Seite:Adolf von Stählin - Predigt über Röm. 12,12.pdf/13

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zieht durch seinen Geist das natürliche Leben der Völker in den Bereich der Erlösung und ruft neue Lebensgebilde zum Lobe seines Namens hervor. Er will aber nicht bloß auf uns, durch uns wirken; wir dürfen auch mit ihm, wir dürfen auf ihn, den Allerhöchsten, wirken; wir thun solches im Gebet. Im Gebet werden wir des Herzens unseres Gottes mächtig, einen wir uns mit dem göttlichen Macht- und Gnadenwillen. Im Gebet erheben wir uns zur Herrschaft über die Welt, zur Teilnahme an Christi Weltherrschaft in Wahrheit und Liebe. Das Gebet bildet eine Scheidewand zwischen denen, welche beten, und denen, welche nicht beten. Das Gebet macht auch einen gewaltigen Unterschied unter den Thaten, die auf dieser Erde geschehen. Die einen sind aus Glaube und Gebet geboren, oder haben doch Glaube und Gebet zum Hintergrund, die andern sind aus der gebetlosen Tiefe des ungebrochenen Menschenherzens, aus der Naturkraft des selbstischen, glaubenverlassenen Menschenwillens hervorgegangen. Gott benützt die Vollbringer auch solcher Thaten zu seinen Zwecken, wirft sie aber fort, nachdem er sie als blinde Werkzeuge gebraucht, und macht aus ihren Werken oft etwas ganz anderes, als was sie gewollt und erstrebt. Was aber aus Gebet und Glauben geboren, geht unmittelbar über in den Vollzug des göttlichen Ratschlusses und ist ein freier Beitrag für den Fortgang des göttlichen Reiches; was dieser reinen, von göttlichen Kräften bewegten Quelle entstammt, geht nicht unter im Strom der Zeit und überdauert die Flucht der Jahre. Was der betende Paulus geschaffen, ist ein Grundpfeiler der Kirche bis auf diese Stunde. Was Luther unter ungeheurem Kampf erstrebt, ward ihm zum Gebet; in schwerster Zeit hat er alle Tage drei Stunden zum Gebet verwendet. Das Evangelium, das der glaubende Luther in die Welt wieder hineinrief, das Evangelium, dem der betende Luther zum Siege verhalf, ist nicht untergegangen; kann, darf, wird nicht wieder untergehen.

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 Ich vergesse aber, Geliebte, die Mission nicht. Gewaltig bewegt dieser Gebetsgeist gerade die Mission. Wir können, im Herrn Geliebte, in der heiligen Schrift eine große Gebetsleiter verfolgen, an der die Mission emporsteigt, um eine weltbewegende Macht zu werden. Auf der ersten Stufe steht unser Herr, der Menschensohn, der Herabstieg aus der Höhe in die Tiefe, um Grund und Anfang in allem zu werden. Vor dem Anbruch des großen Tages, da er seine Apostel, die Friedensboten für die ganze Welt, erwählte, ging er auf einen Berg und betete und blieb über Nacht im Gebet bei seinem Vater (Ev. Luc. 6,12 ff.). Das Abendgebet unseres Heilands schmolz zusammen mit seinem Morgengebet, wo es galt, die Finsternisse des Heidentums niederzuringen und den Morgenaufgang eines neuen Lebens für die umnachtete Welt zu bereiten. Das Gebet begleitet weiter den Apostel Paulus auf allen Stufen seines großen Missionslebens. Als das Wort der Sendung an ihn ergangen, finden wir ihn betend in Damaskus (Apostelg. 9,11); als Paulus seine große apostolische Missionswanderung antrat, zog er aus unter dem Segen und der Macht gemeinsamen Gebets (Apostelg. 13,1-3). Als der erste bedeutende Missionserfolg erzielt war, ward derselbe unter Gebet dem Herrn befohlen