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in mir schlummerte, sie Ihnen doch noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise zuflüstern zu können!

Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten. Lautlos trat meine filzbesohlte Amah in das Zimmer. Ihr schwarzes Haar war glatt zurückgestrichen und am Hinterkopf künstlich zu einem Horn gedreht. Sie trug jahraus, jahrein lange indigoblaue Baumwollgewänder; Winters waren sie dick wattiert und mit zunehmendem Froste zog die Amah eines über das andere, bis daß sie wie eine Tonne aussah und ihre Arme wie riesige Würste von ihr abstanden. Sommers dagegen, wenn all die wattierten Mäntel auf dem Pfandhaus ruhten, erschien sie ganz schlank. Die Amah war Christin und in der Klosterschule des Petang von den französischen Nonnen erzogen. Sie hatte dort einige Worte Französisch aufgeschnappt, was den Verkehr entschieden erleichterte, wenn man erst mit ihr übereingekommen war, was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich bedeuten sollte.

An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir: »Joli Monsieur hat ein Geschenk für Madame geschickt.« Wer Geschenke machte war nach der Amahs französischem Sprachgebrauch immer joli; sie urteilte offenbar nach dem Grundsatz »handsome is who handsome does.« In den

Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 216. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/217&oldid=2801110 (Version vom 11.5.2016)