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Die Trauernde schwieg. Aus einer fernen Tempelhalle erschollen dumpf die ersten gleichmäßigen Schläge der großen Tempelglocke, die Stunde des Abendkultes kündend.

Aber die Frau mit den tragischen Zügen starrte aus düster umschatteten Augen in die Ferne und leise wiederholte sie: »Dem Glück in Dankbarkeit die Hände entgegenstrecken und es willkommen heißen? … Ach, wie hab’ ich mich einst gesehnt, das auch einmal zu tun! … Aber dann … dann … ja, wie konnte es nur geschehen, daß ich es nicht mehr durfte? Wie war es denn möglich?«

Laut hinhallend dröhnte jetzt die Tempelglocke, und es klang wie Klage und Anklage vereint. Einer Seherin gleich, vor der eine Vision aufsteigt, beugte die fremde Frau sich vor, ins Leere blickend. Und langsam begann sie zu sprechen, suchend, als besänne sie sich erst allmählich auf eine alte Mär, als sei die ganze Welt um sie her versunken, und sie rede allein zu sich selbst.

»Geschmückt hatt’ ich mein kleines Haus mit vielen Frühlingszweigen, geschmückt mich selbst mit Blumen im Haar. Das Herz voll Hoffnung und Zuversicht, so harrte ich froh auf den Gast, der mir der sicherste dünkte: das Glück. Und niemand sollte drum Leides geschehen, so fröhlich wie ich wollt’ ich gern jeden sehen. Denn ich

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Elisabeth von Heyking: Weberin Schuld. G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1921, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Weberin_Schuld_Heyking_Elisabeth_von.djvu/124&oldid=- (Version vom 31.7.2018)