Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/167

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auffaßte, Schwierigkeiten in der Formulierung. Alfred Werners Koordinationstheorie leitet diese Verbindungen aus der Nebenvalenz polyvalenter Kernatome ab. Im Abschluß an diese Theorie sollen die neueren Anschauungen über die Beziehungen zwischen Affinitäts- und Elektrizitätswirkung kurz behandelt werden. In der zweiten Richtung handelt es sich um die Valenzwirkung kurz behandelt werden. In der zweiten Richtung handelt es sich um die Valenzverteilung innerhalb der Moleküle von Kohlenstoffverbindungen, Betrachtungen, die sich zweckmäßig an die Erörterung der Fortschritte der organischen Chemie anschließen.

Werner nimmt also an, daß Verbindungen, die die Strukturchemie als gesättigt betrachtet − Verbindungen erster Ordnung − noch über Affinität verfügen zur Bindung anderer Moleküle erster Ordnung, wie dies Kekulé schon 1864 zur Deutung der Entstehung der von ihm als „molekulare Verbindungen“ bezeichneten Substanzen ausgesprochen hatte. Die entstehenden Additionsprodukte nennt Werner Verbindungen zweiter Ordnung. Er unterscheidet, um die Bildung der Verbindungen zweiter Ordnung verständlich zu machen, zwischen Haupt- und Nebenvalenzen. Die Hauptvalenzen entsprechen unseren gewöhnlichen Valenzen, die Nebenvalenzen entsprechen den Restvalenzen, die die Bildung von Verbindungen zweiter Ordnung verursachen, sie sind für jedes Element in einer bestimmten Anzahl vorhanden. Als Koordinationszahl bezeichnet er die Zahl der Atome, Atomgruppen und Moleküle, mit denen sich das Kernatom im Maximum unter Sättigung der Haupt- und Nebenvalenzen verbinden kann − die Summe der Haupt- und Nebenvalenzen − sie beträgt für die meisten Elemente 6. Den Raum, den die mit dem Zentralatom verbundenen Atome einnehmen, nennt Werner die erste Sphäre des Zentralatoms. Bei den Elementen mit der Koordinationszahl 6 kann man sich die angelagerten Atome, Radikale oder Moleküle räumlich so angeordnet denken, daß sie die Ecken eines Oktaeders bilden. Dadurch werden die auftretenden Isomerien verständlich. Die in der ersten Sphäre gelegenen Atome, Radikale können andere Atome binden, die sich dann in bezug auf das Zentralatom in einer zweiten Sphäre befinden. Das die erste Sphäre einnehmende komplexe Radikal, Ion, bekundet demnach eine Valenz, die nach seiner Natur ihren Wert wechselt, und das in manchen Fällen für sich existenzfähig ist. Diese Vorstellungsweise eröffnete das Verständnis für den Bau der Kieselfluorwasserstoffsäure, der Platinchlorwasserstoffsäure, der Ferro- und Ferricyanwasserstoffsäure, der Kobalt- und Platinammoniakverbindungen und vieler anderer komplexer Verbindungen. Sie beeinflußte auch die Auffassung der Ammoniumverbindungen, die dann der Borfluorwasserstoffsäure entsprechen, indem Stickstoff und Bor je drei Hauptvalenzen und eine Nebenvalenz, also die Koordinationszahl 4 besitzen.

Zu diesen rein chemischen Betrachtungen kommen die physikalisch-chemischen, die die Beziehungen zwischen Affinitäts- und Elektrizitätswirkung zum Gegenstand haben; sie gehören in das Gebiet der physikalischen Chemie. Hier sei nur auf einige Begriffsbestimmungen hingewiesen. Walter Nernst faßt die Ionen als Verbindungen der Atome mit Elektronen auf. Abegg und Bodländer bezeichnen mit Elektroaffinität die Affinität des Atoms zum Elektron. Die Valenz für Ionenladung nennt Abegg Elektrovalenz und sucht alle Affinitätsäußerungen auf die Wirkung entgegengesetzter Elektrovalenzen zurückzuführen. Er nimmt an, daß jedes Element sowohl eine positive wie eine

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1296. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/167&oldid=- (Version vom 31.7.2018)