Seite:Album der Sächsischen Industrie Band 1.pdf/79

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Die Pulverfabrik von F. W. Steinbock bei Bautzen.
(Mit Abbildung.)


Die Erfindung des Schießpulvers, die Entdeckung seiner furchtbaren, zerstörenden Kräfte rief nach und nach einen gewaltigen Umschwung in dem Kriegswesen hervor; man fand den allein durch das Pulver ermöglichten Kampf aus der Ferne sicherer und vortheilhafter, als das frühere Gefecht Mann gegen Mann, und demnach verbreitete sich die Fabrikation des Pulvers, anfangs nur als zerstörendes Kriegsmaterial, bald überall hin, und gewann an Ausdehnung, als man endlich auch dessen Wichtigkeit zur erleichterten Ausübung mancher Gewerbe erkannte, wie in den Bergwerken und Steinbrüchen, und es hier anwendete. Die Gewalt des Pulvers macht es dem Bergmann, dem Steinbrecher, dem Ingenieur allein möglich, die ihn hindernden gewaltigen Felsenmassen in kürzester Zeit niederzustürzen. Auch in Sachsen faßte die Fabrikation des Pulvers bald festen Fuß und dürfte dieselbe mit zu den ältesten Zweigen seiner Industrie gehören.

Unter den jetzt bestehenden Pulverfabriken ist die von F. W. Steinbock bei Bautzen eine der ältesten, größten und renommirtesten.

Dieses Etablissement liegt ohngefähr eine Viertelstunde von dem uralten Bautzen entfernt, an der Spree, zwischen der Schleifmühle mit Spinnerei und der Mühle des Dorfes Oehna, und besteht aus

einem Gebäude zur Salpeterniederlage mit Salpeterraffinerie, Kohlenbrennapparat mit zwei Cylindern und einem Auskühler; einer Schwefelmühle mit Cylindersieb; acht Stampfwerken mit 144 Stampfen; zwei Körnmaschinen; zwei Polierhäusern; einem Trockenhaus; einem Packhaus; einem Magazin; Kohlenschuppen und Holzschuppen zu sechshundert Klaftern Holz und mit Schälraum; einem Wohnhaus und einem Lusthaus.

Das Etablissement producirt alle Sorten Jagd- und Scheibenpulver, sowie Musketenpulver, Sprengpulver. Mit einem Wort: Alles, was Pulver heißt. Diese Erzeugnisse sind auf eine solche Stufe der Vervollkommnung gebracht, daß sie das Cöllnische und Englische Pulver gänzlich verdrängt haben und nicht selten als englische Waare von Hamburg aus expedirt werden.

Der Absatz geht vorzüglich nach den Bergwerken in Ober-Schlesien und an Händler in Breslau, sowie überhaupt Preußen, und ist stets so flott, daß nie Pulver auf Lager bleibt.

Sämmtliche Werke und Mühlen des Etablissements werden durch sieben Wasserräder getrieben. Das angestellte Personal besteht im Ganzen aus zwanzig Leuten, von denen acht wirkliche Fabrikarbeiter und drei Hilfsarbeiter sind. Der technische Disponent, Herr T. Mark, ist zugleich Associé des Geschäfts.

Besitzer des Etablissements sind Herr Gustav Steinbock und seit dem 1. Januar 1856 der schon erwähnte Herr T. Mark.

Das Jahr der Errichtung dieser Fabrik ist gänzlich unbekannt; man weiß nur, daß sie früher stets Eigenthum der Stadt Bautzen war. Ebenso ungewiß ist es, ob sich diese Fabrik immer auf der Stelle befand, welche sie jetzt einnimmt. Der Sage nach stand die erste Pulvermühle vor fast drei hundert Jahren einige tausend Schritt abwärts von der jetzigen, an dem Wege nach dem Dorfe Oehna, wo man noch Trümmer des von der Zeit zerstörten Wehrs und einige Spuren von den Gebäuden und dem Mühlgraben bemerkt; die nahen Anhöhen haben von daher vermuthlich ihre Namen: die Pulverberge. Diese Mühle flog wahrscheinlich in die Luft und wurde späterhin verlegt. Es bestand später noch eine zweite Fabrik, oberhalb Preischwitz, welche sich in Privathänden befand, 1704 aber für 131 Thaler 16 Groschen von dem Rath angekauft wurde. 1730 flog dieselbe in die Luft und blieb in Ruinen liegen.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 71. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/79&oldid=- (Version vom 7.1.2019)