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Anatomie decken nicht immer die vorgefundenen Krankheitserscheinungen, da sie Veränderungen nachweisen, während die Klinik oft den Ausdruck von Relationen zu beurteilen hat. Manche „Fehldiagnosen“, manche Erfolglosigkeiten der Therapie wurzeln in diesen nicht völlig geklärten Beziehungen. Sicherlich kann auch eine vereinzelte Minderwertigkeit, zum Beispiel der Niere, in Erscheinung treten und ihre Symptomatologie schaffen auf Grund einer mechanischen oder sonstigen Korrelation der Organe. Vor allem ist dabei an konsekutive Erkrankungen des Herzens, der Haut, des Auges und des Verdauungstraktes zu denken, für deren Zusammenhang mit Nierenaffektionen die Pathologie genügende Belege bietet. Andrerseits aber muß hervorgehoben werden, daß manche dieser konsekutiven Erkrankungen Kompensationserscheinungen auf minderwertigem Boden oder „Reaktionserkrankungen“ in anderen minderwertigen Organen sind, wie der Fall L. Z. im Anhang beweist. Aus dem ganzen Ensemble der Minderwertigkeit drängt sich der Gedanke auf, daß normale Organe weniger durch Hypertrophie und mehr durch Hyperfunktion kompensieren. Je minderwertiger dagegen ein Organ gestaltet ist, je weniger seine funktionelle Ausbildung gelungen ist, um so eher wird es auf Reize allerlei Art mit Wachstumsüberschuß reagieren.

Von der Tatsache des Wachstumsüberschusses minderwertiger Organe bis zur Annahme der Entstehung der Neoplasmen in solchen ist nur ein Schritt. Dieser erscheint uns gerechtfertigt, wenn wir das familiäre Auftreten, die anamnestischen Details, ihr Auftreten an oder neben primär minderwertigen Organen gehörig ins Auge fassen. Ob für einzelne der Neubildungen Parasiten in Betracht kommen, muß ich dahingestellt sein lassen, halte aber ihre Rolle nicht für ausschlaggebend. Besonders die anamnestischen Daten sprechen für die Annahme, daß Neoplasmen nur in minderwertigen Organen entstehen. Ich konnte mich in meinen Fällen stets überzeugen, auch die Literatur bietet genug Belege, daß der Entwicklung des Karzinoms durch eine Reihe von Jahren funktionelle Störungen oder anderweitige Erkrankungen des Organes vorangehen, nicht selten solche neurotischer Natur. Die Auffassung eines ursächlichen Zusammenhanges von Lupus, chronischen Katarrhen, Entzündungen, Hämorrhagien oder Mikroorganismen mit der Entstehung eines Karzinoms läßt regelmäßig das kausale Moment unerwiesen. Nach unserer Auffassung charakterisieren sich alle diese vermeintlich „ätiologischen“ Affektionen in gleicher Weise wie das Neoplasma als Äußerungen der Minderwertigkeit des erkrankten Organes. Dasselbe gilt auch für die Entstehung von Neoplasmen aus Nävis,

Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1907, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerStudie.djvu/26&oldid=- (Version vom 31.7.2018)