Seite:Abhandlung des Daseyns der Gespenster.djvu/096

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite wurde noch nicht korrekturgelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du auf dieser Seite.
Liste.png Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus

-6 §sr <> rsr) ner Fabel ähnlicher als einer Geschichte? Wer ist so blöde oder stumpf am Geiste, daß er dieß ohne unsere Erinnerung nicht stehet? Plinius selbst, so leichtgläubig er sonst wäre, schämet sich dieser Geschichte vollkommenen Glauben zu geben, und er setzet hinzu : Ich höre, es solle sich also zugetragen haben. Allein wer weis nicht, wenn eine Geschichte ein frostiges: Wie man sagt, Wie ich höre, begleite, ihre Glaubwürdigkeit an dem äuffersten Ranfte der Wahrheit stehen müsse?

n Eben so unwahrscheinlich ist die Geschichte, welche Plinius von den Gespenstern in weissen Röcken erzählet, welche den schlafenden Kindern zur Nachtszeit dieHaare abgeschnitten haben. Wären dem leichtgläubigen Plinius die Gesetze bekannt gewesen, nach welchen die Träume erkläret werden, so wurd er diese Gespenstergeschichte als eine solche seinen Büchern nicht eingetragen haben. Der Traum ist in Ansehung des Körpers ein solcher Zustand, daß im Schlafe die nicht genugsam gespannte Hirngefässen und die nicht sattsamm geschloffene Gliedmassen der Sinnen, der Seele Gelegenheit geben, die Einbildung zu regen, und wie bei dem Wachenden die Vorstellungen der Seele mit der Bewegung des Körpers, und diese mit jenen übereinstimmen, so geschiehet dieses auch im Schlafe. Wenn ich mich nicht irre, so ist es der gelehrte Arzt Junker, der erzählet, daß jemand seine Füße in die Bändlein, mit welchen der Ueberzug der Oberdecke zusammen geschnirret wäre, zufälliger Weis verwickelt, und daß es ihm träumte, wie er von jemanden bei den Füßen gebunden wurde, worüber er so entsetzlich geschrien, daß er so gar einige Blutgefässe zersprenget habe. Es kann also geschehen seyn, daß jemand aus Scherz oder aus anderer Ursache den schlafenden Kindern die Haare abgeschnitten, und daß daher durch die nicht genugsam gespannte Hirngefässe und die nicht sattsamm geschloffene Gliedmassen der Sinnen, der Seele Ge-

Empfohlene Zitierweise:

Andreas Ulrich Mayer, Gerard van Swieten: Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus. , Augsburg 1768, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Abhandlung_des_Daseyns_der_Gespenster.djvu/096&oldid=2866367 (Version vom 1.8.2016)