Verschiedene: Die zehnte Muse | |
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Mit einemmal, wie sie das Kleid berührt,
Mit Aug’ und Fingern tastend es durchspürt,
Sie sucht … und flüstert dann mit kühlem Lachen:
»Ei sieh! … Da in der Tasche steckt ein Brief,
Verschlossen noch … Die Lettern kraus und schief,
Doch deutlich ist mein Name da zu lesen.
Gewiss! … ich war doch nur ein einzigmal
In diesem Kleid auf einem Maskenball.
Ah!! … aus dem Briefe … weht die schwüle Luft! …
Wer gab ihn damals mir?! … Maiglöckchenduft?? …
……………………………………
Loge rechts 6.
»Du bist nicht schön – doch wie mit Zauberkraft
Kein Wimperzucken hat es dir gestanden,
Wenn oftmals wir im Lärm der Welt uns fanden.
O, spotte nicht, weil dieser erste Brief
Auf einem Ball von Schmerzen spricht, die tief, –
Hab nur Geduld, ich bin kein greinend Kind,
Und du vermagst es, ernst und klug zu denken.
Hör auf dies Wort, denn es ist frei von Ränken! –
Was mir in Herz und Hirn unrastend bohrt,
Du bist nicht froh – aus deinen Zügen spricht
Oft eine Trauer, die den Mut zerbricht:
Ob deiner Starrheit stumm dich anzuklagen,
Um deiner Schwermut dunklen Born zu fragen.
Gleich andern Weibern öde Possen machst.
Du bist nicht jung – und es umweht dich kalt,
Oft, wenn du rückwärts schaust, wirst jäh du alt.
Ich würde zweifeln, sprächst du mir von Liebe,
Und du nie sagtest, dass du mich nur liebst,
Dass kein Atom von dir du andern giebst.
Du bist nicht gut! – Doch nicht das, was du bist,
Das, was vielleicht in dir gestorben ist,
Das macht mich krank vor sehnsuchtsvollem Grauen.
Die Seele will’ ich, der die Macht entstammt,
Dass sie geheimnisvolles Leid entflammt,
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 314. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/320&oldid=- (Version vom 31.7.2018)