Seite:DarwinAusdruck.djvu/211

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Sympathie mit der Noth Anderer reichlicher Thränen erregt als unsere eigene Trübsal. Und dies ist sicherlich der Fall. Bei dem Leiden eines geliebten Freundes hat so mancher Mann Thränen vergossen, aus dessen Augen keines seiner eigenen Leiden eine Thräne auspressen würde. Es ist noch merkwürdiger, daß Sympathie mit dem Glücke oder der glücklichen Lage derjenigen, welche wir zärtlich lieben; zu demselben Resultate führt, während ein ähnliches von uns selbst empfundenes Glück unsere Augen trocken läßt. Wir müssen indessen im Auge behalten, daß die lang andauernde Gewohnheit der Zurückhaltung, welche in Bezug auf das Hemmen des reichlichen Thränenflusses in Folge körperlicher Schmerzen so wirkungsvoll ist, zu der Verhütung eines mäßigen Ergusses von Thränen aus Sympathie mit dem Leiden oder dem Unglücke Anderer nicht in's Spiel gebracht worden ist.

Die Musik hat eine wunderbare Kraft, wie ich an einem andern Orte zu zeigen versucht habe,[1] in einer unbestimmten und vagen Art und Weise die starken Gemüthserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden, wo, wie es wahrscheinlich ist, unsere frühen Urerzeuger einander mit Hülfe durch ihre Stimme erzeugter Töne umwarben. Und da mehrere unserer stärksten Gemüthserregungen — Kummer, große Freude, Liebe, Sympathie — zur reichlichen Absonderung von Thränen führen, so ist es nicht überraschend, daß die Musik gleichfalls geneigt ist, unsere Augen mit Thränen zu füllen, besonders wenn wir bereits durch irgend eine der zarteren Empfindungen erweicht sind. Musik bringt auch häufig noch eine andere eigenthümliche Wirkung hervor. Wir wissen, daß jede starke Empfindung, Gemüthsbewegung oder Erregung — wie äußerster Schmerz, Wuth, Schrecken, Freude oder die Leidenschaft der Liebe — sämmtlich eine besondere Neigung haben, die Muskeln erzittern zu machen; und der eigenthümliche Zug oder leichte Schauer, welcher bei vielen Personen den Rücken und die Gliedmaßen hinabfährt, wenn sie durch Musik mächtig ergriffen werden, scheint in demselben Verhältnisse zu dem eben erwähnten Erzittern des Körpers zu stehen, in dem eine leichte Thränenabsonderung in Folge der Macht der Musik zu dem Weinen aus irgend einer starken und wirklichen Gemüthsbewegung steht.


  1. Die Abstammung des Menschen, 3. Aufl., Bd. II. S. 315.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 199. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/211&oldid=- (Version vom 31.7.2018)