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Karl Pauli: Das Tuch. In: Das Buch für Alle, 44. Jahrgang, Heft 13, S. 290–292, 294

Das Tuch.
Erzählung von Karl Pauli.
(Nachdruck verboten.)

Es war ganz still in dem überheizten Zimmer, nur eine Uhr tickte, ein Rotkehlchen, das in einem Bauer am Fenster hing, stieß zuweilen einen leisen, piependen Ton aus, wenn es von Stange zu Stange seines Käfigs sprang, und mitunter knirschte ein kratzender Ton durch die Stille, welcher von einer Stahlfeder herrührte, die eine ungeübte Kinderhand mühsam über das Papier führte.

Der auf der Ofenbank sitzende Mann hatte die Augen halb geschlossen und starrte schläfrig vor sich nieder; der etwa neunjährige Knabe, der an dem rotgestrichenen Tisch saß und Schularbeiten machte, hockte ganz schief auf seinem Stuhl, mit dem Kopf beinahe die Tischplatte berührend, und malte mit ungeschickter Hand Buchstaben in ein Schreibheft.

Der Mann auf der Ofenbank hob endlich den Blick und ließ ihn im Zimmer umherschweifen, einmal, zweimal sah er sich der Reihe nach um, dann sank er, ein halb verächtliches, halb resigniertes Lächeln auf den Lippen, wieder in seine vorige Stellung zurück.

Viel war es freilich nicht, an dem er sein Auge weiden konnte, der Möbelvorrat des Zimmers war mit einer längs der Wand hinlaufenden Bank, einer ebensolchen um zwei Seiten des Ofens, einem viereckigen Tisch, zwei Stühlen, alles rot gestrichen, erschöpft. Als Zimmerschmuck konnte man das Vogelbauer rechnen und ein Bild, das an der Wand neben dem Ofen hing, einen Dragoner auf wild sich bäumendem Pferde darstellend, der mit geschwungenem Säbel gegen einen nicht sichtbaren Feind anstürmte. Das Pferd und der Reiter waren Farbendruck, das Gesicht des Dragoners aber, aus einer Photographie ausgeschnitten, zeigte einen so friedlichen Ausdruck und wendete sich so entschieden von der Richtung des Rittes, also auch von dem Feinde ab, daß der Gesamteindruck mehr komisch als kriegerisch wirkte. Endlich konnte man etwa noch eine riesengroße Wanduhr mit mächtigen Gewichten und großen Zahlen, einen sogenannten Seger oder Seiger, als Zimmerschmuck betrachten.

Trotz dieser Einfachheit war das verächtliche Lächeln des Mannes auf der Ofenbank nicht am Platze. War die Einrichtung auch einfach, ärmlich sogar, so unterschied sie sich doch durchaus nicht von der anderer Hütten und Häuser im ganzen Gebirge. So wie hier sah es in allen Stuben aus, wohin man auch kommen mochte, selbst bei den wohlhabenden Bauern; höchstens daß da ein gepolsterter Großvaterstuhl in der „Hölle“, wie der Platz zwischen dem Ofen und der Wand genannt wurde, stand. Was brauchte man auch sonst für Bequemlichkeiten? Für das Sitzen waren die Bänke längs der Wand und die Ofenbank da, und liegen konnte man im Bett oder im Heu draußen.

Nun, daraufhin hatte auch der Mann auf der Ofenbank, der Steinbrucharbeiter Seibt, sein Hab und Gut nicht abtaxiert. Wie wäre er auch dazu gekommen? Nein, wenn man sein Eigentum abschätzt, muß man seinen Wert gegen einen Gegenwert abwägen, und bei dieser Musterung des Mobiliars sah Seibt ein, daß er darauf bei Tilgung seiner Schulden nicht rechnen konnte.

Das war alles zusammen keine dreißig Mark wert.

Ja – Seibt hatte Schulden! Als er vor drei Jahren den alten Steinbruch über der Halde pachtete, da glaubte er, bald nicht mehr in Not und Sorge zu sitzen, sondern ein hübsches Sümmchen erübrigt zu haben. Aber es war anders gekommen, er hatte sich getäuscht, der Bruch war erschöpft gewesen, die Steine, die noch nach einer Schicht vorgelagerter gekommen waren, hatten sich als brüchig und minderwertig erwiesen. So hatte er nicht nur sein mühsam erspartes Kapital drangeben müssen, sondern hatte noch Schulden obendrein gemacht, die er jetzt, wo er wieder im Taglohn arbeitete, von seinen paar Groschen abzahlen sollte und auch zahlte. Es wäre schließlich auch noch gegangen, wenn nicht sein Hauptgläubiger, der alte Kretschmer, plötzlich gestorben, und der Erbregulierung wegen jetzt die Restschuld auf einmal von ihm verlangt worden wäre. Seibt weigerte sich zu zahlen und pochte auf sein Recht. Er könne das Geld wiedergeben, wann es ihm passe. Die Folge davon war natürlich eine Klage, in der Seibt, da über die verabredete Rückzahlung nichts Schriftliches vorhanden war, zur Zahlung verurteilt wurde.

Das war schon eine ganze Weile her, jeden Tag konnte der Gerichtsvollzieher kommen und pfänden. Was sollte der aber hier pfänden? Da ging‘s dann eben ans Häusel, des Mannes ganzen Stolz, da

Empfohlene Zitierweise:
Karl Pauli: Das Tuch. In: Das Buch für Alle, 44. Jahrgang, Heft 13, S. 290–292, 294. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1909, Seite 290. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tuch.pdf/2&oldid=- (Version vom 31.7.2018)