Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/123

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Wenn es sich darum handelt, über eine Frage der Erziehung oder lokaler Steuer zu beschließen, nehmen die Komitees als solche an den Beratungen nicht teil, eine Bescheidenheit, welche die Gewählten eines Munizipalrats leider nicht immer nachahmen. – Aber andererseits dulden es diese braven Leute auch nicht, daß diejenigen, die niemals dem Sturme getrotzt haben, ihnen Gesetze über ihre Rettungsarbeit vorschreiben. Beim ersten Notsignal eilen sie herbei, verständigen sich über die Maßnahmen und handeln. Sie warten nicht auf Tressen; der gute Wille treibt sie.

Nehmen wir eine andere Gesellschaft, diejenige des Roten Kreuzes. Der Name tut nichts zur Sache, sehen wir, was sie ist, und was sie leistet.

Denkt Euch, es wäre Jemand vor zwanzig Jahren gekommen und hätte gesagt: „Der Staat, so fähig er auch sein mag, 100 000 Menschen in einem Tage massakrieren und 50 000 verwunden zu lassen, ist doch unfähig, seinen eigenen Opfern Hülfe zu bringen. Es ist daher nötig, – so lange einmal der Krieg existiert – daß die Privatinitiative sich der Sache annehme, und daß die wohlgesinnten Männer sich auf internationaler Basis zu diesem Werke der Menschheit organisieren!“

Welche Flut von Hohngelächter hätte nicht der über sich ergießen lassen müssen, der es gewagt hätte, sich einer solchen Sprache zu bedienen. Vor allem hätte man ihn einen Utopisten genannt, und wenn man dann es überhaupt noch der Mühe für wert gehalten hätte, den Mund zu öffnen, so würde man erwidert haben: „Die Freiwilligen werden immer gerade da fehlen, wo das Bedürfnis nach ihnen sich am meisten fühlbar macht. Die freien Hospitäler werden sich stets auf einen sicheren Ort konzentrieren, während es in den Feldlazaretten am Nötigsten fehlen wird. Die nationalen Rivalitäten werden sich so stark geltend machen, daß die armen Soldaten ohne Hülfe sterben werden.“ So viel Schwätzer, so viel entmutigende Erwägungen. Wer von uns hat nicht schon in diesem Tonfall salbadern hören!

Nun, wir wissen, wie es sich in Wirklichkeit verhält. Die Gesellschaften vom „Roten Kreuz“ haben sich frei organisiert; überall, in jedem Lande, an Tausenden von Orten, und als der Krieg von 1870–71 ausbrach, machten sich die Freiwilligen an ihr Werk. Männer und Frauen kamen und boten ihre Dienste an. Hospitäler, Feldlazarette wurden zu Tausenden organisiert; ganze Züge mit Verbandsstoffen, Lebensmitteln, Wäsche, Medikamenten für die Verwundeten wurden entsendet. Die englischen Komitees sandten ganze Flotten voller Lebensmittel, Kleider, Werkzeuge, Saatgetreide, Zugvieh, sogar Dampfflüge mit Führern, um den durch den Krieg verwüsteten Departements bei der Bestellung zu helfen. Informiert Euch nur bei Gustave Moynier über die Gesellschaft vom „Roten Kreuz“ und Ihr werdet über ihre ungeheuren Leistungen staunen müssen.

Was die Propheten anbetrifft, die stets[WS 1] bereit sind, den anderen Menschen den Mut, die Opferfreudigkeit, die Intelligenz abzusprechen, und sich allein für fähig halten, die Welt mittels der Rute zu regieren, – keine ihrer Vorahnungen hat sich bestätigt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: stes
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 107. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/123&oldid=- (Version vom 3.6.2018)