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an Produktionskräften verschwendet wird, würde genügen, um die nützliche Produktion zu verdoppeln, oder um die Manufakturen und die Fabriken mit besseren Werkzeugmaschinen auszustatten, welche dann in kurzer Zeit die Magazine mit allem, was zur Notdurft des Menschen gehört, dessen indes heute zwei Drittel der Nation ermangeln, überschwemmen würden.

Daraus resultiert, daß selbst diejenigen, welche in jeder Nation produktiven Arbeiten obliegen, zu einem Viertel regelmäßig während dreier oder vier Monate im Jahre feiern müssen, und daß die Arbeit eines zweiten Viertels, wenn nicht der Hälfte, keinen andern Zweck hat als das Amüsement der Reichen oder die Ausbeutung des Volkes.

Wenn man also in Betracht zieht, mit welcher Schnelligkeit auf der einen Seite die zivilisierten Nationen ihre Produktivkraft steigern, welche Beschränkungen auf der andern Seite der Produktion, sei es direkt oder indirekt, durch die gegenwärtigen Verhältnisse auferlegt werden, so muß man zu dem Schlusse kommen, daß eine einigermaßen vernünftige Organisation den zivilisierten Nationen es möglich machen würde, innerhalb weniger Jahre so viele nützliche Produkte anzuhäufen, daß man sich sagen müßte: „Vollauf genug Kohle, genug Brot, genug Kleidung; ruhen wir einmal, sammeln wir uns, um unsere Kräfte besser zu verwenden, um unsere Muße besser zu verwerten!“

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Der Wohlstand für Alle ist kein Traum mehr. Er konnte schon damals herrschen, wo es dem Menschen nur unter unsäglichen Mühen gelang, 8 oder 10 Hektoliter Getreide vom Hektar zu ernten, oder wo er noch mit eigener Hand die Werkzeuge, deren er für die Industrie oder die Landwirtschaft bedurfte, verfertigen mußte. Er ist um so weniger ein Traum, seitdem der Mensch den Motor erfunden hat, welcher ihm vermittels eines wenig Eisens und einiger Kilo Kohle die Kraft eines gelehrigen und fügsamen Pferdes gibt, ihm die Möglichkeit gewährt, die komplizierteste Maschine in Bewegung zu setzen.

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Aber damit der Wohlstand zur Wirklichkeit werde, ist es notwendig, daß dieses ungeheure Kapital – Städte, Häuser, kultivierte Ländereien, Fabriken, Verkehrswege, Bildung usw. – nicht mehr als ein Privateigentum bewertet wird, worüber der Kapitalist nach Belieben verfügen kann.

Es ist notwendig, daß dieser unendlich reiche Werkzeugapparat, unter unsäglichen Mühen durch unsere Vorfahren erworben, erbaut, gefertigt und erfunden, Gemeindeeigentum werde, damit der Kollektivgeist zu Gunsten Aller den größtmöglichen Vorteil daraus ziehe.

Dies bedingt die Expropriation. Der Wohlstand für Alle ist das Ziel, die Expropriation das Mittel.

II.

Die Expropriation, das ist also das Problem, welches uns, den Menschen des Anfangs des 20. Jahrhunderts, die Geschichte gestellt hat: Rückkehr zum Gemeineigentum an allem, was der Menschheit dazu dienen könnte, sich den Wohlstand zu schaffen.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/29&oldid=- (Version vom 21.5.2018)