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wenn sie dabei eine Verlobung wittern,“ heißt es in einem Brief an Mathilde. „Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!“

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine „Haberei“ energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama über mich sprach.

„Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte Schraube werden,“ sagte er. „Oder willst du am Ende nicht heiraten?“ Damit wandte er sich an mich.

„Gewiß will ich – sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!“ lachte ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: „Du weißt, daß ich dich nicht zwingen werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel glücklicher, wenn sie nicht heiratet.“

„Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!“ warf Onkel Walter ärgerlich dazwischen. „Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten, oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen. Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, – das allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.“

Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch:

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 246. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/248&oldid=- (Version vom 31.7.2018)