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angestellt worden sind[1] beträchtlich die Männer an Zahl überwiegen.

Es scheint auf den ersten Blick eine mysteriöse Thatsache zu sein, dass bei verschiedenen Nationen unter verschiedenen Bedingungen und Climaten, in Neapel, Preussen, Westphalen, Holland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten der Ueberschuss der männlichen über die weiblichen Geburten geringer ist, wenn sie unehelich als wenn sie ehelich sind.[2] Dies ist von verschiedenen Schriftstellern auf vielerlei verschiedene Weise erklärt worden, so aus der gewöhnlich grossen Jugend der Mutter, aus den verhältnissmässig zahlreichen Erstgeburten u. s. w. Wir haben aber gesehen, dass Knaben wegen der bedeutenden Grösse ihres Kopfes mehr als weibliche Kinder während der Geburt leiden; und da die Mütter unehelicher Kinder mehr als andere Frauen aus verschiedenen Ursachen (so in Folge der Versuche der Verheimlichung durch starkes Schnüren, harter Arbeit, gestörten Gemüthes u. s. w.) schwierige Geburten haben werden, so werden die männlichen Kinder im Verhältniss darunter leiden. Wahrscheinlich ist dies die wirksamste von allen Ursachen davon, dass bei unehelichen Geburten das Verhältniss der lebendig gebornen Knaben zu den Mädchen geringer ist als bei ehelichen Geburten. Bei den meisten Thieren ist nun die bedeutendere Grösse der erwachsenen Männchen im Vergleich zu den Weibchen eine Folge davon, dass die stärkeren Männchen während der Kämpfe um den Besitz der Weibchen die schwächeren besiegt haben; und ohne Zweifel ist es eine Folge dieser Thatsache, dass die beiden Geschlechter wenigstens mancher Thiere bei der Geburt an Grösse verschieden sind. Es stellt sich hiernach die merkwürdige Thatsache heraus, dass wir die häufigeren Todesfälle männlicher als weiblicher Kinder, besonders unehelicher, wenigstens zum Theil der geschlechtlichen Zuchtwahl zuschreiben können.

Es ist oft vermuthet worden, dass das relative Alter der Eltern das Geschlecht der Nachkommen bestimme; und Prof. Leuckart[3] hat,


  1. Bei den wilden Guaranys von Paraguay stehen die Weiber nach den Angaben des sorgfältigen Azara (Voyages dans l’Amérique méridionale. Tom. II. 1809, p. 60, 179) zu den Männern im Verhältniss von 14:13.
  2. Babbage, Edinburgh Journal of Science, 1829, Vol. I, p. 88; auch p. 90 über todtgeborene Kinder. Ueber uneheliche Kinder in England s. Report of Registrar General for 1866, p. XV.
  3. Leuckart in: Wagner’s Handwörterbuch der Physiologie, Bd. 4. 1853,
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, I. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Seite 321. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch1.djvu/335&oldid=- (Version vom 31.7.2018)