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Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel beantwortete.

Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt. Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte.

Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich, daß die Dame die Gattin eines Generals war.

Empfohlene Zitierweise:
Max Dauthendey: Geschichten aus den vier Winden. Albert Langen, München 1915, Seite 298. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu/299&oldid=3248550 (Version vom 31.7.2018)