Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/77

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Alles das verlieh dem Landschaftsbilde einen eigenen Reiz. Der See soll bis 4 Faden tief und fischreich sein; ein vom Pächter des Gutes gefangener Hecht habe 22 Pfund gewogen.

17. Juli. Der Lehrer führte mich mit seinem Gefährt weiter. Die Gegend blieb bergig. Links lag das Teufelstal, wo der böse Gesell dazumal geschlafen haben sollte. Überall Lehmboden. In einem grünen Tale, wo einst ein Flüßchen zum Selgerbenschen See geflossen, jetzt aber nur ein kleines Bächlein zu sehen war, lag das Mühlengesinde. Von der Mühle war schon längst keine Spur mehr vorhanden. Als wir wieder bergan fuhren, waren überall Wiesen und Felder zu sehen. Oben auf dem Berge lag der wohlgepflegte Friedhof von Livenhоf. Er war mit einem großen Eingangstore versehen, über dem eine Glocke hing. Ein Gang in der Mitte teilte ihn in zwei Hälften: einen lutherischen und einen katholischen. (In Livenhof soll es noch gegen 100 Katho­liken geben.) Friedlich ruhten hier Gläubige und Ketzer beisammen. Nun führte der Weg bergab, vorüber am katholischen Pfarrhofe und Schulhaufe, wie auch der Kirche. Einige Werst weiter lag hinter Wäldern das fürstlich Livensche Schloß Senten, ein sehr großes Gebäude. Ein merkwürdig kleiner, dicker Kastellan führte uns in seinen Räumen, wo es viel zu sehen gab, umher. Mächtige Säulen schmückten die Veranda an der Partseite. Schöne Blumen und Gewächse in großen Behältern erfreuten dort das Auge. Im großen Saale hätten, nach der Aussage unseres Führers, früher, als der vor 7 ober 8 Jahren verstorbene alte Fürst seine Silberhochzeit gefeiert, Spiegel die Wände gebildet. Die derzeitigen Besitzer wohnten in Fockenhof und Kabillen. Bekanntlich führen die Livens nach einer alten Überlieferung ihr Geschlecht auf den Livenkönig Kaupo zu­rück. Daher habe der alte Fürst zuweilen im Gespräche mit seinen Leuten gesagt: „Ich bin ja auch eures Stammes.“ Eines alten mit Leder bezogenen Stuhles, der uns auf dem

Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/77&oldid=- (Version vom 3.2.2019)