Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/259

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am Zusammensinken bei Eröffnung des Brustkorbes hindert. Das Druckdifferenzverfahren ist in neuester Zeit außerordentlich vereinfacht worden. An Stelle komplizierter pneumatischer Kammern und großer Apparate werden heute kleine, auf dem Prinzip des Überdruckes beruhende Vorrichtungen benutzt, die wenig kostspielig und daher auch kleineren Betrieben zugänglich sind. Besonders aussichtsreich ist ein höchst einfaches, schon bei Besprechung der Narkose kurz erwähntes Verfahren, die Insufflationsmethode von Meltzer und Auer (1909). Durch ein elastisches Gummirohr, welches nur einen Teil der Luftröhre ausfüllt und durch den Kehlkopf bis zu den Bronchien geführt wird, gelangt ein kontinuierlicher Sauerstoffstrom aus einer Bombe unter geringem Druck in die Lungen und hindert diese am Zusammensinken bei Eröffnung der Brusthöhle.

Das Druckdifferenzverfahren erleichtert jedes operative Vorgehen an den inneren Brustorganen erheblich und hat manche Eingriffe, so die Entfernung bösartiger Lungengeschwülste und die Operation des intrathorakal gelegenen Speiseröhrenkarzinoms, überhaupt erst in das Bereich der Möglichkeit gebracht. Das letzte, noch ungelöste und bis in die neueste Zeit für unlösbar gehaltene Problem der operativen Chirurgie, die erfolgreiche Entfernung des im Innern des Brustkorbes befindlichen Speiseröhrenkrebses ist nun auch gelöst worden: vor wenigen Monaten operierte Zaaijer einen Krebs am unteren Ende der Speiseröhre und Torek einen solchen in Höhe des Aortenbogens mit Ausgang in Heilung.

Auf operativem Wege vermögen wir heute auch zwei der häufigsten Lungenkrankheiten in bestimmten schweren Formen günstig zu beeinflussen, die chronische Lungenblähung, das Emphysem und die Lungentuberkulose. Beim Emphysem kann die Lunge nicht genügend atmen, weil der faßförmige Brustkorb für die Atembewegungen zu starr ist. Wir machen ihn nach dem Vorschlage von Freund beweglich, indem wir auf einer oder beiden Seiten des Brustbeins durch Entfernung kleiner Stücke aus jeder Rippe eine Art künstlicher Gelenke herstellen. Bei der Lungentuberkulose behandeln wir operativ naturgemäß nicht die beginnende Erkrankung, welche große Neigung zur spontanen Ausheilung besitzt, sondern die fortgeschrittenen, mit Bildung von Höhlen, sogenannten Kavernen, einhergehenden Formen. Die Eröffnung der Höhlen von außen her, die bei Eiterungen und brandigen Zerstörungen der Lunge so gute Dienste leistet, ist bei der Tuberkulose nicht zweckmäßig, viel besser sind die Erfolge der Verfahren, welche sich auf die Tatsache gründen, daß eine Höhle in der Lunge deshalb nicht von selbst ausheilt, weil die Ausspannung der Lunge in dem unnachgiebigen Brustkörbe ein Schrumpfen und Verwachsen der Höhle verhindert. Unser Bestreben muß deshalb sein, die Lunge gleichsam wie einen Schwamm zusammenzudrücken. Wir gelangen an dieses, nur bei einseitiger Erkrankung erreichbare Ziel entweder dadurch, daß wir sterilen Stickstoff durch eine feine Punktionsnadel in den Brustfellraum einströmen lassen und so in einem durch Röntgenstrahlen leicht kontrollierbaren Grade die Lunge zusammenpressen (künstlicher Pneumothorax nach Forlanini-Brauer), oder dadurch, daß wir über der erkrankten Lunge die Rippen entfernen und so die starre Brustwand in eine nachgiebige, für die Ausheilung der Höhlen günstige verwandeln (Brauer, Friedrich, Wilms).

Das gleiche Prinzip leistet uns ausgezeichnete Dienste bei einer besonderen Art

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1388. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/259&oldid=3270727 (Version vom 31.7.2018)