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mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen, von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war.

Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden.

Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen, Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen des

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Max Dauthendey: Geschichten aus den vier Winden. Albert Langen, München 1915, Seite 320. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu/321&oldid=3248576 (Version vom 31.7.2018)