfalls nicht beipflichten. Man sagt, ein Gespenst sey eine geistige Substanz, die mit Furcht und Schrecken empfunden wird. Man sagt, der Vater des Samsons hat die Gegenwart des Engels mit Furcht und Zittern empfunden. Wer wird aber einen erscheinenden Engel unter die Gespenster zählen? Was ist dann also ein Gespenst? die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, als man sich einbildet, und wir finden um so größere Beschwerniß, je mehr wir überzeuget sind, daß es keine Gespenster gebe. Wie sollen wir eine Sache erklären, die wir nicht für wirklich erkennen? Damit wir aber doch was sagen, obwohlen wir nichts eigentliches sagen können, und damit man doch wisse, mit was sich diese Abhandlung beschäftige, so sagen wir: ein Gespenst ist dasjenige, was die Menschen mit Angst und Entsetzen empfinden, ohne davon die nahe wirkende Ursache zu erkennen.


Ich will nicht läugnen, daß diese Erklärung die Gränzen einer vollkommenen Erklärung überschreite: mir ist genug, daß ich selbe auf alle Falle biegen, und anwenden könne. Einen wahren vollkommenen Begriff von einem Gespenste zu liefern, zu welchem sich in der besten Welt kein Urbild findet, deucht mir unmöglich zu seyn. Ich schmeichele mir dahero nicht ohne Grund, daß der Leser, der etwas höher sieht, und Vernunft mit Bescheidenheit


mit Gespenster zu vermischen? der Gebrauch zu reden, den ich auf meiner Seite zu haben vermeine, ist in diesem Umstande der Herr, der mir Gesetze vorschreibet, wie ich schreiben solle. Dem gemeinen Gebrauche nach ist es alles eins, ob man sage, es ist mir ein Gespenst, oder es ist mir ein Geist erschienen. Ich kann also vom Gebrauche nicht abgehen, und ich würde öfters nicht verstanden werden, wenn ich andere Begriffe, als der gemeine Brauch zu reden mit sich bringt, mit den Worten verbinden möchte.

Empfohlene Zitierweise:

Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus, Augsburg 1768, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Abhandlung_des_Daseyns_der_Gespenster.djvu/009&oldid=2831670 (Version vom 15.5.2016)