Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/265

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haben wir in der Heißluftbehandlung ein wertvolles Hilfsmittel gewonnen, um den Brand zu begrenzen, und auch in den Gliedabsetzungen sind wir heute weit konservativer als früher. Über die originelle Wietingsche Operation, bei welcher mittels Gefäßnaht das Blut aus der verkalkten Arterie in die unveränderte Vene übergeleitet wird, sind die Akten noch nicht geschlossen.

Freie Gewebsüberpflanzung.

Nur wenige Probleme haben im letzten Vierteljahrhundert die Chirurgie mehr beschäftigt, als das der Transplantation, der freien Gewebsüberpflanzung. Sie bedeutet den Gipfelpunkt der konservativen Chirurgie, welche die mutilierende Wundheilkunde abgelöst hat. Regte sich bereits in den großen Chirurgen der vorantiseptischen Zeit der Widerwille gegen die operative Verstümmelung, gegen das testimonium paupertatis, welches schon Langenbeck in jeder Amputation sah, so gewann mit der zunehmenden Sicherheit des chirurgischen Handelns das konservative Prinzip immer mehr die Oberhand und ließ nicht nur die möglichste Vermeidung jeder operativen Beraubung, sondern vielmehr den Wiederaufbau verstümmelter und den Ersatz verloren gegangener Teile des menschlichen Körpers als das würdigste Ziel der modernen Chirurgie erscheinen.

Der Weg aber zu dieser Errungenschaft war ein weiter und mühseliger. Als ihre Vorläufer haben die uralten plastischen Operationen zu gelten, welche den Wiederersatz abgetrennter Teile des Gesichtes, besonders der Nase, anstrebten und weit über die Leistungen der zeitgenössischen wundärztlichen Kunst hinausgingen. Heute haben diese Operationen, welche das zu überpflanzende Material im Zusammenhang mit dem Mutterboden belassen, unter dem Schutze der Asepsis einen hohen Grad der Vollendung erreicht, und dennoch werden sie durch die Erfolge der freien Transplantation, bei welcher das Verpflanzungsmaterial völlig aus dem Mutterboden ausgelöst wird, weit in den Schatten gestellt.

Die heutige Lehre von der freien Gewebsübertragung unterscheidet eine Auto-, Homoio- und Hetero-Transplantation.

Unter Auto-Transplantation verstehen wir die Überpflanzung vom gleichen Individuum. Beim Menschen wird also das Transplantationsmaterial vom Patienten selbst entnommen.

Homoio-Transplantation bedeutet die Übertragung aus einem anderen Individuum der gleichen Art. Dem Menschen liefert also ein anderer Mensch den Pfröpfling.

Als Hetero-Transplantation schließlich bezeichnen wir die Überpflanzung aus einem Individuum einer anderen Art. Für den Menschen wird das zu übertragende Gewebe vom Tier gewonnen.

Diesen drei Transplantationsverfahren stellt man als Alloplastik die Einpflanzung körperfremden Materials, wie Metall, Zelluloid, Elfenbein, Horn, gegenüber; sie tritt dann in ihr Recht, wenn anderweitiges Überpflanzungsmaterial nicht erhältlich ist.

Die größten Triumphe feiert die Transplantation bei den niederen Tieren und zwar nicht nur bei Avertebraten, sondern auch bei tiefstehenden Wirbeltieren, vor allem Amphibien, wie die Untersuchungen von Born, Korschelt, Speemann, Braus u. a. gezeigt

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1394. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/265&oldid=3270734 (Version vom 31.7.2018)