Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/62

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Wenn „die Ordnung wieder hergestellt“ ist, so werden die Kollektivisten – behaupten wir – die Anarchisten[UE 1] guillotinieren lassen; die Possibilisten[UE 2] werden ein Gleiches mit den Kollektivisten[UE 3] tun; diese wieder werden endlich von den Reaktionären guillotiniert werden. Und die Revolution wird wieder bei ihrem Ausgangspunkt angelangt sein.

Alles läßt indessen auf die Wahrscheinlichkeit schließen, daß der Ansturm des Volkes von genügender Stärke sein wird, und daß, wenn die Revolution sich vollzieht, die Idee des kommunistischen Anarchismus Terrain gewonnen haben wird. Dieser ist keine ausgetüftelte Idee; es ist das Volk selbst, welches ihn uns eingegeben hat; und die Zahl der Kommunisten wird sich in gleichem Maße vermehren, je klarer sich die Unmöglichkeit jeder anderen Lösung erweist.

Und wenn der Ansturm genügend stark ist, so werden die Dinge eine ganz andere Wendung nehmen. Anstatt einige Bäckereien zu plündern, um am folgenden Tage wieder zu fasten, wird das Volk der aufständischen Städte von den Kornspeichern, den Schlachthäusern, den Lebensmittelmagazinen – kurz, von allen vorhandenen Existenzmitteln Besitz ergreifen.

Hochherzige Bürger und Bürgerinnen werden sich sofort der Aufgabe unterziehen, das, was sich in jedem Laden, in jedem Speicher befindet, zu registrieren. In 24 Stunden wird die aufständische Kommune wissen, was Paris heute noch nicht weiß, trotz seiner statistischen Komitees, und was es niemals bisher während einer Belagerung gewußt hat: über wie viel Proviant es verfügt. In zweimal 24 Stunden werden in Millionen von Exemplaren genaue Tabellen über alle Existenzmittel, über die Orte, wo sie aufgespeichert sind, und über die Mittel ihrer Verteilung gedruckt sein.

In jedem Häuserkomplex, in jeder Straße, in jedem Viertel werden sich Gruppen von Freiwilligen bilden, – „die Freiwilligen des Lebensmitteldienstes“ – die sich untereinander verständigen und sich auf dem Laufenden über ihre Aufgaben halten werden. Mögen die Jakobinerbajonette sich nur nicht ins Mittel legen, mögen die sich wissenschaftlich dünkenden Herren Theoretiker nur nicht mit ihrem verwirrenden Geschwätz kommen, oder mögen sie es auch vom Stapel lassen, vorausgesetzt, daß sie nicht das Recht zum Befehlen haben, – und es wird bei jenem wunderbaren spontanen Organisationstalent, welches das Volk und namentlich das französische Volk in allen seinen sozialen Schichten besitzt, und welches zu betätigen man ihm nur so selten erlaubt hat, selbst in einer so großen Stadt wie Paris inmitten der revolutionären Gärung ein ausgebreiteter, frei konstituierter Dienst entstehen, um Jeden mit den unerläßlichen Lebensmitteln zu versehen.

Möge das Volk nur Ellbogenfreiheit haben und in acht Tagen wird der „Lebensmitteldienst“ mit erstaunenswerter Regelmäßigkeit funktionieren. Man muß das arbeitende Volk niemals bei der Arbeit gesehen haben, man muß während seines ganzen Lebens die Nase in den Akten

Anmerkungen des Übersetzers

  1. Anarchisten = Menschen, die die Herrschaft verwerfen.
  2. Possibilisten = Spottname für einen Politiker, der niemals die Grenzen der „Möglichkeit“ überschreiten will.
  3. Kollektivisten = unsere Sozialdemokraten aller drei Richtungen, die Regierung, Staat und Lohnsystem aufrecht erhalten wollen.
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/62&oldid=3126632 (Version vom 21.5.2018)