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schmalen gelblichen Händen hielt sie eine grüne Nephrit-Schale, die mit rosa Magnoliablüten gefüllt war.

Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte.

Ich beugte mich über die Blüten und wie ich ihren süßen Duft einsog, überkam mich ein seltsames Gefühl des Schonerlebten. Es war mir, als träume ich, als müsse ich nun handeln, wie es mir eine geheimnisvolle, unsichtbare Macht eingab. Mechanisch ergriff ich einen der braunen Zweige, an dem zwischen gelben, pelzigen Schutzblättchen zwei schöne rosa Knospen sich öffneten. Mechanisch trat ich vor den ziemlich blinden, zersprungenen Hotelspiegel und, wie fremdem Willen gehorchend, hob ich den Blütenzweig über mir in die Höhe, schlang eine Strähne meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte sie so auf meinem Kopfe.

Im Augenblick aber, als ich dies getan und mich vorbeugte, um besser in dem blinden Spiegel zu sehen, verschwanden plötzlich die Wände des kleinen Hotelzimmers und mit ihnen die Möbel, die Amah und alles, was noch vor einer Sekunde um mich gestanden hatte. Ich selbst war verschwunden und doch sah ich.

Ich sah ein spiegelglattes Meer, über dem der wolkenlose Himmel in endlosen Höhen blaute.

Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 217. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/218&oldid=3239064 (Version vom 31.7.2018)