Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/606

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hat sich in erfreulichem Maße erfüllt, und so bedauerlich die heutigen Streitigkeiten innerhalb des Katholizismus an sich auch sein mögen, so sind sie andererseits doch ein Beweis dafür, daß das konfessionell Trennende nicht mehr die Bedeutung hat wie früher, und daß die natürlichen Unterschiede der politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte wieder zur Geltung kommen. Für den katholischen Volksteil selbst sind jene wieder erwachenden inneren Gegensätze ein Zeichen gesteigerter Kraft und größerer oder geringerer Freiheit von äußerem Drucke. Denn wo solcher besteht, wirkt er immer einigend auf die Betroffenen. Der hochsinnige Herrscher, dessen gerechte und konziliante Kirchenpolitik die Hoffnung auf Verständigung geweckt und ihre Verwirklichung ermöglicht hat, kann mit dem Erfolge zufrieden sein, mag auch noch mancher andere Wunsch der Erfüllung harren. Das bisher Erreichte eröffnet frohe Aussichten auf weiteres. Auch sonst war es ein erfreuliches Symptom für den nüchternen, unbefangenen Sinn der katholischen Presse und wird ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Kölnischen Volkszeitung bleiben, daß sie ebenso dem schmählichen Vaughan- und Taxilschwindel entgegentrat, zu einer Zeit, da andere noch in der Freude über die Enthüllung freimaurerischer Verworfenheit schwelgten, wie sie in der Dreyfusaffäre, entgegen den Deklamationen französischer „katholischer“ Blätter, den Standpunkt des Rechts vertrat.

Wissenschaft.

III. Ein Gradmesser für den inneren Gehalt eines Volkes oder eines Volksteiles und bestimmend für das Maß seines Einflusses auf die Zeitgenossen ist der Stand der Wissenschaft. Von dieser Wahrheit war man auf katholischer Seite nicht immer überzeugt. Zumal in und nach dem Kulturkampf glaubten viele die geistige Nacht des Katholizismus in Deutschland garantiert durch die politische des Zentrums; über die Wissenschaft und ihre Vertreter dachte man nicht sehr hoch, wie denn ein Redner auf dem Katholikentag in Dortmund noch 1896 es für einen Fortschritt betrachtete, daß die „Gelehrten und Theologen“ (so!) auf diesen Versammlungen nicht mehr die Rolle spielten, wie in ihrer ersten Zeit. Auch heute noch erfreuen sich vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, politische und soziale Fragen des Interesses weiterer katholischer Kreise; die Wissenschaft, die Beschäftigung mit geistigen Problemen, hält man zumeist für nicht viel mehr als eine Dekoration. Weiterblickende freilich waren und sind überzeugt, daß mit der politischen Macht noch nicht alles getan sei, daß vielmehr die Beteiligung am Geistesleben allein zu der Hoffnung berechtige, dem Katholizismus in Deutschland eine achtunggebietende Stellung zu erringen und zu bewahren. Im Jahre 1896 sprach ein heute als Staatsmann in leitender Stellung befindlicher katholischer Gelehrter die nicht mehr wegzuleugnende Tatsache offen aus, daß die Katholiken Deutschlands in der Wissenschaft von den Protestanten überflügelt worden seien.

Inferiorität?

Zunächst konstatierte er, daß jene in dem Lehrkörper unserer Universitäten eine verhältnismäßig sehr geringe Vertretung haben. Aber das sei „nur ein Zug aus einem größeren Bilde“; „wir deutsche Katholiken“, wurde weiter ausgeführt, „haben uns ganz allgemein in höherer Bildung von den Protestanten überflügeln lassen“, wie durch die Schulstatistik unwiderleglich festgestellt sei. Auf 10 000 Einwohner treffen bei den Protestanten 55 Schüler höherer

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1043. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/606&oldid=3270445 (Version vom 31.7.2018)