Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/10

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Geschmacke desselben, seiner Neigung zur Sentimentalität oder Sinnlichkeit schmeicheln, und gewinnen so oft schnell einen ausserordentlichen Ruf, wie sie ihn durch wirklich wertvolle Leistungen nicht erworben haben würden. Sie sonnen sich dann eine Zeit lang in dem Ruhme, der ihnen zu Teil wird, müssen aber oft später selbst noch erleben, wie derselbe abnimmt und untergeht. Wenn jedoch Produkte, die mehr durch glänzende Eigenschaften blenden, als durch wirklichen Wert ausgezeichnet sind, momentan zur Geltung gelangen, so ist dies noch immer der günstigere Fall; denn dergleichen hervorzubringen, gelingt doch nur dem Talente. Weit schlimmer ist es, wenn, wie das häufig vorkommt, und wie wir es selbst erleben, in unerklärlicher Weise gerade das völlig Wertlose auf den Schild gehoben wird und allgemeine Berühmtheit erlangt. Dem Publikum gehen allerdings in beiden Fällen, nachdem die Bethörung länger oder kürzer gedauert hat, gewöhnlich die Augen auf, und es wirft das früher Angebetete mit Verachtung beiseite, indessen selten, um sich dem Aechten zuzuwenden, sondern nur um Abgötterei mit neuen mittelmässigen Erzeugnissen zu treiben. So sind Flittergold und stümperhafte Nachwerke nur allzu oft die begehrteste Ware auf dem Markt der Kunst und Litteratur. Besonders traurig muss den Freund des Schönen und Guten dabei der Gedanke stimmen, dass meistens das wirklich Ausgezeichnete durch das Gleissende und äusserlich Bestechende, oder gar durch das ganz Schlechte in den Hintergrund gedrängt wird. Wie oft ist den Schöpfern der vorzüglichsten Werke während ihres Lebens fast jede Anerkennung versagt worden, während untergeordnete Talente, oder selbst Talentlose, nicht nur bei der urteilslosen Menge in hohem Ansehen standen, sondern auch von der Kritik in bengalischer Flammenbeleuchtung gezeigt wurden!

An vortrefflichen Künstlern, deren Werken sich ein dauernder Wert zuschreiben lässt, fehlte es nun auch während des zweiten Dritteils unsres Jahrhunderts, von dem hier die Rede ist, in Deutschland keineswegs. Aber sie hatten, wenn auch zum Teil älter als die gefeierten Grossen des Tages, mehrenteils noch nicht den verdienten Ruf gewonnen. Auch erschienen ihre Arbeiten nur selten und sehr vereinzelt auf den Ausstellungen, auf welchen man die Schöpfungen der zeitgenössischen Kunst doch vorzugsweise kennen lernt. Mir selbst war, mit sehr wenigen Ausnahmen, die grossen Eindruck auf mich machten und von denen später die Rede sein wird, kaum etwas davon zu Gesichte gekommen. Erst im Jahre 1857, als ich nach München ging, um dasselbe abwechselnd mit Italien zu meinem Aufenthalt zu wählen, erlangte ich eine umfassendere Kenntnis der modernen deutschen Malerei und wurde auf diejenigen ihrer Schöpfungen aufmerksam, auf welche sie, nach meiner Einsicht, am meisten stolz sein darf. Ein begabter Landschaftsmaler, Karl Ross aus Holstein, mit dem ich von früheren Reisen her befreundet war, führte mich in die Werkstätten der Münchener Künstler ein. Ich hatte ihn viele Jahre zuvor in Griechenland kennen gelernt, und zwar in Sparta, der neuhellenischen Stadt, welche etwa eine Stunde von Misitra unter der Regierung des Königs Otto auf den Trümmern der alten Hauptstadt von Lacedämon erstanden war. Er war dorthin auf mehrere Monate übergesiedelt, um die an Naturschönheiten überreiche Gegend für Zeichnungen und Farbenskizzen auszubeuten, die mich später noch oft erfreut haben. Das prachtvolle Eurotasthal, das eben, überragt von den Schneegipfeln des Taygetos, im vollsten Schmucke des Frühlings prangte, lockte auch mich zu längerem Verweilen, und in Liebe zur Natur, wie in jugendlicher Abenteuerlust, welche uns beiden gemeinsam war, verband ich mich mit Ross zu nicht ganz gefahrlosen Ausflügen in die Umgegend. Wir durchschweiften die rauhen Schluchten des Gebirges und suchten den Gipfel des Taygetos zu erklimmen, mussten aber wegen des vielen auf ihm noch gehäuften Schnees, nach unsäglicher Anstrengung, davon abstehen. Mit der angenehmen Erinnerung, welche überstandene Mühsale hinterlassen, gedenke ich noch einer Nacht, die wir in einer Felsenhöhle auf halber Höhe des Berges zubrachten, nachdem wir, verirrt und ratlos, zuletzt noch von einem Gewitter überrascht, vergebens eine menschliche Wohnung gesucht, die uns Zuflucht geboten hätte. Auch in die Maina machten wir einen Ausflug von mehreren Tagen und fanden die Bewohner nicht so wild und argwöhnisch gegen Fremde, wie sie uns geschildert worden waren, hatten uns vielmehr gastfreundlicher Aufnahme bei ihnen zu erfreuen. Die grösste Schwierigkeit bereitete uns die Sprache; denn das Neugriechische, in dem wir uns einigermassen auszudrücken wussten, wurde hier nicht mehr verstanden. Als wir zuletzt, nach mehrwöchentlichem Aufenthalte in Sparta, nach Athen zurückzukehren dachten, sahen wir uns plötzlich durch die Nachricht, dass die Gegend nördlich von Sparta bis nach Arkadien durch Räuber unsicher gemacht sei, in grosse Verlegenheit versetzt. Wir mussten unsern Aufenthalt verlängern und schätzten uns zuletzt glücklich, uns an ein Detachement griechischer Soldaten anschliessen zu können, das von Misitra nach Korinth beordert war. Auch dieser Ritt durch die Pelopsinsel in so fremdartiger Umgebung hatte seinen grossen Reiz. Die Offiziere, deren zwei noch den Befreiungskrieg mitgemacht hatten und viel von den Heldenthaten der Botzaris und Kanaris zu erzählen wussten, nahmen uns mit grösster Freundlichkeit auf. Welche Nächte, wenn wir uns inmitten der Krieger, die mit ihren wallenden Fustanellen ein pittoreskes Ansehen boten, um ein loderndes Feuer lagerten und die riesige Flasche mit Wein, an dessen bittern Pechgeschmack wir uns bald gewöhnt hatten, in die Runde ging! Eine wollene Decke, auf das kahle Felsgestein gebreitet, diente uns zum Lager, auf dem wir besser schliefen, als später auf den weichsten Ruhebetten.

Nach kurzem Aufenthalte in Athen, wo ich schon zuvor länger geweilt hatte, brach ich weiter nach Osten auf, um Kleinasien in beträchtlicher Ausdehnung zu durchreisen, und Ross begleitete mich nach Smyrna. Wir streiften gemeinsam am Gestade des Meles umher, liessen bei Wein von Chios die homerische Welt vor unserm Auge aufsteigen und genossen in dem Kaffee an der Karawanenbrücke einen Vorgeschmack des orientalischen Lebens, in das wenigstens ich bald tiefer eingehen sollte. Gemeinsam unternahmen wir einen Ausflug nach Magnesia und nach Ephesus, dessen Dianentempel damals noch unter der Erde verborgen lag, so dass man nicht einmal die Stelle wusste, wo er gestanden. Später habe ich zu zweimalen die ausgegrabenen Reste desselben besucht. Von Smyrna kehrte Ross nach Athen, dann nach Deutschland zurück, während ich zunächst nach der Troas aufbrach, wo ich die Stätte des alten Ilion, die erst später von Schliemann entdeckt wurde, noch bei Burnabaschi vor mir zu sehen glaubte. – Als ich nach langem Umherschweifen im folgenden Winter in die Heimat zurückgekehrt war, vergingen manche Jahre, ohne dass ich den Reisegefährten wiedergesehen hätte. Aber das Gedächtnis des gemeinsam Durchlebten und Genossenen konnte in uns beiden nicht erlöschen, und so war es natürlich, dass wir, alsbald nach meiner Ankunft in München, wo mein Freund seitdem gewohnt hatte, uns zu täglichem Umgange zusammenfanden. Neben Gesprächen, in denen wir das Bild Griechenlands und Joniens wieder in uns auffrischten, bildete die Kunst den gewöhnlichen Stoff unserer Unterhaltung. Ross, obgleich in der Landschaftsmalerei sehr tüchtig, blickte doch nur mit einer gewissen Geringschätzung auf seine eignen Arbeiten, sowie auf das ganze Fach, das er für ein durchaus untergeordnetes erklärte, herab; dagegen schwärmte er für die historische Malerei idealen Stils, die ihm als die eigentliche, wahre Kunst galt. Er war ein grosser Verehrer von Cornelius; aber mit noch grösserem Enthusiasmus sprach er mir, sogleich bei unserm Wiederzusammentreffen von Buonaventura Genelli. Ich musste ihm mit einer gewissen Beschämung gestehen, dass ich den Namen dieses Mannes zwar