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Bewegungen und Geberden, welche das Erröthen begleiten. — Bei einem scharfen Gefühle der Scham ist auch ein starkes Verlangen nach Verbergen vorhanden.[1] Wir wenden den ganzen Körper und ganz besonders das Gesicht weg, welches wir in irgend einer Art zu verbergen suchen. Eine sich schämende Person kann es kaum ertragen, den Blicken der Anwesenden zu begegnen, so daß sie beinahe unabänderlich die Augen niederschlägt oder von der Seite in die Höhe sieht. Da allgemein in derselben Zeit auch ein starkes Verlangen vorhanden ist, die Erscheinung der Scham zu vermeiden, so wird ein vergeblicher Versuch gemacht, direct die Person anzusehen, welche dies Gefühl verursacht; und der Gegensatz zwischen diesen beiden entgegengesetzten Neigungen führt zu verschiedenen unruhigen Bewegungen der Augen. Ich habe bemerkt, wie zwei Damen beim Erröthen, was sie außerordentlich gern thaten, einen dem Anscheine nach äußerst merkwürdigen Zug sich angewöhnt hatten, nämlich unablässig mit den Augenlidern mit außerordentlicher Geschwindigkeit zu blinken. Ein intensives Erröthen wird zuweilen von einem leichten Thränenergusse begleitet,[2] und ich vermuthe, daß dies eine Folge davon ist, daß die Thränendrüsen an dem vermehrten Blutzuflusse theilnehmen, welcher, wie wir wissen, in die Haargefäße der benachbarten Theile mit Einschluß der Netzhaut einströmt.

Viele Schriftsteller, sowohl alte als neuere, haben die vorstehend erwähnten Bewegungen bemerkt, und es ist bereits gezeigt worden, daß die Ureinwohner verschiedener Theile der Erde häufig ihre Scham durch das Abwärts- oder Seitwärtsblicken, oder durch unruhige Bewegung ihrer Augen ausdrücken. Esra ruft aus, Cap. 9, Vers 6: „Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu Dir, mein Gott!“ Im Jesaias (Cap. 50, Vers 6) finden wir die Worte: „mein Angesicht verbarg ich nicht vor Scham und Speichel.“


  1. Mr. Wedgwood sagt (Diction. of English Etymology, Vol. III, 1865, p. 155), daß das Wort Scham (shame) „wohl in der Idee des Schattens oder Verborgenseins seinen Ursprung finden und durch das deutsche Schemen, Schatten, erläutert werden dürfte.“ Gratiolet (De la Physionomie, p. 357—362) hat eine gute Erörterung der die Scham begleitenden Geberden gegeben; einige dieser Bemerkungen aber erscheinen mir doch ziemlich phantastisch. Siehe auch Burgess (a. a. O. p. 69) über denselben Gegenstand.
  2. Burgess a. a. O. p. 181, 182. Auch Boerhaave (citirt von Gratiolet, a. a. O. p. 361) erwähnt die Neigung zur Thränenabsonderung beim Erröthen. Wie wir gesehen haben, spricht Mr. Bulmer von den „wässrigen Augen“ der Kinder der australischen Eingebornen, wenn sie sich schämen.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 294. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/314&oldid=- (Version vom 31.7.2018)