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undurchdringliche Finsternis gehüllt, als ich auch schon ein vorher beiseite geschafftes wertloses Messer meinem Vater in die Hand drückte und ihm bedeutete, meine Fesseln zu zerschneiden, die meinen Armen immerhin einigen Spielraum gaben, da ich soeben meine Mahlzeit erhalten hatte: zähes Hammelfleisch und halbgaren Reis.

Mein Vater tat rein mechanisch, was ich verlangte. Kaum waren meine Glieder frei, als ich ihn mitfortzog und nach der Stelle hineilte, wo die Dromedare lagerten. Sie waren bereits gesattelt, und im Nu hatte ich die beiden besten Reittiere zum Aufstehen gebracht.

Inzwischen war aber der Staubwolke sowohl die für den Samum bezeichnende Glutwelle als auch jene Reihe von Sandwirbeln gefolgt, die im Augenblick die Kehle völlig austrocknen, Nase, Mund, Ohren und Augen mit den feinen Körnchen füllen und einen furchtbaren Hustenreiz hervorrufen.

Gewiß – diese Flucht damals war mehr als ein tollkühnes Wagnis! Aber – – sie gelang. Gottes schützende Hand war über uns. Kaum hatten wir auf den wie rasend dahinstürmenden Tieren einige hundert Meter zurückgelegt, als wir – eine glückliche Fügung! – aus dem Sturmzentrum heraus waren. Trotzdem ging’s in demselben Tempo weiter. Mit geschlossenen Augen, verstopften Ohren, blutenden, von der Hitze aufgesprungenen Lippen rasten wir über die Sandhügel dahin, indem wir die Dromedare laufen ließen, wohin sie wollten.

Der Samum war nach einer Stunde vorüber. Ich wußte, daß unsere Spuren längst verweht waren und daß wir es wagen durften, uns einige Zeit auszuruhen.

In einem alten, steinigen, längst ausgetrockneten Flußbett machten wir halt. Jetzt, als die furchtbare Nervenanspannung bei mir nachließ, versagte der Körper mir den Dienst: ich wurde ohnmächtig.




Empfohlene Zitierweise:
W. Belka: Der Gespensterlöwe. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1916, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_Gespensterl%C3%B6we.pdf/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)