Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/51

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landschaftlichen Motive hat Capri geliefert, und ich glaubte, als ich unlängst die herrliche Insel von neuem besuchte, den hochragenden Felsen zu erkennen, neben dem Sappho am Meeresstrande wandelt. Die Dichterin in ihrer ernsten Trauer ist gleichsam die Gestalt gewordene Seele dieser Uferlandschaft und dieser Klippen, die selbst im vollen Lichte des Mittags ihren düsteren Charakter nicht verlieren.

Die besten Arbeiten des in vielfacher Weise thätig gewesenen Albert Zimmermann gehören, wenn auch andere derselben beim Publikum mehr Beifall gefunden, dem Fache der historischen Landschaft an. Das Grossartigste, was er hierin geliefert, möchte Golgatha während der Kreuzigung sein. Die wirkliche Lokalität, die er doch aus Zeichnungen kennen konnte, hat er dabei nicht benutzt, aber sowohl in dem Terrain, den nackten finsteren Gebirgsmassen, wie dem von schweren Wetterwolken überdeckten Himmel, und dem unheimlichen, gespenstischen Lichte, das sich über das Ganze hinbreitet, sind die Schauer des Entsetzens, die selbst die tote Natur bei dem furchtbaren Vorgange durchzittern, vortrefflich ausgedrückt. Ein kühnes Unternehmen Zimmermanns war es, die Walpurgisnacht oder die Brockenscene aus dem Faust zu malen; mir scheint jedoch, dass er seinen Vorwurf mit Glück bewältigt hat. Bei den Figuren, namentlich denen des Faust und Mephistopheles, ist ihm Schwind behilflich gewesen, da er selbst hierin weniger Uebung hatte. Wenn für die Tüchtigkeit der Zeichnung dieser letzteren der Name des grossen Meisters Bürgschaft leistet, so ist das Landschaftliche in seinem phantastischen Charakter, sind „die alten Felsennasen, wie sie schnarchen, wie sie blasen“, in ihrer geisterhaften Beleuchtung gewiss nicht minder gelungen. Einen Scherz hat sich der Künstler erlaubt, indem er unter den zum Sabbath ziehenden Hexenmeistern und Hexen den damals noch lebenden Karl Rahl sehr erkennbar porträtirte.

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Bei weitem nicht alle Landschaften meiner Sammlung kann ich hier einzeln besprechen. Mit Ausnahme weniger, z. B. einer sehr schönen Winternacht von Richard Zimmermann, dem Bruder Alberts, gehören dieselben der Gattung an, welche gewöhnlich mit dem Namen Veduten bezeichnet wird. Man versteht hierunter Aufnahmen bestimmter, wirklicher Gegenden und knüpft an den Ausdruck eine geringschätzige Bedeutung. Solche Stichworte werden oft sehr missbräuchlich angewandt. Landschaftsbilder, welche bloss die toten Formen einer Lokalität wiedergeben, können allerdings, wie viel Geschicklichkeit auch an sie verschwendet sein mag, keinen hohen Rang im Gebiete der Kunst, wenn überhaupt einen beanspruchen; sie stehen auf derselben Stufe mit den gewöhnlichen Porträts, auf denen man alle Poren und Falten eines Gesichts wahrnimmt, allenfalls auch seine Züge, doch ohne den Geist und Charakter, der sie belebt. Aber wie man die Bildnisse eines Rubens, eines Tizian, die in den äusseren Umrissen das innere Wesen eines Menschen lebendig zur Anschauung bringen, mit Recht nahezu den grössten Werken derselben anreiht, so vermag der Maler, der eine Gegend mit lebendiger Anschauung erfasst und sie so, wie sie sich in seinem Inneren spiegelt, auf die Leinwand hinzubannen weiss, auch echte Kunstwerke zu schaffen, und es ist höchst unrecht, diese als Veduten zu bezeichnen, insofern damit ein Tadel verbunden sein soll. Da jedoch der Name einmal in Umlauf gesetzt ist, will ich ihn beibehalten, ihn indes von vornherein dadurch adeln, dass ich bemerke, wie auch Claude Lorrain, z. B. in seinem Bilde Acis und Galathea mit dem Aetna im Hintergrunde, solche Veduten im höheren Sinne gemalt hat. Das Gleiche gilt von den vorzüglichsten Landschaftsmalern unseres Jahrhunderts; sie haben bestimmte Gegenden aufgenommen, aber uns in ihren äusseren Umrissen das innere Wesen der Natur zu zeigen gewusst, sich auch nicht sklavisch an die ihnen vorliegende Oertlichkeit gehalten, sondern sie so umgestaltet, wie sie hätte sein müssen, um den Bedingungen eines guten Gemäldes zu genügen. – Von dem Vater der neuern deutschen Landschaftsmalerei, dem trefflichen Joseph Koch, besitze ich eine Ansicht von Olevano, welche klar zeigt, wie eine gute Vedute beschaffen ist. Jeder, der dies wildromantische Felsendorf der Sabinerberge, welches früher der Lieblingsaufenthalt der römischen Maler war, gesehen hat, muss die Lokalität sogleich erkennen, und doch wird man umsonst einen Standpunkt in der Wirklichkeit suchen, wo sich genau diese Ansicht zeigt. Auf dem Bilde sehen wir gleichsam ein erhöhtes, potenzirtes Olevano, das so gar nicht auf der Erde vorhanden ist, das aber doch ein treueres Abbild des unvergleichlichen Dorfes gibt, als es eine Photographie thun könnte. – In ähnlichem Sinne hat Franz Catel das Theater von Taormina, mit der Aussicht auf den Aetna, dargestellt. Sein Bild hat nicht die Feinheit der Ausführung im Detail, nicht den Farbenzauber und das prangende Licht des südlichen Himmels, wie wir sie auf neueren Gemälden finden; es ist in kräftigen Umrissen hingeworfen, und auf ihnen viel mehr, als auf den Farben, beruht seine Wirkung. Gerade durch die Enthaltsamkeit in Bezug auf die Einzelheiten, durch die Verzichtleistung auf jeden blendenden Effekt, setzt der Künstler die Phantasie des Beschauers in Thätigkeit, so dass sie, wenn sie sich sonst mit dem ihr vor Augen Geführten begnügt haben würde, nun das Fehlende ergänzt und das ganze Panorama vor sich hingebreitet erblickt, wie es sich in Taormina dem Auge entfaltet. Gewiss wird es Demjenigen so ergehen, der je von einem der Steinsitze jenes Theaters den Blick über Meer und Insel hat schweifen lassen. Der Aussichtspunkt gehört zu den herrlichsten Europas und der Welt. Vor sich sieht man, in seiner ganzen gewaltigen Höhe, den schneegekrönten Aetna, an seinem Fusse von Wäldern umgürtet; weithin die üppig grünende Küste Siciliens mit blühenden Dörfern und Städten besät, bis sie fern hinter den Cyklopenfelsen am Horizonte verdämmert. Kehrt das Auge in die Nähe zurück, so gleitet es über das zerbröckelte Gestein der in ihren Umrissen noch erkennbaren Bühne, über Mandelbaumpflanzungen und