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die Gegenpartei nicht auch anerkennen, dass es ein sehr rücksichtloses und freudiges Bekenntnis der Kirchenlehre geben könne?“ entgegnete Harleß sehr treffend auf dergleichen Erklärungsversuche.

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 Immerhin darf man sagen, Harleß ist auf einem sehr einfachen und doch höchst eigentümlichen, auf einem Wege, den irgendwie jeder betreten muss, der mit Recht den Namen eines Lutheraners trägt, und doch wider auf fast einzigartige Weise zu dem geworden, worin als letztem Grunde seine Bedeutung für Kirche und Theologie wurzelt. Das Christ- und Lutheraner-Werden fiel bei ihm zusammen. Er war als Christ bereits Lutheraner, one es zu wissen und wollte dann in seinem Luthertum nichts anderes als echtes, volles, evangelisches Christentum. Es waren nicht äußere Impulse, auch nicht die besonderen kirchlichen Gegensätze der Zeit, nicht der Gegensatz gegen Union und Vermittlungstheologie, nicht irgendwelche kirchenpolitische Motive, die auf Harleß’ Richtung nach ihrem Ursprung bestimmend einwirkten. Es war die unter den eingehendsten geschichtlich-kirchlichen Studien gereifte Erkenntnis, die aus Gottes Wort geschöpfte Erfarung, die in ihm feststanden, ehe er nur das Bekenntnis seiner Kirche kennen gelernt hatte, deren treue Spiegelbilder ihm aus den Bekenntnisschriften entgegentraten, als sie aufgeschlagen vor ihm lagen. Sie wirkten dann bestätigend, klärend und festigend auf ihn; sie zeigten ihm kirchliche Ban und Richtung. Harleß wurde als Einzelner denselben Weg gefürt, auf welchem im großen und ganzen das Bekenntnis unserer Kirche entstanden ist; aus tiefster Erfarung von Sünde und Gnade ist es geboren und die Blüte der vorausgegangenen kirchlichen Entwickelung will es sein. So auf rein innerem Wege, der freilich den tiefsten Kampf mit allen Gegnern des Christentums und der Kirche nicht aus-, sondern einschloss, wie er uns selbst sagt, am wenigsten bloß „mittels Verstandesoperation und äußerlicher Aneignung der Lehrformel“ wurde Harleß zum Luthertum gefürt. Gerade diese Fürung ziemte sich für den Erneuerer kirchlich-lutherischer Theologie. Was ihn an das lutherische Bekenntnis von nun an innerlichst band, war vor allem dessen Zentrum, die Lehre von der Rechtfertigung, welche der Mittelpunkt seines Christentums und damit seiner Theologie

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/83&oldid=3212343 (Version vom 31.7.2018)