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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1856)

diesen Substanzen steht der Eisenvitriol und die schweflige Säure obenan (s. Gartenlaube 1856. Nr. 38). – Es entsteht ferner die Frage, wann der rechte Zeitpunkt für Anwendung der Desinfection sein würde. Pettenkofer ist der Ueberzeugung, daß jede Desinfection in einer Stadt, wo sich die Krankheit bereits als Epidemie zeigt, erfolglos sein muß, da keinerlei Desinfection das schon aufgenommene Gift wieder aus dem Leibe der Menschen jagt und überhaupt die bereits in den Boden ausgesickerten und zersetzten Stoffe erreicht. Eine Desinfection, welche nützen soll, muß früher vorgenommen werden, ehe die Cholera den Ort erreicht. Ja, sobald sich in Italien, Frankreich oder Rußland Ortschaften epidemisch ergriffen zeigen, sollten in jedem Orte Deutschlands, der für Cholera empfänglich ist, die sorgfältigsten Desinfectionsmaßregeln getroffen werden, besonders dort, wo Fremde möglicherweise ihre Excremente deponiren könnten.

Möchten doch die Menschen, durch die Pettenkofer’schen Untersuchungen angeregt, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Verwesung menschlicher Auswurfstoffe richten, um nicht blos der Cholera, sondern sicherlich auch andern gefährlichen epidemischen Krankheiten (Typhus) Einhalt zu thun. Es müssen durchaus, zumal in menschenreichen Städten, baldigst Anordnungen getroffen werden, um das Eindringen und Ausbreiten von Stoffen im Erdboden zu verhindern, deren Zersetzung bei großer Vertheilung das Leben auf so heimtückische und unvermeidliche Art gefährden kann. Es sollte wenigstens der Zersetzung der Excremente, so lange bis diese gänzlich aus der Nähe menschlicher Wohnungen fortgeschafft werden, durch Desinfection gesetzlich Einhalt gethan werden müssen. Wenn werden aber die Zeiten kommen, wo der Mensch für seine und seines Nebenmenschen Gesundheit auf vernünftige Weise Sorge tragen wird? (Weiteres über die Cholera s. Gartenlaube 1854. Nr. 35.)

Bock.






Ausflüge in technisch-chemische Werkstätten.
Von C. Müller.
Nr. 3.

Wer je durch die preußische Provinz Sachsen, durch die Herzogthümer Anhalt und Braunschweig oder durch gewisse Theile Böhmens, Mährens und Schlesiens gereist ist, und seine beobachtenden Blicke über die üppigen Fluren gleiten ließ, dem können unmöglich die großen Flächen Landes entgangen sein, welche dort mit Runkelrüben und Cichorie bepflanzt sind und die oft zu einem Drittel des ganzen Ackerareales betragen. Was hier als ziemlich unscheinbare Pflanze schon während des Wachsthumes Tausenden von Menschen lohnende Arbeit gibt, erfordert nach der Ernte fast eine noch größere Summe von Arbeit, um als Zucker und als Kaffeesurrogat in den Handel zu kommen. Während nun der Werth des letzteren Produktes, und gewiß nicht mit Unrecht, vielseitig angefochten wird, hat sich dagegen der Rübenzucker ein Ansehen und eine Bedeutung erworben, die durch die Zolltabellen des Zollvereins, Oesterreichs, Frankreichs und Belgiens, sowie durch die immerwährende Zunahme der Zuckerfabriken trotz der Steuererhöhungen deutlich genug zu ermessen sind; denn während beispielsweise im Laufe des Jahres 1845 im Gebiete des Zollvereins in 96 Fabriken 4,446,469 Centner Rüben auf Zucker verarbeitet wurden, zeigten die Zolllisten von 1853 238 Fabriken mit einer Verarbeitung von nahe an 22 Millionen Centner Rüben! In der That sehen unsere Zuckerdosen den Colonialzucker immer seltener und manche Hausfrau, die aus alter Vorliebe den Kaufmann um „aber ja indischen“ Zucker bittet, und ihren Gästen bemerklich macht, wie es doch ein großer Unterschied zwischen diesem, dem ihrigen, und dem Rübenzucker sei, präsentirt doch vaterländisches Produkt, an dem vaterländische Wissenschaft und Industrie ihre Aufgabe so glänzend gelöst haben, daß selbst geübte Zungen sich nicht mehr auskennen. Keine Industrie aber hatte wohl mit mehr Hindernissen und Feinden zu kämpfen, als diese, und wenn schon anerkannt werden muß, daß ohne den großen Schutz, der ihr im Anfange vom Staate zu Theil wurde, eine solche Entwickelung nie möglich gewesen wäre, so hat sich doch andrerseits die Meinung des Herrn von Liebig und anderer ausgezeichneter Männer, daß mit dem Schutz auch die Industrie fallen werde, nicht bewährt und sich im Gegentheile erwiesen, daß selbst bei völliger Gleichstellung in der Besteuerung mit dem Rohrzucker die Vortheile für die Landwirthschaft groß genug sind, um die Konkurrenz mit Erfolg bestehen zu können.

Sei dem nun wie ihm wolle, da wir einmal Rübenzucker essen müssen, so wird es wohl den Freunden und Freundinnen der Süßigkeit nicht uninteressant sein, sich näher mit der Darstellung dieses Zuckers bekannt zu machen, und ich lade sie daher Alle ein, mich auf dem heutigen Spaziergange nach einer Rübenzuckerfabrik zu begleiten.

Wir erblicken bei der Annäherung an unser Ziel auf den Feldern, so wie endlich auf dem Hofe der Fabrik große kegelförmige oder längliche Haufen von Rüben mit Erde bedeckt, welche hier geschützt vor dem nachtheiligen Einflüsse der Luft und des Lichtes lagern, bis die Reihe der Verarbeitung auch an sie kommt.

Der hohe Kamin belehrt uns, daß auch hier die Dampfkraft eine bedeutende Rolle spielt, und zwar thut sie dies nicht allein als bewegende Kraft, sondern auch die sämmtlichen Heizungen geschehen durch Dampf; nur in seltenen Fällen findet man noch freie Feuerungen, so wie Göpelwerke oder Wasserräder als Triebkraft. Die ersten Operationen, welche die Rüben zu erleiden haben, sind das Waschen und Putzen; ersteres geschieht in einem großen Lattencylinder, der fast bis zur Hälfte im Wasser liegt und sich mit mäßiger Bewegung um seine Axe dreht. Die Rüben, welche am Hinteren Ende eingeworfen werden, fallen am vorderen rein gewaschen und von aller anhaftenden Erde befreit heraus, um von Frauen und Mädchen geputzt, d. h. aller grünen oder fauligen Stellen, sowie der dünnen Wurzeläste befreit zu werden, welche, da sie wenig Zucker aber viel Säuren und Salze enthalten, dem Safte nachteilig sein würden. Die so gereinigten Rüben unterliegen nun gewöhnlich der Versteuerung, d. h. sie werden gewogen und der Fabrikant hat von jedem Centner derselben im Zollverein 6 Ngr., in Oesterreich 12 Kr. Steuer zu zahlen, als Entschädigung für den der Staatskasse entgehenden Eingangszoll auf Rohrzucker. Haben die Rüben dieser Pflicht genügt, so eilen sie ihrem Ende unaufhaltsam entgegen, denn sie kommen nunmehr vor die Reibe, einem mit Sägezähnen bewaffneten Cylinder, der sich in einer Geschwindigkeit von 6–800 Mal in der Minute um sich selbst dreht, und werden durch dieselbe in einen feinen Brei verwandelt. Eine besondere mechanische Vorrichtung, der sogenannte Pousseoir drückt die durch einen Knaben eingeworfenen Rüben gegen den Reibcylinder, auf welchem, sowohl zur Vermeidung der Erhitzung als auch zur Verdünnung des Rübenbreies, beständig etwas Wasser ausfließt.

An den vor der Reibe befindlichen Preßtischen sehen wir die Arbeiter beschäftigt, den Brei in leinene oder wollene Tücher einzuschlagen und diese sogenannten Kuchen mit starken Blechen abwechselnd zu schichten, um sie dann in den dahinter befindlichen hydraulischen Pressen ihres Saftes zu entledigen. Betrachten wir uns die hydraulischen und bramak’schen Pressen etwas näher, denn sie gehören unstreitig zu den interessantesten physikalischen Instrumenten, welche der Industrie dienen und sind überall da im Gebrauch, wo es sich um Hervorbringung eines bedeutenden Druckes handelt.

Der Druck dieser Pressen wirkt in senkrechter Richtung, d. h. von unten nach oben und wird durch zwei Pumpen hervorgebracht, welche durch ein eisernes Rohr a beständig Wasser in den hohlen Cylinder b drücken; im letzteren bewegt sich luftdicht ein Stempel c, welcher natürlich durch das eindringende Wasser aufwärts geschoben wird und in Folge dessen die zwischen den Preßplatten d u. e aufgeschichteten Kuchen von Rübenbrei zusammenpreßt.

Der Grundsatz, worauf die Konstruktion dieser Pressen beruht, ist der, daß Flüssigkeiten einen empfangenen Druck gleichmäßig nach allen Seiten fortpflanzen; in Folge dessen ist der Druck, welchen der Stempel c ausübt, ein viel größerer als derjenige,

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verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 595. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_595.jpg&oldid=3103155 (Version vom 27.3.2018)