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Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft –“

Wütend erhob sich der Onkel: „Nun hab ich die Komödie satt, scher dich zum Teufel.“

Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.

“Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!“ schrie sie, „der Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, – alle bösen Geister gehen um, – im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf – die alte Maruschken geht – das liebe Herrgottche suchen –“

Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte sie hinab – sie wandte den Kopf nicht mehr – sie war jetzt ganz klein und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, – bei Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen, ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.

Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten, einsilbigen Menschen

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 239. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/241&oldid=- (Version vom 31.7.2018)