Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/12

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Alter bewahrt haben, ist allgemein bekannt. Jedoch die Genannten hatten ihre Kunst während ihres ganzen bisherigen Lebens geübt, Genelli dagegen war durch die Ungunst der Verhältnisse darauf beschränkt geblieben, die Gestalten seiner Phantasie in blossen Umrissen auf das Papier zu werfen; nur einigemale hatte er das Glück gehabt, Aquarelle von mässigem Umfange ausführen zu können. Die Fähigkeit, Fresko- und Oelbilder in grossem Massstabe zu malen, wird aber nur durch langjährige Uebung erworben. Auch würde, selbst wenn sich dem Meister noch mit Sicherheit eine Lebensdauer von zwanzig Jahren hätte weissagen lassen, diese bei weitem nicht ausgereicht haben, um auch nur die vorzüglichsten seiner Entwürfe vom Papier auf die Wand oder die Leinwand zu übertragen. Dennoch befestigte sich in mir bald der Entschluss, wenigstens einige derselben aus dem Banne, in dem sie jetzt lagen, zu erretten und zugleich den Künstler so weit es in meinen Kräften stände, der unwürdigen Lage zu entreissen, in welcher er sich befand. Ich bestellte eine seiner grossartigsten Erfindungen, die Vision des Ezechiel, zunächst versuchsweise in Aquarell, und der Versuch übertraf alle meine Erwartungen. Wie anders, dem Schmetterlinge gleich, der sich aus der Puppe befreit, nahm sich das Ganze mit Farben bekleidet aus! Ich frage: hat die bildende Kunst seit dem sechzehnten Jahrhundert etwas Erhabeneres hervorgebracht, als diese Vision? Mit den apokalyptischen Reitern des Cornelius könnte man sie allen denen, welche einen Wettstreit moderner Künstler mit den grossen Meistern von ehemals für unmöglich erklären, als Beweis des Gegenteiles vor Augen führen. Es war jedenfalls ein starkes Wagnis, an die Behandlung eines Gegenstandes heranzutreten, auf den Rafael den unvergänglichen Stempel seines Genius gedrückt hatte; aber hier gilt von Genelli nicht nur der Ausspruch, dass er für seine Kühnheit schon den Kranz verdiene, sondern es darf behauptet werden, dass er, wenn man ihm auch nicht die Palme reichen will, doch wenigstens in dem Kampfe nicht unterlegen sei. Das Bild trägt das Gepräge hoher, strahlenheller Entzückung; nur ein begnadeter Geist, der wie Moses auf dem Sinai mit dem Herrn gesprochen, vermochte die Gestalt Gottes in dieser Majestät und himmlischen Glorie darzustellen; man nenne mir den Maler von heute, dem die Hand nicht beim ersten Versuche, ein Gleiches zu leisten, ermattet sinken würde. Die Figuren der Cherubim gehören zu dem Erstaunlichsten, was die Kunst geschaffen hat; es wurde eine ungeheure schöpferische Kraft erfordert, um die Tierköpfe mit den Menschenleibern so organisch zu verschmelzen, dass man von ihrer Existenz überzeugt wird, ja dass sie fortan da sind und leben wie wirkliche Wesen!

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Sogleich nachdem die Vision in Wasserfarben vollendet war, hatte ich den Wunsch, sie auch als Oelgemälde bewundern zu können; nicht als ob sie in ihrer ersten Gestalt irgend etwas zu wünschen übrig gelassen hätte, sondern weil Oelgemälde dauerhafter und minder dem Erblassen ausgesetzt sind. Mein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen, da diese Arbeit über andere des Meisters hinausgeschoben und zuletzt durch dessen unerwartet frühen Tod vereitelt wurde. Dennoch hoffe ich, dass das Aquarell, das in dem geringen Umfang seiner Figuren und in seiner sich nicht vordrängenden Färbung vielleicht um so ergreifender wirkt, noch einigen der kommenden Jahrhunderte ein glänzendes Zeugnis dessen geben werde, was die Kunst in dem unsrigen zu leisten vermocht hat. Zu der kleinen Vision Rafaels im Palast Pitti – welche übrigens, ebenso wie das andere Exemplar, das sich bis vor kurzem im Besitz der Baronin Biella in Venedig befand, nicht Anspruch darauf zu haben scheint, das Original zu sein, indem letzteres, aus der Galerie Orleans stammend, nach England gekommen ist – drängen sich noch heute die Verehrer des Schönen, während die einst vielgepriesenen Bilder der Luca Giordano, Guercino und Cavaliere Arpino kaum ein Auge auf sich ziehen. So denke ich, werden auch spätere Generationen noch zu dem kleinen, auf den ersten Blick so unscheinbaren, im Colorit so bescheidenen Bilde Genellis pilgern, wenn manche heute vielbewunderte Leinwand, auf der die Farben faustdick aufgetragen sind und im Heruntertriefen Rinnen gebildet haben, in die man die Finger legen kann, längst in die Rumpelkammer gewandert sind.

Als ich, durch den ersten glänzenden Erfolg ermutigt, mich entschloss, Genelli fernere Aufträge zu geben, ward mir die Wahl schwer unter der Fülle trefflicher Kompositionen, die im Laufe eines schon langen Lebens aus seiner reichen Phantasie entsprungen waren. Die Zeichnungen, welche, wie diejenigen zu Dante und Homer, eine Reihenfolge bildeten, schied ich hierbei aus; aber auch ausserdem setzte mich der Reichtum in nicht geringe Verlegenheit. Da waren Darstellungen aus der griechischen Götter- und Heroenwelt, aus dem Alten und zum Teil auch Neuen Testamente, dann auch aus mittelalterlicher Sage und Geschichte (z. B. der sächsische Prinzenraub und die unvergleichliche Scene, wie der thüringische Landgraf die widerspenstigen Vasallen vor seinen Pflug spannt), dann humoristische, wie die des Don Quixote, des Pegasus im Joche, und endlich solche, welche ganz aus der Einbildungskraft des Künstlers hervorgegangen waren. Nach einigen Schwanken entschied ich mich für ein Blatt, das mich durch die Fülle der Erfindung besonders fesselte. Es stellte den Raub der Europa dar, gehörte also dem Kreise der griechischen Mythologie an, und dies war das Gebiet, das Genelli während seines ganzen Lebens mit der grössten Vorliebe kultivirt hat. Der Künstler zeigte sich sehr erfreut über den Auftrag, den grössten, oder vielmehr den ersten grossen, der ihm je geworden; doch verhehlte er mir nicht, dass er nur mit Zagen an die Arbeit gehe. Da er die Technik der Oelmalerei sich erst zu eigen machen müsse, werde er jedenfalls mehrerer Jahre bedürfen, um ein so figurenreiches Bild zu vollenden. Mutig begab er sich gleichwohl sofort an das Werk, und ich nahm an dessen Fortgange mit einer Art von eigener Schöpfungsfreude Teil. Dazwischen fehlte es nicht an Momenten, wo auch mich Niedergeschlagenheit ergriff. Wie ich den Meister fast täglich in seiner Werkstatt besuchte, fand ich ihn oft in gedrückter Stimmung, die ich vergebens zu zerstreuen strebte. Obgleich ihm durch meine Bestellung ein Glück zu Teil geworden war, nach dem er sich lange umsonst gesehnt hatte, konnte er doch einen gewissen Kleinmut anfänglich nicht bemeistern. Er fürchtete, dass seine Kräfte, die so lange brach gelegen, durch den Mangel an Uebung ermattet und nicht mehr im Stande wären, eine so grosse Aufgabe zu bewältigen. Oft vergingen Wochen, wo es mir und einigen wahren Freunden, die er besass, nicht gelingen wollte, seinen Trübsinn zu verscheuchen. Er hatte zu sehr unter der Unbill der Zeiten gelitten, als dass er sich plötzlich zur vollen Kraft hätte aufraffen können. Ach! die gemeine Sorge des Lebens ist noch eher zu ertragen, als die geistige Vereinsamung; auch Derjenige, dem die Anerkennung des Tages als nichts gilt, der nicht nach den