Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/74

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sein ganzer Wert beruht auf der tiefen und eindringenden Charakteristik. Gewiss nun muss auch diese Arbeit von Wolf als eine sehr achtungswerthe gelten; allein es schien mir immer, als ob irgend ein kleiner, jedoch wesentlicher Zug unberücksichtigt geblieben sei, und das Fehlen eines solchen kleinen Zuges zerstört oft die Wirkung des Ganzen. Seitdem hat Wolf, in richtiger Erkenntniss seines eigentlichen Berufs, sich nur noch ein paar Male, um eine unbesetzte Zeit auszufüllen, der Nachbildung von Porträts zugewendet, und dies waren, mit Ausnahme von einem oder zweien, Werke von nicht grosser Bedeutung, weshalb ich ihrer gar nicht erwähnen werde.

Die von allen Jahrhunderten bewunderte heil. Barbara des älteren Palma stand in der vordersten Reihe der in Venedig befindlichen Gemälde, von denen ich eine Kopie wünschte. Das Original derselben in Santa Maria Formosa ist zu diesem Behufe nicht eben gut aufgestellt, wenn auch keineswegs so schlecht, wie manche andere. Immerhin bringt die Lokalität so viele Nachteile, dass die Wiedergabe in gleicher Grösse wohl noch selten versucht worden ist. Niemand hätte, das ist meine feste Ueberzeugung, unter solchen Umständen die Aufgabe besser lösen können, als es Wolf gethan. Er hat der Heiligen, welche als Schutzpatronin der Kanoniere das Heldenhafte einer Jeanne d’Arc besitzt und doch zugleich den Typus der höchsten Anmut und Frauenschönheit trägt, diese beiden Seiten der Erscheinung vollständig gewahrt. Im Reiche der venezianischen und aller Kunst gibt es wohl keine weibliche Gestalt, die sich an Hoheit und Liebreiz zugleich mit dieser heil. Barbara messen könnte, es sei denn Morettos heil. Justina. Ich habe daher diese beiden Musterbilder gleichsam als Pendants einander gegenüber gestellt.

Wie Palma sich in dem genannten Bilde den grössten Künstlern aller Zeiten angereiht hat, so gewahren wir ihn auch noch in einem zweiten Werke auf derselben Rangstufe. Es ist dies das grosse Altarstück zu S. Stefano in Vicenza. Da dasselbe an Ort und Stelle von nur Wenigen gesehen wird, hielt ich eine Reproduktion, wodurch es weiteren Kreisen erschlossen würde, für besonders wünschenswert; es gelang mir, das Bild von dem sehr hohen Platze, wo es aufgehängt war, herabgebracht zu sehen, und so konnte Wolf in der Kopie sein ganzes Talent entfalten. In einigen Partien, namentlich in den Gesichtern, hat das Original offenbar gelitten; dieselben sind durch Verwaschung zu weiss geworden, sie haben ein kreideartiges Ansehen erhalten, und diesen Uebelstand durfte natürlich auch die Kopie nicht beseitigen; aber ein Thor, wer sich durch so etwas den Genuss eines Gemäldes beeinträchtigen lässt, das zu den schönsten Schöpfungen im Gebiete der Malerei gehört. Die Madonna mit dem Kinde auf erhöhtem Sitze, zu ihren Seiten die heil. Lucia und der in voller Waffenrüstung prangende Georg, sowie unten der musizirende Engel, sind von der höchsten, grandiosesten Schönheit, und die Farbenpracht, abgesehen von den erwähnten einzelnen Flecken, kann selbst einen durch die anderen Venezianer verwöhnten Sinn noch zum Entzücken hinreissen.

Da ich den nie genug zu preisenden Giorgione über Alles liebte, trachtete ich lebhaft nach Arbeiten dieses einzigen Künstlers. Zu meinem ausserordentlichen Bedauern scheiterten alle meine Versuche, für Wolf die Erlaubnis zum Kopiren seines, im Besitze der Gräfin Loschi in Vicenza befindlichen unvergleichlichen Christus zu bekommen. Dagegen machte man im Palast Manfrini zu Venedig in Betreff der damals noch dort vorhandenen sog. Familie des Giorgione keine Schwierigkeiten. Es ist traurig zu denken, wie viele Kunstwerke, die ehemals die Galerie dieses Palastes zierten, durch Verkauf in alle Welt zerstreut sind, so dass nur noch kümmerliche Reste übrig blieben. Das genannte Bild ist nun auch in andere Hände, die des Prinzen Giovanelli, übergegangen und hat, infolge einer Restauration, der es unterzogen worden, ein ganz anderes Ansehen erhalten. Die Kopie, welche Wolf davon gefertigt, gewährt noch das Interesse, dass sie der Nachwelt das Bild in seiner früheren Farbe aufbewahrt hat. Was dasselbe eigentlich vorstelle, möchte schwer zu sagen sein, und es ist vielleicht am besten, sich wegen der Deutung nicht zu bemühen, da gerade in dem Rätselhaften, Geheimnisvollen sein Reiz besteht. Dass eine Scene aus Giorgiones eigenem Leben geschildert sei, ist zwar nicht bewiesen, aber nicht ganz unwahrscheinlich. Was aber bedeutet das nackte, nur leicht mit einem Leintuche bekleidete Weib mit dem Kinde an der Brust? was der düstere, von einem Blitze durchzuckte Gewitterhimmel? Wie gesagt, wir verkümmern uns den Genuss, wenn wir danach forschen, statt uns mit der äusseren, so reizvollen Erscheinung zu begnügen.

Ein nie angezweifeltes Werk des Giorgione, das zu seinen besten zählt, ist das Altarbild in Castelfranco. Wolf begab sich auf meinen Wunsch nach diesem, ganz ausserhalb des Zuges der Reisenden gelegenen Städtchen, um dasselbe zu kopiren, und fand bei den dortigen Behörden das bereitwilligste Entgegenkommen zur Ausführung seines Vorhabens. Ich betrachte seine treffliche Kopie des nur von Wenigen gekannten Bildes als ein höchst interessantes Besitztum. Dasselbe erinnert noch an den strengen Stil der älteren Meister; aber doch sieht man in ihm schon die Blüte venezianischer Kunst sich aus der Knospe hervordrängen. Es ruht darauf eine tauige Morgenfrische, die wahrhaft herzerquickend wirkt. Die auf hocherhöhtem Throne sitzende, durch die holdseligste Unschuld fesselnde Jungfrau und zu ihren Seiten die beiden Gestalten des heil. Franciskus und des heil. Liberalis, darunter besonders der letztere in seiner Waffenrüstung eine prächtige ritterliche Erscheinung, dazu die reizvolle Landschaft mit einem antiken Tempel, bilden ein Ganzes, das Auge und Seele unwiderstehlich gefangen nimmt.

Seit Jahrhunderten als ein Hauptwerk Giorgiones hat die Grablegung gegolten, welche im Monte di Pietà oder Leihhause zu Treviso aufbewahrt wird. Ridolfi erwähnt dieselbe in seinem 1646 erschienenen Buche über die venezianischen Maler als Giorgiones Hauptwerk, und Boschini preist es im Jahre 1660 in seiner Carta del navegar in venezianischen Versen über alles. Erst in unserer Zeit ist es dem Meister abgesprochen und bald dem Pordenone, bald Anderen zugeschrieben worden. Ich lege solchen Zweifeln nicht viele Bedeutung bei; und da ich oft erlebt habe, dass Diejenigen, welche immer geneigt sind, Gemälde mit neuen Namen zu taufen, nachher wieder ihre Meinung ändern, so halte ich gerne an der ursprünglichen Bezeichnung fest, wofern nicht die gewichtigsten Gründe gegen sie sprechen. Jedenfalls ist diese Grablegung des besten Meisters würdig. Hören wir, was Wolf selbst darüber sagt. „Es wird ein grünseidener Vorhang zurückgestreift . . . und in niederschmetternder, wahrhaft flammender Farbenglut steht das Bild vor unseren erstaunten Blicken. Der Eindruck ist der der äussersten Ueberraschung und des Schreckens der erschütterten Seele, wie ihn das Grässliche stets erzeugt. Ganz furchtbar ist das dem Tode vorausgegangene physische Leiden in dem riesenhaften Christusleichnam zur Darstellung gebracht. Es mag wohl selten in solcher Weise ein toter Christus gestaltet worden sein. Sofort fragen wir uns: legen die Engelchen den Leichnam in den halbgeöffneten Sarg, oder schleifen sie ihn heraus? wird den schwachen Putten nicht das Unmöglichste zugemutet? Doch das sind Bedenken, welche sich erst geltend machen, wenn wir lange Zeit die ganz gewaltige Farbe auf unseren Sinn haben wirken lassen. Von glühender Pracht ist der Glorienschein, welcher von seitwärts zwischen den Cherubimköpfchen hindurchzitternd, um den Kopf Christi einen Nimbus bildet, während die Streiflichter dieser Glorie über Schultern und Brustmuskeln hin magisch die wuchtigen Schenkel und den Rand des graumarmornen Sarkophages beleuchten. Es ist das Fleisch kaum je bezaubernder gemalt worden, als in dem vom Rücken gesehenen Engelchen, welches