Seite:De Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre (Braun).djvu/252

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heiß in die Stirn – „meinen Namen, mein Vermögen und – meine Liebe.“ Wieder eine lange Pause – ich brachte keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. „Ich will keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?“

„Nein!“ entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand. „Dann will ich warten, und – hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise morgen früh – in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn – wenn Sie für mich entschieden haben; – ists recht so?“

„Ja,“ war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, – ein Blick so voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen hörte.

Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien. Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie über ein Rechenexempel? Wenn mein

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 250. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/252&oldid=- (Version vom 31.7.2018)