Seite:De Briefe die ihn nicht erreichten Heyking Elisabeth von.djvu/87

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand anmerkt, daß sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem Straßengewühl durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, daß, wenn ich tot umfiele, ich in eine kalte, graue Morgue gebracht würde, und niemand wüßte, wer ich bin, da sehne ich mich oft nach der Stadt, wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof standen, als ich abreiste, und mir nachwinkten.

Das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter der eigenen Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens, seitdem uns die Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward. Leute früherer Epochen kannten diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht; sie müssen zufriedener gewesen sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab zu allem übrigen vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen Giebeln wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrübt wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja nichts

Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/87&oldid=- (Version vom 31.7.2018)