Seite:Busoni Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst 1916.pdf/34

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blieb stecken, sobald der Knoten in ihr entstand, der nur mit Inspiration zu lösen war. Zwar löste Wagner ihn schließlich, wenn es ihm gelang, die Routine beiseite zu lassen; hätte er aber wirklich keine besessen, so hätte er es ohne Bitterkeit behauptet.

Immerhin drückt sich in dem Wagnerschen Briefsatz die richtige künstlerische Verachtung für die Routine aus, insofern als er diese ihn niedrig dünkende Eigenschaft sich selbst abspricht und vorbeugt, daß andere sie ihm zuerkennen. Er lobt sich selbst damit und gebärdet sich ironisch-verzweifelt. Er ist tatsächlich unglücklich, daß die Komposition stockt, tröstet sich aber reichlich mit dem Bewußtsein, daß sein Genie über der billigen Handhabung der Routine steht; zugleich kehrt er den Bescheidenen hervor, indem er schmerzlich eingesteht, eine allgemein geschätzte und dem Handwerk zugehörige Könnerschaft nicht sich angeeignet zu haben.

Der Satz ist ein Meisterstück der instinktiven Schlauheit des Erhaltungstriebes – beweist uns aber (und das ist unser Ziel) die Geringheit der Routine im Schaffen.


So eng geworden ist unser Tonkreis, so stereotyp seine Ausdrucksform, daß es zurzeit nicht ein bekanntes Motiv gibt, auf das nicht ein anderes bekanntes Motiv paßte, so daß es zu gleicher Zeit mit dem ersten gespielt werden könnte. Um nicht mich hier in Spielereien zu verlieren,[1] enthalte ich mich jedes Beispiels.

  1. Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem Freunde, um scherzeshalber festzustellen, wie viele von den verbreiteten Musikstücken nach dem Schema des zweiten Themas im Adagio der Neunten Symphonie[WS 1] gebildet waren. In wenigen Augenblicken hatten wir an fünfzehn Analogien der verschiedensten Gattung beisammen, darunter welche [34] niederster Kunst. Und Beethoven selbst. Ist das Thema des Finale der „fünften“ [WS 2] ein anderes als jenes, womit die „zweite“[WS 3] ihr Allegro ansagt? Und als das Hauptmotiv des dritten Klavierkonzerts,[WS 4] diesmal in Moll? –
  1. Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr.9 op.125 d-moll (1824), 3. Satz Adagio molto e cantabile.
  2. Sinfonie Nr.5 op.67 c-moll (1807-1808), 4. Satz Finale. Allegro.
  3. Sinfonie Nr.2 op.36 D-Dur (1801-1802), 4. Satz Allegro molto.
  4. Klavierkonzert Nr.3 op.37 c-moll (1800)