Seite:De Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre (Braun).djvu/374

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der Notleidenden arrangiert, und ich, deren Karnevalsverse in Erinnerung geblieben waren, sollte einen Prolog dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer, ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und als ich am Tage der Aufführung im schwarzem Trauerkleid auf hohem Podium stand, eine stumme dunkle Menge vor mir, und fühlte, wie meine Stimme den Saal erfüllte, – da war mirs, als sprengte mein eigenes klopfendes Herz die Eisenreifen, die es umschnürt hatten. Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach man mir, nachdem die einen mir stumm die Hand geschüttelt, die anderen, voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besaß ich die Macht, die Menschen zu erschüttern, sie zum Großen und Guten aus ihrer Stumpfheit aufzurütteln? Eröffnete sich hier irgend ein Weg für mich, auf dem ich endlich, endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? „O daß ich die Kräfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten einsetzen dürfte, die durch die Wüste der Welt neue Wege bahnen!“ schrieb ich noch in der Nacht darnach an meine Kusine.

Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend Exemplaren verkauft. Aber dem Hochgefühl folgte bald die Ernüchterung. Ein Tropfen auf den heißen Stein war, was ich für die Überschwemmten erreicht hatte; in die Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurück; in das Alltagsleben mußte ich aufs neue. Ich befand mich in einer förmlichen Krisis, die mich schüttelte wie ein Fieber, mir allen Schlaf und alle Selbstbeherrschung raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug, warum ich so stumm und stocksteif dasäße, antwortete ich mit einer Leidenschaft, die sich nicht mehr zurückdämmen

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 372. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/374&oldid=- (Version vom 31.7.2018)