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Anderer für sich zu verwerten. Ich habe hiervon schon oben einige Beispiele angeführt und will diesen nur noch hinzufügen, dass Rafael unverkennbar bei seinem Adam und Eva in den Loggien das erste Menschenpaar auf Masaccios Fresko in der Kirche del Carmine zu Florenz vor Augen gehabt hat. Nur die Armut, welche überall von Fremden borgt, weil sie nichts wahrhaft Selbständiges zu schaffen vermag, verdient Geringschätzung; doch wer gezeigt hat, dass er im wesentlichen auf eigenen Füssen steht, dessen Leistung wird durch Benutzung dieses oder jenes schon dagewesenen Motivs in ihrem Werte nicht beeinträchtigt.

Mit Glück in die Fussstapfen seines Lehrers Schwind, der ihn ungemein schätzte, ist Julius Naue getreten. Besonders bekannt wurden seine teils in Fresko, teils in Oel gemalten Kompositionen aus der nordischen Mythologie und aus der Völkerwanderung. Ich besitze von ihm ein ganz kleines, artiges Gemälde, eine Schwanenjungfrau, die von einem Ritter belauscht wird; sodann ein zweites, weit bedeutsameres, auch grösseres: Die Plejaden. Es ist nach den Schlussversen meines gleichnamigen erzählenden Gedichtes komponirt und stellt dar, wie der junge Kallias, nach langen Irrfahrten durch Asien und, nachdem er in der Schlacht von Salamis entscheidend mitgefochten, mit seiner geliebten Arete nach Athen zurückkehrt. Zum Verständnisse der Situation wird es am besten sein, die betreffenden Verse hier anzuführen:

„Kallias lehnt am Borde mit Arete –
Neben ihr des Vaters Aschenurne –
Und empor zum Himmel deutend, spricht er
Zu der Jungfrau: Sieh im reinen Nachtblau
Die Plejaden dort, die himmlischen Schwestern,
Die der Pilot als glückverheissende Zeichen
Preist. Schon meiner Kindheit Lieblingssterne
Waren sie; und als im fernen Lande
Von Gefahr umdroht, bedrängt von Zweifeln,
Ich ihr mildes Licht gewahrte, fleht’ ich,
Dass auf tiefumdunkeltem Pfad des Lebens
Führerinnen zum ersehnten Ziele
Sie mir seien. Bald dann, als Bethörung
Mich von Vaterland und Pflicht und Treue
Loszureissen drohte, weckt’ ihr Strahl mich
Aus dem Sinnenrausche! Sieh, durch Strudel
Und Orkane haben nun die Holden
Mich – und dich an meiner Seite, Teure –
Ins gerettete Vaterland geleitet.
Wie er’s sagte, glitt auf plätschernden Wellen
Uferwärts das Boot schon; des Piräus
Hafen nahm es auf; und vor den Beiden
Blühte in dem Rosenlicht der Frühe
Nach und nach mit all den wonnigen Plätzen
Attika empor; des Lykabettus
Gipfel warf den ersten Strahl des Morgens
In das Thal hinab, und fernher hörten
Sie die Wellen des Ilyssus rauschen.“

Der Künstler hat seine Aufgabe in vorzüglicher Weise gelöst; aus seinem Bilde weht uns echthellenische Luft entgegen; so dachte ich mir den Helden, wie er in Siegesbegeisterung aus der schönsten Schlacht der Welt zu seiner geretteten Vaterstadt heimkehrt; so die Jungfrau, in welcher Freude mit Trauer kämpft: Freude über den wiedergefundenen Freund mit Trauer um den Vater, der, in schwerem Seelenkampfe zwischen Pflicht der Dankbarkeit und Liebe zum Vaterlande, den Tod gesucht. Sehr sinnig und völlig im Geiste der Griechen, für welche die ganze Natur beseelt war, lässt uns Naue in den sieben leuchtenden Sternen der Plejaden wirklich Gestalten himmlischer Jungfrauen erblicken.

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Einem anderen Schüler Schwinds, dem früh in Italien verstorbenen Anton Kraus, verdanke ich ein hübsch empfundenes und gemaltes Bild, das einen zum Sängerkrieg auf die Wartburg ziehenden ritterlichen Dichter mit seinem Knappen vorstellt.

Das Gebiet des sogenannten eigentlichen Genre ist in meiner Galerie spärlich vertreten. Ich finde nur an solchen Gemälden Gefallen, die meinem Geist und meiner Empfindung etwas sagen. Selbst Mieris und andere Niederländer lassen mich meistens völlig gleichgültig, mögen die Atlaskleider ihrer Damen auch noch so sauber der Natur nachgeahmt sein. Dienstmädchen, die ihrer Herrschaft den Kaffee präsentiren, bayerische Gebirgsbauern, an denen die nackten Kniee das Interessanteste sind, finden sich nicht in meiner Sammlung. Hoch über dieser untergeordneten Art des Genre stehen, nach meiner Meinung, die Gemälde von Karl Spitzweg, und ich habe deshalb immer eine grosse Vorliebe für sie gehabt. Sie sind ebenso voll von Humor, wie von tiefem und feinem Gefühl, und auch die malerische Ausführung lässt nichts zu wünschen übrig. Höchst gelungen ist die Serenade aus dem ersten Akt des Barbiers von Sevilla wiedergegeben. Man sieht einen Platz der alten Hauptstadt Andalusiens bei Nacht; hinten die Giralda, vorn den Grafen auf einer Terrasse und unten die Musikanten, welche die Serenade bringen. Die Letzteren in ihrem Eifer des Spiels und ihren zum Teile pathetischen Stellungen sind mit köstlichem Humor aufgefasst, und das Ganze wird von der heitersten Laune belebt, zu der sich doch ein romantischer Reiz gesellt. – Nicht minder ergötzlich ist der Hypochonder, der aus einem Dachzimmer hervorblickend am frühen Morgen die Witterung prüft, während unten in einem Stübchen noch bei Licht gearbeitet wird; dann das Liebespärchen, das bei Tagesanbruch zärtlich voneinander Abschied nimmt, indessen hinten der Kondukteur des zur Abfahrt bereit stehenden Omnibus ungeduldig den mitreisenden jungen Mann erwartet, der sich gar nicht von seiner Geliebten trennen mag. – Eine höchst charakteristische Scene orientalischen Lebens bieten die Türken im Kaffeehause dar. Die behagliche Gemütsruhe, in welcher die Mohammedaner ganze Tage lang ihren