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von Herzkrankheit, bei der das Herz mit dem Herzbeutel und dieser wiederum mit der vorderen Brustwand verwächst. Das Herz muß nun bei jedem Schlage die Brustwand mitbewegen und erlahmt daher in kurzer Zeit. Wir entfernen in solchen Fällen mittels der von Brauer (1902) empfohlenen Cardiolyse die Rippen, soweit sie das Herz decken, und erzielen damit, falls die Operation nicht zu spät ausgeführt wird, in Kürze eine gänzliche Erholung des Herzens.

Herz.

„Auch das Herz, dieses unruhige und trotzige Ding, hat den Fortschritten der Chirurgie nicht zu trotzen vermocht, und damit ist das letzte Organ des menschlichen Körpers dem Bereiche regelrechter chirurgischer Therapie erobert worden“, schrieb Kocher in seiner klassischen Operationslehre. Den großen Schritt der ersten erfolgreichen Herznaht bei Verletzung hat im Jahre 1896 L. Rehn in Frankfurt a. M. getan; seitdem ist das verwundete Herz mehr als 200 mal genäht, und weit über 100 Menschen sind durch die Operation dem sicheren Tode entrissen worden. Über die Naht des verletzten Herzens aber sind wir heute noch nicht hinausgekommen, und wenn auch mancherlei Versuche und Vorschläge auftauchten, das eigentliche Gebiet der Herzkrankheiten der operativen Heilkunde zugänglich zu machen, so sind dies zurzeit noch Utopien.

Große Blutgefäßstämme.

Eine weitere Ausbildung als die Operationen am Herzen selbst hat die Chirurgie der großen Blutgefäßstämme erfahren. Es ist heute selbstverständlich, daß wir eine verletzte große Schlagader, deren Unterbindung zum brandigen Absterben des zugehörigen Körperteiles führen könnte, nicht mehr unterbinden, sondern, wenn irgend möglich, durch Naht vereinigen. Die Gefäßnaht, welche uns bei Besprechung der Lehre von der freien Gewebsverpflanzung noch mehr beschäftigen soll, wird mit allerfeinsten Nadeln und Seidenfäden ausgeführt; sie gehört, namentlich bei feinen Gefäßen, zu den zierlichsten Operationen, welche die moderne Chirurgie kennt, weil mit der notwendigen absoluten Dichtheit der Naht eine möglichste Schonung des Gefäßrohres zur Vermeidung von Gerinnselbildungen verbunden werden muß. Die Gefäßnaht kommt nicht nur bei Verletzungen, sondern auch bei Abtragungen von Gefäßgeschwülsten und bei der Transplantation zur Anwendung. Heinrich Braun ist es im Jahre 1908 sogar gelungen, bei Entfernung einer großen, mit der Aorta verwachsenen Geschwulst ein Stück aus dieser größten Schlagader des Körpers herauszunehmen und ohne jede Störung des Blutkreislaufes das Gefäßrohr wieder zu vereinigen.

Transfusion und Infusion.

Auch zur Transfusion, der Überleitung von Blut aus einem Körper in den anderen bei schweren Blutverlusten und Bluterkrankungen, wird die Gefäßnaht jetzt viel herangezogen (Enderlen). Überhaupt ist die Transfusion von Mensch zu Mensch – jedes andere Verfahren ist gefährlich – nach dem Vorgange der Amerikaner wieder mehr in Aufnahme gekommen. Sie war lange Zeit vernachlässigt worden zugunsten der Methoden des künstlichen Blutersatzes, bei denen physiologische Kochsalzlösung oder andere Salzlösungen, die der Zusammensetzung des Blutserums noch näherkommen (Ringersche, Lockesche Flüssigkeit), unter die Haut oder in die Ader infundiert werden. Um den roten Blutkörperchen gleichzeitig den mangelnden Sauerstoff zuzuführen, hat Küttner

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1389. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/260&oldid=3270729 (Version vom 31.7.2018)